{"id":54605,"date":"2019-09-06T08:47:05","date_gmt":"2019-09-06T06:47:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54605"},"modified":"2022-03-06T10:51:24","modified_gmt":"2022-03-06T09:51:24","slug":"42-wochen-und-kein-bisschen-leise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54605","title":{"rendered":"42 Wochen \u2013 und kein bisschen leise"},"content":{"rendered":"<p>Die Gelbwesten in Frankreich marschieren weiter &ndash; wenn auch mit gebremster Kraft. Sie geben nicht auf, die gesellschaftliche Situation in Frankreich ver&auml;ndern zu wollen. Trotz allen Widerstandes, der ihnen vonseiten der Staatsmacht entgegengebracht wird. <strong>Andrea Drescher<\/strong> sprach f&uuml;r die NachDenkSeiten mit dem Politikwissenschaftler <strong>Sebastian Chwala<\/strong>, der als Experte f&uuml;r franz&ouml;sische Politik die Bewegung fast von Anfang an beobachtet und daf&uuml;r gesorgt hat, dass viele Informationen, die man in den Massenmedien nicht lesen konnte, den Weg in die &Ouml;ffentlichkeit fanden.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4988\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-54605-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190906_Gelbwesten_42_Wochen_und_kein_bisschen_leise_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190906_Gelbwesten_42_Wochen_und_kein_bisschen_leise_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190906_Gelbwesten_42_Wochen_und_kein_bisschen_leise_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190906_Gelbwesten_42_Wochen_und_kein_bisschen_leise_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=54605-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190906_Gelbwesten_42_Wochen_und_kein_bisschen_leise_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"190906_Gelbwesten_42_Wochen_und_kein_bisschen_leise_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Kurz zu Ihrer Person, damit die Leser einordnen k&ouml;nnen, mit wem sie es zu tun haben.<\/strong><\/p><p>Gerne. Ich bin 39 Jahre alt, stamme aus Ostdeutschland und lebe jetzt in Marburg an der Lahn. Als Diplom-Politikwissenschaftler war ich fr&uuml;her Stipendiat der Rosa-Luxemburg-Stiftung und stehe jetzt in den letzten Z&uuml;gen meiner Promotion zum Thema &bdquo;Die radikale Rechte in Frankreich&ldquo;. Daher auch mein Versuch, einen objektiven Blick &uuml;ber die politische Lage dort zu gewinnen. Ich stamme aus einer linken sozialdemokratischen Familie aus der DDR und bin seit meinem 16. Lebensjahr politisch aktiv. Bis zur Agenda 2010 war das bei den Jusos und dann, nach einiger Zeit im inneren Exil, wurde ich aktives Mitglied der Linkspartei. Dort war ich zeitweise Vorsitzender im Kreisverband, ein Amt, das ich aber wegen der Promotion niedergelegt habe, und bin als Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer der Marburger Linken im Kommunalparlament t&auml;tig.<\/p><p><strong>Wie entstand Ihr Bezug zu Frankreich?<\/strong><\/p><p>Ganz banal. Ich habe mich immer f&uuml;r Frankreich interessiert, habe lange Jahre in Calw an der Grenze zum Elsass gelebt und intensiv Franz&ouml;sisch gelernt. Ich mag Land und Leute. Die Spezialisierung hat sich dann im Studium ergeben. Mein Betreuer fragte mich, was ich machen wolle, und da es bei den Linken kaum jemanden gab, der sich in diesem Themenbereich wirklich auskannte, bot sich das einfach an.<\/p><p><strong>Sie engagieren sich jetzt im Umfeld der Gelbwesten &ndash; warum?<\/strong><\/p><p>Anfangs war ich zun&auml;chst eher zur&uuml;ckhaltend und habe das Ganze nur aus der Ferne verfolgt. Die Traditionslinien der Bewegung, die politische Sto&szlig;richtung erschienen mir problematisch. Dann kamen aus meinem politischen Umfeld viele Nachfragen nach meiner Einsch&auml;tzung und Bewertung. Dass ich nach Frankreich &uuml;ber die sozialen Medien sehr gut vernetzt bin und viele Kontakte habe, ist auch innerhalb der Rosa-Luxemburg-Stiftung bekannt. Zwei Wochen nachdem es in Frankreich losging, begann ich, mich intensiv mit dem Thema und der Bewegung zu besch&auml;ftigen.<\/p><p><strong>Woher beziehen Sie Ihre Informationen?<\/strong><\/p><p>Ich war in der Vergangenheit mehrfach in Frankreich, bei den Demos war ich jedoch nicht dabei &ndash; zugegebenerma&szlig;en aus Angst vor der Polizei. Ich bin aber eng &uuml;ber linke Gruppen online mit den Gelbwesten vernetzt, habe viele Kontakte ins wissenschaftliche Umfeld, lese viele Artikel und Studien und besuche Diskussionsveranstaltungen, bei denen Menschen auftreten, die vor Ort waren bzw. immer wieder sind.<\/p><p><strong>Die Linken waren ja insgesamt anfangs eher zur&uuml;ckhaltend, nicht wahr?<\/strong><\/p><p>Richtig, auch mich hat es am Anfang nicht begeistert. Das Milieu, aus dem die Bewegung entstand, war ja alles andere als unproblematisch. Im Dezember sah man die Bilder der &bdquo;militanten&ldquo; Proteste. Richtig interessant wurde es dann, als der Forderungskatalog kam. Um den Jahreswechsel 2018\/2019 wurde deutlich, welche Sprengkraft dahintersteckte. Die Regierenden in Frankreich hatten die Bewegung wohl zun&auml;chst als unkritisch eingesch&auml;tzt, sahen in ihr keine Bedrohung f&uuml;r die bestehenden Strukturen. Die ideologische Gefahr wurde erst nach Weihnachten wirklich deutlich.<\/p><p><strong>Wie entstand die Bewegung aus Ihrer Sicht und wie hat sie sich entwickelt?<\/strong><\/p><p>Anfangs hat man &uuml;ber rechte Netzwerkstrukturen f&uuml;r den 17.11. mobilisiert, den ersten gr&ouml;&szlig;eren Aktionstag. In Facebook-Gruppen und Foren wollte man Menschen erreichen, die nicht in den rechten oder gar rechtsradikalen Organisationen organisiert sind. Der &bdquo;Volkszorn&ldquo; wurde mit Themen hochgekocht, die klassischerweise eher von rechts kommen: Steuern, aufgebl&auml;hter Staat, Benzinpreiserh&ouml;hung, verbunden mit der gef&uuml;hlten bzw. realen Erh&ouml;hung der Lebenshaltungskosten. Man zielte auf die Kleinb&uuml;rger mit &bdquo;rechter Tendenz&ldquo; ab. Richtige Parteiaktivisten wurden eher rausgedr&auml;ngt. Kleinunternehmer, Handwerker, das weniger akademische Milieu &ndash; Menschen, die zwischen der Arbeiterklasse und den Unternehmern verortet sind, waren aktiv.<\/p><p>Das hat sich ab Dezember dann ver&auml;ndert. Es stie&szlig;en mehr und mehr Menschen hinzu, f&uuml;r die es &uuml;ber die Themen Preise und Steuern hinausging. Es wurden Forderungen an Macron, an das System laut. Und dann kam der Forderungskatalog: h&ouml;here Mindestl&ouml;hne, weg mit Obdachlosigkeit, Verm&ouml;gensteuer wieder einf&uuml;hren. Die Demokratiefrage wurde gestellt. Es wurden soziale und systemische Fragen aufgeworfen. DAS war die Bedrohung, die dann in entsprechenden Reaktionen seitens der Regierung m&uuml;ndete.<\/p><p>Es gibt aus meiner Sicht zwei Fraktionen bei den Gelbwesten. Die einen haben (noch) ein festes Arbeitsverh&auml;ltnis, d.h. in Familien arbeiten beide Ehepartner, aber die Preissteigerungen und die langen Anfahrtswege zur Arbeit f&uuml;hren zur subjektiven Deklassierung. Die Einkommen halten den steigenden Preisen nicht mehr stand. Die zweite Fraktion sind Menschen, die bereits in prek&auml;ren Verh&auml;ltnissen leben, die heftige Br&uuml;che im Leben schon hinter sich haben und die f&uuml;r linke Themen von vornherein eher offen sind. Da beide Fraktionen aktiv zusammenarbeiten, brachten sie so viele auf die Stra&szlig;e. Und auch wenn die Zahlen aufgrund der massiven Repressionen zur&uuml;ckgehen: Zu speziellen Anl&auml;ssen lassen sich immer noch in den vielen St&auml;dten Menschen mobilisieren.<\/p><p><strong>Von wievielen St&auml;dten sprechen wir denn?<\/strong><\/p><p>Das kann ich gar nicht genau sagen. Ob Paris, Lille, Marseille, Lyon, Toulouse, Bordeaux &hellip; In allen relevanten gro&szlig;en bzw. mittelgro&szlig;en St&auml;dten hat Woche f&uuml;r Woche etwas stattgefunden. Zun&auml;chst wurden die Kreisverkehre in den umliegenden Gemeinden der St&auml;dte belagert, dann gingen die Demonstrationen los. Es war nie eine Bewegung, die zentral auf Paris fokussiert war, sondern sie ist in ganz Frankreich regional verankert. Auch wenn das Innenministerium immer niedrigere Zahlen nannte: &Uuml;ber Monate waren allein in Toulouse und Bordeaux zwischen 20.000 und 30.000 Menschen jede Woche auf der Stra&szlig;e. &Uuml;berall in den St&auml;dten tat sich etwas, nicht jedes Wochenende &uuml;berall, aber &uuml;berall immer wieder. Auch w&auml;hrend der Sommerferien wird weitergemacht und wir erwarten alle, dass die gro&szlig;en Aktionstage nach den Ferien wieder losgehen. Aber keiner wei&szlig; etwas Genaues, es gibt ja kein zentrales Aktionsb&uuml;ro, dass das Ganze steuert. Es gibt nur Zusammenk&uuml;nfte, bei denen Aktive die gemeinsame Sto&szlig;richtung besprechen. Bisher waren es drei solcher Zusammenk&uuml;nfte, eine vierte ist geplant, aber wann und wo ist noch offen.<\/p><p><strong>Wie haben sich die Teilnehmerzahlen denn entwickelt?<\/strong><\/p><p>Im Fr&uuml;hjahr waren mehr als 130.000 Menschen an einem Wochenende auf der Stra&szlig;e, dann gingen die Zahlen &ndash; auch aufgrund der massiven Gesetzesversch&auml;rfung und Gewalt &ndash; wieder runter.<\/p><p><strong>Apropos Gewalt &ndash; es geistern ja viele Zahlen von Verletzten bzw. Toten und Verhafteten durch die sozialen Medien. Wie ist Ihr Kenntnisstand?<\/strong><\/p><p>Es gibt keine offiziellen Zahlen &ndash; der Inlandsgeheimdienst und die Sicherheitsstrukturen kennen sie nat&uuml;rlich, aber offiziell best&auml;tigt wird wenig. Fakt ist, dass es enorm viele Schwerstverletzte durch das Eingreifen der Polizei gibt. Best&auml;tigt sind 23 Menschen, die ein Auge verloren haben, 5 Menschen mit Verlust von Gliedma&szlig;en und 300 Kopfverletzungen. Dar&uuml;ber hinaus gibt es noch eine gro&szlig;e Anzahl Schwer- und Leichtverletzter &ndash; aber keine akkuraten Zahlen. Zwei Tote lassen sich eindeutig der Polizeigewalt zuschreiben, 12 weitere Menschen sind aufgrund der Unf&auml;lle an den Kreisverkehren zu Tode gekommen. Das darf man meines Erachtens aber nicht zusammenz&auml;hlen. Es gibt auch eine hohe Zahl an Selbstmorden unter den Polizisten. &Uuml;ber 50 sollen sich das Leben genommen haben, man wei&szlig; aber nicht warum, da es keine Abschiedsbriefe gibt.<\/p><p>Auch bei Verhafteten fehlen seri&ouml;se aktuelle Zahlen. Stand April waren es rund 2.000 Gerichtsverfahren, von denen 800 mit Haftstrafen geendet haben. Die Dunkelziffer der Verhaftungen liegt bei &uuml;ber 8.000.<\/p><p><strong>Wie verh&auml;lt sich die Polizei? Was haben Sie wahrgenommen?<\/strong><\/p><p>Die franz&ouml;sische Polizei greift hart und brutal durch. Teilweise kommen Einheiten zum Einsatz, die seitens des Staates zusammengestellt wurden, aus Angst, dass sich migrantische Gruppen gegen ihre schlechten Lebens- und Arbeitsverh&auml;ltnisse erheben. Diese dienen jetzt dazu, die Gelb-Westen-Bewegung niederzuwerfen. Man hatte ja nach Dezember 2018 wirklich Angst davor, dass die Regierung gest&uuml;rzt werden k&ouml;nne, und nutzt das gesamte repressive Potential der Staatsmacht.<\/p><p>Revolution&auml;re Umst&auml;nde sollten auf jeden Fall verhindert werden &ndash; daf&uuml;r hat man gegen die bis dato eher unpolitische untere Mittelklasse alles rausgeholt, was man hatte. Die &bdquo;Brigade Anti- Criminalit&eacute;&ldquo; sollte mit einem hohen Grad an Repression gegen Migranten vorgehen. Jetzt ist das die Einheit, die den Gro&szlig;teil der Gummigeschosse verbraucht hat. Eine Art bewaffneter Kriminalpolizei, die in kleinen Einheiten sehr aggressiv und konfliktorientiert vorgeht. Das gesamte Waffenarsenal &ndash; alles was angeblich nicht t&ouml;dlich ist, wie Granaten, Gummigeschosse und Drohnen &ndash; kommt zum Einsatz. In Frankreich sind das keine &bdquo;B&uuml;rger in Uniform&ldquo;, wie das noch in Deutschland der Fall ist.<\/p><p><strong>Sie sagten, dass die Gesetzgebung versch&auml;rft wurde. Inwiefern?<\/strong><\/p><p>Bereits seit dem Ausnahmezustand im November 2015 nach den Anschl&auml;gen wurden die B&uuml;rgerrechte massiv eingeschr&auml;nkt. Hausarreste oder Hausdurchsuchungen ohne Richtervorbehalte wurden schon l&auml;nger intensiv gegen Linke genutzt. Diese Regelungen hat Marcron schon im Herbst 2017 in das regul&auml;re Antiterrorgesetz &uuml;bernommen. Das wurde jetzt alles noch durch das Anti-Randalierer-Gesetz versch&auml;rft, das Demonstrationsverbote auf administrativem Wege ohne Richtervorbehalt erm&ouml;glicht. Dar&uuml;ber hinaus gibt es zwei Gesetze, die unspezifische Personenkontrollen erlauben und Vermummung zu einer Straftat machen, f&uuml;r die Gef&auml;ngnis droht.<\/p><p>Es gab bereits das Gesetz gegen Bandenkriminalit&auml;t, das erlaubt, dass Menschen pr&auml;ventiv verhaftet werden, wenn vermeintlich eine Straftat drohen k&ouml;nnte. In Verbindung mit neuen Gesetzen und vermeintlichen Hinweisen im Vorfeld einer Demonstration kann man jetzt alle Menschen festnehmen, weil sie <em>vielleicht<\/em> eine Straftat begehen k&ouml;nnten. Die Gesetze zur Pr&auml;vention, die urspr&uuml;nglich dem Antiterrorkampf dienen sollten, werden &uuml;bertragen auf die Zivilgesellschaft und hebeln damit s&auml;mtliche Rechte und M&ouml;glichkeiten der B&uuml;rger aus, sich zu wehren.<\/p><p><strong>Das hei&szlig;t, die Repression nimmt zu?<\/strong><\/p><p>Ja, der Weg in den autorit&auml;ren Polizeistaat in Frankreich setzt sich unvermindert fort. Ein weiteres Zeichen daf&uuml;r ist die Entfernung kritischer K&ouml;pfe aus dem Lehrpersonal der Ausbildungsst&auml;tten des Polizeiapparates. Dieses Schicksal wurde gerade auch dem Soziologen Sebastian Roch&eacute; zuteil, der bis vor kurzem Vorlesungen f&uuml;r zuk&uuml;nftige Leitungskader der Polizei halten konnte. Sein Forschungsgebiet sind die Beziehungen zwischen Zivilgesellschaft und Polizeiapparat. Roch&eacute; hatte in den letzten Monaten vermehrt die Polizeigewalt und die Repression gegen die Gelbwesten in der &Ouml;ffentlichkeit kritisiert. Es verwundert daher nicht, dass die Leitung der ESPN, der wichtigsten Polizeischule im Land, sich jetzt mit den Worten, dass man Roch&eacute;s Ausbildungsbereich umstrukturieren wolle, von diesem trennt.<\/p><p>Eine selbstkritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Handeln ist im Apparat nicht erw&uuml;nscht. Lieber soll sich die franz&ouml;sische Polizei in einen B&uuml;rgerkrieg mit breiten Teilen der Gesellschaft verstricken, wie es die herrschende Politelite im Land fordert.<\/p><p><strong>Wie erleben Sie in Frankreich den Umgang mit &bdquo;rechts&ldquo; und &bdquo;links&ldquo; &ndash; in Deutschland ein Thema, das zu einer massiven Spaltung in der Gesellschaft f&uuml;hrt?<\/strong><\/p><p>Eine Bruchlinie ist auch in Frankreich vorhanden &ndash; aber im Kontext der Gelbwesten dominierte die massive Unzufriedenheit mit der Politik der letzten Jahrzehnte. Beide Seiten arbeiten unter dem Banner der Nation zusammen. F&uuml;r die Linke ist die Nation ein Emanzipationsprojekt, f&uuml;r die Rechte ein ethnisches Thema.<\/p><p>Aber es ist eine gemeinsame Bewegung, die ein anderes Frankreich will und die gemeinsam mit der Polizeigewalt konfrontiert ist. Das f&uuml;hrt &ndash; &uuml;berraschenderweise &ndash; wohl auch dazu, dass auf der Rechten Autorit&auml;ts- und Staatsgl&auml;ubigkeit an Bedeutung verlieren. Staat und Polizei werden zunehmend in Frage gestellt. B&uuml;rgerliche begr&uuml;&szlig;en den schwarzen Block, der sich der Polizei mutig entgegenstellt. Die Bewegung entwickelt sich nicht entlang der traditionellen Linien, sondern die Menschen agieren zunehmend gemeinsam.<\/p><p><strong>Wie ordnen Sie die Gelbwesten in Deutschland ein?<\/strong><\/p><p>In Deutschland ist die Bruchlinie zwischen rechts und links deutlich gr&ouml;&szlig;er. Im Grenzbereich zu Frankreich, also Baden, Saarbr&uuml;cken und an der Grenze zum Elsass, gibt es sehr enge Verbindungen mit den franz&ouml;sischen Gelbwesten. Viele andere Gruppierungen habe ich aber eher als fremdenfeindlich, konservativ und reaktion&auml;r wahrgenommen. Aber man kann und muss die Debatte mit Rechten f&uuml;hren. Das Ergebnis sieht man in Frankreich. Dort sind die Gelbwesten immer sozialer geworden, das Nationalistische wurde immer mehr rausgedr&auml;ngt. In Deutschland war es leider umgekehrt, da wurde es immer deutscht&uuml;meliger &ndash; und nicht sozialer. Die &ldquo;Anti-Merkel-Rhetorik&ldquo; hat nichts mit der Protestbewegung in Frankreich zu tun.<\/p><p><strong>Wie sehen Sie die weitere Entwicklung?<\/strong><\/p><p>Aufgrund der gesetzlichen Ma&szlig;nahmenpakete und der explodierten Polizeigewalt trauen sich viele nicht mehr auf die Stra&szlig;e. Ich hatte schon bef&uuml;rchtet, es bricht im Sommer zusammen. Aber jedes Wochenende sind Menschen aktiv. Kommt nach den Ferien ein deutlicher Anstieg? Das hoffen wir alle.<\/p><p>Gleichzeitig sehe ich ein Problem: Was macht man politisch aus den Gelbwesten? Es gibt klare Forderungen, es ist aber nicht klar, wie man diese in die gesellschaftliche Debatte so einbringt, damit sich Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse verschieben oder die politischen Verh&auml;ltnisse &auml;ndern k&ouml;nnen. Als Politikwissenschaftler muss ich die Frage stellen: Wie kommen wir konkret zu der von allen gew&uuml;nschten Ver&auml;nderung?<\/p><p>Meine &Uuml;berzeugung ist, dass die Gelbwesten an sich es nicht schaffen, eine starke politische Organisation zu gr&uuml;nden. Das wollen sie ja auch nicht. Bestehende progressive Organisationen sollten sich daher &ouml;ffnen und den Aktivisten der Gelbwesten auch den Einfluss geben, ihre politische Programmatik einzubringen und das politische Programm insgesamt weiterzuentwickeln.<\/p><p><strong>Vielen Dank f&uuml;r Ihre Zeit!<\/strong><\/p><p>Titelbild: Mo Wu\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/e20f136ec73b43c7b37c5e0d351ba79a\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Gelbwesten in Frankreich marschieren weiter &ndash; wenn auch mit gebremster Kraft. Sie geben nicht auf, die gesellschaftliche Situation in Frankreich ver&auml;ndern zu wollen. 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