{"id":54573,"date":"2019-09-04T13:31:01","date_gmt":"2019-09-04T11:31:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54573"},"modified":"2019-09-13T10:29:54","modified_gmt":"2019-09-13T08:29:54","slug":"schweden-und-die-abschaffung-des-bargelds","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54573","title":{"rendered":"Schweden und die Abschaffung des Bargelds"},"content":{"rendered":"<p>Schweden gilt schon seit l&auml;ngerem als Vorreiter bei der Abschaffung des Bargelds. Glaubt man einer <a href=\"http:\/\/handelsradet.se\/forskning-och-utveckling\/forskningsprojekt\/forskningsprojekt-2017\/kontantlos-handel-nar-slutar-handlare-att-ta-emot-kontanter\/\">aktuellen Studie<\/a> des schwedischen Handelsrates, wird das Bargeld bereits ab 2023 im t&auml;glichen Zahlungsverkehr keine Rolle mehr spielen. Damit w&auml;ren die schwedischen Privatbanken am Ziel einer langw&auml;hrenden Kampagne angekommen, die eine neue &Auml;ra einl&auml;utet, die de facto das Ende des staatlichen Geldmonopols besiegeln und f&uuml;r sie damit bislang ungeahnte Verdienstm&ouml;glichkeiten er&ouml;ffnen k&ouml;nnte. Die Risiken und Nebenwirkungen dieser Entwicklung sind jedoch gewaltig und der einzige denkbare Vorteil f&uuml;r den Endkunden ist und bleibt die &bdquo;Bequemlichkeit&ldquo;. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6466\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-54573-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190904_Schweden_und_die_Abschaffung_des_Bargelds_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190904_Schweden_und_die_Abschaffung_des_Bargelds_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190904_Schweden_und_die_Abschaffung_des_Bargelds_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190904_Schweden_und_die_Abschaffung_des_Bargelds_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=54573-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190904_Schweden_und_die_Abschaffung_des_Bargelds_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"190904_Schweden_und_die_Abschaffung_des_Bargelds_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Wenn es um den Siegeszug bargeldloser Zahlungssysteme geht, wird Schweden gerne als Pionier dargestellt. In Schweden kann man bereits die Parkuhr und die &ouml;ffentliche Toilette per App auf dem Smartphone bezahlen und selbst Obdachlose sollen Medienberichten zufolge Kartenleseger&auml;te und Terminals haben, die eine bargeldlose Spende erm&ouml;glichen. Ob das stimmt, sei dahingestellt &ndash; zynisch ist es jedoch allemal.<\/p><p>Dennoch &ndash; die Zahl der digitalen Transaktionen im schwedischen Einzelhandel ist <a href=\"https:\/\/www.riksbank.se\/en-gb\/statistics\/payments-notes-and-coins\/payments\/\">in den letzten f&uuml;nf Jahren<\/a> von 3,6 auf &uuml;ber f&uuml;nf Milliarden gestiegen. Nach Stichproben der schwedischen Reichsbank werden heute nur noch 13% der Zahlungen im Einzelhandel <a href=\"https:\/\/www.riksbank.se\/globalassets\/media\/statistik\/betalningsstatistik\/2018\/payments-patterns-in-sweden-2018.pdf\">in bar vorgenommen<\/a>. In Deutschland werden 78% aller Zahlungen im Einzelhandel <a href=\"https:\/\/www.bundesbank.de\/resource\/blob\/776464\/7bcafc28a7be62b503fb4c39440f92db\/mL\/kosten-der-bargeldzahlung-im-einzelhandel-data.pdf\">in bar abgewickelt<\/a>. Diese Zahlen sind eindeutig, aber auch interpretationsbed&uuml;rftig. Denn die &bdquo;Liebe&ldquo; der Schweden zum bargeldlosen Bezahlen ist keineswegs so freiwillig, wie es gerne dargestellt wird.<\/p><p>Der erste Schritt zur Abschaffung des Bargelds in Schweden war dessen Verknappung und Verteuerung. Nachdem die Reichsbank sich schrittweise aus den Dienstleistungen rund um die Bargeldversorgung zur&uuml;ckgezogen und diese Aufgaben privatisiert hat, sind die Kosten f&uuml;r die Bargeldabwicklung des Einzelhandels massiv gestiegen. Nach Angaben der Reichsbank muss der Handel bei Barzahlung rund 4% des Umsatzes f&uuml;r direkte Nebenkosten (Tageskasse, Transport, Einzahlen und Abheben) einkalkulieren. In Deutschland <a href=\"https:\/\/www.bundesbank.de\/resource\/blob\/776464\/7bcafc28a7be62b503fb4c39440f92db\/mL\/kosten-der-bargeldzahlung-im-einzelhandel-data.pdf\">sind es<\/a> nur 0,9%[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]. In Branchen wie den Discountern und Vollsortimentsuperm&auml;rkten mit Gewinnmargen iHv rund 2% des Umsatzes sind dies Welten.<\/p><p>Umgekehrt sind bargeldlose Transaktionen mit etwa 0,4% deutlich preiswerter als in Deutschland, wo die Kosten je nach Art und Anbieter zwischen 0,35% und 1,44% rangieren. Diese Kosten fallen wohlgemerkt bei jeder einzelnen Transaktion an und die Banken kassieren somit bei jedem einzelnen Einkauf mit &ndash; zwischen 0,2% und 1,3% des Umsatzes entfallen in Deutschland auf die reinen Transaktionskosten. Das h&ouml;rt sich zwar wenig an, es geht jedoch in Deutschland um einen Gesamt-Einzelhandelsumsatz in H&ouml;he von 535 Milliarden Euro &ndash; ein Prozent davon sind mehr als f&uuml;nf Milliarden Euro. Banken und Finanzdienstleister haben also handfeste materielle Gr&uuml;nde, um die Abkehr vom Bargeld zu propagieren. <\/p><p>Der Gewinner einer Abschaffung des Bargelds w&auml;ren also an allererster Stelle die Banken und Finanzdienstleister, die &uuml;ber die Kontrolle der Zahlungsinfrastruktur bei jeder einzelnen Transaktion im Einzelhandel ihren &bdquo;Zehnt&ldquo; abzwacken k&ouml;nnten. Dies ist den wenigsten Konsumenten klar, da diese Kosten ja in den Endkundenpreis &bdquo;eingepreist&ldquo; werden und so nicht sichtbar sind. Doch dies ist nur ein Nachteil von vielen.<\/p><p><strong>Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie nicht ihren Banker<\/strong><\/p><p><strong>&ndash; Technische Abh&auml;ngigkeit<\/strong><\/p><p>Bargeld hat den gro&szlig;en Vorteil, dass es auch ohne Strom und Technik &bdquo;funktioniert&ldquo;. Je gr&ouml;&szlig;er der technische Aufwand, desto gr&ouml;&szlig;er ist auch die Gefahr technischer Fehler. Das Spektrum reicht hier von &bdquo;dummen&ldquo; Fehlern auf der Nutzerebene bis zu fl&auml;chendeckenden Ausf&auml;llen, die beispielsweise durch einen Stromausfall oder Softwarefehler bei den unsichtbaren Algorithmen auf Serverebene den gesamten Einzelhandel lahmlegen k&ouml;nnten. <\/p><p>Ein Einfallstor f&uuml;r potentielle Probleme ist dabei nat&uuml;rlich auch der Endkunde selbst. Karten sind zerbrechlich und k&ouml;nnen zerkratzen und Smartphones und deren Betriebssysteme sind alles andere als sicher gegen Bedienerfehler. Zum einen versteht nun einmal nicht jeder Endkunde die Technik so gut wie die &bdquo;Nerds&ldquo;, die sie entwickelt haben, zum anderen sind Smartphones nun einmal komplexe Ger&auml;te, bei denen nicht nur der Nutzer, sondern auch die Hersteller und Softwareanbieter selbst potentielle Probleme ins System einschleusen k&ouml;nnen. Wenn nach einem &bdquo;Sicherheitsupdate&ldquo; beispielsweise die regelm&auml;&szlig;ig vom Nutzer verwendete biometrische Verifizierung erst einmal &uuml;ber ein Zwei-Wege-Verfahren samt komplexem Passwort, das aus Sicherheitsgr&uuml;nden Sonderzeichen, Zahlen und Klein- und Gro&szlig;buchstaben enthalten muss, neu freigeschaltet werden muss und man dieses Passwort schon l&auml;ngst vergessen hat, steht man an der Kasse dumm da &ndash; und wenn es sich beispielsweise um eine Autobahntankstelle im Ausland handelt, hat man ein echtes Problem. <\/p><p>Was auf pers&ouml;nlicher Ebene ein echtes Problem ist, mag gesamtgesellschaftlich ja mit einem Achselzucken hinzunehmen sein. Anders sieht dies jedoch bei den gesellschaftlichen Risiken aus. Eine bargeldlose Infrastruktur ist ein offenes Ziel par excellence f&uuml;r Cyberterroristen und elektronische Kriegsf&uuml;hrung. Staaten wie die USA, die das technische know how haben, um &uuml;ber ihre Dienste auch komplexe Netzwerke zu sabotieren, h&auml;tten so die Macht, die komplette &Ouml;konomie anderer Staaten vor&uuml;bergehend oder gar dauerhaft lahmzulegen. Alleine schon aus sicherheitstechnischen Gr&uuml;nden ist dies ein schlagendes Argument gegen anf&auml;llige netzbasierte Techniken.<\/p><p><strong>&ndash; Kriminalit&auml;t<\/strong><\/p><p>Von Anh&auml;ngern bargeldloser Transaktionssysteme h&ouml;rt man immer gerne das Argument, der Verzicht auf Bargeld habe positive Auswirkungen auf die Kriminalit&auml;tsrate. Doch dieses Argument ist kurzsichtig. Zwar ist die Zahl der Bank&uuml;berf&auml;lle in Schweden <a href=\"https:\/\/www.cbsnews.com\/news\/sweden-moving-towards-cashless-economy\/\">von 2008 bis 2011 von 110 auf 16 gesunken<\/a> &ndash; daf&uuml;r ist jedoch auch die Zahl der &bdquo;digitalen Straftaten&ldquo; vom <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Skimming_(Betrug)\">Skimming<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Phishing\">Phishing<\/a> bis hin zu zahlreichen Formen des Kreditkartenbetrugs f&ouml;rmlich explodiert. Die Dunkelziffer d&uuml;rfte hier alle Ma&szlig;st&auml;be sprengen, wird jedoch penibel unter Verschluss gehalten. Die Dienstleistungen rund um das Bargeld sind n&auml;mlich in der Regel gut versichert, so dass die Versicherung beispielsweise im Falle eines &Uuml;berfalls auf einen Geldtransport den Schaden tr&auml;gt. Im bargeldlosen Zahlungsverkehr tragen jedoch die Banken in der Regel den entstehenden Schaden selbst und diese Summen sind nat&uuml;rlich ebenfalls &bdquo;eingepreist&ldquo; und werden letztlich vom Kunden in Form der hohen Transaktionsgeb&uuml;hren &uuml;bernommen, die dem Einzelhandel aufgeb&uuml;rdet werden. Die Kriminalit&auml;t verlagert sich also nur von einem sichtbaren Feld (Bank- oder Geldtransport&uuml;berfall) in ein unsichtbares Feld (Computerkriminalit&auml;t); sie verschwindet aber nicht. Ganz im Gegenteil. <\/p><p><strong>&ndash; Datenschutz<\/strong><\/p><p>Muss meine Bank im Detail wissen, f&uuml;r was ich wem Geld gebe? Muss der Staat dies wissen? Nein, nat&uuml;rlich nicht. Eines der Hauptprobleme bargeldloser Zahlungssysteme ist jedoch, dass genau diese Daten erhoben und gespeichert werden &ndash; und dies noch nicht einmal anonymisiert. So entsteht ein gewaltiger Datenschatz, der nur noch gehoben werden muss. Interessant f&uuml;r Datenh&auml;ndler sind dabei vor allem Merkmale, anhand derer die Datens&auml;tze sich mit anderen Datenbanken verkn&uuml;pfen lassen. Wer beispielsweise ihre pers&ouml;nlichen Daten von Google und Facebook bereits besitzt, ist im hohen Ma&szlig;e auch daran interessiert, f&uuml;r was sie im &bdquo;echten Leben&ldquo; ihr Geld ausgeben. <\/p><p>W&auml;hrend Banken immer noch durch vergleichsweise strenge Datenschutzbestimmungen Kundendaten nicht einfach an externe Datenh&auml;ndler verkaufen d&uuml;rfen, sieht dies f&uuml;r digitale Zahlungssysteme &uuml;ber Apps schon ganz anders aus &ndash; zumal sie bei derartigen Anwendungen keine verl&auml;ssliche Kontrolle haben, wer alles &bdquo;mith&ouml;rt&ldquo; und &bdquo;mitfunkt&ldquo;. Die Zahlung via NFC, die beim kontaktlosen Zahlen momentan der Standard ist, l&auml;uft auf Betriebssystemebene ihres Smartphones ab. Das Betriebssystem stammt bei den meisten Smartphones von Google, dem Weltmarktf&uuml;hrer f&uuml;r personenbezogene Datens&auml;tze. Wer glaubt, dass die Zahlungsdaten nicht verkn&uuml;pft und in welcher Form auch immer gewinnbringend weitergehandelt werden, muss da schon sehr naiv sein. <\/p><p><strong>&ndash; Ausgrenzung<\/strong><\/p><p>F&uuml;r technikaffine junge Menschen, die NFC in ihrer Smartwatch implementiert haben und via Google oder Apple Pay &uuml;ber die Anbindung &ndash; und das n&ouml;tige Kleingeld &ndash; verf&uuml;gen, um selbst beim B&auml;cker um die Ecke schnell, einfach und kontaktlos bezahlen zu k&ouml;nnen, mag der bargeldlose Zahlungsverkehr ja eine bequeme Sache sein. Obgleich man sich nat&uuml;rlich auch hier fragen sollte, wer denn eigentlich ernsthaft in der Lage ist, die einzelnen Transaktionen im Nachhinein noch zu &uuml;berpr&uuml;fen. Stimmt die Rechnung &uuml;ber 23,40 Euro von Starbucks? In der Realit&auml;t unterwirft sich der Kunde hier wohl eher auf Gedeih und Verderb der Technik &ndash; ein weiteres Einfallstor f&uuml;r Hacker und Cyberkriminelle. <\/p><p>Was passiert jedoch mit all jenen Menschen, die entweder aufgrund ihres Alters, unbestimmter gesundheitlicher oder psychischer Einschr&auml;nkungen, ihrer Herkunft oder ihres sozialen Status nicht an der sch&ouml;nen bunten Welt der Apps und Kreditkarten teilnehmen k&ouml;nnen? Wie soll beispielsweise ein Blinder eine Zahlung verifizieren, die ihm auf einem Display angezeigt wird? Womit soll ein Obdachloser zahlen? <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/670-000-deutsche-ohne-girokonto.1008.de.html?dram:article_id=244092\">Immerhin haben 670.000 erwachsene Deutsche<\/a> noch nicht einmal ein Girokonto, das die Mindestvoraussetzung f&uuml;r die Teilhabe am bargeldlosen Zahlungsverkehr ist. <\/p><p>Um sich die Grenzen der Attraktivit&auml;t solcher Zahlungssysteme vor Augen zu halten, lohnt oft schon ein Blick in die eigenen &bdquo;Finanzverh&auml;ltnisse&ldquo;. Als ich beispielsweise noch Student war, kam es h&auml;ufiger vor, dass am Ende des Monats eine vergessene oder verdr&auml;ngte Abbuchung den Verf&uuml;gungsrahmen gesprengt hat. Das war jedoch kein Problem, da man sich in einem solchen Fall gegenseitig aushelfen konnte und man sich ganz einfach ein paar Mark (heute Euro) von einem Freund leihen konnte. Am n&auml;chsten Monatsanfang war der Verf&uuml;gungsrahmen wieder vorhanden und man zahlte das geliehene Bargeld zur&uuml;ck. In einer bargeldlosen Zukunft w&auml;re das nicht mehr m&ouml;glich. Und was f&uuml;r finanziell ein wenig liederliche Studenten gilt, gilt nat&uuml;rlich erst recht f&uuml;r Erwerbslose und Menschen, die in prek&auml;ren Arbeitsverh&auml;ltnissen stecken und f&uuml;r die das Ende des Monats eine stetige finanzielle Sorge darstellt. <\/p><p>Wie schnell man selbst auch aus nicht finanziellen Gr&uuml;nden ausgegrenzt werden kann, erlebt man &uuml;brigens schon heute bei einem Besuch in den skandinavischen L&auml;ndern. Als Ausl&auml;nder bekommt man kein schwedisches Konto, das wiederum eine notwendige Bedingung f&uuml;r die Nutzung der in Schweden so weit verbreiteten <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Swish_(payment)\">Bezahl-App<\/a> &bdquo;Swish&ldquo; ist. Da aber bereits viele Parkautomaten in Stockholm nur noch &uuml;ber diese App gef&uuml;ttert werden k&ouml;nnen, ist es Touristen schon heute nicht m&ouml;glich, legal in Stockholm zu parken. Und auch der Einkauf gestaltet sich schon heute f&uuml;r Ausl&auml;nder zu einem Problem, da in Schweden &ndash; anders als in den anderen skandinavischen L&auml;ndern &ndash; Gesch&auml;fte nicht verpflichtet sind, Bargeld zu akzeptieren. <\/p><p><strong>Das Geldmonopol wird privatisiert<\/strong><\/p><p>Wer an der sch&ouml;nen neuen bargeldlosen Welt teilhaben will, muss also Zugang zu einem Konto bei einer Gesch&auml;ftsbank haben. Damit kommt den Banken eine Machtposition zu, die ihnen alleine schon aufgrund ihres faktischen Oligopols nicht zukommen d&uuml;rfte. Die wohl wichtigste Geldfunktion ist die des Zahlungsmittels. Wenn diese Geldfunktion de facto einigen wenigen Gesch&auml;ftsbanken &uuml;berlassen wird, die ihrerseits Preise, Bedingungen und den Zugang zum Zahlungssystem diktieren k&ouml;nnen, ist dies nichts weniger als die Teilprivatisierung des staatlichen Geldmonopols. Und wenn dieses Oligopol erst einmal die Macht dazu hat, werden die noch vergleichsweise g&uuml;nstigen Transaktionsgeb&uuml;hren in L&auml;ndern wie Schweden auch der Vergangenheit angeh&ouml;ren. Private Banken sind nicht dem Allgemeinwohl und auch nicht der Volkswirtschaft, sondern ihren Aktion&auml;ren verpflichtet.<\/p><p>Mehr noch: Geld stellt &ndash; wirtschaftstheoretisch gesehen &ndash; ein Schuldverh&auml;ltnis dar. In der Theorie ist jeder Geldschein eine Schuldverschreibung der Zentralbank. Guthaben auf Konten von Gesch&auml;ftsbanken, Geldkarten oder digitale Guthaben sind jedoch nur eine Forderung an das ausgebende Institut bzw. den Betreiber der Bezahlsoftware. Dies mag in ruhigen Zeiten belanglos sein, wenn es jedoch zur n&auml;chsten Finanzkrise kommt, ist dieser Punkt von gro&szlig;em Interesse, da nun s&auml;mtliche Finanzdienstleister, die eine Gl&auml;ubigerfunktion haben, pl&ouml;tzlich &bdquo;systemrelevant&ldquo; werden, will man die Bezahlsysteme nicht implodieren lassen. Unser ohnehin bereits jetzt aus den Fugen geratenes Bankensystem w&uuml;rde durch die Abschaffung des Bargelds also bis ins letzte Glied &bdquo;systemrelevant&ldquo;. Ein solcher Status ist in einer Marktwirtschaft aber f&uuml;r private Unternehmen mit einer Gewinnerzielungsabsicht h&ouml;chst problematisch und f&uuml;hrt &ndash; wie die letzte Finanzkrise zeigt &ndash; zu Risiken, die das gesamte Wirtschaftssystem bedrohen k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Wo bleibt der Staat?<\/strong><\/p><p>Ein weiteres Kernproblem der aktuell stattfindenden schleichenden Abschaffung des Bargelds ist die Unt&auml;tigkeit des Staates. Selbst wenn man die Risiken einmal ausklammert und eine Umstellung auf einen bargeldlosen Zahlungsverkehr f&uuml;r erstrebenswert halten sollte, hei&szlig;t dies ja noch lange nicht, dass dieser bargeldlose Zahlungsverkehr privatisiert werden muss. Ganz im Gegenteil! Die EZB arbeitet beispielsweise an einem <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=39234\">Transfersystem namens TIPS<\/a> , das &Uuml;berweisungen quasi in Echtzeit zu Transaktionskosten von 0,2 Cent pro Transaktion erm&ouml;glichen und dabei eine Schnittstelle f&uuml;r Drittanbieter bereitstellen soll. F&uuml;r die komplett &uuml;berteuerten und datenschutzrechtlich problematischen L&ouml;sungen aus dem Finanzsektor oder gar von Google, Facebook, Apple und Co. gibt es also eigentlich gar keine Notwendigkeit. Der &ouml;ffentliche Sektor k&ouml;nnte diese Dienstleistungen besser, billiger und risikor&auml;rmer zur Verf&uuml;gung stellen. Doch erstaunlicherweise wird diese &ouml;ffentliche Alternative noch nicht einmal ernsthaft debattiert.<\/p><p>In Schweden ist man jedoch bereits so weit, dass die nationale Zentralbank eine elektronische W&auml;hrung erschaffen will. Das Besondere: Diese &bdquo;E-Krone&ldquo; ist dann staatlich garantiert. Was sich nett anh&ouml;rt, ist jedoch eine Sollbruchstelle im System. Wenn f&uuml;r die &bdquo;E-Krone&ldquo; der Staat vollumf&auml;nglich haftet und der Rest der digitalen Guthaben eine Forderung an den privaten Bankensektor darstellt, besteht bei aufkommenden Finanzkrisen das sehr reale Risiko eines &bdquo;digitalen Bankruns&ldquo;, also einer Umschichtung der Forderungen an die privaten Banken zu Forderungen an den Staat. Die Folgen unterscheiden sich nicht von einem realen Bankrun &ndash; das Bankensystem w&uuml;rde binnen k&uuml;rzester Zeit zusammenbrechen. <\/p><p>Titelbild: Adam Hoglund\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/917f2d3011d643339025652690e1034c\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Ohne die &ndash; ohnehin fragw&uuml;rdigen &ndash; Lohnkosten f&uuml;r den Kassiervorgang, die bei den Zahlen aus Schweden auch nicht enthalten sind. Diese Zahlen sind jedoch mit Vorsicht zu genie&szlig;en. Es gibt in Deutschland eine deutliche Korrelation zwischen dem Transaktionsbetrag und der Zahlungsart. Da Debit- und Kreditkarten vermehrt f&uuml;r hohe Transaktionen eingesetzt werden, sinken bei dieser Zahlungsvariante die anteiligen fixen Kosten. W&uuml;rden die Deutschen kleinere Betr&auml;ge vermehrt bargeldlos bezahlen, w&uuml;rde die relativen Kosten (gemessen am Umsatz) f&uuml;r die Zahlungsabwicklung deutlich steigen. <\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schweden gilt schon seit l&auml;ngerem als Vorreiter bei der Abschaffung des Bargelds. Glaubt man einer <a href=\"http:\/\/handelsradet.se\/forskning-och-utveckling\/forskningsprojekt\/forskningsprojekt-2017\/kontantlos-handel-nar-slutar-handlare-att-ta-emot-kontanter\/\">aktuellen Studie<\/a> des schwedischen Handelsrates, wird das Bargeld bereits ab 2023 im t&auml;glichen Zahlungsverkehr keine Rolle mehr spielen. Damit w&auml;ren die schwedischen Privatbanken am Ziel einer langw&auml;hrenden Kampagne angekommen, die eine neue &Auml;ra einl&auml;utet, die de facto das Ende<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54573\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":54574,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,107,136,134],"tags":[1870,2012,2033,1288,1398,471],"class_list":["post-54573","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelles","category-audio-podcast","category-banken-boerse-spekulation","category-finanzen-und-waehrung","tag-bargeld","tag-cyberkriminalitaet","tag-datenhandel","tag-einzelhandel","tag-schweden","tag-systemrelevanz"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/shutterstock_1020898600.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/54573","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=54573"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/54573\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":54592,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/54573\/revisions\/54592"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/54574"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=54573"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=54573"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=54573"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}