{"id":54343,"date":"2019-08-26T08:45:54","date_gmt":"2019-08-26T06:45:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54343"},"modified":"2019-08-27T09:03:38","modified_gmt":"2019-08-27T07:03:38","slug":"korrumpierte-rockmusik-und-aufruestungsmatriarchat-oder-the-times-they-are-a-changing","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54343","title":{"rendered":"Korrumpierte Rockmusik und Aufr\u00fcstungsmatriarchat \u2013 oder: The times they are a-changing!"},"content":{"rendered":"<p>Brave new world: Soldaten werden heute nicht mehr von strammen Kommissk&ouml;ppen, sondern von naiv-unbedarft aussehenden Damen mittleren Alters in die Kampfeins&auml;tze geschickt. Und korrumpierte Altrocker liefern dazu weichgesp&uuml;lte Songs. Von <strong>Leo Ensel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nZwei Ereignisse, die auf den ersten Blick scheinbar nichts miteinander verbindet, haben unl&auml;ngst, wie die Spitze eines Eisbergs, einen bemerkenswerten kulturellen Wandel sichtbar gemacht, der sich unterschwellig bereits &uuml;ber einen sehr langen Zeitraum angebahnt hatte: Die <em>Korrumpierung der Rockmusik<\/em> und der Sieg dessen, was man das <em>Aufr&uuml;stungsmatriarchat<\/em> nennen k&ouml;nnte.<\/p><p><strong>&bdquo;Make love not war!&ldquo;<\/strong><\/p><p>Wie es der Zufall so will, war vor etwas mehr als einer Woche der 50. Jahrestag des zu einem identit&auml;tsstiftenden Mythos einer ganzen Generation hochstilisierten Woodstock-Festivals. Protest und Habitus der Love-and-Peace-Generation m&ouml;gen aus heutiger Sicht in vielem naiv erscheinen &ndash; ihr Fokus, die antimilitaristische Sto&szlig;richtung, jedoch war klar und unmissverst&auml;ndlich! Was nat&uuml;rlich kein Zufall war: Der Vietnamkrieg war allgegenw&auml;rtig. Und der vorwiegend jugendliche Protest gegen ihn ebenfalls. <\/p><p>&bdquo;Make love not war!&ldquo; lautete der Slogan, bei dem man sich die Formel &bdquo;make love&ldquo; durchaus etwas drastisch vorstellen darf, schlie&szlig;lich sollte ja &ndash; ganz im Sinne der Freud&lsquo;schen Polarisierung von Libido und Todestrieb &ndash; dem gigantischen Abschlachten auf ganz archaischer Ebene ein ebenb&uuml;rtiger Antipode entgegengesetzt werden. <\/p><p>Und wenn es eine Stimme gab, die alles b&uuml;ndelte und die emotionale Wucht des Protestes in die Welt hinausschrie, dann war es die damalige Rockmusik.<\/p><p>So auch in Woodstock. Country Joe Mac Donald sang gegen die Einberufungspraxis der USA seinen sarkastischen &bdquo;I-Feel-Like-I&lsquo;m-Fixin&lsquo;-To-Die Rag&ldquo;[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]. Jefferson Airplane peitschten ihre &bdquo;Volunteers&ldquo;[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] &ndash; &bdquo;Got a revolution! Got to revolution!&ldquo; &ndash; &uuml;ber das Gel&auml;nde. Und in Jimi Hendrix&lsquo; zerfetzter, von Kaskaden elektronischer R&uuml;ckkoppelungen &uuml;berlagerter amerikanischer Nationalhymne[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] schlie&szlig;lich heulten die US-Bomber, ratterten Maschinengewehrsalven, detonierten Sprengk&ouml;rper, wimmerten und schrien die mit Napalm in Brand gesteckten Kinder von Vietnam.<\/p><p>Jahre zuvor hatten Folks&auml;nger, allen voran Bob Dylan, mit Liedern wie &bdquo;Masters of War&ldquo;, &bdquo;The Times they are a-chainging&ldquo; oder &bdquo;With God on our Side&ldquo; dieser Bewegung den Weg bereitet. Und Lieder bildeten so etwas wie den Geheimcode einer ganzen Generation: Zeilen wie &bdquo;Don&lsquo;t follow leaders \/ Watch the parkin&lsquo; meters!&ldquo;, &bdquo;You don&lsquo;t need a weatherman \/ To know wich way the wind blows&ldquo; oder &bdquo;I ain&lsquo;t gonna work on Maggie&lsquo;s farm no more&ldquo; reichten, um sich ohne gro&szlig;e Worte zu verst&auml;ndigen gegen das verhasste Establishment der Alten, die ferne L&auml;nder mit Kriegen &uuml;berzogen und ihre S&ouml;hne zum Schlachten und als Schlachtvieh dorthin zwangen. Die aber &ndash; und das war der Triumph &ndash; weder zur Sprache und erst recht nicht zur Musik ihrer Kinder irgendeinen Zugang hatten! Das blieb eine auf ewig verriegelte Welt f&uuml;r sie.<\/p><p>Wenn es also irgendeine Konstante, irgendeinen Orientierungspunkt in dem turbulenten Tohuwabohu dieser bewegten Jahre gab, dann im rebellischen, revolution&auml;ren Sound der Musik. Eric Burdon[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] brachte es in einem Song auf den Begriff:<\/p><blockquote><p>\nNo, they can&lsquo;t<br>\nNo, they can&rsquo;t<br>\nNo, they can&lsquo;t<br>\nTake away our music!\n<\/p><\/blockquote><p>They can.<br>\nYes, they can!<\/p><p><strong>Es war ja einvernehmlich!<\/strong><\/p><p>Der Ausverkauf der Rockmusik hat nat&uuml;rlich schon vor Jahrzehnten begonnen. Sp&auml;testens seit ganze Familien generations&uuml;bergreifend zur bekannten Stones-Hymne des sexuellen Dauernotstands hopsen. Und was mal oppositionell war, kommt heute bestenfalls noch als Pose daher. Oder eben gleich devot! So leider auch &ndash; dem Autor dieses Essays zerrei&szlig;t es das Herz! &ndash; Scorpions-S&auml;nger Klaus Meine, der gegen die &ouml;ffentliche Vergewaltigung seines Perestroika-Songs vor dem Bendlerblock nicht etwa protestierte, sondern sich eigenen Angaben zufolge auch noch &bdquo;<em>geehrt<\/em>&ldquo; f&uuml;hlte. (Sicher nicht das erste Mal, dass Vergewaltigungsopfer mit dieser Umwertung der Unterwerfung &ndash; &bdquo;Es war ja einvernehmlich!&ldquo; &ndash; versuchen, die ihnen angetane Schmach, freilich auf fatale Weise, zu verarbeiten!) <\/p><p><em>&bdquo;Es ist eine gro&szlig;e Ehre&ldquo;<\/em>, so Meine laut <em>dpa<\/em> zum Musikwunsch der Ministerin. <em>&bdquo;Und ich bin &uuml;berzeugt, dass die Jungs von der Bundeswehr einen guten Job machen und die Nummer cool r&uuml;berbringen werden.&ldquo;<\/em>[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>]<\/p><p>Und um die peinliche Situation noch peinlicher zu machen, blies Meine seinen deutsch-russischen Vers&ouml;hnungssong &bdquo;Wind of Change&ldquo; ins Allgemein-Unverbindliche auf: Der Song, so Meine, stehe f&uuml;r &bdquo;Hoffnung auf Frieden in der Welt&ldquo; und &bdquo;f&uuml;r den Zusammenhalt in Europa. Der Traum vom Frieden lebt immer weiter, von Generation zu Generation.&ldquo; So gesehen, h&auml;tte das Bundeswehrorchester, von den Scorpions assistiert, f&uuml;r von der Leyen auch &bdquo;Ein bisschen Frieden&ldquo; blasen k&ouml;nnen &ndash; es w&auml;re inhaltlich auf dasselbe hinausgelaufen!<\/p><p>Nun m&uuml;ssen manchmal Kinder vor ihren Eltern in Schutz genommen werden. Man verliert seine Ehre nicht, wenn man vergewaltigt wird, und es spricht durchaus nicht gegen den Song &bdquo;Wind of Change&ldquo;, wenn dessen Vater sich 30 Jahre sp&auml;ter der Zeugungsstunde &ndash; es war eine Sommernacht 1989 an der Moskwa, in der N&auml;he des Gorki-Parks &ndash; gar nicht mehr erinnert! (Oder erinnern will.) Das beweist eben nur, dass halt auch sich stramm antib&uuml;rgerlich gerierende Rocker l&auml;ngst &ndash; Stichwort: &bdquo;Hannover-Connection&ldquo; &ndash; korrumpiert sind. <\/p><p><strong>Das Aufr&uuml;stungsmatriarchat<\/strong><\/p><p>Geben sich die Rocker mittlerweile handzahm, so gilt das erst recht f&uuml;r die Oberbefehlshaber des Milit&auml;rs. Man schaue sich die Fotos von den drei Damen an, wie sie, aufgereiht wie Tanzstundenbackfische auf der Stange, der Vereidigung ihres j&uuml;ngsten K&uuml;kens zur Verteidigungsministerin entgegenfieberten! Der postmoderne Militarismus kommt smart und &ndash; wirft man einen Blick auf die neue Verteidigungsministerin aus dem gr&ouml;&szlig;ten Saarland der Welt &ndash; scheinbar unbedarft daher! Harmloser und naiver k&ouml;nnten (atomare) Aufr&uuml;stung und Kriegsvorbereitung sich nun wirklich nicht pr&auml;sentieren.<\/p><p>Und wirkungsvoller auch nicht!<\/p><p>Es wurde an anderer Stelle[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>] bereits scharfsinnig darauf hingewiesen, dass man, pardon: frau!, sich im Aufr&uuml;stungsmatriarchat nun S&auml;tze herausnehmen kann, die jedem Mann prompt als &bdquo;toxisch m&auml;nnlich&ldquo;, &bdquo;machohaft&ldquo; oder &bdquo;sp&auml;tpubert&auml;r&ldquo; um die Ohren gehauen w&uuml;rden! So durfte die frischgebackene Verteidigungsministerin als erste Amtstat mit leuchtenden Augen &ndash; und ohne vom Mainstream daf&uuml;r in die Mangel genommen zu werden &ndash; in der <em>FAZ<\/em>[<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] vom Glamour und kaum verh&uuml;llten Kitzel &ouml;ffentlicher Bundeswehraufm&auml;rsche schw&auml;rmen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Aber auch f&uuml;r mich selbst war das ein besonders emotionaler Moment. Die Fahne, die Nationalhymne, die aufmarschierten Soldaten, da bekomme ich eine G&auml;nsehaut.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Noch dem n&uuml;chternen Thomas de Maizi&egrave;re w&auml;ren solche S&auml;tze vermutlich nie &uuml;ber die Lippen gekommen! Vom strammen, aber unterk&uuml;hlten Helmut Schmidt ganz zu schweigen. Aber wie hei&szlig;t es in einem alten Sprichwort? &bdquo;Die G&ouml;tter der Pest sind friedliche Menschen und selbst nicht pestkrank!&ldquo; <\/p><p>Durchaus denkbar, dass irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft es ein <em>weiblicher<\/em> Finger sein wird, der &ndash; vielleicht noch mit Ring und Nagellack verziert, vom keck durch die Z&auml;hne gepfiffenen Gitarrenriff aus &bdquo;Smoke on the Water&ldquo; begleitet &ndash; auf den ber&uuml;hmten Knopf dr&uuml;cken wird. (Falls es nicht ein von einem Computer gesteuerter Computer sein wird, der das erledigt.) Und dass in den letzten Tagen der Menschheit zuvor dies in den politisch-korrekten Medien auch noch als finaler Triumpf weiblicher Emanzipation gefeiert wurde! <\/p><p>&bdquo;The times they are a-changing&ldquo;? &ndash; Indeed!<br>\nOder noch pr&auml;ziser, es gibt halt f&uuml;r alles einen Dylansong: &bdquo;Things have changed&ldquo;!<\/p><p>Titelbild: vovaklak\/shutterstock.com<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=3W7-ngmO_p8\">youtube.com\/watch?v=3W7-ngmO_p8<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=OzHBr0ndKus\">youtube.com\/watch?v=OzHBr0ndKus<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=MwIymq0iTsw\">youtube.com\/watch?v=MwIymq0iTsw<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=3nD_y1pKbF4\">youtube.com\/watch?v=3nD_y1pKbF4<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.lvz.de\/Nachrichten\/Promis\/Wieso-Ursula-von-der-Leyen-sich-einen-Welthit-der-Scorpions-zum-Abschied-wuenscht\">lvz.de\/Nachrichten\/Promis\/Wieso-Ursula-von-der-Leyen-sich-einen-Welthit-der-Scorpions-zum-Abschied-wuenscht<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Chauvinismus-ohne-schnarrendes-rr-4482993.html\">heise.de\/tp\/features\/Chauvinismus-ohne-schnarrendes-rr-4482993.html<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/inland\/kramp-karrrenbauer-im-interview-die-fahne-die-hymne-da-bekomme-ich-gaensehaut-16294738.html\">faz.net\/aktuell\/politik\/inland\/kramp-karrrenbauer-im-interview-die-fahne-die-hymne-da-bekomme-ich-gaensehaut-16294738.html<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Brave new world: Soldaten werden heute nicht mehr von strammen Kommissk&ouml;ppen, sondern von naiv-unbedarft aussehenden Damen mittleren Alters in die Kampfeins&auml;tze geschickt. 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