{"id":54609,"date":"2019-09-08T11:45:20","date_gmt":"2019-09-08T09:45:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54609"},"modified":"2019-09-09T08:07:43","modified_gmt":"2019-09-09T06:07:43","slug":"das-ossi-und-afd-phaenomen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54609","title":{"rendered":"Das Ossi- und AfD-Ph\u00e4nomen"},"content":{"rendered":"<p>Die Diskussion &uuml;ber die Wahlausg&auml;nge in Sachsen und Brandenburg ist in vollem Gange. So soll etwa mit der &bdquo;Extremismustheorie&ldquo; oder einer &bdquo;ostdeutschen Versorgungsmentalit&auml;t&ldquo; das Wahlverhalten der Ostdeutschen erkl&auml;rt werden &ndash; dieser Versuch der Deutung ist aber nach Meinung eines Debattenbeitrags von <strong>Wolf Wetzel<\/strong> ein politisches und intellektuelles Desaster. Von <strong>Redaktion<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie &bdquo;Ossi-Wahlen&ldquo; in Sachsen und Brandenburg sind vorbei und die Ergebnisse sind ohne gro&szlig;e &Uuml;berraschung niederschmetternd: Die b&uuml;rgerlichen Parteien stolpern Richtung Abgrund, die Gr&uuml;nen werden mit einem Kunstrasen den Absturz gerade noch abfedern, indem sie in eine Regierungskoalition einsteigen werden. Die Partei DIE LINKE rast mit 10,4 Prozent (minus 8,5) in Sachsen und mit 10,7 Prozent (minus 7,9) in Brandenburg in den Keller.<\/p><p>Und die AfD hat auf knapp 30 Prozent zugelegt. Man ist froh, dass die AfD nicht st&auml;rkste Partei geworden ist, dass sich die Verlierer mit den Gr&uuml;nen zusammen noch an der (Regierungs-)Macht halten k&ouml;nnen. Dieses Mal noch. Aber man sp&uuml;rt es allen Ortens: So gut wie nichts ist gewonnen &ndash; au&szlig;er die Macht des Dranbleibens.<\/p><p>Was schon vor der Wahl einsetzte, wird nun mit der gleichen Dummheit fortgesetzt. Anstatt sich zu fragen, was diejenigen dazu beigetragen haben, die sich als echte\/demokratische Alternative zur AfD verstehen (das schlie&szlig;t das miserable Ergebnis der Partei DIE LINKE mit ein), macht man da weiter, wo man aufgeh&ouml;rt hat. Man kann das Rad der Erkenntnis quietschen h&ouml;ren, wenn die Antwort schon in der Frage durchsticht:<\/p><p><strong>Wer ist schuld an den Wahlsiegen der AfD?<\/strong><\/p><p>Bezeichnend f&uuml;r dieses politische und intellektuelle Desaster ist, dass die Antworten schon x-mal durchbuchstabiert wurden und selbst durch Wiederholungen nicht wahrer werden.<\/p><p>Seit der &bdquo;Wende&ldquo;, der vermeintlichen Wiedervereinigung 1989\/90, gibt es eine gro&szlig;e Erz&auml;hlung, die die massive Bedeutung neonazistischer Gruppierungen in der Ex-DDR und sp&auml;ter das starke Abschneiden der AfD in den f&uuml;nf &bdquo;neuen&ldquo; Bundesl&auml;ndern zu erkl&auml;ren versucht. Sie kam sehr schnell auf, Anfang der 90er Jahre, als man die Pogromstimmung nach der &bdquo;Wiedervereinigung&ldquo; zu deuten suchte &ndash; im Osten: Am Neonazismus, am &bdquo;&uuml;bersteigerten&ldquo; Nationalismus sei die Ex-DDR schuld, also der Sozialismus, der in der DDR geherrscht haben soll. <\/p><p>Wer noch halbwegs bei Verstand ist, m&uuml;sste sich die Augen reiben und fragen: Was haben Neonazismus und Sozialismus gemein, die sich im wirklichen Leben &ndash; zurecht &ndash; als Todfeinde gegen&uuml;berstanden? <\/p><p>Was die Wirklichkeit nicht hergibt, muss man folglich in der Theorie &bdquo;zusammenschwei&szlig;en&ldquo;. Es handelt sich dabei um die &bdquo;Totalitarismustheorie&ldquo;, die in gestreckter Form als &bdquo;Extremismustheorie&ldquo; vertreten wird. Diese behauptet allen Ernstes, dass sich die beiden Extreme (Sozialismus &ndash; Faschismus) im Kern gleichen und die b&uuml;rgerliche Demokratie, zwischen diesen Extremen ganz unschuldig und v&ouml;llig wehrlos eingeklemmt, deren beider Opfer wurde. <\/p><p><strong>Haarstr&auml;ubende Theorien zum Faschismus: &Uuml;ber Kapitalismus soll nicht geredet werden<\/strong><\/p><p>Dass in dieser Theorie der Faschismus aus dem Reich der Extreme kommt und nicht aus kapitalistischen Verh&auml;ltnissen, die der Faschismus bis zum Endsieg verteidigen wollte, ist bis heute sehr beliebt und haarstr&auml;ubend. Denn niemand bestreitet ernsthaft, dass der Faschismus ohne die ma&szlig;gebliche Zustimmung aus der Wirtschaft an die Macht gekommen w&auml;re und durch b&uuml;rgerliche Parteien zur &bdquo;Macht&uuml;bernahme&ldquo; geradezu eingeladen wurde.<\/p><p>Den Faschismus zu einem Werk von Extremisten zu verkl&auml;ren, soll bis heute jene entlasten, die &uuml;ber den Kapitalismus nicht reden wollen und bei besonders geistreichen Anl&auml;ssen gerne Max Horkheimer aus dem Jahr 1939 zitieren:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Ein aktuelles Beispiel f&uuml;r diese Art der &Uuml;berschreibung lieferte die &bdquo;Frankfurter Rundschau&ldquo;, als sie kurz nach den Wahlen in Brandenburg und Sachsen, den Soziologen Steffen Mau &bdquo;&uuml;ber die zerbrochenen Leben der Ostdeutschen&ldquo; (FR vom 2.9.2019) befragte.<\/p><p>Die Frage, warum die DDR noch drei&szlig;ig Jahre sp&auml;ter so derma&szlig;en in den Lebenshaltungen der Ostdeutschen pr&auml;sent sei, beantwortete Steffen Mau so:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;In der DDR gab es eine Art Versorgungsarrangement zwischen der Obrigkeit und der Bev&ouml;lkerung.&ldquo; Dann kamen die Versprechen des Westens von mehr Wohlstand und bl&uuml;henden Landschaften und bildeten so &bdquo;diese Mentalit&auml;ten fort, die man gerade im Begriff war abzustreifen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Man braucht schon eine Weile, um diesen Unsinn freizulegen. Was dieser Soziologe mit &bdquo;Versorgungsarrangement&ldquo; meint, war die Tatsache, dass man in der &bdquo;Arbeitsgesellschaft DDR&ldquo; zwar nicht reich werden, aber ohne Existenzangst leben konnte. Niemand riss sich ein Bein aus und man kam &uuml;ber die Runden. Diesen bescheidenen Erfolg der DDR-Gesellschaft als &bdquo;Versorgungsarrangement&ldquo; zu denunzieren, braucht eine geh&ouml;rige Portion Verachtung und ein gutes Gehalt.<\/p><p><strong>Die Behauptung von der &bdquo;ostdeutschen Versorgungsmentalit&auml;t&ldquo;<\/strong><\/p><p>Die zweite verquere Annahme steckt in der Behauptung, dass diese ostdeutsche Versorgungsmentalit&auml;t gen&auml;hrt worden w&auml;re, indem der Kapitalismus dasselbe versprach. Doch nicht einmal in der Werbung bekommt man das, was man braucht und sich w&uuml;nscht, einfach so, sondern nur, wenn man daf&uuml;r bezahlt, wenn man das Geld daf&uuml;r hat. Man muss kein Soziologe sein, um festzuhalten, dass nicht die Versorgungsmentalit&auml;t der Ostdeutschen das Problem ist, sondern die Erfahrungen mit dem real existierenden Kapitalismus, in dem einige Wenige das Geld zum Fenster hinauswerfen k&ouml;nnen, ohne es zu verlieren, w&auml;hrend die gro&szlig;e Mehrheit der Bev&ouml;lkerung vor allem eines erlebt hat und fortdauernd auszuhalten versucht: Man muss immer mehr arbeiten, f&uuml;r immer weniger Lohn. <\/p><p>Ein wenig sp&auml;ter kommt Steffen Mau auf diesen Aspekt doch noch in einem kleinen Satz zu sprechen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Viele haben im Vergleich zu ihrer Elterngeneration soziale Abstiege hinnehmen m&uuml;ssen, obwohl es ihnen konsumm&auml;&szlig;ig besser ging.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Mau-m&auml;&szlig;ig durchdachte Logik, m&ouml;chte man dem Soziologen zurufen. <\/p><p>Denn es geht doch ersichtlich nicht um irgendwelche Mentalit&auml;ten, sondern vor allem um ganz konkrete Erfahrungen in Ostdeutschland, f&uuml;r eine Mehrzahl der dort noch lebenden Menschen. Erfahrungen, die etwas mit dem Kapitalismus zu tun haben, und am allerwenigsten mit der &bdquo;Versorgungsmentalit&auml;t&ldquo; aus DDR-Zeiten!<\/p><p>Und dann tischt der Soziologe noch so ein M&auml;rchen aus 1000 und einer Nacht auf: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Institutionen des Westens wurden eingerichtet und die Erwartung war, dass die Gesellschaft dieselbe wird. Das war eine Illusion. Die Wirkung von Kultur, bestimmten sozial-strukturellen Charakteristiken und die Folgen der &sbquo;Arbeitsgesellschaft DDR&lsquo; wurden untersch&auml;tzt.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Wieder muss man die Bedeutung dieser Anamnese ausgraben, um diese Form der Ver&auml;chtlichmachung und Verschiebung zu verstehen.<\/p><p>Was will uns damit der Soziologe sagen? Man hat den armen Schwestern und Br&uuml;dern dr&uuml;ben alles gegeben, Institution um Institution, und die Ostdeutschen haben gebockt und sie nicht angenommen. Wie undankbar die Ossis doch sind. Und er wei&szlig; auch, woran das liegt, an &bdquo;bestimmten sozial-strukturellen Charakteristiken&ldquo;. Mit einem Satz verschwinden der Exekutoren kapitalistischer Verh&auml;ltnisse (wozu die &bdquo;Treuhand&ldquo; ebenso z&auml;hlt(e) wie die Arbeits- und Sozial&auml;mter) in der (kaputten) Psyche der Menschen.<\/p><p><strong>Verzweiflung und Fassungslosigkeit &ndash; Die Folgen von Agenda 2010 und Treuhand<\/strong><\/p><p>Diese einzig durch Unbestimmtheit gl&auml;nzende Erkl&auml;rung muss reichen, dachte sich wohl der Soziologe, denn der Affekt war gesetzt: Die &bdquo;Frankfurter Rundschau&ldquo; hatte keine (Nach-)Fragen, war zufrieden und alle &bdquo;Wessis&ldquo; in der Annahme best&auml;rkt, dass die Ostdeutschen selbst daran schuld sind, wenn sie all das Gute aus dem Westen nicht annehmen.<\/p><p>Und wenn man sich vor Augen h&auml;lt, was die Agenda 2010, die sogenannten Hartz-IV-Reformen, Anfang dieses Jahrhunderts in Westdeutschland angerichtet haben, kann man erahnen, mit welcher Verzweiflung und Fassungslosigkeit Ostdeutsche gerade jene Institutionen aufgesucht haben, die diese &bdquo;Arbeitsmarktreformen&ldquo; durchgepeitscht haben &ndash; bis zum heutigen Tag. <\/p><p>Denn die Tatsache, dass heute jedes dritte Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnis im Osten im Niedriglohnsektor angeboten wird, verspricht im Alter f&uuml;r viele eines: Armut durch (Lohn-)Arbeit.<\/p><p>Was sich also seit 30 Jahren in Ostdeutschland abspielt, ist keiner DDR-Biografie geschuldet, sondern Ergebnis ganz konkreter Erfahrungen mit diesen Institutionen, die diese Verarmungspolitik mit einem ganzen Arsenal an Sanktionsma&szlig;nahmen durchsetzen.<\/p><p>Ich hoffe, dass diese kurzen Ausf&uuml;hrungen ausreichend sind, um zu verdeutlichen, dass das Abgeh&auml;ngtsein, das Gef&uuml;hl, verarscht worden zu sein, nicht Ausfluss &bdquo;bestimmter sozial-struktureller Charakteristiken&ldquo; ist, an denen die DDR schuld ist, sondern auf kapitalistischen Lebensrealit&auml;ten fu&szlig;t, die der Soziologe zu naturnahen Begebenheiten verkl&auml;rt, wenn er von &bdquo;Sturmsch&auml;den&ldquo; spricht, die er gerade einmal f&uuml;r die Wendezeit gelten l&auml;sst.<\/p><p><strong>Reagieren die &bdquo;Ossis&ldquo; auf prek&auml;re Arbeits- und Lebenswelten, auf krisenhafte Erfahrungen im Kapitalismus anders als die &bdquo;Wessis&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Wenn man die deprimierenden Erfahrungen mit dem Kapitalismus seit &uuml;ber 30 Jahren als bestimmend annimmt und sie gerade nicht auf &bdquo;Sturmsch&auml;den&ldquo; um die Wendezeit herum reduziert, dann hat man die Basis, von der aus man die Frage beantworten kann: Warum w&auml;hlen die &bdquo;Ossis&ldquo; deutlich mehr AfD als im Westen? Warum kann eine postfaschistische Partei zweitst&auml;rkste Partei in Brandenburg und in Sachen werden, w&auml;hrend die Partei DIE LINKE fast die H&auml;lfte ihrer W&auml;hlerschaft verliert?<\/p><p>Mit diesen Fragen ist eine wichtige Annahme verbunden: Die Entt&auml;uschung &uuml;ber den Kapitalismus f&uuml;hrt alles andere als zwangl&auml;ufig in die Arme einer postfaschistischen Partei. Warum ziehen die Ossis nicht die Konsequenz, sich f&uuml;r etwas einzusetzen, was den Kapitalismus &uuml;berwindet? Warum vertrauen sie nicht einmal mehr auf &bdquo;Kapitalismusb&auml;ndiger&ldquo;?<\/p><p>Wer dieser Frage nachgeht, wird um sehr bittere Antworten nicht herumkommen. Denn die Partei DIE LINKE war recht lange die st&auml;rkste parlamentarische Opposition gegen die &bdquo;kapitalistische Vereinnahmung&ldquo;. Warum konnte die Partei DIE LINKE diese Chance nicht nutzen?<\/p><p>Man muss Sahra Wagenknecht (LINKEN-Fraktionschefin im Bundestag) &uuml;berhaupt nicht in allem folgen, um ihrer Analyse der massiven Wahlniederlage bei den Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen zuzustimmen: Die Partei DIE LINKE wird nicht mehr als Opposition begriffen, sondern als Bestandteil &bdquo;<em>des gr&uuml;nliberalen Establishments.<\/em>&ldquo; (FR vom 3. 9.2019). Die Kluft zwischen dem, was diese linke Partei programmatisch versprochen hat und was sie als Opposition oder in Regierungsbeteiligung umgesetzt hat, ist gewaltig. <\/p><p><strong>Die politische Passivit&auml;t der LINKEN<\/strong><\/p><p>Mehr noch: Sie haben sich an Regierungen beteiligt (wie in Berlin als Kopilot in der rot-roten Regierung 2002-2011) und aktiv daran mitgewirkt, den bereits d&uuml;rftigen Bestand an st&auml;dtischem\/gemeinn&uuml;tzigem (also bezahlbarem) Wohnbesitz weiter zu verscherbeln. Ganz aktuell zeigt sich das an einem Streit in der Berliner Stadtregierung. Der von SPD, LINKE und Gr&uuml;nen gef&uuml;hrte Berliner Senat will die Mieten vom Jahr 2020 an f&uuml;r f&uuml;nf Jahre einfrieren, &bdquo;um die angespannte Lage auf dem Wohnungsmarkt zu beruhigen&ldquo;. Dazu legte die Senatorin Katrin Lompscher (LINKE) einen Entwurf vor, der &bdquo;einen radikalen &sbquo;Mietenstopp&lsquo; f&uuml;r f&uuml;nf Jahre vor(sieht), womit f&uuml;r alle Mieten die vom Gesetzgeber festgelegten &bdquo;Obergrenzen&ldquo; gelten w&uuml;rden &ndash; und auf dieselben eingefroren werden w&uuml;rden.&ldquo; (tagesspiegel.de vom 26.8.2019)<\/p><p>Bevor dieser &uuml;berhaupt diskutiert werden konnte, wurde der Entwurf &bdquo;geleakt&ldquo;, also an die &Ouml;ffentlichkeit gespielt, um den Vorschlag schon im Keim zu ersticken. Das hatte Erfolg. Nur vier Tage sp&auml;ter wurde der &bdquo;Entwurf&ldquo; zur&uuml;ckgezogen und ein deutlich verw&auml;sserter Vorschlag steht nun im Raum. Warum hat man es nicht auf einen Koalitionsstreit ankommen lassen? Warum hat man nicht die vielen MieterInnen-Initiativen eingebunden, um diesen Vorschlag &ouml;ffentlich zu diskutieren? Warum hat man den Konflikt nicht aus den Konferenz- und Beraterzimmern herausgeholt und auf die Stra&szlig;e getragen?<\/p><p><strong>Die LINKE  als &bdquo;Systempartei&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Wof&uuml;r steht also die Partei DIE LINKE &ndash; gerade im Osten? Viele werden darauf verweisen, dass es ganz viele Fl&uuml;gel in der Partei gibt, so viele Fl&uuml;gel, dass sie ganz sicher nicht &bdquo;abheben&ldquo; kann: von ehemaligen SED-Kadern, &uuml;ber Kapitalismusb&auml;ndiger (mit buntem Freizeitprogramm), bis hin zur &bdquo;Bewegungs&ldquo;-Linken, die von einem &ouml;kologischen Sozialismus spricht, der &uuml;ber einen &bdquo;Transformationsprozess&ldquo; erreicht werden soll.<\/p><p>Doch eines hat sich bis heute bewahrheitet: Wenn die Partei DIE LINKE an die (Regierungs-)Macht kommt, ist sie &bdquo;Systempartei&ldquo;, bis fast nichts mehr von ihr &uuml;brig ist.<\/p><p>Genau hier kommt zurecht die Geschichte der DDR ist Spiel, und zwar nicht in Gestalt einer historischen Reflexion, sondern in der Art, wie sie bis heute &bdquo;verteidigt&ldquo; wird, wie in der Diskussion um das Scheitern der DDR gemauert wird.<\/p><p>Es gab keine Mehrheit in der DDR, die gegen den Faschismus gek&auml;mpft hatte und es gab keine Mehrheit, die den Sozialismus auf die Tagesordnung gesetzt hatte. <\/p><p>Zum Gr&uuml;ndungsmythos der DDR geh&ouml;rte, dass der Faschismus ein Problem in Westdeutschland sei, womit man die Auseinandersetzung um eine postfaschistische Gegenwart in der DDR leugnete &ndash; und dabei genauso zum Verschweigen verdammt war, wie das re-nazifizierte Westdeutschland.<\/p><p><strong>&bdquo;Die SED hat so getan, als w&auml;re es Sozialismus und wir haben so getan, als w&uuml;rden wir es glauben.&ldquo;<\/strong><\/p><p>Die DDR ist eben nicht &bdquo;sozialistisch&ldquo; geworden, weil die Menschen dort anders waren, sondern weil der Faschismus milit&auml;risch besiegt wurde. Die Menschen in der ehemaligen DDR waren so nationalistisch, so faschistisch wie im Westen. Sie sind also nicht &uuml;ber Nacht zu SozialistInnen geworden. Sie haben es hingenommen. &bdquo;Die SED hat so getan, als w&auml;re es Sozialismus und wir haben so getan, als w&uuml;rden wir es glauben.&ldquo;<\/p><p>Der Sozialismus musste also von &bdquo;oben&ldquo; dekretiert und konnte nur von oben &bdquo;verteidigt&ldquo; werden &ndash; gegen eine Mehrheit, die zu keinem Zeitpunkt f&uuml;r einen Sozialismus (welcher Art auch immer) gek&auml;mpft hatte.<\/p><p>Um einen solchen &bdquo;Sozialismus&ldquo; durchzusetzen, setzte die SED nicht nur auf Repression, die selbst gegen jene ausge&uuml;bt wurde, die sich der Idee des Sozialismus tats&auml;chlich annahmen. Die SED griff zugleich auf Tugenden zur&uuml;ck, die mit dem proklamierten Sozialismus nichts zu tun haben: auf autorit&auml;re Strukturen mit deutsch-vaterl&auml;ndischen Anleihen.<\/p><p>Darauf haben viele hingewiesen, die die DDR nicht f&uuml;r zu viel, sondern f&uuml;r viel zu wenig Sozialismus &ndash; im Sinne einer Gesellschaftlichkeit von unten &ndash; kritisiert hatten. In diesem Kontext hat der Sozialwissenschaftler G&ouml;tz Eisenberg also wirklich recht:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Unter der &sbquo;K&auml;seglocke&lsquo; des Staatssozialismus haben alte preu&szlig;isch-deutsche Tugenden und Haltungen &uuml;berdauert, die man nach 1945 zu Insignien einer proletarischen Lebensf&uuml;hrung und Parteidisziplin erkl&auml;rte.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Wenn man also die Ex-DDR f&uuml;r das Erstarken neonazistischer Gruppierungen und Parteien verantwortlich machen will und muss, dann ist es eben nicht der Sozialismus, sondern seine gesellschaftliche Abwesenheit. Man kann eben weder den Antifaschismus, noch den Sozialismus von oben verordnen. <\/p><p>Diese Reflexion, dieses Eingest&auml;ndnis m&uuml;sste am Anfang eines jeden berechtigten Versuches stehen, eine Systemalternative zu entwickeln, etwas, was tats&auml;chlich &uuml;ber die herrschenden Verh&auml;ltnisse hinausweist. Dann w&auml;re das Terrain f&uuml;r Alternativen wieder offen und begehbar, die Vision von einer gerechten Gesellschaft, von einem Sozialismus, verstanden als &bdquo;freie Assoziation freier Individuen&ldquo; wieder attraktiv.<\/p><p><strong>Literatur:<\/strong><\/p><ul>\n<li><em>Viele sind verbittert<\/em>, Soziologe Steffen Mau &uuml;ber die zerbrochenen Leben der Ostdeutschen, FR vom 2. 9.2019<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=53939\"><em>Flaschenposten &ndash; Zum 50. Todestag von Theodor W. Adorno<\/em>, G&ouml;tz Eisenberg<\/a>, Nachdenkseiten vom 4. 8.2019<\/li>\n<\/ul><p>Titelbild: Maximilian Martin \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Diskussion &uuml;ber die Wahlausg&auml;nge in Sachsen und Brandenburg ist in vollem Gange. So soll etwa mit der &bdquo;Extremismustheorie&ldquo; oder einer &bdquo;ostdeutschen Versorgungsmentalit&auml;t&ldquo; das Wahlverhalten der Ostdeutschen erkl&auml;rt werden &ndash; dieser Versuch der Deutung ist aber nach Meinung eines Debattenbeitrags von <strong>Wolf Wetzel<\/strong> ein politisches und intellektuelles Desaster. 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