{"id":54646,"date":"2019-09-09T08:58:58","date_gmt":"2019-09-09T06:58:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54646"},"modified":"2019-09-09T09:33:01","modified_gmt":"2019-09-09T07:33:01","slug":"rezo-fridays-for-future-und-die-initiative-neue-soziale-marktwirtschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54646","title":{"rendered":"Rezo, Fridays for future und die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft"},"content":{"rendered":"<p>Es ist schon einige Monate her, als Rezo mit seinem Video &bdquo;die Zerst&ouml;rung der CDU&ldquo; f&uuml;r erheblichen Wirbel sorgte. Das Video hat mittlerweile mehr als 15,8 Mio. Aufrufe und hatte selbst das Ergebnis der Europawahl beeinflusst. Es hat offensichtlich einen Nerv getroffen und das Bauchgef&uuml;hl einer ganzen Generation zum Ausdruck gebracht. Rezos Video behandelt viele Themen, hatte aber als Schwerpunkt das, was seit Monaten und auch in den Schulferien haufenweise junge Menschen auf die Stra&szlig;e getrieben hat: die Angst vor einer zerst&ouml;rten Zukunft aufgrund der Folgen des Klimawandels und der Wut dar&uuml;ber, dass nur geredet, aber nicht gehandelt wird. Ohne die Fridays-for-future-Bewegung w&auml;re das Rezo-Video niemals auf so viel Interesse gesto&szlig;en und w&auml;re niemals so viral gegangen. Was werden die Folgen des Rezo-Videos sein? Von <strong>Tina Ternus<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nZum einen werden sich Lobbyagenturen in Zukunft verst&auml;rkt der YouTube-Szene widmen und ihre Einflussnahme, die ohnehin bereits im Internet zu beobachten ist, auch auf dieses Medium ausweiten. Zum Zweiten war abzusehen, dass deutsche Gro&szlig;konzerne und deren Wirtschaftsverb&auml;nde der Wucht der Fridays-for-future-Bewegung oder der erstaunlichen Verbreitung von Rezos Video nicht tatenlos zusehen. Seit Ende Juni hat die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft eine neue Themenkampagne begonnen: &bdquo;Klimaschutz&ldquo;. Am 27.06.2019 verk&uuml;ndete sie auf ihrer Facebook-Seite:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Seit der Europawahl ist klar: Der Klimawandel ist in der Mitte der politischen Debatte angekommen. Aber zwischen Klimazielen und Emissionshandel befinden sich vielz&auml;hlige weitere komplexe Themen. Wir wollen mit unserer Faktensammlung Klarheit schaffen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Die <strong>Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM)<\/strong> mit Sitz in Berlin ist eine Lobbyorganisation deutscher Gro&szlig;unternehmen, die sich den Anschein von Unabh&auml;ngigkeit und &Uuml;berparteilichkeit gibt. Alleingesellschafterin der INSM GmbH ist die IW Medien GmbH, die wiederum eine 100-prozentige Tochter des IW K&ouml;ln ist. Das IW K&ouml;ln (fr&uuml;her Deutsches Industrie Institut DI) hat bereits seit der Gr&uuml;ndung im Jahr 1951 als Tr&auml;gervereine die beiden Wirtschaftsverb&auml;nde BDI und BDA. Man k&ouml;nnte auch sagen, dass die INSM so etwas wie die PR-Abteilung von BDI und BDA ist.<\/p><p><em>Die Gr&uuml;ndung der INSM war zudem der <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34849\">Anlass zur Gr&uuml;ndung der NachDenkSeiten<\/a>. In der zugeh&ouml;rigen Kategorie <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?cat=128\">&bdquo;INSM&ldquo;<\/a> finden Sie bei uns zahlreiche interessante Texte &uuml;ber das Wirken der Lobbyorganisation.<\/em><\/p><p>Diese f&uuml;hrte ab dem Jahr 2000, seit ihrer Gr&uuml;ndung, einen regelrechten Feldzug gegen den Sozialstaat. Die Agenda 2010, die Einf&uuml;hrung der privaten Altersvorsorge, die Zunahme an Mini-Jobs, Werkvertr&auml;gen und vieles mehr sind Ergebnisse der direkten und indirekten INSM-Lobbyarbeit. Sie nennt sich Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, doch das &bdquo;Neue&ldquo; l&auml;sst sich am besten &uuml;bersetzen mit KEINE SOZIALE Marktwirtschaft. Seitdem 2012 Wolfgang Clement Kuratoriumsvorsitzender der INSM geworden ist, ist auch die Umwelt- und Energiepolitik dazugekommen.<\/p><p>2012 gab es den f&uuml;r diese Lobbyorganisation so typischen Etikettenschwindel in Form der INSM-Kampagne &bdquo;EEG stoppen &ndash; Energiewende retten&ldquo;. Nachdem Jahre zuvor, durch Einflussnahme vom BDI mittels der sehr stark gestiegenen Industrieausnahmen sowie Einflussnahme des BDEW mittels des 2009 ge&auml;nderten W&auml;lzungsmechanismus und Implementierung des EEG-Paradoxons durch Merit-Order und sinkende B&ouml;rsenstrompreise, die EEG-Umlage k&uuml;nstlich aufgebl&auml;ht wurde und unvergleichlich st&auml;rker anstieg, als sie allein durch die F&ouml;rderkosten neuer EEG-Anlagen angestiegen w&auml;re, wurde das EEG und die dadurch bis dahin erfolgte Energiewende in einer beispiellosen Hetzkampagne medial zum Abschuss freigegeben.<\/p><p>Das Ergebnis war ein kompletter Zusammenbruch des Photovoltaik-Zubaus mit 80.000 verlorenen Arbeitspl&auml;tzen vor allem im Handwerk und Handel sowie der seit 2018 erfolgte Zusammenbruch des Onshore-Wind-Zubaus, zus&auml;tzlich verst&auml;rkt durch Gegenbewegungen wie &bdquo;Gegenwind&ldquo; oder &bdquo;Vernunftkraft&ldquo;. Der erwartete Arbeitsplatzverlust bei Wind-Onshore liegt bei derzeit 40.000. Die Arbeitsplatzargumentation (Braunkohle 20.851 + Steinkohle 8.400) des Wirtschaftsministers Altmaier gegen den von Fridays for future geforderten Kohleausstieg bis 2030 entlarvt sich in Anbetracht dessen als das, um was es wirklich geht: Schutz vor stranded Investments f&uuml;r diejenigen, die in fossile Energien investiert haben.<\/p><p>Mit der INSM-Themenkampagne von 2012 wurde nicht die Energiewende gerettet, sondern eher <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/wirtschaft\/boerse\/rwe-143.html\">die gro&szlig;en Stromkonzerne<\/a> vor der bis dahin erfolgten B&uuml;rgerenergiewende. Denn das von der INSM propagierte &bdquo;Wettbewerbsmodell Erneuerbare Energien&ldquo;, umgesetzt durch die EEG-Novelle 2014 und 2017, ist ma&szlig;geschneidert f&uuml;r die gro&szlig;en Energieunternehmen. Zum einen hat es l&auml;stige Konkurrenz aus dem Weg ger&auml;umt, den Prozess des Wandels gebremst und zugleich den Weg daf&uuml;r geebnet, selbst mehr Marktanteile bei erneuerbaren Energien zu gewinnen. Dieser Anteil war bislang verschwindend gering.<\/p><p>Das fr&uuml;here EEG glich n&auml;mlich einem gewaltigen Umverteilungsprogramm. Die Einnahmen aus der Stromproduktion landeten nicht wie im fossil-atomaren System ausschlie&szlig;lich auf den Konten von b&ouml;rsennotierten Aktiengesellschaften, sondern kamen zu gro&szlig;en Teilen auch unz&auml;hligen Landwirten, Familien, Stadtwerken, Gemeinden, Energiegenossenschaften, Handwerksbetrieben und mittelst&auml;ndischen Produktionsbetrieben zugute.<\/p><p>Wer mit dem Zug von Nord nach S&uuml;d f&auml;hrt, kann diesen Wandel deutlich sehen. Als die Zahl der Energiegenossenschaften rasant anstieg, diese mit innovativen PV-Mieterstrommodellen den Bev&ouml;lkerungskreis der B&uuml;rgerenergiewende erweitern konnten und endlich auch Mieter im sozialen Wohnungsbau vom EEG profitierten, wurde von der INSM und dem Ausf&uuml;hrungsorgan Altmaier eilig die Notbremse gezogen. Mit Ausschreibungen, verpflichtender Direktvermarktung ab 100 Kilowatt und einer Eigenverbrauchsabgabe &ndash; f&uuml;r Direktlieferungen von Solarstrom muss EEG-Umlage in voller H&ouml;he gezahlt werden &ndash; wurde gerade den Genossenschaften die <a href=\"https:\/\/www.genossenschaften.de\/eeg-pl-ne-stoppen-regionale-investitionen-von-300-millionen-euro-0\">wirtschaftliche Grundlage f&uuml;r ihre Mieterstromprojekte entzogen<\/a>.<\/p><p>Das &uuml;berbordend b&uuml;rokratische Mieterstromgesetz, das 2017 eingef&uuml;hrt wurde, war ebenfalls wieder Etikettenschwindel. In der Realit&auml;t brachte es weitaus mehr Hemmnisse und Einschr&auml;nkungen f&uuml;r Mieterstrommodelle als Chancen. Gerade einmal gut 1,5 Prozent des m&ouml;glichen F&ouml;rderrahmens von 1.000 Megawatt &ndash; konkret 15 Megawatt &ndash; sind nach knapp zwei Jahren ausgesch&ouml;pft worden.<\/p><p>Offshore-Wind wurde bei dem Kahlschlag gegen die erneuerbaren Energien &uuml;brigens ausgelassen und steht auch nicht medial unter Beschuss. Obwohl dieser Marktanteil seit 2013 regelrecht explodierte, mehrere Jahre die h&ouml;chste Einspeiseverg&uuml;tung bekam und Preistreiber bei der EEG-Umlage wurde. Offshore-Wind wurde im Gegensatz zu den anderen Erneuerbare-Energie-Arten nicht zum gr&ouml;&szlig;ten Teil von Landwirten, Familien, Schulinitiativen, Energiegenossenschaften oder mittelst&auml;ndischen Betrieben errichtet. Offshore-Wind in Deutschland ist fest in der Hand gro&szlig;er Energiekonzerne, Banken, Versicherungen und Investmentgesellschaften weltweit. Hier gibt es keine Genossenschaften.<\/p><p>Einen guten Einblick in die Arbeitsweise der INSM erh&auml;lt man &uuml;ber diese drei Videos von Politmagazinen aus dem Jahr 2005. Die Themen und K&ouml;pfe waren v&ouml;llig andere als heute. Die Methoden sind aber identisch geblieben.<\/p><ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ZSYdNgd8y98\">Monitor<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=TMaK3Ia65Jo\">plusminus<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ppxbDVxwuxY\">ZAPP<\/a><\/li>\n<\/ul><p>INSM-Kampagnen werden umgesetzt, indem zun&auml;chst Begriffe der Gegenseite (&bdquo;sozial&ldquo;, &bdquo;Gerechtigkeit&ldquo;, &bdquo;Energiewende&ldquo;) okkupiert werden und daf&uuml;r gesorgt wird, eine neue Assoziation zu den Begriffen im &ouml;konomischen Interesse von Wirtschaftsunternehmen und Verm&ouml;genden herbeizuf&uuml;hren. Der INSM-Content wird permanent &uuml;ber alle Kan&auml;le geflutet, ohne dass der Absender sichtbar wird. Durch dauerhaftes, intransparentes, fl&auml;chendeckendes Platzieren und Erzeugen von Schlagzeilen in Print, TV, Funk und Internet &uuml;ber einen langen Zeitraum werden die INSM-Botschaften in die K&ouml;pfe der Menschen gebracht. Erg&auml;nzt werden INSM-Themenkampagnen durch Anzeigen- und Plakatkampagnen.<\/p><p>Hinzu kommt Einflussnahme in Talkshows (von 6 Talkshowg&auml;sten sind z.B. 3-4 INSM-Botschafter oder &bdquo;prominente K&ouml;pfe&ldquo; der jeweiligen Themenkampagne, ohne dass deren INSM-Zugeh&ouml;rigkeit kenntlich gemacht wird). Das Erstellen von einseitigen Unterrichtsmaterialien f&uuml;r Lehrer im Sinne der Interessen von Gro&szlig;unternehmen &uuml;ber das Lehrerportal <a href=\"https:\/\/www.wirtschaftundschule.de\/\">Wirtschaft und Schule<\/a> setzt der Meinungsbeeinflussung noch die Krone auf. Parallel findet durch betroffene Wirtschaftsverb&auml;nde direkte Einflussnahme auf Politiker und beim Erstellen von Texten f&uuml;r Gesetzesvorschl&auml;ge statt.<\/p><p>Die Interessensorganisation der gro&szlig;en deutschen Wirtschaftsunternehmen stellt sich nach au&szlig;en als &bdquo;Anwalt des kleinen Mannes&ldquo; dar, die soziale Marktwirtschaft, Gerechtigkeit, Energiewende oder Klimaschutz will. Sie bewirkt mit ihren Vorschl&auml;gen und den daraus generierten Gesetzesvorlagen aber immer genau das Gegenteil dessen, was sie vorgibt, erreichen zu wollen.<\/p><p>Die aktuelle INSM-Themenkampagne lautet also &bdquo;Klimaschutz&ldquo;. Konkret hei&szlig;t das: 2-Grad-Ziel statt 1,5-Grad-Ziel, Emissionshandel statt schnellem Kohleausstieg, Ausbremsen schneller, massiver Klimaschutzma&szlig;nahmen f&uuml;r die Industrie, Verhindern von Energiewende und Verkehrswende, Verhindern einer CO2-Steuer, Erdgas-Offensive, Beenden EEG.<\/p><p>Noch vor einem Jahr gab es laut den der SZ vorliegenden <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/klimawandel-lobby-klimaziele-1.4134469\">internen Unterlagen<\/a> Lobbystrategieempfehlungen vom europ&auml;ischen Industrieverband BusinessEurope, wie zuk&uuml;nftig m&ouml;gliche sch&auml;rfere Vorgaben der EU-Kommission f&uuml;r Klimaschutz (auf 45 Prozent weniger Treibhausgase bis 2030, verglichen mit 1990) von seinen Mitgliedern (in Deutschland BDI und BDA) ausgebremst oder verhindert werden k&ouml;nnen.<\/p><ul>\n<li>Option 1: &bdquo;Umarmen&ldquo;, d.h. sich dem positiv gegen&uuml;ber verhalten, solange es ein rein politisches Papier bleibt und keine Auswirkungen auf die Industrie hat.<\/li>\n<li>Option 2: &bdquo;Verweis auf globales Spielfeld&ldquo; Die Industrie Europas k&ouml;nne nicht alleine vorneweg gehen, denn dies bedrohe die Wettbewerbsf&auml;higkeit.<\/li>\n<li>Option 3: &bdquo;challenge the process&ldquo;: Bei dieser Lobbystrategie stellt die Industrie den gesamten Prozess infrage, zweifelt an, ob die Klimaziele fair und transparent berechnet wurden, die &ouml;konomischen Folgen ausreichend abgesch&auml;tzt wurden oder neue Risiken drohen.<\/li>\n<li>Option 4: &bdquo;Minimieren&ldquo;. Diese Lobbystrategie ist die perfideste. Bei dieser Lobbystrategie setzt man darauf, andere gro&szlig;e Volkswirtschaften davon zu &uuml;berzeugen, zur EU aufzuschlie&szlig;en und den Umbau in Europa zum Erfolg zu machen. <strong>Die Industrie w&uuml;rde sich damit scheinbar an die Spitze der Klimasch&uuml;tzer setzen &ndash; und von dort aus die sch&auml;rferen Vorgaben minimieren.<\/strong><\/li>\n<\/ul><p>Wie wahrscheinlich ist es, dass Wirtschaftsverb&auml;nde und Unternehmen, die sich noch vor einem Jahr Strategien ausdachten bzw. von Lobbyagenturen ausarbeiten lie&szlig;en, wie man strengere Klimaschutzziele ausbremsen und verz&ouml;gern kann, es heute ernst meinen mit ihren Bekenntnissen zum Klimaschutz? Zumal sich zuf&auml;lligerweise jede der vier empfohlenen Lobbystrategien in den derzeit zu h&ouml;renden Argumentationen als auch auf der INSM-Website finden l&auml;sst.<\/p><p>Das Ziel von Wirtschaftsverb&auml;nden und der INSM als ausschlie&szlig;liches Instrument f&uuml;r Klimaschutz ist der Emissionszertifikatehandel ETS bzw. CO2-Deckel, wie es von den Kreativk&ouml;pfen der zuarbeitenden Kommunikationsagentur betitelt wurde. Emissionshandel gibt es seit 2005 in Europa, somit seit bereits 14 Jahren. Er ist ziemlich wirkungslos geblieben. Durch Lobbyeinfluss der CO2-erzeugenden Konzerne wurde daf&uuml;r gesorgt, dass ein riesiger &Uuml;berschuss an Zertifikaten auf den Markt kam, diese zu Beginn auch noch verschenkt wurden und den CO2 erzeugenden Stromkonzernen ein Zusatzgewinn von ca. 30 Mrd. Euro verschafft wurde, indem diese die betitelten CO2-Preise der in Wirklichkeit geschenkten Zertifikate auf die Stromkunden umlegten.<\/p><p>Der Emissionshandel setzt rein auf die Kr&auml;fte des Marktes und &uuml;berl&auml;sst den Klimaschutz ausschlie&szlig;lich den Akteuren, die das Problem verursacht haben: den gr&ouml;&szlig;ten Treibhausgas-Emittenten zusammen mit Finanzakteuren. Die Vergangenheit bewies zudem, dass das System maximal anf&auml;llig f&uuml;r Gesch&auml;ftemacherei und Betrug ist.<\/p><p>Investitionen l&ouml;st der ETS immer nur dann aus, wenn die Vermeidungskosten durch das Abschalten von Anlagen oder einer Investition zur Emissionsminderung geringer sind als das jeweils aktuelle oder f&uuml;r die Zukunft erwartete Preisniveau der Zertifikate. Die betroffenen Unternehmen kauften in der Realit&auml;t jedoch bereits in der Vergangenheit eher g&uuml;nstige Emissionsrechte (vor allem aus Osteuropa), als in die Reduktion von Treibhausgasen zu investieren, und sichern zuk&uuml;nftig m&ouml;glicherweise steigende Zertifikatspreise durch Sicherungsgesch&auml;fte, das sogenannte &bdquo;Hedging&ldquo;, ab. Schneller und effektiver Klimaschutz sieht anders aus.<\/p><p>Die genauen Zahlen und Grenzen des CO2-Deckels werden von der INSM nicht benannt. Diese werden sicherlich derzeit wie bei vorherigen Energie- und Umweltthemen auch von den in Berlin aktiven Lobbyisten der betroffenen Unternehmen und Wirtschaftsverb&auml;nde direkt <a href=\"http:\/\/www.klimaretter.info\/wirtschaft\/nachricht\/17185-rwe-spitzenreiter-im-lobbyismus\">mit dem Wirtschaftsministerium und Kanzleramt ausgehandelt<\/a>. Zusammen mit Ausnahmeregelungen, Beg&uuml;nstigungen u.a. M&ouml;glichst schmerzfrei f&uuml;r gro&szlig;e CO2-Emittenten und somit unwirksam.<\/p><p>Wie entscheidend diese Grenzen und Rahmenbedingungen sind, zeigte sich bereits 2004. Der damalige Bundeswirtschaftsminister und heutige INSM-Kuratoriumsvorsitzender Wolfgang Clement, der sich bereits als Ministerpr&auml;sident in Nordrhein-Westfalen f&uuml;r die Fortsetzung der Steinkohlesubventionen und der F&ouml;rderung gro&szlig;industrieller Braunkohle-Projekte wie Garzweiler II einsetzte, handelte im Sinne von RWE (von 2006-2012 war Clement Aufsichtsratsmitglied von RWE Power AG) bessere Emissionshandelskonditionen beim Nationalen Allokationsplan (NAP) f&uuml;r Energiekonzerne und Industrie aus. Im NAP wurde festgelegt, wie viel CO2 die Industrie insgesamt k&uuml;nftig aussto&szlig;en darf und wie diese Menge &uuml;ber Emissionszertifikate auf die einzelnen Kraftwerke und Fabriken verteilt wird. Greenpeace reagierte mit einer Aktion und projizierte einen Totenkopf in die Abgaswolke des RWE-Kraftwerks und an einen K&uuml;hlturm mit dem Spruch &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.presseportal.de\/pm\/6343\/541174\">Kohle-Clement zerst&ouml;rt unser Klima<\/a>&ldquo;. Das war 2004 &hellip;. wir haben heute 2019!<\/p><p>Hermann Scheer formulierte in seinem Buch &bdquo;der energ<strong>ethische<\/strong> Imperativ&ldquo; zum Emissionszertifikatehandel bereits 2010:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Der Handel mit den Zertifikaten oder deren Verrechnung findet innerhalb des Systems der fossilen Energieversorgung statt, konserviert damit deren Strukturen, wirkt innovationshemmend f&uuml;r Erneuerbare Energien und bremst auch dadurch den Energiewechsel. Die Rolle der konventionellen Energiekonzerne und deren Einfluss auf das Regierungshandeln bleiben weitgehend unangetastet. Aus Instrumenten des Klimaschutzes werden Vehikel f&uuml;r die Bestandssicherung der fossilen Energiewirtschaft.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Die Fridays-for-future-Jugend hatte im Rahmen ihrer Freitagsaktionen am 16. August Demonstrationen vor den Geb&auml;uden von INSM und IW in Berlin und K&ouml;ln mit dem Slogan &bdquo;INSM bedroht Paris. Profit oder Zukunft?&ldquo;. Die hektisch anmutende Reaktion der INSM war daraufhin, dauerhaft zu beteuern, dass sie ganz klar f&uuml;r die Ziele von Paris sei, auf das internationale Emissionshandelssystem zu dr&auml;ngen.<\/p><p>In Anbetracht von &uuml;ber 6.000 Lobbyisten in Berlin (bei 709 MdB) und ca. 30.000 Lobbyisten in Br&uuml;ssel ist der Emissionszertifikatehandel jedoch der leichteste Weg, durch direkten Zugriff auf die Ausgestaltung von Gesetzen, eine &ndash; nur in der lobby- und betrugsfreien Theoriewelt der &Ouml;konomen existierende m&ouml;gliche Klimawirksamkeit &ndash; wegzulobbyieren und konkrete &ouml;konomische Folgen f&uuml;r fossile Konzerne zu verhindern. Au&szlig;erdem wird das Tempo einer Energiewende oder Verkehrswende von den gr&ouml;&szlig;ten CO2-Emittenten und Finanzakteuren bestimmt. Eine Beschleunigung des Tempos durch die B&uuml;rger wie bei der Mitmach-Energiewende durch das EEG ist nicht m&ouml;glich.<\/p><p>Fossile Konzerne k&ouml;nnen sich somit verhalten wie bisher bzw. wie seit 1988, als Wissenschaftler bereits erstmals vor dem Klimawandel und dessen Folgen warnten und zum Umsteuern aufforderten.<\/p><p><strong>Klimaschutz verz&ouml;gern, verz&ouml;gern und noch einmal verz&ouml;gern.<\/strong><\/p><p>Wird die INSM-Themenkampagne &bdquo;Klimaschutz&ldquo; so ablaufen wie vorherige Themenkampagnen und in einer Kopie der INSM-Vorschl&auml;ge als Gesetzesvorlage f&uuml;r die Bundestagsabgeordneten enden? Nachfolgend sind die typischen Phasen von INSM-Themenkampagnen aufgezeigt:<\/p><p><strong>PHASE 1:<\/strong> Klimaschutz zum Thema machen (agenda setting). Betonen des gew&uuml;nschten Dialogs mit Fridays for future, Inhalte der Gegenseite werden noch weitgehend neutral wiedergegeben, ausgesuchte Personen (z.B. Luisa Neubauer) zun&auml;chst noch mit eingebunden, gleichzeitiges S&auml;en erster Zweifel, am Rande Diskreditieren ausgesuchter Akteure (<a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/inland\/trotz-klimaschutz-aufruf-rezos-youtuber-jetten-um-die-welt-16262703.html\">Rezo und YouTuber<\/a>), &Auml;ngste sch&uuml;ren beim kleinen Mann &uuml;ber explodierende Preise mit <a href=\"https:\/\/www.bild.de\/politik\/inland\/politik-inland\/co2-steuer-umweltministerin-schulze-stellt-neue-plaene-vor-63099344.bild.html\">gleichzeitiger Abstimmungsm&ouml;glichkeit in der BILD<\/a>.<\/p><p><strong>PHASE 2:<\/strong> Langsam die &ouml;ffentliche Meinung in Salamitaktik scheibchenweise in die eigene Richtung drehen. <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/gerhard-schroeder-findet-die-debatte-ums-klima-uebertrieben-a-1276134.html\">Zweifel an der Klimadebatte verst&auml;rken<\/a> &uuml;ber &bdquo;prominente K&ouml;pfe&ldquo; der INSM und <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article196143995\/Klimaschutz-CDU-Wirtschaftsrat-warnt-vor-Aktionismus.html\">Wirtschaftsrat der CDU<\/a>. Daf&uuml;r sorgen, dass die Ursprungsforderungen von Fridays for future (Kohleausstieg bis 2030, Streichen fossiler Subventionen, Umstieg zu 100% Erneuerbare Energien, Abschalten von 25% der Kohlekraftwerke) aus der Debatte gedr&auml;ngt werden. Vorstellen der INSM-Agenda (Emissionshandel, bzw. &bdquo;CO2-Deckel&ldquo;) f&uuml;r Klimaschutz durch wirtschaftsnahe Professoren. Verk&uuml;rzen der Diskussion auf zwei Antipoden: &bdquo;CO2- Steuer oder Emissionshandel&ldquo;. Daf&uuml;r sorgen, dass mehr und mehr nur noch Argumente und Vorschl&auml;ge der INSM medial aufgegriffen werden. Emissionshandel (&bdquo;CO2-Deckel&ldquo;) statt Energiewende und Verkehrswende. Ggf. kommt auch wieder Atomenergie ins Spiel, Hans-Werner Sinn als &ldquo;prominenter Kopf&rdquo; der INSM u.a. argumentieren bereits in diese Richtung.<\/p><p><strong>PHASE 3:<\/strong> Tagungen und Veranstaltungen der INSM. Gemeinsame Veranstaltungen mit der WELT. &Uuml;ber einen Zeitraum von 1-2 Wochen zeitlich versetzt geschaltete INSM-Anzeigenmotive mit griffigen Slogans und bunten Bildchen in FAZ, WELT, Handelsblatt, WiWo, aber auch S&uuml;ddeutsche, begleitet von Artikeln in den jeweiligen Printmedien, die die Inhalte der Anzeigenmotive wiedergeben. Evtl. Plakataktion an Bahnh&ouml;fen und Bushaltestellen. In kurzen Zeitabst&auml;nden werden laufend neue Studien und Meinungsumfragen ver&ouml;ffentlicht. Mehrmals w&ouml;chentlich melden sich Experten von wirtschaftsfinanzierten Instituten, die als ausschlie&szlig;liches Klima-Instrument den Emissionshandel fordern. Bashing gegen Bef&uuml;rworter von EEG, Mitmach-Energiewende, Verkehrswende, CO2-Steuer. Gleichzeitig intensive Bem&uuml;hungen der INSM, den ausgesuchten Politikern von CDU, SPD, FDP, (evtl. auch ausgesuchte GR&Uuml;NE?) den INSM-L&ouml;sungsvorschlag als Gesetzesvorlage schmackhaft zu machen. Die von der INSM eingebundenen Politiker von CDU, SPD, FDP (ggf. auch vereinzelte Gr&uuml;ne?) &uuml;berzeugen weitere Parteikollegen. Parallel direkte Einflussnahme von Unternehmen (z.B. RWE, e.on, Vattenfall, Daimler, VW, Lufthansa u.a.) und Wirtschaftsverb&auml;nden (BDEW, BDI, VDA, BDL u.a.) auf Wirtschaftsministerium und Kanzleramt.<\/p><p><strong>PHASE 4:<\/strong> Altmaier bzw. Kabinett formuliert Gesetz NUR zu Emissionshandel sowie Beenden des EEG, das zu &uuml;ber 90% den INSM-Forderungen bzw. denen der von Klimaschutz besonders betroffenen Industrien entspricht. Keine Forderung der FFF-Bewegung wurde umgesetzt. Kein Kohleausstieg bis 2030, kein Umstieg auf 100% erneuerbare Energien bis 2035, keine CO2-Steuer, keine Verkehrswende.<\/p><p><strong>PHASE 5:<\/strong> Trotz Protesten in der Bev&ouml;lkerung, Debatten im Bundestag und Bundesrat wird der Kabinettsvorschlag mit nur leichten Ver&auml;nderungen von der GroKo abgenickt.<\/p><p>Sollte es mal wieder so enden, wird die Fridays-for-future-Bewegung nachhaltig gepr&auml;gt und politisch sozialisiert werden. So, wie es schon Generationen vor ihr wurden durch ihre Erfahrungen mit Brokdorf, Friedensbewegung, Startbahn, Wackersdorf, Agenda 2010, Occupy-Bewegung, Freihandelsabkommen, B&uuml;rgerenergie, Artikel 13 oder vielem mehr.<\/p><p>Und dann wird es ein paar Jahre sp&auml;ter, wenn festgestellt wurde, dass die Treibhausgasemissionen trotz des vermeintlichen Wundermittels Emissionshandel weiterhin stark angestiegen sind, vielleicht eine Bewegung geben, die an den eigentlichen Kern des Problems unserer Demokratie herangeht. Das Rezo in seinem Video &uuml;bersehen hat und Ursache s&auml;mtlicher Themenbereiche ist, die er angerissen hat. Das eklatante Machtungleichgewicht zwischen Zivilgesellschaft und Konzern-Lobbyismus. Dass aus unserer Demokratie eine Lobbykratie geworden ist, in der es nahezu ausgeschlossen ist, Mehrheitsinteressen und Bed&uuml;rfnisse einer &uuml;berw&auml;ltigenden Mehrheit gegen die Kapitalinteressen einer sehr verm&ouml;genden Minderheit durchzusetzen.<\/p><p>Vielleicht wird es wieder Pappschilder vieler junger Menschen geben. Mit drastischen, wilden Worten, wie es eben f&uuml;r Jugendliche typisch ist:<\/p><p><strong>Demokratie statt Lobbykratie!<\/strong><br>\n<strong>Machtungleichgewicht beenden!<\/strong><br>\n<strong>Transparenz statt Meinungsmache!<\/strong><br>\n<strong>Stoppt die Meinungsmanipulation durch die INSM!<\/strong><br>\n<strong>Stoppt die Demokratiegef&auml;hrdung durch Konzern-Lobbyismus!<\/strong><\/p><p>Dazu, lieber Rezo, darfst du auch gerne wieder ein Video erstellen. Und ich ende <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=4Y1lZQsyuSQ&amp;feature=youtu.be&amp;t=3241\">mit Rezos Worten<\/a> ab min 54:01 in leicht ge&auml;nderter Form:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir haben alle Kinder und Enkelkinder, die wir &uuml;ber diese Hintergr&uuml;nde informieren k&ouml;nnen. Wir k&ouml;nnen sie bitten und anflehen, nicht auf diese Lobbymethoden hereinzufallen und sich &uuml;ber die Hintergr&uuml;nde zu informieren und sich dagegen aufzulehnen. Damit auch noch ihre Enkel und Urenkel in einer demokratischen, gerechten Welt leben k&ouml;nnen. Wir k&ouml;nnen unsere Kinder und Enkelkinder aufkl&auml;ren. Wenn sie diesen Text lesen, werden sie verstehen, woran es liegt, dass die letzten Jahrzehnte so wenig gehandelt wurde und stattdessen nur geredet. Sie k&ouml;nnen die Themen ihrer Bewegung ausweiten. Denn Eltern und Gro&szlig;eltern ist nichts im Herzen wichtiger als sicherzustellen, dass ihre Kinder und Enkel in einer demokratischen, gerechten, friedlichen Welt leben und kein beschissenes Leben haben.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Titelbild: Sepp photography\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist schon einige Monate her, als Rezo mit seinem Video &bdquo;die Zerst&ouml;rung der CDU&ldquo; f&uuml;r erheblichen Wirbel sorgte. Das Video hat mittlerweile mehr als 15,8 Mio. Aufrufe und hatte selbst das Ergebnis der Europawahl beeinflusst. Es hat offensichtlich einen Nerv getroffen und das Bauchgef&uuml;hl einer ganzen Generation zum Ausdruck gebracht. 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