{"id":5448,"date":"2010-05-06T17:03:28","date_gmt":"2010-05-06T15:03:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5448"},"modified":"2019-04-18T14:31:28","modified_gmt":"2019-04-18T12:31:28","slug":"was-sollte-medienjournalismus-leisten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5448","title":{"rendered":"\u201eWas sollte Medienjournalismus leisten?\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Dies ist die &ndash; etwas ausf&uuml;hrlichere &ndash; Fassung meines Kurzreferates auf einer Tagung zum Medienjournalismus von Message in Leipzig am 30.4.2010. Wenn Sie den Text informativ und hilfreich finden, dann leiten Sie ihn doch bitte &uuml;ber Ihren Email-Verteiler weiter, oder drucken Sie ihn bitte aus und geben ihn an m&ouml;gliche neue Nutzer der NachDenkSeiten weiter. Danke. Albrecht M&uuml;ller. <\/p><p><em>Dieser Artikel ist auch als gestaltete, ausdruckbare PDF-Datei verf&uuml;gbar. 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Unsere Hauptarbeit besteht ja darin, die Meinungsmache und Manipulation mithilfe von Medien und durch Medien zu analysieren.<br>\nWir sind rundum froh dar&uuml;ber, dass es kritischen Medienjournalismus in Deutschland noch gibt. Wenn ich mich im folgenden also kritisch &auml;u&szlig;ere, dann gilt diese Kritik zuallerletzt den Kolleginnen und Kollegen, die sich in den wenigen Spalten und Sendepl&auml;tzen damit abm&uuml;hen, die F&uuml;lle des Kritisierenswerten in den Medien zu sichten. Wenn ich mehr Leistung erbitte und beschreibe, welcher Art diese sein k&ouml;nnte, dann im Bewusstsein dessen, dass die Ressourcen des Medienjournalismus schon heute ausgesprochen knapp gehalten werden.<br>\nDie f&uuml;hrenden Medienmacher, die Eigner der Medien und sogar viele Journalisten m&ouml;gen Kritik nicht. Das bekommen wir Autoren der NachDenkSeiten und ich als Autor des medienkritischen Buches &bdquo;Meinungsmache&ldquo; oft zu sp&uuml;ren. Medienjournalisten teilen diese Erfahrung mit uns. Kuno Haberbusch hat gestern drastisch beschrieben, dass er es als Autor des medienkritischen Magazins Zapp oft erlebt hat, nach medienkritischen Sendungen von Kollegen gemieden zu werden. Damit muss man wohl leben. Wir NachDenkSeiten-Macher m&uuml;ssen damit leben, dass wir wenig zitiert werden. Als Autor von &bdquo;Meinungsmache&ldquo; muss ich damit leben, dass dieses Buch in den meisten &uuml;berregionalen Zeitungen und Sendungen auch neun Monate nach Erscheinen noch nicht besprochen wurde, nicht mal kritisiert, einfach gemieden. <\/p><p>Ich werde Ihnen jetzt acht <strong>Anregungen<\/strong> vortragen. Streng orientiert am gesetzten Thema: Was sollte Medienjournalismus leisten?<\/p><ol>\n<li>Er sollte <strong>erstens<\/strong> &uuml;ber den <strong>Zustand der Medien, &uuml;ber die Besitzverh&auml;ltnisse, &uuml;ber Konzentrationsprozesse, &uuml;ber ihre Verflechtungen<\/strong> auch jenseits der Eigentumsverh&auml;ltnisse, z.B. &uuml;ber die g&auml;ngige Fraternisierung und die Frauenb&uuml;nde aufkl&auml;ren.\n<\/li>\n<li>Medienjournalisten sollten <strong>zweitens aufkl&auml;ren &uuml;ber die Verflechtungen der Medien mit der Politik<\/strong>. Die enge Verbindung von Angela Merkel, Friede Springer, Liz Mohn und anderen ist der Mehrheit der normalen Mediennutzer kein Begriff. Es sollte aber so sein. Weil wir uns ohne Kenntnis dieser Verflechtungen zwischen Medien und Politik und ohne bessere Kenntnis der wahren Konzentrationsprozesse und Verflechtungen Illusionen &uuml;ber den Zustand unserer Medien machen. Hierzulande gibt es keinen Berlusconi. Aber die Berlusconisierung, wie Peter Glotz und ich das in den Neunzigern nannten, ist wie auch in Frankreich  beachtlich vorangeschritten. Georg Schramm hat dies letzthin in einem zornigen Beitrag ebenso beschrieben. &ndash; Sie meinen, wir k&ouml;nnten &uuml;bertreiben? Vorsicht. Wenn Friede Springer und Liz Mohn beschl&ouml;ssen, Angela Merkel m&uuml;sse weg, dann w&uuml;rde ich nicht darauf wetten, dies gelinge ihnen nicht. Es gibt reihenweise praktische F&auml;lle, an denen sich zeigen l&auml;sst, welche politische Entscheidungsmacht beim vorhandenen Medienkonglomerat liegt.<br>\nWir erleben dies gerade beim Umgang mit den finanziellen Schwierigkeiten Griechenlands. Die Bildzeitung macht seit Wochen Stimmung gegen eine Unterst&uuml;tzung Griechenlands. &ndash; Diese Agitation zeigte Wirkung. Die zur Brechung der Spekulation notwendige feste Hilfszusage blieb aus.\n<\/li>\n<li>Medienjournalismus sollte <strong>drittens<\/strong> &uuml;ber <strong>die Tendenz von einzelnen Medien und des gro&szlig;en Stroms der Medien besser aufkl&auml;ren<\/strong>. Man begegnet immer wieder Menschen, die beispielsweise den &bdquo;Spiegel&ldquo; nach wie vor f&uuml;r ein kritisches Blatt halten &ndash; und Die Zeit, den Stern, den K&ouml;lner Stadtanzeiger und eben den Spiegel f&uuml;r linksliberale Bl&auml;tter. Man begegnet Freunden, die &bdquo;Hart aber fair&ldquo; f&uuml;r ein kritisches Magazin halten, obwohl dort der Einbau in Kampagnen recht leicht zu erkennen sein m&uuml;sste &ndash; wie z.B. in der Sendung von vorgestern (28.4.) zum Thema Griechenland. &bdquo;&hellip; verbraten die Griechen unser Geld? &hellip;M&uuml;ssen wir sparen, weil die Griechen &uuml;ber ihre Verh&auml;ltnisse leben? &hellip; Und verheizen Deutschlands Politiker unseren Wohlstand, damit ihr Traum von Europa nicht platzt?&ldquo;<br>\nDie Camouflage gelingt oft meisterhaft. Dass Medien versuchen, ihre wahre Tendenz zu verbergen, kann man ihnen kaum &uuml;bel nehmen. Warum sollten sie sich um ihrer Glaubw&uuml;rdigkeit bei einem breiten Publikum willen nicht ein Image halten, das nicht den Fakten entspricht? Umso mehr w&auml;re es aber eine Aufgabe des Medienjournalismus, jeweils die Tendenz, sichtbar zu machen.<br>\nDer falsche Eindruck von der Tendenz eines Mediums ist gelegentlich bewusst gemacht worden: In den Siebzigern lief in Kreisen von CDU und CSU offensichtlich eine Kampagne zur Stigmatisierung einiger Rundfunksender, insbesondere des WDR. Der WDR und wahlweise auch das gesamte Fernsehen wurde zum &bdquo;Rotfunk&ldquo; erkl&auml;rt, obwohl dies damals auch schon nicht stimmte. Neben dem WDR, der auch zu Klaus von Bismarcks und von Sells, zu Novotnys und zu Pleitgens Zeiten nie ein einseitiger &bdquo;Rotfunk&ldquo; war, und es au&szlig;erdem den Bayerischen Rundfunk und den S&uuml;dwestfunk und den S&uuml;ddeutschen Rundfunk und den Saarl&auml;ndischen Rundfunk und das ZDF gab &ndash; damals und heute durchweg keine linken Anstalten. Objektiv betrachtet konnte man im Blick auf das gesamte Rundfunkwesen wirklich nicht von &bdquo;Rotfunk&ldquo; sprechen. Die damalige Etikettierung war &uuml;brigens die Folge einer Kampagne, die erkennbar darauf abzielte, das Feld f&uuml;r die Kommerzialisierung des Fernsehens und des H&ouml;rfunks zu bestellen.\n<p>F&uuml;r Medienjournalisten m&uuml;sste die <strong>Hegemonie der Wirtschaft<\/strong> in den Medien ein Dauerthema sein. Wo man auch hinschaut, dominieren die Sichtweise und die Interessen der Arbeitgeber. Und diese werden als im Gesamtinteresse liegend verkauft. Michael Sommer muss reden wie die Arbeitgeber, der IG-Metall-Vorsitzende macht dann publizistisch Punkte, wenn er Lohnzur&uuml;ckhaltung fordert. Professor Sinn macht seit Jahren Furore, weil er konsequent f&uuml;r ein niedriges Lohnniveau eintritt. Professor Michael H&uuml;ther vom Institut der deutschen Wirtschaft wird sogar in den Nachrichtensendungen der &Ouml;ffentlich-Rechtlichen als neutrale Kompetenz-Instanz pr&auml;sentiert. Arbeitnehmerinteressen und Gewerkschaften werden in der Summe ausgesprochen mies behandelt.<br>\nDiese Hegemonie und die Gleichsetzung von Arbeitgeberinteressen mit dem Gesamtinteresse m&uuml;sste ein best&auml;ndiges Thema von Medienjournalisten sein.<\/p><\/li>\n<li>Was Medienjournalismus <strong>viertens<\/strong> wirksam, das hei&szlig;t wiederholend, prominent und penetrant leisten sollte: die Aufkl&auml;rung &uuml;ber den <strong>Einfluss<\/strong> gro&szlig;er Interessen <strong>auf die Medien mithilfe von Public Relations<\/strong>.<br>\nPR ist vermutlich f&uuml;r die meisten Menschen kein fest umrissener Begriff. Sie kennen den Anteil von Public Relations gesteuerten Beitr&auml;gen in ihren Medien nicht. Sie wissen nicht einmal, was &bdquo;ots&ldquo; &ndash;  Originaltextservice &ndash; bedeutet.  Woher denn auch.<br>\nSie verm&ouml;gen vermutlich in der Regel nicht zu unterscheiden zwischen redaktionellen und PR-Beitr&auml;gen. Sie wissen nicht, dass manche St&uuml;cke ihrer Fernsehsender gar nicht dort, sondern au&szlig;erhalb von privaten Produzenten im Auftrag von Firmen und anderen Interessenten produziert werden. Zapp hat am 21. April, also vor gut einer Woche, &uuml;ber einen markanten Fall dieser Art berichtet, &uuml;ber einen Fake-Nachrichtenbericht von N 24 im Auftrag der Dresdner Bank, der von der PR-Agentur Mhoch4, einer Tochter der Markenfilm GmbH, produziert worden war. \n<p>Die Zuschauer wissen normalerweise nichts von solchen Machenschaften. Sie nehmen an, so etwas w&uuml;rde im Sender produziert, sie wissen nicht, dass der Sender daf&uuml;r nichts bezahlen muss. Also, hier ist sehr viel Aufkl&auml;rungsarbeit zu leisten.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich m&uuml;ssen die Medienjournalisten bei diesem Thema in der Sache und emotional zulegen. Volker Lilienthal hat in einem Interview mit Zapp das Verhalten von N 24 &bdquo;unlauter&ldquo; genannt. Mit Verlaub, bei aller Wertsch&auml;tzung f&uuml;r den Medienjournalisten und Wissenschaftler Lilienthal: Mit einer solch bescheidenen Qualifizierung wird man diesem Unwesen nicht beikommen. Auch nicht mit der Annahme, dass die Medienaufsicht, die Medienkontrolle und die Medienpolitik nicht wisse, &bdquo;dass hier bezahlte Botschaften eingeschmuggelt werden&ldquo;, wie Volker Lilienthal im gleichen Interview zu bedenken gibt. &ndash; Das sehe ich ziemlich anders. Die Medienpolitik &ndash; und in ihrem Gefolge die Medienaufsicht &ndash; dr&uuml;ckt doch seit Jahren und Jahrzehnten alle Augen zu, weil die einschl&auml;gig t&auml;tigen Politiker annehmen, nur jene Politiker kommen in den m&auml;chtigen Medien gut weg, die sich gemein machen mit ihren Interessen. Also tun sie auch nichts Entscheidendes gegen den wachsenden Einfluss der PR-Industrie. Medienpolitiker, die eigentlich kritisch sein m&uuml;ssten, sind die Tanzb&auml;ren der wirklich M&auml;chtigen.<br>\n(Nachtrag: Volker Lilienthal meinte freundlicherweise anschlie&szlig;end im Gespr&auml;ch, meine kritische Anmerkung sei berechtigt gewesen.)<\/p><\/li>\n<li>Medienjournalismus m&uuml;sste <strong>f&uuml;nftens<\/strong> &ndash; und damit bin ich bei meinem wichtigsten Punkt &ndash; &uuml;ber die <strong>Kampagnen der Meinungsbeeinflussung<\/strong> aufkl&auml;ren, und auch dar&uuml;ber wie Medien benutzt werden, um gef&auml;llige politische Entscheidungen herbeizuf&uuml;hren. Wichtige Medien wie zum Beispiel die Bild-Zeitung, der &bdquo;Spiegel&ldquo; und reihenweise Fernsehsender sind integraler Teil von strategisch geplanten Kampagnen. Und dennoch fassen die Medienjournalisten den Kampagnenjournalismus mit spitzen Fingern an. Das ist f&uuml;r sie kein herausragendes Thema, obwohl es ein beherrschendes Thema sein m&uuml;sste.\n<p>In meinem j&uuml;ngsten Buch &bdquo;Meinungsmache&ldquo; habe ich Dutzende dieser Vorg&auml;nge beschrieben. Den Hauptmedien schmeckt die Analyse solcher Kampagnen nicht. Sie halten die Analytiker der Meinungsmache f&uuml;r Verschw&ouml;rungstheoretiker. Ein Vorwurf, der nur noch Kopfsch&uuml;tteln ausl&ouml;sen kann, wenn man die Massivit&auml;t und Wirksamkeit von Kampagnen und damit auch ihre zerst&ouml;rerische Kraft Revue passieren l&auml;sst. Verschw&ouml;rungstheoretiker haben bei weitem nicht soviel Phantasie wie die Realit&auml;t verlangt. Ein paar Kampagnenbeispiele aus dem realen Leben:<\/p>\n<ol type=\"a\">\n<li>Die bisher in ihrer Wirkung teuersten Kampagnen liefen und laufen im Umfeld der Finanzkrise. Was hat man uns da nicht alles glauben machen lassen: dass die Industriekreditbank (IKB) eine &ouml;ffentliche Bank sei, dass die &ouml;ffentlichen Banken ohnehin die Schlimmsten seien, dass die Krise aus Amerika gekommen sei, dass sie mit der Insolvenz von Lehmann Brothers angefangen habe, dass sie uns wie ein Springinsfeldteufel (Steinbr&uuml;ck) angesprungen habe, dass die Deutsche Bank sauber sei und kein &ouml;ffentliches Geld bekommen habe, dass jede Bank systemrelevant sei. &ndash; Die gesamten L&uuml;gen, die von vielen Medien weiter verbreitet worden sind und werden, haben uns bei der IKB rund 8 Milliarden &euro; gekostet und werden uns Steuerzahler bei der HypoRealEstate am Ende vermutlich weit &uuml;ber 100 Milliarden &euro; kosten. &ndash; Der Medienjournalismus hat wenig dazu beigetragen, um uns vor finanziellem Ungl&uuml;ck zu bewahren. Vielleicht ist die Sache zu kompliziert.<br>\nJetzt haben die Republikaner und die Finanzindustrie in den USA eine Kampagne gegen Obamas Regulierungsversuche in Gang gesetzt. Sie zielt darauf, den Staat f&uuml;r die Bankenkrise verantwortlich zu machen &ndash; so wie das im Ansatz auch bei uns mit dem wiederkehrenden Hinweis auf die besonders schlimme Rolle der &ouml;ffentlichen Banken versucht worden ist und wird. Mit dem Schlagwort Big Bank Bailout, einer Erfindung eines ber&uuml;hmten Spindoktors, k&ouml;nnte es gelingen, die Fakten auf den Kopf zu stellen. Ein betr&auml;chtlicher Teil der US Medien wird dabei mitmachen.<br>\nDer Chefredakteur der S&uuml;ddeutschen Zeitung hat gestern (auf dem Podium) darauf aufmerksam gemacht, dass die kriminellen Akten von Akteuren auf den Finanzm&auml;rkten nicht ausreichend zur Sprache gebracht w&uuml;rden. Das ist richtig. Weil wir das genauso sehen, habe ich in den NachDenkSeiten schon am 17.8.2007 dar&uuml;ber geschrieben.<\/li>\n<li>Die F&ouml;rderung der B&ouml;rsen und der Aktienm&auml;rkte und der Spekulation im Umfeld der so genannten Internetblase um die Jahrhundertwende war &uuml;ber weite Strecken kampagnenm&auml;&szlig;ig gemacht und &uuml;ber Medien umgesetzt. Die B&ouml;rsensendungen &ndash; zur prominentesten Zeit f&uuml;r 5 % der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger &ndash; ein Unding. Und kaum kritisiert.\n<\/li>\n<li>Die Kampagne pro privater Altersvorsorge mit den bekannten Elementen unendlich vielf&auml;ltiger und h&auml;ufiger Dramatisierung der demographischen Entwicklung und immer wiederkehrende Beitr&auml;ge zur Erosion des Vertrauens in die gesetzliche Rente war bisher wohl die umf&auml;nglichste Kampagne. Es h&auml;tte jeden Tag Beispiele daf&uuml;r gegeben, die passive und aktive Instrumentalisierung vieler Medien f&uuml;r die Interessen der privaten Lebensversicherer und Krankenkassen aufzuspie&szlig;en. Es gab Ereignisse wie die Pr&auml;sentation einer Studie des so genannten Berlin Instituts Mitte M&auml;rz 2006, die in nahezu allen Medien berichtet, dokumentiert, analysiert und hochgelobt wurde. Die Medienberichterstattung war erkennbar mit massiver PR Arbeit vorbereitet worden. Die Ergebnisse der Studie waren so mangelhaft und falsch, dass dpa ihre Meldung nach Richtigstellung durch das Statistische Bundesamt und die NachDenkSeiten korrigieren musste.\n<p>Der Medienjournalismus hat sich beim Thema Altersvorsorge auch nicht ausreichend der unglaublichen Vermischung von PR und redaktioneller Arbeit z.B. zwischen Bild-Zeitung und Allianz AG gewidmet. Auch nicht den Machenschaften von Finanztest, dessen Chefredakteur groteskerweise hingegen immer wieder als glaubw&uuml;rdiger Experte zu Talkshows und anderen Sendungen herbeigezogen wurde und wird.\n<\/p><\/li>\n<li>Ohne die massive Kampagne f&uuml;r die Privatisierung &ouml;ffentlicher Einrichtungen w&auml;re in Deutschland nicht so ma&szlig;los privatisiert worden.<\/li>\n<li>Andrea Ypsilanti und die Option f&uuml;r eine Koalition links von der Mitte ist in einer beispiellos konsequenten Kampagne vor allem von &bdquo;Spiegel&ldquo;, &bdquo;Spiegel Online&ldquo; und der Bild-Zeitung &bdquo;entsorgt&ldquo; worden, w&auml;hrend solche Kampagnen bei den Wortbr&uuml;chen an Elbe und Saar unterblieben. &ndash; Wo blieb der Medienjournalismus? Wo bleibt er jetzt im Vorfeld der NRW-Wahl? Man muss den Eindruck gewinnen, dass der Eifer der Medienjournalisten auch etwas mit ihrer politischen Einstellung zu tun hat.<\/li>\n<li>Man muss schon sehr aufmerksam und sensibel verfolgen, um Kampagnen aufzusp&uuml;ren, zu denen sich Medien haben einspannen lassen: ein gutes Beispiel daf&uuml;r ist der gelungene Versuch, nach der Bundestagswahl von 2002 im November 2002 &ndash; mit einem SpiegelTitel mit Schr&ouml;der und wehender roter Fahne als Ansto&szlig; &ndash; unser Land zu einem Gewerkschaftsstaat zu erkl&auml;ren, und auf dieser Basis den Widerstand der Gewerkschaften gegen die Agenda 2010 schon im Vorfeld der Beratungen zu brechen. Zu dieser Kampagne geh&ouml;ren au&szlig;er dem Spiegeltitel eine Reihe weiterer Elemente: z.B. ein Essay des Schriftstellers und Juraprofessors Bernhard Schlink im Spiegel und das sogenannte Kanzleramtspapier von Ende Dezember 2002. Diese Kampagne ist &uuml;brigens ein Beispiel daf&uuml;r, dass die &uuml;ber Medien gef&uuml;hrten Kampagnen mit der Realit&auml;t nichts zu tun haben m&uuml;ssen. Die Gewerkschaften waren im November 2002 so schwach wie heute.\n<\/li>\n<li>Man muss wohl auch ein bisschen kundig sein im Gesch&auml;ft der politischen Strategieplanung, um Kampagnen zu erkennen: Dass die Behauptung, die Union und Frau Merkel seien &bdquo;sozialdemokratisiert&ldquo;, viel damit zu tun hat, dass sich die Union die Option f&uuml;r Schwarz-Gr&uuml;n und Schwarz-Gelb-Gr&uuml;n &ouml;ffnen will, ist f&uuml;r Personen, die solche Strategieplanungen nicht kennen, nicht leicht zu durchschauen. Entsprechend unkritisiert liefen und laufen die Kampagnen zu diesem Thema.\n<\/li>\n<li>Ein aktuelles Beispiel zum Schluss der Vorstellung: die gerade gelaufene und teils b&ouml;sartige Kampagne gegen die Hartz IV-Empf&auml;nger. Eigentlich ein unfassbarer Vorgang, mit wenigen kritischen Stimmen von Seiten der Medienjournalisten.\n<\/li>\n<\/ol>\n<p>Wie eingangs erw&auml;hnt, dies ist nur eine kleine Auswahl von Kampagnen, denen wir ausgesetzt waren und sind. Das Gesch&auml;ft bl&uuml;ht.<\/p><\/li>\n<li>Von Medienjournalisten w&uuml;rden wir <strong>sechstens<\/strong> erwarten, dass sie uns helfen, die <strong>Methoden des Kampagnenjournalismus und der heute &uuml;blichen Propaganda zu Gunsten von Interessen zu durchschauen<\/strong>: Medienjournalisten m&uuml;ssten ihre Kollegen\/innen in den Medien sensibilisieren f&uuml;r die Gefahr beim Umgang mit Umfragen und Ratings, die allzu oft die Erfindung von PR-Beratern sind, und beim Umgang mit eigens f&uuml;r die Propaganda gegr&uuml;ndeten Instituten.<br>\nMarkante Beispiele sind die von der Bertelsmann-Stiftung, ihrem Ableger CHE und der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft veranlassten Umfragen und Ratings. Bei ihnen kommt unten meist das heraus, was man oben eingibt. Die schon erw&auml;hnte Studie des &bdquo;Berlin Instituts&ldquo; zur angeblich niedrigsten Geburtenrate in der Welt und der niedrigsten Geburtenrate  seit 1945 und ihre weite Verbreitung in den Medien ist ein anderes Beispiel. H&auml;tte es ein Bewusstsein f&uuml;r die eigens pr&auml;parierte Nutzung solcher Institute zur Verbreitung und St&uuml;tzung einer Kampagne gegeben, dann h&auml;tten die Medienmacher in den einzelnen Zeitungen und Sendern die Studie einfach abgeheftet &ndash; so k&ouml;nnte man hoffen. Oder sie h&auml;tten wenigstens auf die Seite 2 der Studie geschaut, wo zu lesen war, dass die Studie von der DKV AG, der Deutschen Krankenversicherung AG finanziell gef&ouml;rdert worden war.\n<\/li>\n<li>Von Medienjournalisten sollte man <strong>siebtens<\/strong> erwarten k&ouml;nnen, dass sie den Medienschaffenden nicht durchgehen lassen, wenn diese weiterhin <strong>Wissenschaftler und Publizisten als sachverst&auml;ndig und unabh&auml;ngig herausstellen und als Interviewpartner engagieren, wenn diese Wissenschaftler sich als Interessenvertreter<\/strong> und nicht als Vertreter einer unabh&auml;ngigen Wissenschaft erwiesen haben &ndash; und zu diesem Zweck <strong>schwere Fehler gemacht haben<\/strong>. Markante Vertreter dieser Spezies sind beispielsweise Hans-Werner Sinn und Bernd Raffelh&uuml;schen. Der Film &bdquo;Rentenangst&ldquo; enthielt eine Schl&uuml;sselszene mit Teilen einer Schulungsrede von Professor Raffelh&uuml;schen vor Versicherungsvertretern und dann ein Interview mit den Autoren des Films. In seiner Rede vor den Versicherungsvertretern hatte Raffelh&uuml;schen freim&uuml;tig bekannt, dass Wissenschaftler wie er an der Zerst&ouml;rung des Vertrauens in die gesetzliche Rente gearbeitet haben. Dieses Bekenntnis allein m&uuml;sste ausreichen, um ihn von allen B&uuml;hnen der Medien zu verbannen. Nichts da. Es geht so weiter. Genauso bei Sinn und auch bei R&uuml;rup.\n<p>Von Medienjournalisten w&uuml;rden wir erwarten, dass sie ihre Kollegen in den Zeitungen und Redaktionen bei den Sendern bedr&auml;ngen, wenn diese immer wieder Organisationen und Institute zitieren, die eigens f&uuml;r die Public Relations-Arbeit gegr&uuml;ndet worden sind: namentlich zum Beispiel die INSM, die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, Die Stiftung f&uuml;r die Rechte zuk&uuml;nftiger Generationen, BerlinPolis, das Deutsche Institut f&uuml;r Altersvorsorge (DIA), das Institut f&uuml;r die Zukunft der Arbeit (IZA) in den H&auml;nden der Deutschen Post AG und des Berliner Professors Klaus Zimmermann, das MEA, ein Mannheimer Institut unter Leitung von Professor B&ouml;rsch-Supan, finanziert von der Versicherungswirtschaft und dem Land Baden-W&uuml;rttemberg, das Freiburger Institut von Raffelh&uuml;schen, das IW, das Institut der deutschen Wirtschaft, usw.\n<\/p><\/li>\n<li>Von Medienjournalisten erwarten wir viel. Wir erwarten achtens die hartn&auml;ckige <strong>Thematisierung des Interessengeflechts<\/strong>, in dem wichtige Medienmacher stecken. Wenn zum Beispiel Reinhold Beckmann ein Gespr&auml;ch mit Norbert Bl&uuml;m unter Beteiligung von Beckmanns &bdquo;Vorg&auml;ngerin&ldquo; Nina Ruge &uuml;ber die Rente und die Privatvorsorge f&uuml;hrt und beide dabei Bl&uuml;m gew&ouml;hnlich hart attackieren, gew&uuml;rzt mit der &uuml;blichen H&auml;me &uuml;ber Bl&uuml;ms &bdquo;Die Rente ist sicher&ldquo;, dann sollte man wissen, dass Beckmann im gleichen Zeitraum f&uuml;r einen privaten Rentenversicherer, f&uuml;r die WWK Premium FondsRente, wirbt und damit Geld verdient, und die Co.-Moderatorin Ruge schon vor Reinhold Beckmann f&uuml;r den gleichen Konzern geworben hat.<br>\nMan k&ouml;nnte von Medienjournalisten erwarten, dass sie die Engagements von Personen wie Beckmann, Kerner, Plasberg und auch ihrer Produktionsgesellschaften zu einem fortw&auml;hrenden Thema machen.<br>\nImmerhin: die hohen Honorare, die der Fernsehprominenz gezahlt werden, wenn sie Vortr&auml;ge halten oder moderieren, wurden thematisiert. Zapp und die SZ berichteten am 17. und 18. Juni 2009 &uuml;ber die Honorare von Petra Gerster, Tom Buhrow, Claus Kleber, Anja Kohl, Peter Hahne und Michael Antwerpes. &bdquo;Der ARD-Topjournalist Tom Buhrow kassiert mit Privatauftritten f&uuml;r Firmen m&auml;chtig ab: das schillerndste Beispiel einer Wachstumsbranche, in der es kaum um Unabh&auml;ngigkeit geht,&ldquo; schrieben die Medienjournalisten Jakobs und Riehl in der S&uuml;ddeutschen Zeitung.\n<\/li>\n<\/ol><p>Das waren acht W&uuml;nsche an den Medienjournalismus. Wenn sie die W&uuml;nsche nicht erf&uuml;llen, ich wei&szlig;, dann liegt das am allerwenigsten an den Medienjournalisten, zumal ihre Arbeit voraussichtlich nicht leichter wird. Denn wenn die Medieneigent&uuml;mer weiterhin und immer mehr vor allem Geld sehen wollen, dann wird ihnen die Krittelei der Medienjournalisten im Wege stehen. Diese nagen schlie&szlig;lich berufsbedingt  an der Glaubw&uuml;rdigkeit der Hauptstrommedien. Also kann ich ihnen dem Trend entgegen nur von Herzen alles Gute w&uuml;nschen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dies ist die &ndash; etwas ausf&uuml;hrlichere &ndash; Fassung meines Kurzreferates auf einer Tagung zum Medienjournalismus von Message in Leipzig am 30.4.2010. Wenn Sie den Text informativ und hilfreich finden, dann leiten Sie ihn doch bitte &uuml;ber Ihren Email-Verteiler weiter, oder drucken Sie ihn bitte aus und geben ihn an m&ouml;gliche neue Nutzer der NachDenkSeiten weiter.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5448\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[54,129,41,182,14],"tags":[578,232,315,370,420,271,457],"class_list":["post-5448","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gestaltete-pdf","category-lobbyorganisationen-und-interessengebundene-wissenschaft","category-medienanalyse","category-medienkonzentration-vermachtung-der-medien","category-veroffentlichungen-der-herausgeber","tag-berlusconi-silvio","tag-bertelsmann","tag-merkel-angela","tag-schramm-georg","tag-spiegel","tag-springer","tag-zeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5448","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5448"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5448\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":51063,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5448\/revisions\/51063"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5448"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5448"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5448"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}