{"id":54455,"date":"2019-08-29T11:30:57","date_gmt":"2019-08-29T09:30:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54455"},"modified":"2019-08-29T11:50:36","modified_gmt":"2019-08-29T09:50:36","slug":"hitlers-wunderwaffe-und-adenauers-wiederbewaffnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54455","title":{"rendered":"Hitlers Wunderwaffe und Adenauers Wiederbewaffnung"},"content":{"rendered":"<p>Am 1. September j&auml;hrt sich der deutsche &Uuml;berfall auf Polen und damit der Beginn des Zweiten Weltkriegs zum 80. Mal. Aus diesem Anlass hat uns Wolfgang Bittner einen Auszug aus seinem Roman &bdquo;<a href=\"https:\/\/zeitgeist-online.de\/2013-11-30-00-57-32\/1074-wolfgang-bittner-die-heimat-der-krieg-und-der-goldene-westen.html\">Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen<\/a>&ldquo; zur Verf&uuml;gung gestellt. Die zitierten Passagen erz&auml;hlen zwar vom Nachkriegsdeutschland &ndash; sie beschreiben aber direkte Auswirkungen des Weltkriegs, die sich in Fantasien &uuml;ber &bdquo;Hitlers Superwaffen&ldquo;, in Ressentiments und im Unverm&ouml;gen offenbarten, die Wiederbewaffnung zu verhindern. Von <strong>Wolfgang Bittner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWenn die Erwachsenen hinter dem Haus sitzen und sich unterhalten, h&ouml;rt der Junge gerne zu. Obwohl er vieles nicht begreift, ist doch interessant, was da alles zur Sprache kommt. Der Onkel erz&auml;hlt von den Kanadiern, die als Angeh&ouml;rige des britischen Commonwealth am Krieg teilgenommen haben, aber die arroganten Engl&auml;nder nicht ausstehen k&ouml;nnen, wie er sagt. &bdquo;Dabei h&auml;tten die Tommys den Krieg ohne Unterst&uuml;tzung der USA haushoch verloren, diese Gro&szlig;m&auml;uler, die sich aufspielen.&ldquo;<\/p><p>Zu den Amerikanern hat er ein ambivalentes Verh&auml;ltnis. Einerseits bewundert er sie, findet sie t&uuml;chtig: &bdquo;Die packen zu, alles gro&szlig; und viel bei denen. Ich mag ihre Musik, Boogie-Woogie, Jazz, Blues, Countrysongs. Oder ihre Filme, nicht so ein Ges&uuml;lze wie bei uns. Oder die Romane von Faulkner, Steinbeck, Cooper, Hemingway, Jack London; gerade habe ich einen Autor namens Henry Miller entdeckt &ndash; nichts f&uuml;r biedere B&uuml;rger.&ldquo; Er ger&auml;t ins Schw&auml;rmen. &bdquo;Andererseits&ldquo;, schr&auml;nkt er ein, &bdquo;haben sie die ganze neue Technik, einschlie&szlig;lich der Entwicklung der Atombombe und Raketenwaffe, mit der sie auftrumpfen, deutschen Wissenschaftlern zu verdanken. Albert Einstein und James Franck sind ja schon vor dem Krieg in die USA gegangen, notgedrungen, sie waren bekanntlich Juden. Sofort nach Kriegsende haben die Amis dann, ebenso wie die Russen, Hunderte von Wissenschaftlern samt ihren Familien &uuml;bernommen, egal ob die Nazis waren oder nicht. Da spielte die Kriegsschuld keine Rolle. Und die Anlagen des deutschen Uranprojektes bei den Kaiser-Wilhelm-Instituten f&uuml;r Physik und f&uuml;r Chemie haben sie gleich mitgenommen, wie auch die Produktionsst&auml;tten f&uuml;r die &Uuml;berschallflugzeuge und Raketen oder die Elektrolabors von Siemens und anderen Firmen.&ldquo;<\/p><p>Das sieht der Vater genauso: &bdquo;Hitler hat nicht nur geprahlt, er hatte tats&auml;chlich &sbquo;Wunderwaffen&lsquo; in Vorbereitung. Zum Gl&uuml;ck konnte er sie nicht einsetzen.&ldquo;<\/p><p>Sein Bruder stimmt ihm zu. &bdquo;So traurig es ist, dass wir den Krieg verloren haben &ndash; wenn Hitler die Atombombe gehabt h&auml;tte, w&auml;re nicht nur Deutschland, sondern die ganze Welt vor die Hunde gegangen.&ldquo;<\/p><p>&bdquo;Gut, dass ihr doch noch zur Besinnung gekommen seid&ldquo;, wirft die Mutter ein, aber das wird als Provokation empfunden und zieht eine lange Diskussion nach sich. Der Junge freut sich, dass der Vater nach langer Zeit wieder aus sich herauskommt.<\/p><p>(&hellip;)<\/p><p>Im Radio werden Reden &uuml;bertragen, die Kanzler Konrad Adenauer, Innenminister Gustav Heinemann oder Wirtschaftsminister Ludwig Erhard f&uuml;r die Christdemokraten im Deutschen Bundestag halten. Nachdem Kurt Schumacher gestorben ist, antworten ihnen der Oppositionsf&uuml;hrer Erich Ollenhauer, der Jurist Carlo Schmidt oder &ndash; mit bei&szlig;endem Spott &ndash; der knarzige ehemalige Kommunist Herbert Wehner. Aus Berlin meldet sich der Abgeordnete Willy Brandt zu Wort, aus Bonn der bayerische Politiker Franz Josef Strau&szlig;, von Adenauer zum Minister f&uuml;r besondere Aufgaben bestellt. Der vom BND und der CIA gesch&auml;tzte Hans Globke, Mitverfasser und Kommentator der N&uuml;rnberger Rassegesetze, wird Chef des Kanzleramts.<\/p><p>Die vor&uuml;bergehende Zur&uuml;ckhaltung ehemaliger hochrangiger Nazis ist vorbei. In dem laut Grundgesetz demokratischen und sozialen Rechtsstaat, gef&uuml;hrt von Konrad Adenauer, haben viele aus der alten Garde wieder hohe Posten in Politik, Wirtschaft, Verwaltung, Justiz und Wissenschaft eingenommen. Am einflussreichsten ist der Ex-Generalmajor Reinhard Gehlen, der seit 1946 im Auftrag der USA den Geheimdienst &bdquo;Organisation Gehlen&ldquo; mit Tausenden von Mitarbeitern leitet und bereit steht, einen Bundesnachrichtendienst zu gr&uuml;nden. Klaus Barbie, der &bdquo;Schl&auml;chter von Lyon&ldquo;, der in Frankreich in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurde, genie&szlig;t den Schutz der Briten und Amerikaner, die ihn als Agenten besch&auml;ftigen. Der &bdquo;Arisierer&ldquo; und Adenauer-Vertraute Hermann Josef Abs ist von 1948 bis 1952 Vorstandsvorsitzender der Kreditanstalt f&uuml;r Wiederaufbau und tritt erneut in die Dienste der Deutschen Bank ein. Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, vor 1945 Inhaber der Krupp AG und Wehrwirtschaftsf&uuml;hrer, 1945 als Kriegsverbrecher verurteilt, ist ab 1951 wieder Inhaber der Krupp AG und im Aufsichtsrat verschiedener Unternehmen. Der Gro&szlig;industrielle G&uuml;nther Quandt wie auch sein Sohn und Vertreter Herbert Quandt blieben unbehelligt. Theodor Oberl&auml;nder, Ex-Oberkriegsverwaltungsrat in der Besatzungsverwaltung in Polen, ist Bundesminister f&uuml;r Vertriebene, Fl&uuml;chtlinge und Kriegsgesch&auml;digte. Heinz Reinefarth, der &bdquo;Schl&auml;chter von Warschau&ldquo;, ist B&uuml;rgermeister auf Sylt. Graf Georg Henckel von Donnersmarck, ab 1937 NSDAP-Mitglied, sitzt f&uuml;r die CSU im Bundestag. Der ehemalige Oberkriegsverwaltungsrat in der Besatzungsverwaltung in Polen, Hermann Conring, ist ab 1952 Landrat in Leer, seit 1953 nieders&auml;chsischer Landtagsabgeordneter. Tausende Nazijuristen, -diplomaten, -beamte und -wissenschaftler sind fast bruchlos wieder in Amt und W&uuml;rden; zahlreiche hohe Wehrmachtsoffiziere stehen bereit f&uuml;r den Dienst in einer neuen Armee der Bundesrepublik.<\/p><p>(&hellip;)<\/p><p>Unterdessen f&uuml;hrt Bundeskanzler Konrad Adenauer Geheimverhandlungen &uuml;ber eine Wiederbewaffnung mit dem amerikanischen Hochkommissar John&nbsp;J. McCloy. Als Innenminister Gustav Heinemann aus der Zeitung davon erf&auml;hrt, tritt er emp&ouml;rt von seinem Amt zur&uuml;ck und erkl&auml;rt, durch die Wiederbewaffnung an der Seite der Westm&auml;chte mache sich Deutschland zum k&uuml;nftigen Schlachtfeld bei einer m&ouml;glichen milit&auml;rischen Auseinandersetzung mit der Sowjetunion. Zusammen mit zahlreichen pazifistisch gesinnten Pers&ouml;nlichkeiten gr&uuml;ndet er eine Gesamtdeutsche Volkspartei, die f&uuml;r strikte Neutralit&auml;t Deutschlands zwischen der NATO und dem sogenannten Ostblock eintritt.<\/p><p>Drei Viertel der westdeutschen Bev&ouml;lkerung lehnen einer Emnid-Umfrage zufolge die Wiederbewaffnung ab, Gewerkschafter, Sozialdemokraten, Kommunisten und einzelne Kirchenvertreter rufen zu Demonstrationen auf, insgesamt werden sechs Millionen Unterschriften gesammelt. Zu dieser machtvollen Friedensbewegung geh&ouml;ren neben Gustav Heinemann, dem Theologen Martin Niem&ouml;ller und dem Philosophen Karl Jaspers die Nobelpreistr&auml;ger Otto Hahn, Max Born, Werner Heisenberg und Albert Schweitzer.<\/p><p>Doch Adenauer spricht von der Verteidigung christlicher Werte des Abendlands und warnt vor Sklaverei und Ausbeutung durch das kommunistische Staatssystem. Als schlagenden Beweis f&uuml;r eine angebliche kommunistische Aggression f&uuml;hrt er den Krieg im geteilten Korea an, wobei er Parallelen zu BRD und DDR beschw&ouml;rt. Trotz heftigster Proteste setzt er im Einvernehmen mit den Westm&auml;chten die nationale Wiederbewaffnung durch und stellt die Weichen f&uuml;r den Beitritt zur NATO.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em>Der Schriftsteller und Publizist <strong>Wolfgang Bittner<\/strong> lebt in G&ouml;ttingen. Sein Roman &bdquo;<a href=\"https:\/\/zeitgeist-online.de\/2013-11-30-00-57-32\/1074-wolfgang-bittner-die-heimat-der-krieg-und-der-goldene-westen.html\">Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen<\/a>&ldquo; ist im Zeitgeist Verlag erschienen. 2017 ist  von ihm im Westend Verlag das Buch &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/die-eroberung-europas-durch-die-usa-2\/\">Die Eroberung Europas durch die USA &ndash; eine Strategie der Destabilisierung, Eskalation und Militarisierung<\/a>&ldquo; erschienen.<\/em><\/p><p>Titelbild: Shutterstock \/ Everett Historical<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 1. September j&auml;hrt sich der deutsche &Uuml;berfall auf Polen und damit der Beginn des Zweiten Weltkriegs zum 80. Mal. 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