{"id":54625,"date":"2019-09-07T11:45:02","date_gmt":"2019-09-07T09:45:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54625"},"modified":"2019-09-16T10:12:22","modified_gmt":"2019-09-16T08:12:22","slug":"die-schlacht-um-amazonien-bolsonaro-die-usa-und-die-waldmenschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54625","title":{"rendered":"Die \u201cSchlacht\u201d um Amazonien \u2013 Bolsonaro, die USA und die Waldmenschen"},"content":{"rendered":"<p>Das vom brasilianischen Pr&auml;sidenten Jair Bolsonaro am vergangenen 28. August erlassene <a href=\"https:\/\/catracalivre.com.br\/cidadania\/bolsonaro-assina-decreto-que-proibe-queimadas-no-pais-por-60-dias\/\">Brandverbot f&uuml;r die n&auml;chsten 60 Tage<\/a> wurde mittlerweile wieder von ihm <a href=\"https:\/\/g1.globo.com\/politica\/noticia\/2019\/08\/31\/governo-altera-decreto-e-restringe-proibicao-de-queimada-a-amazonia-legal.ghtml\">zur&uuml;ckgenommen und abgeschw&auml;cht<\/a>. Das Verbot erstreckte sich zun&auml;chst auf das gesamte brasilianische Territorium, wurde jedoch wenige Tage sp&auml;ter auf die Bundesstaaten des Amazonas-Beckens begrenzt. Wo das Feuer sich trotzdem weiter durch den Regenwald frisst. Allein am 1. September wurden von internationalen Satelliten <a href=\"https:\/\/www.terra.com.br\/noticias\/ciencia\/sustentabilidade\/apos-proibicao-de-queimadas-amazonia-segue-pegando-fogo,3ca8a158cec53dabf6f4544503d90e24o5ejv9bg.html\">980 neue Brandherde geortet<\/a>. Als sei es ein makabrer Witz, w&auml;hrend die Flammen loderten, gab das brasilianische Umweltministerium eine <a href=\"https:\/\/ultimosegundo.ig.com.br\/brasil\/2019-09-04\/ministerio-reduz-em-34-verba-para-combater-incendios-em-2020.html\">34-prozentige Etatk&uuml;rzung f&uuml;r die Brandbek&auml;mpfung<\/a> im Jahr 2020 bekannt. Von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5035\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-54625-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190907-Die-Schlacht-um-Amazonien-Bolsonaro-die-USA-und-die-Waldmenschen-Fuellgraf-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190907-Die-Schlacht-um-Amazonien-Bolsonaro-die-USA-und-die-Waldmenschen-Fuellgraf-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190907-Die-Schlacht-um-Amazonien-Bolsonaro-die-USA-und-die-Waldmenschen-Fuellgraf-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190907-Die-Schlacht-um-Amazonien-Bolsonaro-die-USA-und-die-Waldmenschen-Fuellgraf-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=54625-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190907-Die-Schlacht-um-Amazonien-Bolsonaro-die-USA-und-die-Waldmenschen-Fuellgraf-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"190907-Die-Schlacht-um-Amazonien-Bolsonaro-die-USA-und-die-Waldmenschen-Fuellgraf-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Erstes Signal daf&uuml;r, dass Bolsonaro bald eine radikale Amazonien-Wende mit den USA einl&auml;uten k&ouml;nnte, war die Ablehnung des vom franz&ouml;sischen Pr&auml;sidenten Emmanuel Macron auf dem j&uuml;ngsten G7-Gipfel angebotenen <a href=\"https:\/\/exame.abril.com.br\/mundo\/eua-nao-concordaram-com-proposta-de-ajuda-do-g7-a-amazonia\/\">20-Millionen-Dollar-ad-hoc-Hilfspakets<\/a> zur Bek&auml;mpfung der Amazonas-Br&auml;nde durch die Donald-Trump-Regierung. Garrett Marquis, Sprecher des Nationalen Sicherheitsrats (NSC), erkl&auml;rte, die USA h&auml;tten keiner gemeinsamen G7-Initiative zugestimmt, seien jedoch bereit, Brasilien bei der Brandbek&auml;mpfung zu helfen, und zwar &bdquo;am besten in Abstimmung mit der brasilianischen Regierung&ldquo;. Im Schulterschluss mit dem Bolsonaro-Regime forderten die USA, dass die brasilianische Regierung an den Konsultationen mit der G7-Gruppe beteiligt werde.<\/p><p>In einem Kommentar zum G7-Gipfel &ndash; dem Russland im G8-Format bis 2014 angeh&ouml;rte &ndash; schlug seinerseits der russische Pr&auml;sident Wladimir Putin eine Erweiterung der G7-Gruppe um die T&uuml;rkei, Indien und China vor, <a href=\"https:\/\/bhaz.com.br\/2019\/09\/05\/putin-brasil-g7-bolsonaro\/\">ohne dabei Brasilien zu erw&auml;hnen<\/a>; was als Hinweis auf die vom Bolsonaro-Regime erzeugten Risse und Entfremdungen in der internationalen Szene, inklusive im Kreis der BRICS-Staaten, gewertet wird.<\/p><p><strong>Bolsonaros Geschenk an die USA<\/strong><\/p><p>Unterdessen landeten auch Korrespondenten und Sonderreporter verschiedener deutscher Leitmedien auf dem Boden des niedergebrannten Regenwalds. Spiegel-Korrespondent Jens Gl&uuml;sing (&ldquo;<a href=\"https:\/\/www.manager-magazin.de\/video\/grossfeuer-man-kann-dem-wald-beim-sterben-zusehen-video-99029303.html\">Man kann dem Wald beim Sterben zusehen<\/a>&ldquo;) best&auml;tigte nahezu vollauf die Hinweise des <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54489\">j&uuml;ngsten NachDenkSeiten-Artikels<\/a> auf die destruktive, teils m&ouml;rderische Rolle des Agrobusiness in Amazonien. &ldquo;In Brasiliens Amazonasgebiet herrscht ein brutaler Krieg um nutzbares Land, um die letzten Edelholz-Vorkommen. Kleinbauern k&ouml;nnen sich nur behaupten, wenn sie gegen die Gro&szlig;grund-Mafia aufr&uuml;sten. Gibt es einen Ausweg?&rdquo;, beklagt Gl&uuml;sing.<\/p><p>Mit verst&auml;ndlichem Fokus auf das j&uuml;ngst unterzeichnete, jedoch wegen der Amazonienbr&auml;nde umstrittene und bedrohte Freihandelsabkommen mit der EU haben deutsche Medien bisher noch nicht die andere Karte, n&auml;mlich Bolsonaros verstecktes As im &Auml;rmel im Amazonien-Gerangel, erkannt, geschweige denn untersucht. Der diesj&auml;hrige Umfang der Br&auml;nde soll kein Zufall, sondern mit der <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54318\">Zerschlagung von Brasiliens Umweltaufsichtsbeh&ouml;rden<\/a> offenbar die erste Stufe eines politischen Plans gewesen sein.<\/p><p>Die zweite Stufe des Plans nahm Bolsonaro allerdings im vergangenen April in einem Interview mit dem Radiosender Jovem Pan vorweg, in dem er <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=FSOAahACt_Y&amp;feature=youtu.be&amp;t=702\">ab Minute 11:42<\/a> best&auml;tigte, er habe w&auml;hrend seines Anfang April stattgefundenen Besuchs in Washington US-Pr&auml;sident Donald Trump die &bdquo;partnerschaftliche Exploration Amazoniens&ldquo; angeboten. Von Freudscher Fehlleistung verraten oder angetrieben von seinen &uuml;blichen Phantastereien hatte der ehemalige Abgeordnete Bolsonaro in einem anderen <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=4cxe2wks3e8\">Interview vom Februar 2016<\/a> indes behauptet, &bdquo;Amazonien geh&ouml;rt uns nicht!&ldquo;.<\/p><p><strong>&bdquo;Indianer-Reservate behindern Brasilien&ldquo;: der programmierte Eklat zwischen Bolsonaro und Papst Franziskus<\/strong><\/p><p>Wohl eher als Provokation zu verstehen, &uuml;berraschte das Eingest&auml;ndnis, denn es stammte von einem ehemaligen Heeresoffizier, dessen Waffengattung seit Jahrzehnten genau das Gegenteil predigt, n&auml;mlich die Bedrohung der brasilianischen Souver&auml;nit&auml;t &uuml;ber 2\/3 des gr&ouml;&szlig;ten Regenwald-Bioms der Erde. Je nach politischer Konjunkturlage malten Offiziere der brasilianischen Streitkr&auml;fte, vor allem w&auml;hrend der Milit&auml;rdiktatur (1964-1985), wiederholt das Gespenst an die Wand, Amazonien werde von &bdquo;ausl&auml;ndischer Gier und Enteignung bedroht&ldquo;; eine Legende, deren Br&uuml;che und Widerspr&uuml;che auch <a href=\"https:\/\/www.bbc.com\/portuguese\/brasil-49363394\">die britische BBC unl&auml;ngst besch&auml;ftigte<\/a>.<\/p><p>Doch Jahrzehnte sp&auml;ter hat sich das Wahnbild gewandelt. Statt multinationaler Konzerne, Banken und fremder Regierungen sehen einflussreiche Milit&auml;rs nun die ausgedehnten Indianer-Reservate, ausl&auml;ndische Umwelt-Organisationen, die katholische Kirche und selbst die staatliche Indianer-Schutzbeh&ouml;rde (Funai) als die feindlichen Protagonisten. Indianische Territorien (&ldquo;Terras Ind&iacute;genas&ldquo;) bilden nach Buchstaben und Geist der demokratischen Verfassung Brasiliens von 1988 ein unver&auml;u&szlig;erliches Erbe. Das Indianerland geh&ouml;rt pro forma dem brasilianischen Staat, doch ist es unverletzlich, nicht verhandelbar und soll dauerhaft von der indigenen Bev&ouml;lkerung bewohnt, f&uuml;r ihre produktiven T&auml;tigkeiten sowie f&uuml;r die Erhaltung der nat&uuml;rlichen Ressourcen genutzt werden, die &ndash; per definitionem &ndash; &bdquo;f&uuml;r ihr Wohlbefinden sowie f&uuml;r ihre physische und kulturelle Fortpflanzung nach ihren Verwendungen, Br&auml;uchen und Traditionen erforderlich und unverzichtbar sind&ldquo;.<\/p><p>Die Gesamtfl&auml;che des Indianerlandes &auml;nderte sich in den vergangenen Jahrzehnten nach jeder Neubemessung und betrug 2009 rund 1,17 Millionen Km&sup2; oder 13,8 Prozent des gesamten brasilianischen Territoriums, auf denen knapp 850.000 Indigene leben. F&uuml;r die Gro&szlig;grundbesitzer ist dieses Zahlenverh&auml;ltnis eine Zumutung, f&uuml;r die Milit&auml;rs gar eine &bdquo;Verschw&ouml;rung&ldquo;. Gener&auml;le, wie Eduardo Villas Boas, unterstellen, viele Reservate seien auf Regenwaldb&ouml;den bewilligt worden, die immense Rohstoffvorkommen beherbergen, und w&uuml;rden somit die Indianer zu &bdquo;naiven Handlangern&ldquo; von Privatunternehmen machen. In Wahrheit dient die Verschw&ouml;rungstheorie der Verheimlichung des genauen Gegenteils, wie sich zeigen wird.<\/p><p>Bolsonaro schlussfolgerte daraus, die indigenen Reservate &ndash; zumeist Ahnen-Erbgrund &ndash; &bdquo;versuchen Brasilien das Leben unm&ouml;glich zu machen&ldquo;, und verspricht seit seiner Pr&auml;sidentschaftskandidatur, einen <a href=\"https:\/\/oglobo.globo.com\/sociedade\/bolsonaro-diz-que-reservas-indigenas-buscam-inviabilizar-brasil-23908043\">Gro&szlig;teil der Reservate abzuschaffen<\/a>. &bdquo;So wie es aussieht, werden wir Amazonien verlieren&rdquo;, erkl&auml;rte er im Interview mit Radio Jovem Pan und gab den Verschw&ouml;rungstheorien seiner uniformierten Kollegen noch eins drauf: Die Vereinten Nationen w&uuml;rden mit den indigenen V&ouml;lkern die M&ouml;glichkeit diskutieren, neue L&auml;nder in Amazonien zu gr&uuml;nden und von Brasilien zu trennen (<em>sic!<\/em>).<\/p><p>Die amazonischen Fake News des Bolsonaro-Regimes setzen auf Konfrontationskurs mit dem Vatikan. Der Eklat k&ouml;nnte in wenigen Wochen in Rom z&uuml;nden, wohin Papst Franziskus vom 6. bis 27. Oktober eine Tagung der Amazonas-Synode einberufen hat, die <a href=\"https:\/\/www.brasil247.com\/blog\/havera-um-grande-confronto-entre-bolsonaro-e-o-papa-com-reflexos-em-toda-america-latina\">von Bolsonaro sofort als &bdquo;subversiv&ldquo; verschrien<\/a> wurde. Unter der Devise &ldquo;Amazonien: Neue Wege f&uuml;r die Kirche und f&uuml;r eine integrale &Ouml;kologie&rdquo; werden 250 Bisch&ouml;fe und Kardin&auml;le aus aller Welt, Fachberater, Wissenschaftler, Umwelt-NGOs, Vertreter der amazonischen V&ouml;lker sowie anderer Glaubensgemeinschaften und F&uuml;hrer sozialer Bewegungen Amazoniens drei Wochen lang Entwicklungs- und Erhaltungs-Alternativen zum gegenw&auml;rtigen Zerst&ouml;rungstrieb des mit dem Weltmarkt verzahnten, aggressiven Agrobusiness diskutieren und beschlie&szlig;en.<\/p><p>Die Synode wurde im Oktober 2017 vom Papst einberufen und wird seitdem von Repam (Pan-Amazonisches Kirchliches Netzwerk) vorbereitet. Die Organisation wird von dem brasilianischen Kardinal Claudio Hummes, einem Vertrauensmann des Papstes und Freund des inhaftierten Ex-Pr&auml;sidenten Lula, geleitet. Au&szlig;er Brasilien umfasst das Netzwerk Organisationen, Bewegungen, Di&ouml;zesen und Initiativen der katholischen Kirche in Kolumbien, Peru, Venezuela, Ecuador, Bolivien, Britisch-Guayana, Franz&ouml;sisch-Guayana und Suriname; also L&auml;nder, die die gesamtamazonische Staatengemeinschaft bilden.<\/p><p>F&uuml;r das Netzwerk und den Papst muss der Regenwald als vielf&auml;ltige Dimension der indigenen Territorien und V&ouml;lker und als Erbe der Menschheit angesehen werden. Dieser Ansatz wird von Bolsonaro und dem brasilianischen Milit&auml;r als Affront gewertet. Die Milit&auml;rs lie&szlig;en verlauten, sie w&uuml;rden die Tagung <a href=\"https:\/\/politica.estadao.com.br\/noticias\/geral,bolsonaro-diz-que-abin-monitora-sinodo-da-amazonia,70002991566\">bereits im Vorbereitungsstadium &bdquo;&uuml;berwachen&ldquo;<\/a>. Selbstverst&auml;ndlich darf ein Frontalzusammensto&szlig; der Amazonien-Agenda ihrer Bewohner und der progressiven Kirche mit der apokalyptischen Freibeuterei des Bolsonarismus erwartet werden, der nach der R&uuml;ckkehr der Indigenen und der sozialen Bewegungen aus Rom keine Repression scheuen wird.<\/p><p><strong>Von Orellana bis Donald Trump: die kapitalistische Internationalisierung Amazoniens<\/strong><\/p><p>Der paranoid anmutende, eifers&uuml;chtige Besitzanspruch brasilianischer Geopolitiker auf Amazonien darf unter anderem davon abgeleitet werden, dass zwei Drittel des Bioms erst im 18. Jahrhundert von der portugiesischen Kolonialmacht einverleibt wurden und seitdem als brasilianisch gelten. Davor geh&ouml;rte das gigantische Gebiet zu Spanien. Es dehnte sich vom Pazifik zum Atlantik aus und umfasste den gr&ouml;&szlig;ten Teil Ecuadors und Perus, die S&uuml;dspitze Kolumbiens, die Nordspitze Boliviens und den &ouml;stlichen Ausl&auml;ufer in Brasilien.<\/p><p>Der deutsche Kaiser Karl V. &ndash; zugleich auch Spaniens K&ouml;nig Karl I. &ndash; machte 1529 aus Amazonien das Vize-K&ouml;nigreich Nueva Castilla und seinem Kapit&auml;n zur See, Francisco Orellana, ist &uuml;berhaupt die Entdeckung des Amazonas-Stroms mit dessen voller Bereisung &ndash; von den Andenh&auml;ngen bis zum Atlantik &ndash; zu verdanken.<\/p><p>Juristische Grundlage f&uuml;r die spanische Possession bildete der Vertrag von Tordesilhas vom Juni 1494, womit Spanien sich nicht den L&ouml;wen-, sondern den Elefantenteil S&uuml;damerikas unter die Krallen der Krone riss und Portugal mit der heutigen, nordost- bis s&uuml;dostbrasilianischen Atlantikk&uuml;ste abservierte. Der Vertrag wurde wohlgemerkt in Vorahnung unbekannter Territorien und neuer Entdeckungen s&uuml;dlich der Karibik unterzeichnet. Zwei lange Jahrhunderte vergingen nach der &bdquo;Entdeckung&ldquo; Brasiliens im Jahr 1500, bis die Portugiesen und ihre brasilianischen Nachkommen den Marsch gen Nordwest antraten und Spanien das heutige Zentralbrasilien und Amazonien abnahmen.<\/p><p>Danach, insbesondere nach der brasilianischen Unabh&auml;ngigkeit (1822), d&ouml;ste Amazonien ein weiteres Jahrhundert in einer neuen Regenwald-Siesta. Dann entdeckten Kopfj&auml;ger und Indianer-Versklaver die <em>Hevea brasiliensis<\/em> &ndash; den Kautschukbaum &ndash; errichteten im Dschungel eines der menschenfeindlichsten Imperien, das dem Reich der Finsternis an Grausamkeit nicht nachstand und vom irischen Diplomaten in britischem Dienst und Joseph-Conrad-Freund <a href=\"https:\/\/www.irishtimes.com\/culture\/heritage\/why-roger-casement-is-still-remembered-by-the-people-of-the-amazon-1.2737575\">Roger Casement untersucht<\/a> wurde. Vor Casements Putumayo-Ermittlungen bev&ouml;lkerte bereits um 1870 eine gewaltsame Besetzung Amazoniens gar die Phantasie US-amerikanischer Ranchbesitzer, die ihre Plantagen samt afrikanischen Sklaven nach Amazonien ausdehnen und das Territorium den USA einverleiben wollten.<\/p><p>Die Ausbeutung des gr&ouml;&szlig;ten geschlossenen Regenwalds des Planeten durch US-Unternehmen findet allerdings seit knapp 100 Jahren statt. Sie begann 1927 mit dem gescheiterten <em>Fordl&acirc;ndia<\/em>-Experiment im Bundesstaat Par&aacute;. Mit der Anlage gigantischer Kautschuk-Plantagen und einer Dschungelstadt wollte Henry Ford die Versorgung seiner Detroiter Automobilfabrik mit Gummireifen sicherstellen. Mit dem &Uuml;berfall einer Parasitenart auf den f&uuml;r Monokultur v&ouml;llig ungeeigneten <em>Hevea<\/em>-Baum scheiterte das Projekt auf erb&auml;rmliche Weise und wurde von Fords Sohn rund zwanzig Jahre sp&auml;ter eingestellt und stillschweigend ver&auml;u&szlig;ert.<\/p><p>Weitere zwanzig Jahre sp&auml;ter nutzte der US-Milliard&auml;r Daniel Ludwig die Gunst der Stunde und erwarb 1967, w&auml;hrend der Milit&auml;rdiktatur, ein Gebiet zwischen den Bundesstaaten Par&aacute; und Amap&aacute; mit der Ausdehnung des US-Bundesstaats Connecticut, also rund 14.500 Km2 gro&szlig;. Ziel war die Errichtung eines monumentalen landwirtschaftlichen Projekts und Ludwig rangierte damals als der gr&ouml;&szlig;te Grundbesitzer in der westlichen Welt.<\/p><p>Die Pracht des Jari war indes von Chaos durchsetzt. Die Region verf&uuml;gte &uuml;ber keinerlei Infrastruktur und erforderte den Bau von H&auml;fen, Eisenbahnen und 9.000 Stra&szlig;enkilometern. Doch noch einmal plante ein sturer US-Amerikaner wider die Gesetze der Natur. Ludwig tr&auml;umte von einem &bdquo;Aufforstungsprojekt&ldquo; mit schnell wachsenden Gmelina-B&auml;umen, um mit dem Export den weltweit wachsenden Bedarf an Zellstoff zu decken. Zu den Ludwig-Visionen geh&ouml;rten ferner Bergbau, Viehzucht und Landwirtschaftsprojekte, die sehr bald Umweltsch&uuml;tzer auf den Plan riefen.<\/p><p>Ein thermoelektrisches Kraftwerk und die Zellstofffabrik wurden von Japan &uuml;ber einen 25.000 Kilometer langen Seeweg, der 53 Tage beanspruchte, mit Schleppern an die Amazonasm&uuml;ndung herantransportiert. Auf dem Gel&auml;nde entstand eine Stadt namens Monte Dourado mit 30.000 Einwohnern sowie ein Krankenhaus und Schulen. Die Zellstofffabrik und Ausr&uuml;stungen verschlangen rund 860 Millionen US-Dollar &ndash; insgesamt ein gigantischer Schuss in den Ofen, denn 1982 gab Ludwig das Projekt ergebnislos auf. An den Verhandlungen war der starke Mann des Milit&auml;rregimes, General Golbery do Couto e Silva, beteiligt.<\/p><p>Ludwigs Kapitulation erkl&auml;rte sich aus massivem Widerstand gegen eine bef&uuml;rchtete Verw&uuml;stung des Amazonas-Regenwaldes und seine Auswirkungen. Die Bef&uuml;rchtung gipfelte 1979 in einer parlamentarischen Untersuchungskommission, deren erstaunlicher Abschlussbericht keine direkten Hinweise auf Regenwald-Zerst&ouml;rung enth&auml;lt. Wahrscheinlich, weil die brasilianische Orsa-Gruppe, die Jari erwarb, sich keines Umwelt-Passivs schuldig machen wollte und sich seit 2004 vom umstrittenen Forest Stewardship Council zertifizieren l&auml;sst.<\/p><p>Fern der Amazonas-M&uuml;ndung in den Atlantik stieg in den Jahren des Soja-Booms im westlichen Rond&ocirc;nia allerdings wieder ein US-Konzern zum rangersten Protagonisten des &bdquo;brasilianischen&ldquo; Agrobusiness&acute; auf: Cargill. &Uuml;ber den m&auml;chtigen US-Konzern <a href=\"https:\/\/stories.mightyearth.org\/cargill_a_pior_empresa_do_mundo\/\">schrieb der ehemalige demokratische Abgeordnete Henry A. Waxman<\/a>:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Menschen, die krank wurden oder an Cargills vergiftetem Fleisch gestorben sind, die (illegal) arbeitenden Kinder, die den von Cargill f&uuml;r die Weltschokolade verkauften Kakao anbauen, die Amerikaner des Mittleren Westens, die Wasser trinken, das von Cargill verschmutzt wurde, die Ureinwohner, die durch die Abholzung von W&auml;ldern vertrieben wurden, Cargills Tierfutter anzubauen und die Durchschnittsverbraucher, die aufgrund von Cargills finanziellem Unrecht mehr daf&uuml;r bezahlten, Lebensmittel auf den Tisch zu stellen &ndash; sie alle sp&uuml;rten die Auswirkungen dieses Giganten der Agrarindustrie. Ihr Leben ist schlimmer, weil sie mit Cargill Kontakt bekamen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Das schert Donald Trumps Lobbyisten wenig. Das US-amerikanische Internet-Magazin <a href=\"https:\/\/theintercept.com\/2019\/08\/26\/lobistas-partido-republicano-empresas-eua-explorar-amazonia\/\"><em>The Intercept<\/em> berichtete<\/a> auf dem H&ouml;hepunkt der Amazonas-Br&auml;nde:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ein F&uuml;nftel des Amazonas ist in den letzten 50 Jahren zerst&ouml;rt worden. Eine weitere Industrialisierung des Regenwaldes k&ouml;nnte ein weiteres F&uuml;nftel zerst&ouml;ren, ein Verlust, der f&uuml;r das globale &Ouml;kosystem katastrophal w&auml;re.<\/p>\n<p>Die Katastrophe ist gr&ouml;&szlig;tenteils auf Interessen zur&uuml;ckzuf&uuml;hren, die darauf abzielen, den gr&ouml;&szlig;ten Regenwald der Welt zu &ouml;ffnen, um Platz f&uuml;r Viehzucht, Bergbau und exportorientierte Agrarindustrie zu schaffen. Vertrauliche Dokumente enth&uuml;llen, dass diese Interessen in den USA von republikanischen Pro-Trump-Lobbyisten gef&ouml;rdert werden, die Gespr&auml;che mit der brasilianischen Regierung aufgenommen haben, um Unternehmensinvestitionen im Amazonasgebiet zu f&ouml;rdern&ldquo;.\n<\/p><\/blockquote><p>Zu den Beg&uuml;nstigten geh&ouml;rt der mehr als umstrittene Blackstone-Hedgefonds-Konzern, der &uuml;ber US-amerikanische Mutterkirchen seit Jahren in Brasilien ein ausgedehntes Netzwerk fanatischer evangelikaler Sekten finanziert, das vor Amazonien nicht Halt machte. Das w&auml;re Bolsonaros Geschenk.<\/p><p>Titelbild: Darius Sul\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das vom brasilianischen Pr&auml;sidenten Jair Bolsonaro am vergangenen 28. August erlassene <a href=\"https:\/\/catracalivre.com.br\/cidadania\/bolsonaro-assina-decreto-que-proibe-queimadas-no-pais-por-60-dias\/\">Brandverbot f&uuml;r die n&auml;chsten 60 Tage<\/a> wurde mittlerweile wieder von ihm <a href=\"https:\/\/g1.globo.com\/politica\/noticia\/2019\/08\/31\/governo-altera-decreto-e-restringe-proibicao-de-queimada-a-amazonia-legal.ghtml\">zur&uuml;ckgenommen und abgeschw&auml;cht<\/a>. Das Verbot erstreckte sich zun&auml;chst auf das gesamte brasilianische Territorium, wurde jedoch wenige Tage sp&auml;ter auf die Bundesstaaten des Amazonas-Beckens begrenzt. Wo das Feuer sich trotzdem weiter durch<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54625\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":54626,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[20,176],"tags":[1692,2714,984,2454,1613,2138,593,2196,525,1556],"class_list":["post-54625","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-landerberichte","category-umweltpolitik","tag-agrarwirtschaft","tag-amazonien","tag-blackstone","tag-bolsonaro-jair","tag-brasilien","tag-ford","tag-g7820","tag-indigene-voelker","tag-papst","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/shutterstock_1486091657.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/54625","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=54625"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/54625\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":54848,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/54625\/revisions\/54848"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/54626"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=54625"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=54625"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=54625"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}