{"id":54789,"date":"2019-09-12T15:06:18","date_gmt":"2019-09-12T13:06:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54789"},"modified":"2019-09-13T07:20:32","modified_gmt":"2019-09-13T05:20:32","slug":"ezb-entscheid-zinspolitik-in-der-sackgasse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54789","title":{"rendered":"EZB-Entscheid &#8211; Zinspolitik in der Sackgasse"},"content":{"rendered":"<p>Mario Draghis letzter gro&szlig;er Auftritt zeigt die Ratlosigkeit, in der sich die EZB befindet. Eine <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/unternehmen\/ezb-verlangt-hoehere-strafzinsen-von-banken-a-1286467.html\">leichte Erh&ouml;hung der Strafzinsen f&uuml;r nicht genutzte Gelder der Banken<\/a> ist ein hilfloser geldpolitischer Schritt, der angesichts der drohenden Rezession bestenfalls als Luftnummer zu bewerten ist. Aber was h&auml;tte die EZB auch machen sollen? Die geldpolitischen Instrumente der Zentralbanken wirken ganz offensichtlich nicht mehr. Es w&auml;re an der Zeit, umzudenken und andere Stellschrauben zu bem&uuml;hen. Diese Stellschrauben kann jedoch nicht die EZB bedienen. Nun ist der Staat gefragt, der in die Bresche springen muss und durch ein Ende des Dogmas der Schwarzen Null und der Austerit&auml;tspolitik die Volkswirtschaft wieder auf Kurs bringt. Ein Kommentar von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5991\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-54789-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190912_EZB_Entscheid_Zinspolitik_in_der_Sackgasse_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190912_EZB_Entscheid_Zinspolitik_in_der_Sackgasse_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190912_EZB_Entscheid_Zinspolitik_in_der_Sackgasse_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190912_EZB_Entscheid_Zinspolitik_in_der_Sackgasse_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=54789-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190912_EZB_Entscheid_Zinspolitik_in_der_Sackgasse_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"190912_EZB_Entscheid_Zinspolitik_in_der_Sackgasse_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Die althergebrachten Weisheiten der Zinspolitik sto&szlig;en an ihre Grenzen<\/strong><\/p><p>Zinspolitik funktioniert &ndash; wenn man mal alle volkswirtschaftlichen Feinheiten f&uuml;r einen Moment ausspart &ndash; eigentlich nach einer simplen Logik. Unternehmen wollen investieren. Daf&uuml;r ben&ouml;tigen sie in der Regel Fremdkapital, das sie meist &uuml;ber Kredite von den Banken erhalten. Je niedriger die Zinsen, desto eher rechnet sich eine Investition und desto mehr Kredite werden aufgenommen. Je mehr Investitionen vorgenommen werden, desto besser entwickelt sich die Konjunktur. Zinssenkungen der Zentralbank f&uuml;hren in diesem Lehrbuchbeispiel zu einer steigenden Konjunktur. W&auml;chst die Konjunktur zu stark &ndash; &Ouml;konomen sprechen dann von einer &Uuml;berhitzung &ndash; kann die Zentralbank auf die Bremse treten, indem sie die Zinsen erh&ouml;ht. Die Konjunktur der Eurozone schw&auml;chelt seit Jahren, die j&uuml;ngsten <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/konjunktur-imk-sagt-rezession-voraus-a-1286362.html\">Konjunkturprognosen<\/a> sagen sogar eine baldige Rezession voraus. Nach althergebrachter Logik m&uuml;sste die EZB also den Leitzins senken. Doch hier enden bereits die althergebrachten Weisheiten.<\/p><p>Und das liegt nicht daran, dass der Leitzins schon seit M&auml;rz 2016 bei 0,0% liegt &ndash; auch ein negativer Leitzins ist theoretisch und praktisch denkbar. Das eigentliche Problem sind eher die Rahmenbedingungen. Dazu lohnt sich ein Blick auf die drei Sektoren einer Volkswirtschaft.<\/p><p>Als erstes gibt es da die <strong>privaten Haushalte<\/strong>. Obgleich die Zinsen zur Zeit sowohl f&uuml;r Guthaben als auch f&uuml;r Kredite niedrig sind, nehmen sie immer weniger Kredite auf und sparen immer mehr. Die Sparquote der privaten Haushalte im Euroraum lag im ersten Quartal dieses Jahres bei <a href=\"https:\/\/ec.europa.eu\/eurostat\/documents\/2995521\/9960437\/2-03072019-AP-DE.pdf\/b03a2e51-23b2-4129-a330-fa8e9adf822d\">12,6%<\/a> und steigt damit seit dem vierten Quartal 2016, als sie noch bei 11,6% lag, kontinuierlich. Diese Entwicklung ist &uuml;brigens global festzustellen. In den USA liegt die Sparquote beispielsweise zur Zeit bei acht Prozent und damit sechs Prozentpunkte h&ouml;her als vor der Finanzkrise. Die Haushalte nutzen die niedrigen Zinsen &ndash; in der Summe &ndash; nicht, um durch Konsum oder Investitionen die Konjunktur anzukurbeln, sondern sind verunsichert und bauen stattdessen ihre Verschuldung ab. Dies ist genau der entgegengesetzte Effekt, den die Niedrigzinspolitik laut Lehrbuch ausl&ouml;sen sollte.<\/p><p>&Auml;hnlich sieht es bei den <strong>Unternehmen<\/strong> aus. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/europaeische-zentralbank-sparkassenchef-gegen-nullzinsen-a-1285470.html\">spart der Unternehmenssektor per Saldo mehr<\/a>, als er ausgibt. Dies ist eine historische Anomalie, sollten die Unternehmen doch in einer normalen Volkswirtschaft vor allem bei niedrigen Zinsen investieren. Die Investitionsquoten steigen jedoch trotz niedriger Zinsen nicht schneller, sondern langsamer. Stiegen die <a href=\"https:\/\/ec.europa.eu\/eurostat\/de\/web\/sector-accounts\/data\/key-indicators\">Bruttoanlageinvestitionen<\/a> 2016 in der Eurozone noch um 4,0%, werden sie in diesem Jahr nach Eurostat-Sch&auml;tzungen nur noch um 2,3% steigen. Trotz niedriger Zinsen wollen oder k&ouml;nnen die Unternehmen nicht mehr investieren und fragen daher auch weniger Kredite nach und handeln damit ebenfalls genau entgegengesetzt zu den Lehrbuchweisheiten der Zinspolitik.<\/p><p>Bliebe als letzter volkswirtschaftlicher Sektor <strong>der Staat<\/strong>. Doch auch der agiert genau andersherum, als es die Lehrb&uuml;cher prognostizieren. Trotz teils negativer Zinsen auf Staatsanleihen bauen Staaten wie Deutschland sogar ihre Verschuldung <a href=\"https:\/\/www.bundesbank.de\/de\/presse\/pressenotizen\/deutsche-staatsschulden-783598\">nicht nur relativ, sondern sogar absolut ab<\/a>, w&auml;hrend andere Staaten durch die EU strenge Vorgaben bei der Neuverschuldung einhalten m&uuml;ssen. Die Staaten nutzen also das positive Zinsumfeld nicht f&uuml;r zus&auml;tzliche Investitionen, die die Konjunktur ankurbeln w&uuml;rden und springen nicht in die Bresche, um die Investitionszur&uuml;ckhaltung der Haushalte und Unternehmen auszugleichen. <\/p><p><strong>Unter solch ungew&ouml;hnlichen Rahmenbedingungen ist die Zinspolitik in einer ausweglosen Situation.<\/strong> Und das betrifft sowohl die &bdquo;klassische Zinspolitik&ldquo; deutscher Art als auch die &bdquo;expansive Geldpolitik&ldquo;, die EZB-Chef Mario Draghi verfolgt. Wenn Lehrbuchweisheiten an ihre Grenzen sto&szlig;en, w&auml;re vielmehr ein umfassenderer Ansatz n&ouml;tig, dessen Stellschrauben au&szlig;erhalb der Zinspolitik zu suchen sind.<\/p><p><strong>Die Schwarze Null muss weg, der Staat muss in die Bresche springen<\/strong><\/p><p>Um der beschriebenen Sackgasse zu entkommen und die Handlungsunf&auml;higkeit der Zentralbank zu umgehen, muss die Politik aktiv werden. Gerade im Hinblick auf die kommende Rezession ist es von oberster Priorit&auml;t, dass der Staat sich vom <strong>Dogma der Schwarzen Null<\/strong> lossagt und endlich wieder Geld in die Hand nimmt. Dies h&auml;tte gleich zwei positive Effekte, die nicht nur die Konjunktur ankurbeln, sondern auch die Problematik entsch&auml;rfen k&ouml;nnten, dass trotz oder wegen der historisch niedrigen Zinsen zu wenig Kredite nachgefragt werden, zu wenig investiert wird. Der Staat kann n&auml;mlich gezielt Investitionen lenken und so daf&uuml;r sorgen, dass zumindest der Unternehmenssektor f&uuml;r diese Investitionen wieder verst&auml;rkt Kredite nachfragt. <\/p><p>Investitionen sind jedoch nur eine Stellschraube. Eine weitere Stellschraube sind die Ausgaben der privaten Haushalte. Vereinfacht gesagt: Wenn die B&uuml;rger wieder mehr Geld in der Tasche haben, werden sie auch mehr Geld ausgeben. Erh&ouml;hte Ausgaben der Privathaushalte erh&ouml;hen die gesamtwirtschaftliche Nachfrage nach G&uuml;tern und Dienstleistungen und sorgen auf diesem Wege daf&uuml;r, dass die Unternehmen wieder investieren. Denn auch wenn der Zins noch so niedrig ist, investieren Unternehmen nur, wenn sie sich dadurch einen erh&ouml;hten Absatz versprechen und dies ist nur auf dem Umweg einer erh&ouml;hten Nachfrage zu realisieren. <\/p><p>Es ist kein Zufall, dass die von Deutschland vorgelebte und dem Rest der Eurozone aufgezwungene Austerit&auml;tspolitik die Volkswirtschaften in genau die Sackgasse gef&uuml;hrt hat, aus die sie auch die Zinspolitik der Notenbank nicht mehr herausf&uuml;hren kann. Der einzig gangbare Ausweg ist somit ein <strong>Ende der Austerit&auml;tspolitik.<\/strong> Ansonsten wird die Niedrigzinsphase zu einem Dauerzustand. Denn nur wenn &uuml;ber alle Sektoren der Volkswirtschaft hinweg wieder mehr Geld nachgefragt als angeboten wird, k&ouml;nnen auch langfristig die Zinsen wieder steigen. <\/p><p>Leider sind diese eigentlich simplen Zusammenh&auml;nge in der Politik kaum ein Thema. So werden sich Politik und Medien auch nach dem jetzigen Zinsentscheid wohl wieder auf Nebenkriegsschaupl&auml;tze wie die Frage der Strafzinsen f&uuml;r Kleinsparer begeben. Doch dies sind allenfalls Symptome einer Krankheit, die durch die Austerit&auml;tspolitik ausgel&ouml;st wurde. Und jeder Arzt wei&szlig;, dass es kein guter Ratschlag ist, beim offensichtlichen Versagen einer Medikation ganz einfach die Dosis zu erh&ouml;hen. <\/p><p>Titelbild: 360b\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/78fa7ff6035f4cec9cb751212faf364d\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mario Draghis letzter gro&szlig;er Auftritt zeigt die Ratlosigkeit, in der sich die EZB befindet. Eine <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/unternehmen\/ezb-verlangt-hoehere-strafzinsen-von-banken-a-1286467.html\">leichte Erh&ouml;hung der Strafzinsen f&uuml;r nicht genutzte Gelder der Banken<\/a> ist ein hilfloser geldpolitischer Schritt, der angesichts der drohenden Rezession bestenfalls als Luftnummer zu bewerten ist. Aber was h&auml;tte die EZB auch machen sollen? 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