{"id":54466,"date":"2019-08-30T08:25:40","date_gmt":"2019-08-30T06:25:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54466"},"modified":"2019-09-13T10:31:18","modified_gmt":"2019-09-13T08:31:18","slug":"die-ungleichheit-und-die-steuern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54466","title":{"rendered":"Die Ungleichheit und die Steuern"},"content":{"rendered":"<p>Ein wirklich bescheidener Vorschlag einer kleinen Partei, die Verm&ouml;genssteuer wieder einzuf&uuml;hren, wird aus der konservativen Ecke mit Schaum vor dem Mund zur&uuml;ckgewiesen. Das zeigt, was in Deutschland wirklich los ist. Ein Kommentar von <strong>Heiner Flassbeck<\/strong>. (Erscheint gleichzeitig auf Makroskop.) Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\nDeutschland am Ende des Sommers 2019, das ist ein Land, dem jede Perspektive fehlt. Es wei&szlig; nicht, wie es mit dem Klimawandel umgehen soll; ihm fehlt jede Idee, was man gegen die offenkundige Rezession im eigenen Land tut; es findet keinen Weg, um die gravierenden M&auml;ngel seiner Infrastruktur anzugehen; es hat keine Ahnung, wie es eine aus den Fugen geratene Landwirtschaftsindustrie b&auml;ndigen und einen Verkehrsinfarkt verhindern soll; es diskutiert dies und jenes, aber weitgehend ohne Sinn und ohne intellektuelle oder politische Weichenstellungen. <\/p><p>Besonders bemerkenswert ist, wie die Pl&auml;ne einer kleinen Partei, eine ganz kleine und bescheidene Verm&ouml;genssteuer (wieder)einzuf&uuml;hren, mit geifernden Angriffen quer durch fast alle Medien und die konservativen politischen Parteien beantwortet wird. Man erinnere sich, diese Steuer hat man einst nach einem Alibi-Urteil des Bundesverfassungsgerichts politisch einfach durch Nichts-Tun entsorgt. Man erinnere sich auch, dass die Ungleichheit bei Einkommen und Verm&ouml;gen seitdem v&ouml;llig neue Dimensionen erreicht hat. Man vergesse nicht, dass die konservativen Parteien dem Durchschnittsw&auml;hler permanent vorgaukeln, dass sie auch f&uuml;r ihn da sind.<\/p><p><strong>Wes Brot ich ess&hellip;<\/strong><\/p><p>Die mediale und politischen Reaktion (<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54403\">hier ein breiter &Uuml;berblick &uuml;ber die Medienreaktion bei den Nachdenkseiten<\/a>) auf einen moderaten Vorschlag, der derzeit keinerlei Chance zur Verwirklichung hat, l&auml;sst ahnen, wie die Machtverh&auml;ltnisse im Land wirklich sind und was los w&auml;re, w&uuml;rde man ernsthaft versuchen, etwas gegen die Ungleichheit zu tun. Die bezahlten Schreiberlinge der dominanten Medien wissen ganz genau, was sie zu tun haben, wenn es gegen die geht, die in den Medienh&auml;usern das Sagen haben. <\/p><p>Dass einer Zeitung wie dem Handelsblatt beim Thema Verm&ouml;genssteuer die Titelzeile &bdquo;Raubzug gegen die Reichen&ldquo; einf&auml;llt, zeigt, dass jeder Vernunft abgeschworen und jeder Ma&szlig;stab beiseite gelegt wird, sobald es um Verteilungsfragen geht. <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/spd-steuer-soli-1.4577365\">Die SZ entbl&ouml;det sich nicht einmal<\/a>, den Vorsto&szlig; der SPD als Versuch zu charakterisieren, &bdquo;die Diskreditierung von Leistung und Erfolg salonf&auml;hig zu&nbsp;machen&ldquo;. Die Zeitung, der immer noch ein liberales Image anheftet, wirft der SPD vor, sie stelle sich gegen ihr eigenes Ziel des &bdquo;Aufstiegs&ldquo; und &bdquo;mobilisiere gegen Leistungstr&auml;ger&ldquo; (<a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/vermoegenssteuer-spd-deutschland-1.4574925\">die SZ hat allerdings auch einen Kommentar pro Verm&ouml;genssteuer geschrieben, das sollte nicht verschwiegen werden<\/a>).<\/p><p>Und immer wieder, auch in der SZ &ndash; als Donnerschlag zum Schluss gewisserma&szlig;en &ndash; kommt das Argument, die Reichen tr&uuml;gen ohnehin schon &uuml;berm&auml;&szlig;ig zum Gemeinwesen bei. Dahinter steht die Aussage, zehn Prozent der Bestverdienenden &bdquo;schulterten&ldquo; schon  50 Prozent der Steuereinnahmen. Das ist, <a href=\"https:\/\/makroskop.eu\/2013\/10\/sollen-die-steuern-fuer-reiche-erhoeht-werden\/\">wie wir schon einige Male gezeigt haben<\/a>, kompletter Unsinn, weil man eine Menge von Menschen nicht mit einer Steuersumme vergleichen darf. Das Argument geht sogar in die falsche Richtung f&uuml;r die Verm&ouml;genssteuerbek&auml;mpfer: Die Tatsache, dass so wenige Menschen einen so gro&szlig;en Teil der Steuern bezahlen, zeigt gerade, wie extrem ungleich die Verteilung geworden ist.<\/p><p><strong>&bdquo;Der Mittelstand und Arbeitspl&auml;tze sind gef&auml;hrdet&ldquo;<\/strong><\/p><p>Die konservativen Parteien machen es wie immer, wenn es um Ungleichheit geht: Sie holen den Mittelstand und die Arbeitspl&auml;tze aus dem Schrank und beschw&ouml;ren die Verluste des kleinen Mannes, wenn man sich getraute, den Reichen etwas wegzunehmen. Wenn es in Deutschland um Reichtum geht, dann stellt man immer sofort fest, dass es ihn eigentlich nicht gibt. Es gibt nur Geb&auml;ude und Maschinen, die zuf&auml;lligerweise jemand geh&ouml;ren, der aber nichts im Sinn hat, als damit Arbeitspl&auml;tze und Einkommen f&uuml;r die Masse der Menschen zu schaffen. <\/p><p>Es gibt keine pomp&ouml;sen Villen, keine Yachten und Privatflugzeuge, es gibt keine Kreuzfahrten, wo man f&uuml;r eine Luxuskabine in drei Wochen weit &uuml;ber 50 000 Euro bezahlt. Es gibt auch keine Reichen, die schon nicht mehr wissen, wohin mit ihrem Geld und sich Hotels oder Burgen zulegen, mit denen sie Geld verbrennen, weil es ihnen sonst wohl peinlich w&auml;re, dauernd die ungeheuren Summen auf ihren Kontoausz&uuml;gen zu sehen, die sie mit &bdquo;normalen Mitteln&ldquo; niemals ausgeben k&ouml;nnen. Es gibt auch nicht die Milliarden, die von diesen Leute in Hedgefonds und Banken mit dem Ziel gesteckt werden, mit dubiosen Finanzprodukten ihren Reichtum noch schneller noch gr&ouml;&szlig;er zu machen.<\/p><p>Es gibt auch die Menschen nicht, die sich &ndash; ganz ohne ungl&uuml;cklich zu sein &ndash; still und leise jeden Luxus g&ouml;nnen, den man sich denken kann, die sich riesige Garagen voller Traumautos leisten oder zehn Wohnsitze an den zehn sch&ouml;nsten Pl&auml;tzen der Welt. Es gibt den ganzen dekadenten Teil des Reichtums medial einfach nicht, er wird systematisch verschwiegen und wenn er erscheint, dann nur in den bunten Bl&auml;ttern, wo er so unwirklich daherkommt, dass sich die Armen daran wie an einem K&ouml;nigshaus berauschen k&ouml;nnen. <\/p><p><strong>Selbst der IWF hat es gemerkt<\/strong><\/p><p>Jeder, der sich halbwegs objektiv die deutschen Zahlen zur Einkommensentwicklung anschaut, merkt sofort, was Sache ist. So hat der IWF (<a href=\"https:\/\/www.imf.org\/~\/media\/Files\/Publications\/CR\/2019\/1DEUEA2019002.ashx\">hier zu finden<\/a>) mit den allereinfachsten Mitteln festgestellt, was jeder wissen kann, der sich informieren will. Die Einkommens- und die Verm&ouml;gensungleichheit ist in Deutschland in den vergangenen zwanzig Jahren deutlich gr&ouml;&szlig;er geworden. Auch stellt er klar, was nahezu selbstverst&auml;ndlich ist, n&auml;mlich dass die beiden &ndash; Einkommen und Verm&ouml;gen &ndash; miteinander zusammenh&auml;ngen. Und auch das wichtigste hat der IWF gemerkt: Die gr&ouml;&szlig;ere Ungleichheit ist dysfunktional, sie hat nichts in Sachen Investitionst&auml;tigkeit der Unternehmen gebracht. <\/p><p>Sparende Unternehmen, das stellen die Wissenschaftler des IWF unmissverst&auml;ndlich heraus, sind das Gegenteil dessen, was man erwartet, wenn man die Steuern auf Ertr&auml;ge und auf kumulierte Ertr&auml;ge, &uuml;blicherweise Verm&ouml;gen genannt, senkt. Genau das aber passiert und es ist in Deutschland in einem Ma&szlig;e passiert, das man nur einen Skandal nennen kann. Der Hinweis des IWF auf die deutschen Familienunternehmen, &uuml;ber den man sich medial und politisch ungeheuer aufgeregt hat, ist vollkommen richtig und angemessen. <\/p><p>Der IWF hat aber nicht einmal die ganze Wahrheit gesagt. Er h&auml;tte sagen m&uuml;ssen, dass diese Familienunternehmen vor allem im Export in unglaublicher Weise Gewinne erzielt haben, weil ihnen das deutsche Lohndumping innerhalb der Europ&auml;ischen W&auml;hrungsunion zu Gewinnen verholfen hat, die sie sonst niemals h&auml;tten erzielen k&ouml;nnen. Und er h&auml;tte hinzuf&uuml;gen m&uuml;ssen, dass diese Gewinne keineswegs hart erarbeitet waren, sondern den Unternehmen in den Schoss gefallen sind, weil die deutsche Regierung Druck auf die Gewerkschaften ausge&uuml;bt und die wichtigste Regel in der W&auml;hrungsunion, dass sich n&auml;mlich die L&ouml;hne an die Produktivit&auml;t und die Zielinflationsrate anzupassen haben, verletzt hat. Ohne die W&auml;hrungsunion h&auml;tte es diese &bdquo;Rot-Gr&uuml;nen&ldquo; Extra-Gewinne nie gegeben, weil die D-Mark aufgewertet worden w&auml;re und damit das Exportmodell fr&uuml;hzeitig auf Grund gelaufen w&auml;re.<\/p><p><strong>Man braucht keine gro&szlig;artigen Begr&uuml;ndungen<\/strong><\/p><p>Doch all das kann man sich letztlich sparen, wenn man die Einf&uuml;hrung einer Verm&ouml;genssteuer rechtfertigen will. Es gen&uuml;gt, festzustellen, dass die Ungleichheit zugenommen hat. Joachim Wieland, der Professor f&uuml;r &Ouml;ffentliches Recht an der Verwaltungshochschule in Speyer ist, hat es (<a href=\"https:\/\/www.handelsblatt.com\/meinung\/kommentare\/gastkommentar-die-wiedereinfuehrung-der-vermoegensteuer-ist-ein-gebot-der-gerechtigkeit\/24942932.html\">hier<\/a>) auf den einfachen und unmissverst&auml;ndlichen Punkt gebracht: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;W&auml;hrend 1998 die reichsten zehn Prozent der Deutschen noch 45 Prozent des gesamten Nettoverm&ouml;gens besa&szlig;en, waren es 2013 nach vorsichtigen Sch&auml;tzungen schon fast 52 Prozent &ndash; Tendenz steigend. Die Leistungsf&auml;higkeit, die diese Verm&ouml;gen zum Ausdruck bringen, bleibt steuerlich unbelastet.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Ungleichheit zu beseitigen und damit steuerliche Gerechtigkeit herzustellen, ist in einem Rechtsstaat selbstverst&auml;ndlich. Man braucht keine umst&auml;ndlichen Begr&uuml;ndungen und sonstige politische Rechtfertigungen. Alle, die eine niedrige Steuerlast der Unternehmen wie einen Popanz vor sich her tragen, muss man fragen, ob der Rechtsstaat bei den Unternehmen und ihren Besitzern ausgehebelt ist und nur noch dort zur Anwendung kommt, wo keine m&auml;chtige wirtschaftliche Lobby den Politikern einfl&uuml;stert, was sie zu tun und zu lassen und auch zu sagen haben.<\/p><p>Titelbild: makroskop.eu<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein wirklich bescheidener Vorschlag einer kleinen Partei, die Verm&ouml;genssteuer wieder einzuf&uuml;hren, wird aus der konservativen Ecke mit Schaum vor dem Mund zur&uuml;ckgewiesen. Das zeigt, was in Deutschland wirklich los ist. Ein Kommentar von <strong>Heiner Flassbeck<\/strong>. (Erscheint gleichzeitig auf Makroskop.) 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