{"id":54784,"date":"2019-09-15T11:45:54","date_gmt":"2019-09-15T09:45:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54784"},"modified":"2019-09-16T09:01:52","modified_gmt":"2019-09-16T07:01:52","slug":"leichter-als-luft-willkommen-im-parallelkosmos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54784","title":{"rendered":"\u201eLeichter als Luft\u201c \u2013 Willkommen im Parallelkosmos\u00a0"},"content":{"rendered":"<p>Florian Kirner &ndash; auch bekannt als Prinz Chaos II. &ndash; hat einen Roman geschrieben. Die S&auml;ngerin und Songschreiberin <strong>Julia Neigel<\/strong>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54784#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] hat ihn gelesen und f&uuml;r die Nachdenkseiten rezensiert.<br>\n<!--more--><br>\nDer Buchdeckel zeigt eine Gasmaske und daneben die Worte: &bdquo;Leichter als Luft&ldquo;. Das sagt alles. Denn genauso ist dieses Buch: Widerspr&uuml;chlich, extrem, komisch, philosophisch, laut, bunt, tiefgr&uuml;ndig, zynisch und vor allem kom&ouml;diantisch. Doch Achtung! Vor Selbstversuchen wird gewarnt.<\/p><p>F&uuml;r den reinen Beobachter allerdings ist es eine Phantastenunterhaltung auf realem Niveau, schlichtweg k&ouml;stlich und eloquent serviert. Denn: Taucht man in die ersten Worte ein, so er&ouml;ffnet sich dem Leser die Mischung einer Welt mit der Derbheitsqualit&auml;t eines Bukowski und einem Monthy-Python-&auml;hnlichen Identit&auml;tsdadaismus der menschlichen Rasse, deren Niederungen der Autor Seite f&uuml;r Seite auseinandernimmt.<\/p><p>All dies geschieht w&auml;hrend der Apokalypse einer Endzeitstimmung und des skurrilen Erlebnisfeldes Fantasiereisender, die sozusagen &bdquo;Per Anhalter durch die Galaxis&ldquo; auf der Suche sind &ndash; nach dem ultimativen Gral des Gl&uuml;cks und der Wahrheit. Allerdings wird das Abenteuer auf der Erde angetreten und so lange an der Bewusstseinsschraube gedreht, bis der Leser sich in die Leichtigkeit des Seins weggebeamt hat und in einer pulsierenden Supernova von Paradiesv&ouml;geln der Nacht wiederfindet.<\/p><p>Das Deb&uuml;twerk Florian Kirners f&uuml;hrt seine Leser durch einen Parallelkosmos und vermittelt ein verwegenes Weltbild der erfindungsreichen Wortsch&ouml;pfungen und Bildsprache &ndash; unverbl&uuml;mt blumenreich, witzig-schr&auml;g und verd&auml;chtig detailgenau &ndash; mitten im stinkenden Berlin der Nacht der Gaukler und Nachtschw&auml;rmer. Man braucht nur zwei S&auml;tze und man ist mittendrin: im Freak-Wahnsinn der Protagonisten. Dort ist alles m&ouml;glich, nichts bleibt verborgen, alles ist Schein, oder doch nur Sein? Nichts Genaues wei&szlig; man nicht und das ist so gewollt. Man befindet sich inmitten eines riesengro&szlig;en Trips voller &uuml;berdimensionaler rosa Elefanten, Lichtgestalten und menschlicher Gefilde serotoninverwandter Experimente.<\/p><p>Die Geschichte des Buches endet mit einem gro&szlig;en Knall &ndash; und sie beginnt mit dem 11. September 2001 in einem Berliner Partykeller und dem Warten auf die Wirkung eines LSD-Trips, der nicht wirken will. Doch dann nimmt die Geschichte rasante Fahrt auf. Denn er tritt dann doch noch ein &ndash; der Trip &ndash; allerdings versp&auml;tet und mit einem lauten geistig-bunten K&ouml;rperurknall. W&auml;hrend also der Anschlag in New York schon die gesellschaftliche Realit&auml;t bestimmt und unsere Hirnwindungen gepr&auml;gt hat, bewegen sich die Synapsen der Rave-Freaks zwischen deren eigener Wahrnehmung, den psychodelischen Halluzinogenen und Fragezeichen, was nun echt ist an 9\/11 oder nur ein Trip, und sie teilen ihre Erkenntnisse dabei nur mit sich selbst und mit uns &ndash; den Lesern. <\/p><p>Misstrauisch be&auml;ugen die Protagonisten dabei die um sie herumgeisternden &bdquo;Normalos&ldquo; wie Untote, hinter einer geistigen und intellektuellen Glaswand, als passive Beobachter der Marotten der urbanen Mitte und analysieren dabei die menschliche Spezies politisch und emotional auf eine sehr intelligente Art und Weise.<\/p><p>Dabei beschreibt Kirner seine Figuren pseudonymisiert und sypmathisch, animalisch, klug, drogenverseucht bis kultiviert, detektivisch und verr&uuml;ckt. Drei Freunde, eine Mischung aus Dragqueens, Dancequeens und Drogenqueens, zudem &uuml;berzeugte Anh&auml;nger und Verb&uuml;ndete des Kali-Yuga, des Zeitalters des Zerfalls, nehmen auf der &Uuml;berholspur des Lebens Anlauf und alles mit, was nicht niet- und nagelfest auf dem Boden der Tatsachen steht.<\/p><p>Sie m&uuml;ssen sich beeilen, denn sie sind davon &uuml;berzeugt, dass es kein Morgen gibt und nichts verschoben werden kann, was man erleben k&ouml;nnte. Sie bewegen sich im Underground der Subkultur Berlins und zelebrieren die Partyszene bis zur Ersch&ouml;pfung &ndash; zwischen Rave-Clubs, Partykellern, Innenh&ouml;fen, Shiva-Kult, Stricherjungs, Polizeirazzien, Business-Clubs und Schl&ouml;ssern bereisen sie ihren preu&szlig;ischen Moloch auf ihre ganz eigene Art.<\/p><p>In deren Welt riecht es zwischen Gesch&auml;ftsm&auml;nnern und dem Establishment der Gro&szlig;finanz nach Urin in den Stra&szlig;enecken, nach Patchouli und Gras an Graffiti-W&auml;nden, und &uuml;ber allem dr&ouml;hnt dieser Rave, der den Leser auch dann noch begleiten wird, wenn die Handlung des Buches sich l&auml;ngst in gepflegtere Gefilde der Gesellschaft verschoben hat.<\/p><p>Dann kommt es zum Bruch. Die Figuren finden sich pl&ouml;tzlich im gentrifizierten Berlin wieder! Sie nehmen den Kampf mit einem Immobilienkonzern auf und begehren gleichzeitig Einlass in die brandenburgische &bdquo;Republique Royal&ldquo;, einen bonzigen De-Luxe-Businessclub zweier amerikanischer Edel-Aussteiger, finanziert mit den vom Vater geerbten Aktienpaketen zweier R&uuml;stungskonzerne. Hier treffen diese Paradiesv&ouml;gel pl&ouml;tzlich auf Gestalten der Ihnen unbekannten Rasse: Auf einen erfolgreichen Rechtsanwalt, auf einen weltber&uuml;hmten Filmregisseur &ndash; sowie auf den geheimnisvollen T&auml;deus von Tadelshofen: Ex-Politiker, Ex-Diplomat &ndash; wegen des Kosovokrieges zum Oppositionellen geworden. Der Roman nimmt dabei eine dramatische Wendung.<\/p><p>Zuvor allerdings sind der Trance-Fantasie des Clubs der schr&auml;gen V&ouml;gel keine Grenzen gesetzt, w&auml;hrend sie sich zwischen Subkultur und Mainstream hin und her bewegen. Auf der Suche nach dem ultimativen Bewusstseinserweiterungsrausch werfen sich die Protagonisten dabei gemeinsam alles ein, was geht, bewegen sich in diesem Zustand durch die Stadt &ndash; und flattern zum Auftanken immer wieder zu ihrem Nistplatz, dem &bdquo;Shiva Paradize&ldquo;, einem legal-illegalen Rave-Club, und deren Club-F&uuml;rsten zur&uuml;ck.<\/p><p>Der Roman  ist an und f&uuml;r sich nichts f&uuml;r allzu ernste Gem&uuml;ter,  und doch &hellip; t&auml;te es ihnen gut. Denn mit der psychologischen Lupe werden selbst katastrophale Ereignisse der Zeitgeschichte und Dekadenzen der &uuml;bersatten Gesellschaft auseinandergenommen und wie in einem Kaleidoskop wieder zusammengesetzt. Das bringt nicht nur den fr&ouml;hlich-kindlichen Aspekt des Lebens in die gr&ouml;&szlig;ten Trag&ouml;dien zur&uuml;ck, sondern wirft berechtigte Fragen auf, welche Mechanismen und gesellschaftliche Grundmuster heute wirksam sind.<\/p><p>Florian Kirner, der schon als Musiker als Prinz Chaos Musikfreunde verw&ouml;hnt, trifft mit dieser skurrilen Geschichte den chaotischen Nagel auf den durchgeknallten und satirischen Kopf. Ich wollte also das Buch nicht mehr aus der Hand legen und habe selten so gelacht &ndash; um Sekunden sp&auml;ter wieder sehr nachdenklich zu werden.<\/p><p>Absolut lesenswertes Erstlingswerk eines sehr begabten Schriftstellers.<\/p><p>Hare Krishna, auf geht&acute;s, hisst die Flagge!<\/p><p>Titelbild: Billion Photos\/shutterstock.com und <a href=\"http:\/\/www.julianeigel.com\">julianeigel.com<\/a><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Die vielfach ausgezeichnete S&auml;ngerin, Songwriterin und Musikproduzentin <strong>Julia Neigel<\/strong> wurde anf&auml;nglich als &bdquo;Jule&rdquo; Neigel  mit ihrem ersten Hit &ldquo;Schatten an der Wand&ldquo; bekannt und ver&ouml;ffentlicht seither Album f&uuml;r Album. Aktuell macht sie auch als S&auml;ngerin der ostdeutschen Kultband &ldquo;Silly&ldquo; f&uuml;r deren Analog-Tour Furore.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Florian Kirner &ndash; auch bekannt als Prinz Chaos II. &ndash; hat einen Roman geschrieben. 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