{"id":54297,"date":"2019-08-22T15:04:40","date_gmt":"2019-08-22T13:04:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54297"},"modified":"2019-08-22T15:32:24","modified_gmt":"2019-08-22T13:32:24","slug":"rettet-den-boden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54297","title":{"rendered":"Rettet den Boden!"},"content":{"rendered":"<p>Die B&ouml;den unter unseren F&uuml;&szlig;en sind unsere Lebensgrundlage. Wir leben auf und von ihnen. Ein Millimeter fruchtbarer Boden kann dreihundert Jahre zum Aufbau ben&ouml;tigen. Waren die Landwirte vor der Industrialisierung noch darauf angewiesen, Humus aufzubauen, um die B&ouml;den lebendig zu erhalten, nutzt die moderne Landwirtschaftsindustrie den Boden nur noch als blo&szlig;es Substrat, in das die &Uuml;berproduktion von Exkrementen der industriellen Fleischfabrikation als D&uuml;nger eingebracht wird. Die Gesundheit der B&ouml;den und der Menschen, die seine Fr&uuml;chte t&auml;glich essen, ist dabei vollkommen aus dem Blick geraten. <strong>Florian Schwinn<\/strong> fordert in seinem Buch &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/Alle-Buecher\/Rettet-den-Boden.html?listtype=search&amp;searchparam=Florian%20schwinn%20Rettet%20den%20Boden%20\">Rettet den Boden!<\/a>&ldquo; dringend, eine Humuswende zur Rettung der B&ouml;den einzuleiten. Denn wenn die B&ouml;den erst einmal abget&ouml;tet sind, brauchen wir nicht mehr umzudenken &ndash; dann verliert auch die biologische Landwirtschaft der Zukunft den Boden unter den F&uuml;&szlig;en. Ein Auszug.<br>\n<!--more--><br>\nUnser derzeitiger Umgang mit dem fruchtbaren Boden der Erde ist ein Vernichtungsfeldzug. Wir betonieren, asphaltieren ihn zu, baggern ihn weg, planieren und versiegeln. T&auml;glich gehen auch in Deutschland noch immer sechzig Hektar Land verloren. Um es anschaulich zu machen, der g&auml;ngige Vergleich: Das sind knapp 150 Fu&szlig;ballfelder. Eigentlich wollte die Bundesregierung den Fl&auml;chenfra&szlig; bis 2020 auf t&auml;glich drei&szlig;ig Hektar begrenzen, was dann immer noch 74 Fu&szlig;ballfelder w&auml;ren, die t&auml;glich draufgehen. Es bleiben aber mehr, denn diese selbstgesetzte Vorgabe ist eines der vielen nicht erreichten Umweltziele. Das Bundesamt f&uuml;r Bauwesen und Raumordnung geht davon aus, dass der Landverlust durch bauliche Versiegelung bis 2030 nur auf 45 Hektar pro Tag zur&uuml;ckgeht. Aber selbst wenn das urspr&uuml;ngliche Ziel bis dahin erreicht w&uuml;rde, w&auml;ren das immer noch drei&szlig;ig Hektar zu viel. Denn, wenn uns schon die Welt gro&szlig; genug erscheint, um sie immer weiter auszubeuten, das kleine Deutschland d&uuml;rfte f&uuml;r jeden so &uuml;berschaubar sein, dass leicht zu erkennen ist, dass die Ressource Land endlich ist und wir es uns nicht leisten k&ouml;nnen, jeden Tag drei&szlig;ig Hektar zu verlieren.<\/p><p>Aber selbst da, wo kein Quadratmeter Fl&auml;che &uuml;berbaut wird, geht Boden verloren. Denn die sogenannte moderne Landwirtschaft ist in ihrer industrialisierten Form an dem Vernichtungsfeldzug gegen das Leben beteiligt; auch sie sorgt daf&uuml;r, die fragile Schicht fruchtbaren Bodens abzut&ouml;ten und abzutragen, von der die Pflanzen und alle Landtiere leben&nbsp;&ndash; und also auch wir.<\/p><p>Noch nie in der Geschichte der Menschheit sind wir derart fl&auml;chendeckend weltweit gegen unsere eigenen Lebensgrundlagen&nbsp;&ndash; im Wortsinn&nbsp;&ndash; &raquo;zu Felde&laquo; gezogen. Tats&auml;chlich ziehen wir uns selbst den Boden unter den F&uuml;&szlig;en weg. Auch das wieder w&ouml;rtlich gemeint, denn unsere Form der Bodenbearbeitung t&ouml;tet nicht nur das Leben im Boden, sondern sorgt auch f&uuml;r Erosion durch Wind und Wasser. Wie das endet, kann man sich in der Sahelzone anschauen, wo der Raubbau an den B&ouml;den zu dauerhafter Verw&uuml;stung gef&uuml;hrt hat. Man muss daf&uuml;r aber nicht nach Afrika fahren. Im S&uuml;den Spaniens lassen sich malerisch verfallene Fincas besichtigen, ehemals profitable Bauernh&ouml;fe, die jahrhundertelang die Menschen ern&auml;hrten. Jetzt stehen sie in einer von tiefen Erosionsgr&auml;ben durchzogenen, stetig wachsenden W&uuml;ste. Und auch die von Touristen gern besuchten Karstlandschaften des Balkans und S&uuml;ditaliens sind Zeugen vergangenen Raubbaus. Der Wald, der dort einstmals wuchs, ist nie wiedergekommen.<\/p><p>Wenn die flache Schicht fruchtbaren Bodens erst einmal fort ist, gelingt es uns kaum mehr, das Land wieder urbar zu machen. Die nat&uuml;rlichen Prozesse der Bodenbildung laufen in zeitlichen Dimensionen ab, mit denen wir Menschen nichts zu tun haben. Die Spanne eines einzigen Menschenlebens allerdings reicht uns, um die Fruchtbarkeit ganzer Landstriche auf Dauer zu vernichten. Denn die oberste Schicht der Erde, auf der und von der wir leben, hat zwar Millionen Jahre des Aufbaus gebraucht, ist aber doch nur eine Winzigkeit, die schnell wieder verloren sein kann.<\/p><p>Vergleicht man den Aufbau unseres Planeten mit dem eines Apfels&nbsp;&ndash; eine fr&uuml;her in der Schule gern gezeigte Vorstellung&nbsp;&ndash;, dann ist das Fleisch des Apfels der fl&uuml;ssige Kern der Erde, und die Apfelschale stellt die feste steinerne Erdkruste dar. Abgesehen davon, dass auch dieser Vergleich mal wieder hinkt, weil die Apfelschale im Verh&auml;ltnis viel zu dick ist&nbsp;&ndash; w&auml;re in diesem Bild der Staub auf der Apfelschale jene &auml;u&szlig;erste Erdschicht, die alles Landleben auf dem Erdball m&ouml;glich macht. Wobei dieses &raquo;H&auml;utchen&laquo; auf dem Erdball &raquo;eine im Vergleich gar nicht darstellbar d&uuml;nne Staubschicht&laquo; w&auml;re, wie schon 1922 Raoul Heinrich Franc&eacute; feststellte, der Vater der modernen Bodenforschung.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Vielleicht hilft uns der hinkende Vergleich dennoch, endlich wieder zu bemerken, dass der feste Boden, auf dem wir zu stehen glauben, nichts ist als ein St&auml;ubchen und dass unser Leben und das &Uuml;berleben der ganzen Menschheit mit diesem St&auml;ubchen hinweggefegt werden kann.<\/p><p>Was mit hinweggefegt wird, wenn der Boden im Sturmwind davonfliegt, was mit untergeht, wenn der Boden im Sturzregen abgeschwemmt wird, was unter Beton und Asphalt stirbt, das ist der vielf&auml;ltigste Lebensraum der Erde. Nirgendwo ist das Leben so dicht gepackt wie in der obersten fruchtbaren Erdschicht. In einem einzigen Kubikmeter gesunden Oberbodens leben mehr Organismen, als es Menschen auf der Erde gibt. Wenn auf einer gut eingewachsenen, intakten Weide zwanzig Rinder grasen, die zehn bis f&uuml;nfzehn Tonnen Lebendgewicht auf die Grasnarbe bringen, dann sorgen in und unter der gr&uuml;nen Pflanzendecke gut 250 Tonnen Bodenorganismen daf&uuml;r, dass die Pflanzen und damit auch die Rinder da oben satt werden. All diese Asseln, Fadenw&uuml;rmer, Springschw&auml;nze, Doppel- und Hundertf&uuml;&szlig;er, Algen, Pilze, Milben, Regenw&uuml;rmer und Mikroorganismen arbeiten unerm&uuml;dlich daran, in und auf diesem Boden Leben zu erm&ouml;glichen. Allerdings ist diese stark belebte und fruchtbare Schicht des Bodens an vielen Stellen weniger als einen halben Meter dick und entsprechend schnell zerst&ouml;rt. An anderen Stellen existiert sie fast gar nicht oder nur in Nischen.<\/p><p>In immer mehr Gebieten der Erde wird den kleinen und kleinsten Helferlein zudem das &Uuml;berleben im Boden immer schwerer gemacht, weil wir Menschen wirtschaften, als w&uuml;ssten wir gar nichts von ihnen. Wir ignorieren sie und ihre Funktion, ihre &raquo;Dienstleistung&laquo;[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] f&uuml;r uns.<\/p><p>Das f&auml;llt uns leicht, weil die meisten von uns inzwischen verlernt haben, auch nur zu sehen, ob es dem Leben im Boden gut geht. Wir erkennen den Unterschied gar nicht mehr zwischen einer Gr&uuml;nfl&auml;che, die haupts&auml;chlich Entsorgungsplatz f&uuml;r G&uuml;lle ist, und einer intakten Weide. Ebenso wenig den zwischen einem totgefahrenen, totgespritzten und erodierten Acker, der nurmehr als Substrat genutzt wird, und einem lebendigen, aus sich selbst heraus fruchtbaren Ackerboden. Bestenfalls sehen wir noch den Unterschied zwischen einem w&ouml;chentlich gem&auml;hten Gartenrasen und der vom G&auml;rtner bewusst ges&auml;ten Wildwiese. Wobei wir die artenarm gek&uuml;rzte Halmsteppe sch&ouml;n finden und das wilde Durcheinander der Wiese nur dulden, weil uns immer wieder gesagt wurde, dass das so gut sei und so sein solle.<\/p><p>Dabei k&ouml;nnten wir noch viel mehr der &raquo;Dienstleistungen&laquo; des Bodenlebens f&uuml;r uns in Anspruch nehmen als nur die Funktion, die fruchtbare Erde bereitzustellen, die wir seit dem Bioland-Vordenker Hans Peter Rusch &raquo;Mutterboden&laquo;[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] nennen. Sie speichert Wasser, verhindert &Uuml;berflutungen, sie filtert es zu sauberem Grundwasser. Sie versorgt die Pflanzen. Sie klimatisiert das Land. <\/p><p>Wir k&ouml;nnten die Bodenorganismen sogar nutzen, um unseren gr&ouml;&szlig;ten Umweltfrevel zu reparieren: den Klimawandel. Bei ihrer vielf&auml;ltigen Zersetzungsarbeit, der Umwandlung von Streu und Dung, von totem pflanzlichen und tierischen Material in organische N&auml;hrstoffe, entsteht Humus: organisches Material im Boden. Die Basis der aktuellen und zuk&uuml;nftigen N&auml;hrstoffe der Pflanzen und des Wasserreservoirs im Oberboden. Bei der Humusbildung lagern die Bodentiere und -pflanzen, die Pilze und Mikroorganismen auch Kohlenstoff im Boden ein; bei ungest&ouml;rt wachsenden B&ouml;den wie unter W&auml;ldern und Weiden wird der Kohlenstoff dauerhaft im Boden gespeichert. Auch in intaktem Ackerboden wird Humus gebildet, wenn er nicht st&auml;ndig gepfl&uuml;gt wird und nicht wochen- und monatelang ohne Pflanzendecke vor sich hin d&auml;mmert. W&uuml;rden wir nun auf allen landwirtschaftlich genutzten B&ouml;den dieser Erde in jedem Jahr auch nur vier Promille mehr Humus wachsen lassen, dann w&auml;re der gesamte j&auml;hrliche Kohlendioxid-Aussto&szlig; der Menschheit im Boden gespeichert. Bei der Klimakonferenz in Paris[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>], bei der sich die Staaten endlich auf ein Klimaabkommen einigen konnten, hat Gastgeber Frankreich genau das vorgeschlagen: eine weltweite Vier-Promille-Initiative.<\/p><p>Das w&auml;re einer der guten Gr&uuml;nde f&uuml;r die unbedingt n&ouml;tige Humuswende: Die Landwirtschaft k&ouml;nnte vom Klimazerst&ouml;rer zum Klimaretter werden. Welch grandioser Imagewandel! Der andere wichtige Antrieb f&uuml;r den radikalen Wandel muss aber das schlichte &Uuml;berleben der Menschen sein&nbsp;&ndash; oder sagen wir ruhig: der Menschheit. Denn es geht ums Ganze, es geht darum, uns die wenigen fruchtbaren B&ouml;den dieser Erde so zu erhalten, dass wir von ihnen leben k&ouml;nnen. Und wenn wir es ganz toll treiben wollen, dann k&ouml;nnten wir sogar Leben zur&uuml;ckbringen in manche B&ouml;den und etwas von dem reparieren, was wir schon zerst&ouml;rt haben oder gerade noch zerst&ouml;ren. Auch das ist m&ouml;glich. Wenn die Humuswende kommt.<\/p><p><em>Florian Schwinn: &bdquo;Rettet den Boden! Warum wir um das Leben unter unseren F&uuml;&szlig;en k&auml;mpfen m&uuml;ssen&ldquo;, Westend Verlag, 272 Seiten, mit zahlreichen Abbildungen, Juni 2019<\/em><\/p><p>Titelbild: maradon 333\/shutterstock.com und Hessischer Rundfunk. Montage: NachDenkSeiten<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Franc&eacute;: Leben im Boden, S. 9<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Tats&auml;chlich sprechen &Ouml;kologen von &Ouml;kosystem-Dienstleistungen, um zu benennen, welche Funktion bestimmte Biotope f&uuml;r uns Menschen haben. So als sei die Natur ein Gewerbeverband, der f&uuml;r uns arbeitet. Dahinter steckt die Idee, den Menschen ihre Abh&auml;ngigkeit von der Vielfalt funktionierender nat&uuml;rlicher Lebensr&auml;ume klarzumachen. Eine Idee, die bislang ohne Breitenwirkung blieb.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Der Begriff geht zur&uuml;ck auf den Arzt und Mikrobiologen Hans Peter Rusch. Er bezeichnet in seinem Hauptwerk &raquo;Bodenfruchtbarkeit&laquo; die Muttererde oder den Mutterboden als Organismus, in dem Humus kein Stoff sei, sondern &raquo;ein Ausdruck der t&auml;tigen Beziehung zwischen dem Mutterboden und allen anderen Organismen&laquo;.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Die 21. UN-Klimakonferenz von 2015, COP21, verabschiedete das &raquo;&Uuml;bereinkommen von Paris&laquo; als Nachfolger des Kyoto-Protokolls von 1997.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die B&ouml;den unter unseren F&uuml;&szlig;en sind unsere Lebensgrundlage. Wir leben auf und von ihnen. Ein Millimeter fruchtbarer Boden kann dreihundert Jahre zum Aufbau ben&ouml;tigen. 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