{"id":54904,"date":"2019-09-18T09:48:09","date_gmt":"2019-09-18T07:48:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54904"},"modified":"2019-09-18T11:48:00","modified_gmt":"2019-09-18T09:48:00","slug":"die-neue-krise-der-eu-brexit-katalonien-eu-parlamentswahl-und-die-wiederkehr-der-migrationskrise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54904","title":{"rendered":"Die neue Krise der EU. Brexit \u2013 Katalonien \u2013 EU-Parlamentswahl und die Wiederkehr der Migrationskrise."},"content":{"rendered":"<p>Der Autor und vielseitig engagierte Experte <strong>Winfried Wolf<\/strong> hat sich mit der umfassenden Krise der EU besch&auml;ftigt. Wir ver&ouml;ffentlichen seinen Text, auch wenn wir nicht in allem gleicher Meinung sind. Leserinnen und Leser der NachDenkSeiten k&ouml;nnen sich vielleicht noch daran erinnern, dass es zwischen uns einen Disput &uuml;ber die Bewertung des Brexit gab. Darin einen sozialen Fortschritt zu sehen, f&auml;llt uns schwer. Au&szlig;erdem: Da wir t&auml;glich analysieren, wie durch gezielte Meinungsmache auch gro&szlig;e politische Entscheidungen beeinflusst und damit manipuliert werden, beurteilen wir manche Mehrheitsentscheide skeptischer, als Winfried Wolf das in seinem Text tut. Davon unabh&auml;ngig: lesenswert. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Die neue Krise der EU. Brexit &ndash; Katalonien &ndash; EU-Parlamentswahl und die Wiederkehr der Migrationskrise. Von Winfried Wolf.<\/strong><\/p><p>Bis Fr&uuml;hsommer 2016 schien die Krise der EU noch eingrenzbar: Die ma&szlig;geblichen EU-Eliten in Berlin, Br&uuml;ssel, Paris, Den Haag, Luxemburg und Wien waren bis zu diesem Zeitpunkt &bdquo;nur&ldquo; von den Krisen am Rande ihres Herrschaftsgebiets betroffen &ndash; so von den Krisen im S&uuml;dosten (Zypern und Griechenland), im S&uuml;dwesten (Spanien und Portugal) und im Westen (Irland). Am 23. Juni 2016 wurde die EU-Krise dann auf ein deutlich h&ouml;heres Niveau gehoben. Das war umso bedeutungsvoller, als buchst&auml;blich niemand mit diesem Ereignis gerechnet hatte. An diesem Tag stimmte die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung in Gro&szlig;britannien f&uuml;r den Austritt aus der Europ&auml;ischen Union. Damit gibt es in der EU erstmals einen ernsten Konflikt  mit einem bislang f&uuml;hrenden, politisch und &ouml;konomisch &auml;u&szlig;erst gewichtigen EU-Mitgliedsstaat. Die britische Wirtschaft ist nach der deutschen die zweitgr&ouml;&szlig;te in der EU. Waren bislang die Debatten &uuml;ber einen Grexit, einen Austritt Griechenlands aus dem Euro oder gar aus der EU, aufgrund der Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse eher theoretischer Art, so geriet mit dieser britischen Brexit-Entscheidung die EU in eine Krise, die auch die &ouml;konomischen Grundlagen des EU-Wirtschaftsblocks ersch&uuml;ttert und die politische Rechtfertigung des gesamten EU-Projektes in Frage stellt. Seither hat sich die Krise nochmals ausgeweitet  &ndash; durch die Entwicklungen in Spanien bzw. in Katalonien seit Herbst 2017, in Italien in den Jahren 2018 und 2019 und durch die Wiederkehr der Migrationskrise seit Sommer 2019. Es ist lehrreich, das aktuelle Krisenpanorama der EU abzuschreiten.<\/p><p><em>Das Brexit-Ja und das Gefeilsche um einen britischen EU-Austritt<\/em><\/p><p>Der Erfolg der Brexit-Vertreter am 23. Juni 2016 kam absolut &uuml;berraschend. Die Eliten in der EU, die politische Klasse in Gro&szlig;britannien und selbst die Propagandisten des Brexit wurden davon absolut &uuml;berrascht.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Das Ergebnis war knapp, aber doch relativ eindeutig: 51,9 Prozent der W&auml;hlerinnen und W&auml;hler stimmten f&uuml;r einen Austritt aus der EU. Ob es sich um einen &bdquo;No-deal&ldquo;-Austritt oder um einen Brexit mit einem Abkommen handeln w&uuml;rde, war nicht Gegenstand der Abstimmung. Man muss davon ausgehen, dass ein No-deal-Austritt von dieser Mehrheit zumindest als M&ouml;glichkeit in Kauf genommen wurde. Schlie&szlig;lich lautete die Abstimmungsformel schlicht und einfach wie folgt: &ldquo;Should the United Kingdom remain a member of the European Union or leave the European Union?&rdquo; Es gab dann  zwei K&auml;stchen, die man ankreuzen konnte: &ldquo;<em>Remain a member of the European Union \/\/ Leave the European Union<\/em>&rdquo;. [Deutsch: &bdquo;Sollte das Vereinigte K&ouml;nigreich Mitglied der Europ&auml;ischen Union bleiben oder die Europ&auml;ische Union verlassen? O&nbsp;<em>Mitglied der Europ&auml;ischen Union bleiben<\/em> O&nbsp;<em>Die Europ&auml;ische Union verlassen<\/em>&ldquo;.]<\/p><p>Nun sollte man annehmen, dass ein solches demokratisches Votum in angemessener Zeit auch umgesetzt wird. Doch mehr als drei Jahre nach dem Votum ist Gro&szlig;britannien immer noch Mitglied der EU. Seit dem Referendum gab es ein kompliziertes und widerspr&uuml;chliches Feilschen um den britischen EU-Austritt. Und drei Jahre nach dem Referendum, im Herbst 2019, kann eine R&uuml;cknahme des Referendum-Ergebnisses &ndash; sei es durch Neuwahlen oder durch ein neues Referendum &ndash; nicht ausgeschlossen werden. <\/p><p>Was heute bei dem britischen Referendum meist vergessen wird, sind drei Dinge: Erstens ergibt die Auswertung der Referendum-Ergebnisse: Je &auml;rmer und je &bdquo;proletarischer&ldquo; die W&auml;hlerinnen und W&auml;hler waren, desto st&auml;rker votierten sie f&uuml;r einen Austritt aus der EU. Umgekehrt gilt: Je wohlhabender und je reicher die W&auml;hlerschichten waren, desto gr&ouml;&szlig;er war die Zustimmung f&uuml;r &bdquo;Remain&ldquo;. In der City of London, dem Finanzsektor von London, wurde eine besonders gro&szlig;e Mehrheit f&uuml;r ein Verbleiben in der EU erzielt. Allerdings votierten in Wales, Schottland und Nordirland jeweils eine Mehrheit f&uuml;r &bdquo;Remain&ldquo;. Wobei es trotz dieser Pro-EU-Mehrheiten in den drei genannten Landesteilen im gesamten UK-Durchschnitt die genannte 51,9-Prozent-Mehrheit f&uuml;r einen Austritt gab.<\/p><p>Zweitens spielte das Thema einer Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland in der Kampagne pro und contra Brexit keine Rolle. Die Problematik &bdquo;Backstop&ldquo; gab es nicht &ndash; der Begriff selbst wurde erst in der Folge des positiven Votums f&uuml;r einen Brexit von der EU-Kommission &bdquo;erfunden&ldquo;.[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Das Thema Backstop oder inner-irische Grenze tauchte auf keinem Plakat der &bdquo;remainer&ldquo;, der Bef&uuml;rworter des Verbleibens in der EU, auf. Es handelt sich um ein nach dem Referendum neu in die Debatte eingebrachtes Argument, mit dem Ziel, die Revision der Brexit-Entscheidung herbeizuf&uuml;hren.<\/p><p>Drittens waren &ndash; und sind &ndash; alle in Gro&szlig;britannien relevanten Parteien (Konservative, Labour und Liberals) und alle wichtigen Institutionen (Gewerkschaftsdachverband TUC, Unternehmerverband CBI und der Finanzsektor, die &bdquo;City of London&ldquo;) vehement f&uuml;r einen Verbleib Gro&szlig;britanniens in der EU (&bdquo;Remain&ldquo;) und gegen einen Brexit (&bdquo;Leave&ldquo;) eingetreten. Das Austritts-Votum war eine Basisentscheidung, hinter der als organisierende Kr&auml;fte eher kleine Gruppen &ndash; so die rechte Brexit-Partei UKIP, die linke Transport-Gewerkschaft RMT und eine Minderheit der Labour-Party &ndash; standen. <\/p><p>Nach dem Brexit-Votum standen sich in den Verhandlungen zwischen der britischen Regierung unter Theresa May und der EU dann zwei Seiten gegen&uuml;ber, die inhaltlich das Gleiche wollten: Ein m&ouml;glichst weitgehendes Verbleiben Gro&szlig;britanniens in der EU, also ein Negieren der demokratisch getroffenen Entscheidung. May war vor dem Brexit-Votum vehement gegen einen Brexit eingetreten. Dasselbe galt f&uuml;r die gro&szlig;e Mehrheit ihres Kabinetts. <\/p><p>Erst seit dem 24. Juli 2019 steht an der Spitze der britischen Regierung mit Boris Johnson &ndash; einem durchaus rechten Politiker &ndash; ein Brexit-Bef&uuml;rworter. Dabei ist es weiterhin so, dass die zitierten Verb&auml;nde und Parteien &ndash; inzwischen auch die F&uuml;hrung der Labour-Party unter Jeremy Corbyn &ndash; f&uuml;r eine Revision des Pro-Brexit-Votums (vor allem in Form eines neuen Referendums) werben. Der ehemalige Syriza-Abgeordnete, Professor Costas Lapavitsas, der in Gro&szlig;britannien als Hochschullehrer t&auml;tig ist, konstatierte nach dem Sturz von May im britischen &bdquo;Guardian&ldquo;: &bdquo;Der Absturz von May und ihrem Deal ist nur teilweise der dem Brexit innewohnenden Komplexit&auml;t des Brexit geschuldet. Die Schaltzentralen der &ouml;konomischen und sozialen Macht in Gro&szlig;britannien sind entschlossen, die engstm&ouml;glichen Beziehungen mit dem EU-Binnenmarkt und der Zollunion beizubehalten. Die Londoner City ist das Finanzzentrum der EU. [&hellip;] Die Industrie, die in den Bereichen Flugzeugbau, Pharma, R&uuml;stung und Hochtechnologie wettbewerbsf&auml;hig ist, betrachtet die EU als ihr Terrain. Finanz- und Industriekapital haben wutentbrannt beim Parlament daf&uuml;r lobbyiert, einen Bruch mit dem EU-Binnenmarkt und der Zollunion zu vermeiden. Im Zuge dessen ist der demokratische Willen des britischen Volkes drei Jahre lang blockiert worden.[&hellip;] May scheiterte, weil [&hellip;] sich das britische politische System in einer tiefen Krise befindet.&ldquo;[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] <\/p><p>Unter den gegebenen Bedingungen kann es sein, dass die Brexit-Entscheidung formal oder de facto ignoriert wird &ndash; sei es in Verbindung mit einem R&uuml;cktritt des neuen britischen Premiers Boris Johnson, sei es auf dem Umweg &uuml;ber Neuwahlen oder sei es als Ergebnis eines neuen Referendums, bei dem die Pro-EU-Position mit neuen, massiven Erpressungen untersetzt werden wird. Allerdings sollte nicht &uuml;bersehen werden, dass es nach der Brexit-Entscheidung eine bemerkenswerte Wahl zum Europaparlament gab, an der die britischen W&auml;hlerinnen und W&auml;hler nochmals teilnehmen mussten. Das Ergebnis unterstrich ein weiteres Mal die starke Verankerung der Pro-Brexit-Stimmung in der britischen Bev&ouml;lkerung. Bei dieser Wahl kam die komplett neu gebildete Brexit-Partei von Nigel Farage auf 30,5 Prozent der Stimmen. Die Labour-Party, die inzwischen als Pro-EU-Partei und als eine Partei, die ein zweites Referendum zumindest in Aussicht stellt, auftritt, erlitt eine verheerende Niederlage (sie erhielt 13,7 % der Stimmen, was einem Minus von 10,5 Prozentpunkten entsprach). Die Konservativen unter Theresa May wurden f&uuml;r ihre EU-nahe Verhandlungstaktik &uuml;bel abgestraft &ndash; sie kamen auf 8,8 Prozent (minus 14,2 Prozentpunkte). Die Liberalen erhielten 19,6 Prozent. Da es sich bei den Letztgenannten um die einzige Partei handelt, die eindeutig f&uuml;r eine Wiederholung des  Referendums und f&uuml;r ein Verbleiben in der EU warb, handelte es sich um ein eher mageres Ergebnis der EU-Bef&uuml;rworter.[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>]  <\/p><p>Sollte die britische Brexit-Entscheidung gekippt werden, so w&auml;re dies Ausdruck der von Lapavitsas beschriebenen Macht des Banken- und Finanzkapitals in Gro&szlig;britannien selbst und der absolut undemokratischen und erpresserischen Position der EU, die &ndash; &auml;hnlich wie im Fall des griechischen Referendums vom Juli 2015 &ndash; demokratische Entscheidungen missachtet und wild entschlossen ist, die Schranken f&uuml;r einen EU-Austritt so hoch wie m&ouml;glich zu setzen, um alle EU-Mitgliedsl&auml;nder und die Bev&ouml;lkerung in der EU zu warnen. In der britischen &bdquo;Financial Times&ldquo; konnte man nach dem Antritt von Boris Johnson als Premier die folgende Warnung lesen: &bdquo;W&auml;hrend die &uuml;brige europ&auml;ische Wirtschaft einen scharfen R&uuml;ckgang des Wachstums erlebt, muss sie sich auf  den Schock eines No-Deal-Brexit vorbereiten. Ich rate der F&uuml;hrung der EU, in den Spiegel zu schauen und sich die Frage zu stellen, ob es gerechtfertigt ist, den irischen Backstop angesichts des N&auml;herr&uuml;ckens der deadline aufrechtzuerhalten.&ldquo;[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] <\/p><p>Wobei mit &bdquo;deadline&ldquo; der 31. Oktober 2019 gemeint ist, also die aktuell g&uuml;ltige, von der EU gesetzte Frist, mit der Gro&szlig;britannien in jedem Fall die EU verlassen w&uuml;rde (es sei denn, es kommt ein weiteres und dann drittes Mal zu einer Verl&auml;ngerung dieser &bdquo;letzten Frist&ldquo;).<\/p><p>Sollte das britische Referendum pro Brexit gekippt werden, dann st&uuml;nde dies in einer fatalen Tradition: 1992 sagte die d&auml;nische Bev&ouml;lkerung &bdquo;Nein&ldquo; zum Maastricht-Vertrag. 2001 und 2008 gab es zwei Mal ein irisches Nein zum Nizza-Vertrag bzw. dann zum Lissabon-EU-Abkommen. 2005 stimmten die Bev&ouml;lkerungen in Frankreich und in den Niederlanden &uuml;ber die EU-Verfassung ab; in beiden F&auml;llen gab es ein deutliches &bdquo;Nein&ldquo; (55,7% und 61,5%). Die EU-Granden reagierten in all diesen F&auml;llen undemokratisch: Sie  traten den Verfassungsentwurf in die Tonne und verabschiedeten den Lissabon-Vertrag, in dem weitgehend dasselbe steht wie im Verfassungsentwurf. Die Bev&ouml;lkerungen in D&auml;nemark und in Irland durften solange abstimmen, bis das Ergebnis passte.<\/p><p><em>Das Demokratie-Versagen der EU in der katalonischen Krise<\/em><\/p><p>16 Monate nach dem britischen Pro-Brexit-Referendum, am 1. Oktober 2017, fand in Katalonien ein &ndash; von der Zentralregierung in Madrid verbotenes &ndash; Referendum statt. In diesem sprach sich eine knappe Mehrheit der Abstimmenden f&uuml;r einen unabh&auml;ngigen Staat Katalonien aus. Seither ist die EU mit einer Katalonien-Krise belastet.  <\/p><p>Die katalanischen Parteien, die f&uuml;r eine Unabh&auml;ngigkeit eintreten, waren urspr&uuml;nglich in ihrer gro&szlig;en Mehrheit ausgesprochene Pro-EU-Parteien. Sie setzten &uuml;berwiegend auf die EU und auf das Einhalten demokratischer Grunds&auml;tze, die sie von der EU gewahrt sehen wollten. Sie stie&szlig;en dabei jedoch bei den EU-Eliten auf eine eiserne Front. Diese orientierten auf den puren Machterhalt; sie sind von einem uns&auml;glichen Opportunismus gepr&auml;gt. Sie gestatteten es dem spanischen Zentralstaat, dass dieser mit offener Repression gegen die Durchf&uuml;hrung des Referendums und nach dem Referendumserfolg mit juristischen Angriffen und Inhaftierungen gegen f&uuml;hrende Vertreter derjenigen Parteien, die f&uuml;r eine katalanische Unabh&auml;ngigkeit eintreten, vorgingen. Seither befinden sich ma&szlig;gebliche Vertreter der Unabh&auml;ngigkeitsbewegung im Exil &ndash; so Carles Puigdemont &ndash; oder in spanischen Gef&auml;ngnissen (so Oriol Junqueras). Seitens der EU-Eliten gab es keinerlei Erkl&auml;rungen, in denen Freiheit f&uuml;r die Vertreter der katalanischen Unabh&auml;ngigkeitsbewegung gefordert und die Repression des spanischen Staats gegen diese Bewegung kritisiert wird. Ein Treffen von EU-Gr&ouml;&szlig;en mit Vertretern der katalanischen Unabh&auml;ngigkeitsbewegung wurde immer strikt abgelehnt. <\/p><p>Die EU-F&uuml;hrung argumentiert in &Uuml;bereinstimmung mit der Zentralregierung in Madrid, eine Abspaltung Kataloniens von Spanien sei &bdquo;prinzipiell nicht m&ouml;glich&ldquo;. Dabei setzte sich die EU in den Jahren 1990 bis 1999 auf dem Balkan offensiv &ndash; im Kosovo-Krieg sogar milit&auml;risch &ndash;  daf&uuml;r ein, dass die seit 1945 bestehende Bundesrepublik Jugoslawien in ein halbes Dutzend Staaten aufgespalten wurde. Sie setzte sich auch in j&uuml;ngerer Zeit daf&uuml;r ein, dass sich Kosovo von Serbien abspaltete, bzw. dass diese faktische Abspaltung von m&ouml;glichst vielen Staaten anerkannt wird. Es ist interessanterweise die Regierung in Madrid, die diese Abspaltung nicht anerkennt &ndash; aufgrund der Problematiken in Katalonien und im Baskenland.<\/p><p>Auch steht die Politik der EU-Granden im Fall Katalonien in einem krassen Widerspruch zum Verhalten der EU gegen&uuml;ber der schottischen Unabh&auml;ngigkeitsbewegung. So wurde die F&uuml;hrerin der schottischen Unabh&auml;ngigkeitspartei (Scottish National Party &ndash; SNP), Nicola Ferguson Sturgeon, am 29. Juni 2016 in Br&uuml;ssel von Jean-Claude Juncker, dem damaligen EU-Kommissionspr&auml;sidenten, und von Martin Schulz, dem damaligen Pr&auml;sidenten des Europ&auml;ischen Rats, empfangen. Seither gab es immer wieder halb-offizielle und offizielle Empf&auml;nge in Br&uuml;ssel f&uuml;r SNP-Vertreter. Zuletzt am 11. Juni 2019, als Nicola Ferguson Sturgeon vor dem European Policy Center in Br&uuml;ssel eine Grundsatzrede halten konnte. In dieser erkl&auml;rte sie, dass die SNP im Fall eines Brexit-Vollzugs f&uuml;r eine Abspaltung Schottlands von Gro&szlig;britannien eintrete.[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>] <\/p><p>Man beachte. Es gab am 18. September 2014 ein Referendum &uuml;ber eine schottische Unabh&auml;ngigkeit. Damals stimmten 55,3 Prozent der Wahlberechtigten gegen eine Abspaltung und f&uuml;r einen Verbleib im britischen K&ouml;nigreich. Bei den britischen Parlamentswahlen 2017 verlor die SNP ein Viertel ihrer Sitze. Dem standen Gewinne der gesamtbritischen Parteien gegen&uuml;ber. Die Position einer schottischen Unabh&auml;ngigkeit wurde also bisher eher geschw&auml;cht und ganz sicher nicht gest&auml;rkt. Dennoch fordert die Regionalregierung in Edinburgh eine Abspaltung Schottlands von Gro&szlig;britannien im Fall eines Brexit und die EU-Granden ermuntern sie dabei.<\/p><p>Die Krise um Katalonien hat sich mit der Wahl zum Europaparlament erheblich versch&auml;rft &ndash; was zumindest in den deutschen Mainstream-Medien weitgehend unterschlagen wird. Bei diesen Wahlen  wurden der katalanische Exil-Pr&auml;sident Carles Puigdemont und der in Madrid in Haft einsitzende Chef der katalanischen Republikanischen Linken (ERC), Oriol Junqueras, ins Europaparlament gew&auml;hlt. Auch der fr&uuml;here katalanische Minister Toni Com&iacute;n, der ebenfalls in Belgien im Exil lebt, zieht &bdquo;eigentlich&ldquo; ins Stra&szlig;burger Parlament ein. Das fr&uuml;here Mitglied der katalanischen Regierung, Clara Ponsat&iacute;, r&uuml;ckt dann ins EU-Parlament nach, sollte der Brexit vollzogen werden.  Mit 1,72 Millionen Stimmen haben bei der Europaparlaments-Wahl die beiden katalanischen Unabh&auml;ngigkeitsparteien mehr Stimmen erhalten als alle anderen Parteien gemeinsam. Damit lag die Unabh&auml;ngigkeitsbewegung erstmals &uuml;ber 50 Prozent  der Stimmen.<\/p><p>Doch wie geht die EU mit diesen neuen demokratischen Ergebnissen um? Wie gehabt! Madrid fordert, die Gew&auml;hlten m&uuml;ssten vor dem Antritt ihres Mandats ihren Schwur auf die Verfassung des spanischen Staats ablegen &ndash; in Madrid. Doch dann w&uuml;rden Puigdemont und Com&iacute;n verhaftet werden. Dann k&ouml;nnten sie mit Junqueras im Gef&auml;ngnis Karten spielen. Die Eliten der EU sind nicht bereit, gegen die Willk&uuml;r von Regierung und Justiz in Spanien zu protestieren und zumindest Puigdemont und Com&iacute;n, die in Belgien im Exil leben, als Europaparlamentarier zuzulassen. Ihnen wird sogar der Zutritt zu den EU-Parlamentsgeb&auml;uden verwehrt.<\/p><p><em>Italien schert aus der Austerit&auml;tsfront aus<\/em><\/p><p>Ein halbes Jahr nach dem katalanischen Referendum wurde f&uuml;r die EU eine neue Krisenfront er&ouml;ffnet &ndash; in Italien. Aus der Parlamentswahl vom 4. M&auml;rz 2018 gingen die eher links orientierte, populistische Bewegung Cinque Stelle (32,7%) und die deutlich rechts  positionierte populistische Partei Lega (17,3%) als Siegerinnen hervor. Die von diesen beiden Parteien  gebildete Regierung brach zwar im Sommer 2019 wieder auseinander und ging in eine Regierung &uuml;ber, die seit September 2019 von Cinque Stelle und der sozialdemokratischen Partei (PD) (die bei den 2018er Wahlen nur noch 18,7 Prozent errungen hatte) gebildet wird. Das &bdquo;italienische Element&ldquo; ist jedoch trotz der Kurzlebigkeit der Cinque-Stelle-Lega-Regierung  weiter ein un&uuml;bersehbarer und fester Bestandteil der umfassenden EU-Krise. Zumal die neue Regierung den alten Pr&auml;sidenten hat und auch die alte Politik in wichtigen Teilen fortzusetzen gedenkt. <\/p><p>Und wie sah diese Politik von Cinque Stelle und Lega aus? Am 18. Mai 2018 legten F&uuml;nf-Sterne und Lega einen Koalitionsvertrag vor, in dem sie sich ausdr&uuml;cklich von der bislang praktizierten Austerit&auml;tspolitik abwandten und f&uuml;r eine Ankurbelung der Konjunktur mit unter anderem &bdquo;begrenzten&ldquo; schuldenfinanzierten Ausgaben eintraten. Gefordert &ndash; und weitgehend durchgesetzt &ndash; wurden ein Grundeinkommen (<em>reddito di cittadinanza<\/em>) und eine Reduktion des Renteneintrittsalters. Ins Spiel gebracht wurden im Sommer 2019 auch Pl&auml;ne f&uuml;r eine Parallelw&auml;hrung  &ndash; &bdquo;Mini-Bots&ldquo; oder auch &bdquo;buoni ordinari del tresore&ldquo; genannt. Das Projekt weist Parallelen zu Pl&auml;nen auf, wie sie der ehemalige griechische Finanzminister Varoufakis 2015 verfolgt hatte. Ganz offensichtlich wollte sich die  Regierung in  Rom auf einen Angriff der EZB bzw. der EU vorbereiten und gew&auml;hrleisten, dass die Wirtschaft im Notfall auch ohne den Euro funktioniert oder dass in Erg&auml;nzung zum Euro mit einer solchen Parallel-W&auml;hrung die wirtschaftspolitische Handlungsfreiheit gewahrt bleibt. <\/p><p>Die im September 2019 neu gebildete Regierung von Cinque Stelle und Sozialdemokraten mit dem alten-neuen Ministerpr&auml;sidenten Giuseppe Conte will, wie erw&auml;hnt, in wichtigen Bereichen die Politik der Vorg&auml;ngerregierung fortsetzen; insbesondere hat sie sich zu einer &bdquo;expansiven Wirtschaftspolitik&ldquo; bekannt. Sie verfolgt dabei eine vergleichbare Wirtschaftspolitik, wie sie seit einigen Jahren in Portugal von der Linksregierung &ndash; die sich auf den weit links stehenden Bloco de Esquerda st&uuml;tzt &ndash; praktiziert wird.<\/p><p>Doch das ist das Gegenteil dessen, was die EU fordert.  Und es ist fatal f&uuml;r die EU-Granden, dass diese Politik erfolgreich ist &ndash; beispielsweise in Portugal. Oder auch: Dass die Austerit&auml;tspolitik zu einem Desaster f&uuml;hrte &ndash; beispielsweise auf Zypern und in Griechenland. <\/p><p>Nun wird die neue Regierung in Rom von den EU-Eliten &auml;hnlich kritisch wie ihre Vorg&auml;ngerregierung be&auml;ugt werden. Ganz offensichtlich ist: Die kommende Wirtschaftskrise wird insbesondere f&uuml;r die italienische &Ouml;konomie zu einer Zerrei&szlig;probe werden. Die Schuldenquote Italiens liegt bei 133 Prozent (die &ouml;ffentlichen Schulden sind um 33 Prozent gr&ouml;&szlig;er als das Bruttoinlandsprodukt). Damit liegt diese Quote h&ouml;her als die griechische Schuldenquote am Beginn der griechischen Finanzkrise. W&auml;hrend die EU-Eliten Griechenland erpressen konnten, weil die griechische &Ouml;konomie innerhalb der EU nur ein geringes Gewicht hat, kann dies bei der aktuell viertgr&ouml;&szlig;ten EU-&Ouml;konomie, bei Italien, nicht mehr praktiziert werden. Hier gilt: Too big to fail.<\/p><p><em>Wahlen zum Europaparlament<\/em><\/p><p>Schlie&szlig;lich lieferten die Wahlen zum Europaparlament, die vom 23. bis zum 26. Mai 2019 stattfanden, in eindrucksvolles Abbild des gesamten Krisen-Szenarios, in dem sich die EU befindet. Das Wahlb&uuml;ndnis der konservativen Parteien (EVP) und die Gruppe der sozialdemokratischen Parteien (S&amp;D) erlitten erhebliche Verluste. Die Gr&uuml;nen und rechte Parteien legten deutlich zu. In Zukunft gibt es im Europaparlament nicht mehr die M&ouml;glichkeit der alles abw&uuml;rgenden &bdquo;Gro&szlig;en Deals&ldquo; zwischen diesen beiden Bl&ouml;cken. Die politischen R&auml;nder &ndash; vor allem die Rechte und die EU-kritischen Parteien &ndash; haben deutlich an Gewicht gewonnen. <\/p><p>Dass damit die Demokratie in Europa belebt werden w&uuml;rde, l&auml;sst sich kaum belegen. Das Gegenteil ist der Fall. Und die EU-Eliten sind durchaus bereit, gegebenenfalls mit den ganz Rechten ihren Machterhalt zu zementieren. Die Wahl der bisherigen deutschen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen zur neuen EU-Kommissionspr&auml;sidentin demonstrierte diese Machtversessenheit. Um die Wahl der prominenten deutschen Konservativen zu erm&ouml;glichen, musste man sich  unter anderem auf die Stimmen der weit rechts angesiedelten Partei FIDEZ (Ungarn) st&uuml;tzen.<\/p><p>Die Wahl von Frau von der Leyen ist im &Uuml;brigen mit einem fatalen Doppel-Signal verbunden: Auf der einen Seite wird der Vormarsch der deutschen Politiker in der EU ein weiteres Mal dokumentiert. Das oben angef&uuml;hrte Zitat von Sonneborn, er werde als MdEP beantragen, in den EU-Gremien nur noch Deutsch zu sprechen, ist nat&uuml;rlich Satire &ndash; aber eine solche mit einem sehr realen Hintergrund. Der gr&ouml;&szlig;te Teil der F&uuml;hrungspositionen in der EU ist inzwischen mit deutschem Personal besetzt. Wenn die Briten die EU verlassen, wird das deutsche Gewicht nochmals dr&ouml;hnender erscheinen. Auf der anderen Seite steht Ursula von der Leyen f&uuml;r die knallharte <em>Militarisierung der EU<\/em>. Das wurde deutlich, als die neue deutsche Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer, zugleich die CDU-Parteichefin, am 15. August 2019 anl&auml;sslich des &bdquo;Gro&szlig;en Zapfenstreichs&ldquo; der Bundeswehr zur Verabschiedung von Ursula von der Leyen als Verteidigungsministerin in ihrer Rede, adressiert an ihre Parteifreundin ausf&uuml;hrte: &bdquo;Du hast in einer f&uuml;r Europa sehr schwierigen Phase die europ&auml;ische Einigung vorangebracht. Du hast die Initiative zu mehr Zusammenarbeit [&hellip;] im Bereich der Verteidigung ergriffen. Du hast PESCO aus dem Dornr&ouml;schenschlaf erweckt [&hellip;] Daf&uuml;r steht die R&uuml;stungskooperation allen voran mit Frankreich, um Kampfflugzeuge und Kampfpanzer der Zukunft zu entwickeln. Daf&uuml;r steht der Einstieg in die europ&auml;ische Verteidigungsunion.&ldquo;[<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] <\/p><p><em>Das alte und neue Fl&uuml;chtlingsdrama. Oder: Wie Carola Rackete den Ober-Macho Salvini dem&uuml;tigte<\/em><\/p><p>Die Migrationskrise war 2015 pr&auml;gend in der Griechenland-Krise der EU. Die EU hat diese Krise im M&auml;rz 2016 mit einem extrem faulen und unmoralischen Kompromiss scheinbar beigelegt. Noch im Sommer 2018 r&uuml;hmte die f&uuml;hrende deutsche Tageszeitung, die &bdquo;Frankfurter Allgemeine Zeitung&ldquo;, diesen deutsch-t&uuml;rkischen Deal wie folgt: &bdquo;Der Fl&uuml;chtlingspakt zwischen der EU und der T&uuml;rkei vom M&auml;rz 2016 ist ein modernes Instrument zur Grenzkontrolle. Bisher funktioniert er wenigstens leidlich. Er k&ouml;nnte noch viel effektiver sein, wenn die griechische Asylbeh&ouml;rde endlich (!) ihre Arbeit t&auml;te oder sich wenigstens dabei helfen lie&szlig;e. Stattdessen winkt sie einen Gro&szlig;teil der auf den &Auml;g&auml;ischen Inseln ankommenden Migranten fr&uuml;her oder sp&auml;ter wie gehabt aufs griechische Festland durch. Von dort ziehen viele dann &uuml;ber die vermeintlich geschlossene Balkanroute nach Nordwesteuropa weiter, derweil ihre Asylantr&auml;ge in griechischen Archiven verrotten.&ldquo;[<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>]<\/p><p>Tats&auml;chlich hat dieses &bdquo;moderne Instrument zur Grenzkontrolle&ldquo; dazu gef&uuml;hrt, dass seit der zynischen Vereinbarung der EU mit der T&uuml;rkei einige zehntausend Fl&uuml;chtlinge wieder den Weg &uuml;ber das offene Mittelmeer wagten und dass dabei erneut einige tausend Migranten den Tod im Meer fanden. Es war der &bdquo;Spiegel&ldquo;, der schrieb: &bdquo;Die europ&auml;ische Fl&uuml;chtlingspolitik ist schlimmer als die von US-Pr&auml;sident Donald Trump&ldquo;.[<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>] <\/p><p>Die Migrationskrise ist im &Uuml;brigen eng mit der politischen Krise in Italien verbunden. Der kometenhafte Aufstieg des Lega-Bosses Matteo Salvini wurde exakt am 26. Juni 2019 gestoppt &ndash; und dies ausgerechnet von einer Frau, die den programmatischen Namen Carola Rackete hat. <\/p><p>Rackete war damals als Kapit&auml;nin des Rettungsschiffes &bdquo;Sea Watch 3&ldquo; mit am Ende noch 40 Migrantinnen und Migranten, die ihre Crew aus dem Mittelmeer gerettet hatte, unerlaubt und gegen die expliziten Befehle des italienischen Innenministers Salvini in den Hafen von Lampedusa gefahren.[<a href=\"#foot_10\" name=\"note_10\">10<\/a>] Dies stellte f&uuml;r den Ober-Macho Salvini eine unerh&ouml;rte Dem&uuml;tigung dar; zumal &uuml;ber die erfolgreiche Landung der Sea Watch 3 in allen Medien ausf&uuml;hrlich berichtet wurde. Salvini beschimpfte Rackete unfl&auml;tig und bezeichnete die Humanistin als &bdquo;deutsche Kommunistin&ldquo;; die Sea Watch 3 sei &bdquo;ein Piratenschiff&ldquo;. Gegen Rackete wurden auf Antrag Salvinis von der italienischen Justiz Ermittlungen &bdquo;wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung&ldquo; eingeleitet. <\/p><p>Die gelungene Aktion zur Rettung von Fl&uuml;chtlingen hat jedoch vor allem zur Entzauberung  Salvinis gef&uuml;hrt. Sie d&uuml;rfte auch eine Rolle dabei gespielt haben, dass  sich der Lega-Partner Cinque Stelle und der italienische Ministerpr&auml;sident Giuseppe Conte ein Herz fassten und zu einer Offensive gegen Salvini, zum Hinauswurf der Lega aus der Regierung (als Salvini die Regierung platzen lie&szlig; und auf Neuwahlen abzielte)  und zur Bildung der neuen Regierung mit der PD aufrafften. <\/p><p>In dieses Bild passt, dass Carola Rackete inzwischen ihrerseits Salvini in einer Verleumdungsklage beschuldigt, zum Hass aufzustacheln und zu einem Verbrechen anzustiften. Die Staatsanwaltschaft Mailand nahm sich im September 2019 des Falls an und hat Vorermittlungen gegen Salvini eingeleitet. Rackete begr&uuml;&szlig;te die Entscheidung mit den Worten: &bdquo;Die Entscheidung zeigt, dass die italienische Justiz unabh&auml;ngig arbeitet. Es ist mir wichtig, mich gegen Hassreden deutlich zu positionieren. Salvinis Worte befeuern den Rassismus, sie haben konkrete negative Auswirkungen auf Fl&uuml;chtlinge und Migranten.&ldquo;[<a href=\"#foot_11\" name=\"note_11\">11<\/a>] <\/p><p>Sp&auml;testens seit September 2019 bricht die drei Jahre lang verdr&auml;ngte Fl&uuml;chtlingskrise wieder in der gesamten EU offen auf. Dabei ist es leider nicht der Tod so vieler Menschen im Mittelmeer und auch eher nicht das Leiden der Tausenden auf den &auml;g&auml;ischen Inseln, die die Thematik neu auf die EU-Agenda setzten. Es war vielmehr der t&uuml;rkische Autokrat Recep Tayyip Erdogan, der inzwischen damit droht, die Grenzen &bdquo;f&uuml;r syrische Fl&uuml;chtlinge Richtung Europa zu &ouml;ffnen&ldquo; &ndash; es sei denn, die EU zahlt der T&uuml;rkei f&uuml;r ihre Schmutzarbeit als T&uuml;rsteher einen deutlich h&ouml;heren Betrag als bislang bereits. <\/p><p>Es sind die Gesetze der Mafia und nicht die Grunds&auml;tze der Demokratie, die in dieser EU vorherrschen. Dabei liegt der Ursprung dieses Verhaltens am Beginn der Griechenland-Krise, beim Agieren der Troika 2015 in Athen. Der Alleinherrscher Erdogan, der nach der Devise &bdquo;Geld oder Leben&ldquo; handelt, ist hier vor allem Lernender und nicht so sehr Erstt&auml;ter.<\/p><p>Im Herbst 2019 liegt die Krise der EU in voller Breite vor uns. Es ist zun&auml;chst eine Krise der Demokratie und des Aufstiegs von Rassismus. Es ist gleichzeitig eine Krise der fehlenden Gleichheit und der brutalen Durchsetzung deutscher Dominanz in der EU. Sehr viel spricht daf&uuml;r, dass daraus schlussendlich im Rahmen einer neuen weltweiten Krise eine neue &ouml;konomische Krise der EU-Wirtschaft und eine neue Krise des Euro werden wird.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em><strong>Winfried Wolf<\/strong> ist Chefredakteur von Lunapark21 &ndash; Zeitschrift zur Kritik der globalen &Ouml;konomie. Neu erscheint am 7. Oktober: Bernhard Knierim \/ Winfried Wolf, Abgefahren. Warum wir eine neue Bahnpolitik brauchen (Papyrossa, K&ouml;ln, 296 Seiten, 18 Euro). <\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Der Satiriker Martin Sonneborn, Mitglied des Europaparlaments seit 2014 (und 2019 neu als MdEP gew&auml;hlt), berichtet in seinem Report &uuml;ber den Alltag im EU-Parlament: &bdquo;Seitdem sie (die MdEP der Brexit-Partei UKIP; d.Verf.) die Vorteile des kontinentalen Daseins, funktionierende Heizungen, dichte Fenster, gutes Essen, bequeme Hotelbetten, sch&auml;tzen gelernt haben, zumal als mit Geld eher &uuml;ppig ausgestattete Parlamentarier, bringen sie der Abstimmung &uuml;ber einen m&ouml;glichen Brexit ambivalente Gef&uuml;hle entgegen. Und obwohl das Propagieren des britischen Austritts aus der EU wirklich ihren einzigen politischen Inhalt darstellt, h&ouml;re ich, dass ein Gro&szlig;teil meiner UKIP-Kollegen gegen den Brexit stimmen wird. Kann da noch etwas schief gehen f&uuml;r die Briten und die EU? Ja, es kann. Als ich am Tag nach der Abstimmung aufwache, ist &uuml;berraschend Brexit. [&hellip;] Deswegen werde ich morgen den Antrag stellen, dass ab sofort im Parlament ausschlie&szlig;lich deutsch gesprochen wird.&ldquo; Martin Sonneborn, Herr Sonneborn geht nach Br&uuml;ssel &ndash; Abenteuer im Europaparlament, K&ouml;ln 2019, S.199 und S. 201.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Es geht beim &bdquo;Backstop&ldquo;  nicht in erster Linie um den Charakter der Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland. Diese Grenze muss auch im Fall eines Brexit keine &bdquo;harte&ldquo; &ndash; mit Schlagb&auml;umen versehene &ndash; sein. Die Grenzregelungen zwischen der EU und der Schweiz bzw. der EU und Norwegen sind hierf&uuml;r beispielhaft. Diese Grenzen unterscheiden sich nicht relevant von den Grenzen zwischen EU-Mitgliedsstaaten. Es geht beim &bdquo;Backstop&ldquo; vor allem um die Forderung der EU, wonach im Fall eines Brexit ohne umfassende neue vertragliche Regelung der Irland-Thematik Nordirland in der EU bleiben w&uuml;rde &ndash; und es dann faktisch eine (Zoll-) grenze zwischen Nordirland und dem &uuml;brigen Gro&szlig;britannien geben m&uuml;sste. Diese von den Brexit-Vertretern und der gro&szlig;en Mehrheit des britischen Unterhauses vehement ablehnte &bdquo;Backstop&ldquo;-Regelung w&uuml;rde Gro&szlig;britannien erpressbar machen. Die EU k&ouml;nnte die Verhandlungen zum Thema Irland unendlich hinausz&ouml;gern und mit der genannten zollrechtlichen Abspaltung von Nordirland die Souver&auml;nit&auml;t von Gro&szlig;britannien in Frage stellen.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] In: The Guardian vom 26. Juni 2019. &Uuml;bersetzung W.W.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Nat&uuml;rlich kann man aus der Wahl zum Europaparlament keine eindeutigen Schl&uuml;sse hinsichtlich der Haltung zum Brexit ziehen. Allerdings kann man feststellen, dass diese Wahl in keiner Weise die Remain-Position unterst&uuml;tzte. Die Brexit-Partei und (die &bdquo;alte&ldquo; -von Farage wegen der Rechtsentwicklung verlassene) pro-Brexit-Partei UKIP kamen zusammen auf 33,8 Prozent. Addiert man zu dem Ergebnis der Liberalen die Stimmen, die die Gr&uuml;ne Partei &ndash; &uuml;berwiegend pro EU -, die schottische SNP  und die neue Partei Change UK erhielten, kommt man auf 38,2 Prozent der Stimmenanteile. Unbestreitbar aber treten gr&ouml;&szlig;ere Teile der W&auml;hlerinnen von Labour und erst recht der Konservativen f&uuml;r den Brexit ein. Einiges spricht daf&uuml;r, dass es trotz des mehr als zweij&auml;hrigen Trommelfeuers der Brexit-Gegner dabei blieb: Rund die H&auml;lfte und m&ouml;glicherweise weiterhin eine Mehrheit der britischen W&auml;hlerinnen und W&auml;hler votiert f&uuml;r einen EU-Austritt.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Wolfgang M&uuml;nchau, The EU must prepare for a no-deal Brexit; in: Financial Times vom 29. Juli 2019. [&Uuml;bersetzung: W.W.]<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Siehe: <a href=\"https:\/\/www.snp.org\/nicola-sturgeons-speech-at-the-european-policy-centre-in-brussels\/\">snp.org\/nicola-sturgeons-speech-at-the-european-policy-centre-in-brussels\/<\/a> [aufgerufen am 9.9.2019]<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] Hier zitiert bei: J&uuml;rgen Wagner, Mit von der Leyen zur R&uuml;stungsunion, in: Sozialistische Zeitung &ndash;SoZ, September 2019.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] Michael Martens, Die Grenzen Griechenlands, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 6. Juli 2018. Es ist erneut der Kommando-Ton (&bdquo;Der Grieche soll seine Arbeit tun oder sich dabei helfen lassen!&ldquo;), der hier durchdringt, und der &ndash; dann noch im Kontext der Amoralit&auml;t dieses Deals &ndash; schlicht unversch&auml;mt ist.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] <em>Spiegel<\/em> vom 28.06.2019. Siehe auch ausf&uuml;hrlicher: &bdquo;Die Schlie&szlig;ung der Mittelmeerroute&ldquo; (Spiegel, 14.06.2019).<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_10\" name=\"foot_10\">&laquo;10<\/a>] Am 12. Juni 2019 rettete die&nbsp;<em>Sea Watch 3<\/em>&nbsp;53 Menschen vor Libyen. Es handelte es sich um 38 M&auml;nner, 9 Frauen, 3 unbegleitete Minderj&auml;hrige und 3 Kinder, die meisten von der&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Elfenbeink%C3%BCste\">Elfenbeink&uuml;ste<\/a>&nbsp;oder aus&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ghana\">Ghana<\/a>. Einige von ihnen wurden aus medizinischen Gr&uuml;nden nach Italien an Land gebracht, 40&nbsp;blieben an Bord, w&auml;hrend das Schiff vor Lampedusa ohne Erlaubnis zum Einlaufen in Warteposition blieb. Am 26. Juni 2019 fuhr das Schiff trotz angedrohter hoher Geldstrafen in italienische Hoheitsgew&auml;sser ein, da laut Rackete nach zwei Wochen auf dem Schiff die Migranten &bdquo;es nicht mehr aushielten&ldquo; und &bdquo;einige gedroht h&auml;tten, &uuml;ber Bord zu springen&ldquo;. Angaben nach: Wikipedia (siehe: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sea-Watch_3\">de.wikipedia.org\/wiki\/Sea-Watch_3<\/a>)<br>\nSiehe dazu auch: <a href=\"https:\/\/sea-watch.org\/\">sea-watch.org\/<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_11\" name=\"foot_11\">&laquo;11<\/a>] Spiegel online vom 9.9.2019. siehe: <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/matteo-salvini-staatsanwaltschaft-ermittelt-nach-anzeige-von-carola-rackete-a-1285417.html\">spiegel.de\/politik\/ausland\/matteo-salvini-staatsanwaltschaft-ermittelt-nach-anzeige-von-carola-rackete-a-1285417.html<\/a> [abgerufen am 9.9.2919]<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_12\" name=\"foot_12\">&laquo;12<\/a>] Syrien-Fl&uuml;chtlinge sind Erdogans Trumpf, in: Frankfurter Rundschau vom 7. September 2019.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Autor und vielseitig engagierte Experte <strong>Winfried Wolf<\/strong> hat sich mit der umfassenden Krise der EU besch&auml;ftigt. 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