{"id":54909,"date":"2019-09-18T11:00:08","date_gmt":"2019-09-18T09:00:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54909"},"modified":"2019-09-18T15:29:11","modified_gmt":"2019-09-18T13:29:11","slug":"die-afd-die-medien-und-die-steilvorlagen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54909","title":{"rendered":"Die AfD, die Medien und die Steilvorlagen"},"content":{"rendered":"<p>Das gescheiterte ZDF-Interview mit dem AfD-Politiker Bj&ouml;rn H&ouml;cke zeigt: Gerade, wer die AfD entzaubern m&ouml;chte, muss auf einen penibel-seri&ouml;sen Medienumgang mit der Partei achten. Nur dann kann man die AfD auch inhaltlich stellen, was &uuml;berf&auml;llig ist. Von <strong>Tobias Riegel<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7805\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-54909-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190918_Die_AfD_die_Medien_und_die_Steilvorlagen_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190918_Die_AfD_die_Medien_und_die_Steilvorlagen_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190918_Die_AfD_die_Medien_und_die_Steilvorlagen_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190918_Die_AfD_die_Medien_und_die_Steilvorlagen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=54909-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190918_Die_AfD_die_Medien_und_die_Steilvorlagen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"190918_Die_AfD_die_Medien_und_die_Steilvorlagen_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Der Vorgang um das von dem AfD-Politiker abgebrochene <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/politik\/berlin-direkt\/zdf-interview-mit-bjoern-hoecke-in-voller-laenge-100.html\">ZDF-Interview mit Bj&ouml;rn H&ouml;cke<\/a> wirft auf keinen der Beteiligten ein gutes Licht. Das Problem: H&ouml;cke ist &ndash; im Gegensatz zum ZDF &ndash; auf ein solches &bdquo;gutes Licht&ldquo; nicht angewiesen. So k&ouml;nnte man in der Interview-Episode je nach Standpunkt und politischer Pr&auml;ferenz zwar einen moralischen Vorteil f&uuml;r den &ouml;ffentlich-rechtlichen Sender ausmachen. Auch k&ouml;nnte man das Verhalten H&ouml;ckes beim Interview zu Recht als manipulativ  bezeichnen. Dieser anscheinende &bdquo;Vorteil&ldquo; aufseiten des ZDF ist jedoch irrelevant, da er sich nicht in Sympathien f&uuml;r den Sender oder in einer Dekonstruktion der AfD niederschl&auml;gt. <\/p><p><strong>Im Schatten der Hitler-Zitate &ndash; der schw&auml;chste Punkt der AfD wird nicht attackiert: die Inhalte<\/strong><\/p><p>Der Vorgang um das ZDF-Interview erinnert erneut daran: Weite Teile der Berichterstattung auch anderer gro&szlig;er Medien greifen die AfD nicht am schw&auml;chsten Punkt an (n&auml;mlich bei den Inhalten), sondern lassen sich immer wieder auf ein philosophisch-ideologisches Glatteis f&uuml;hren: Dort geht es dann nicht um konkrete Politik und soziale Belange, sondern um (teils extremistische) Wortklaubereien. So schockierend einige &Auml;u&szlig;erungen H&ouml;ckes auch sind: Der Umgang des ZDF damit ist nicht geeignet, diesen Schock in eine wirksame politische W&auml;hrung zu &uuml;bertragen. Die Form, die das ZDF f&uuml;r das Interview mit H&ouml;cke gew&auml;hlt hat, ist darum ein weiteres Beispiel f&uuml;r eine l&auml;ngst gescheiterte Medientaktik, die die AfD mutma&szlig;lich st&uuml;tzt.<\/p><p>Dass mit diesem Text weder die AfD noch ihr Funktion&auml;r Bj&ouml;rn H&ouml;cke verteidigt werden sollen, ist selbstverst&auml;ndlich. Wegen dieser Selbstverst&auml;ndlichkeit und der Eindeutigkeit des Urteils soll hier auch nicht erneut das sehr fragw&uuml;rdige Verhalten H&ouml;ckes w&auml;hrend des ZDF-Interviews skandalisiert werden. In diesem Text soll die AfD dadurch aber keineswegs in Schutz genommen werden &ndash; statt dessen soll gefragt werden, warum viele Journalisten der Partei ein ums andere Mal eindeutige Steilvorlagen liefern und sie so indirekt selber in Schutz nehmen. Und warum im Schatten dieser emotionalen Steilvorlagen die inhaltliche Auseinandersetzung mit der AfD &ndash; etwa zu den sozialen Themen &ndash; praktisch eingestellt wurde. <\/p><p><strong>Aber trifft es mit Bj&ouml;rn H&ouml;cke denn nicht &bdquo;den Richtigen&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Die destruktive Funktion der medialen Steilvorlagen ist bekannt. Dennoch lassen sich im Zusammenhang mit der AfD immer wieder Medien zu unseri&ouml;sem Verhalten hinrei&szlig;en, und sei es aus (grob missverstandenem) gutem politischen Willen. Etwa der j&uuml;ngste <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/politik\/berlin-direkt\/afd-abgeordnete-koennen-hoecke-nicht-von-hitler-unterscheiden-100.html\">ZDF-Fragenkatalog zu Adolf Hitler<\/a> erscheint fast so, als w&uuml;rde man Zitate Bodo Ramelows von der LINKEN mit jenen Josef Stalins vergleichen. Das macht man nicht &ndash; und das nicht nur, weil es anr&uuml;chig und unseri&ouml;s ist. Denn auch jenen, die sagen: &bdquo;Hier trifft es doch den Richtigen&ldquo;, sei gesagt: &bdquo;Nein, es trifft ihn eben nicht.&ldquo; Die AfD saugt unseri&ouml;se Angriffe auf und kann sie sofort in politisches Kapital umsetzen. Zudem ist eine unseri&ouml;se mediale Haltung langfristig auch f&uuml;r &bdquo;linkes&ldquo; Personal gef&auml;hrlich: Wer einen fragw&uuml;rdigen Medienumgang mit der AfD zul&auml;sst, er&ouml;ffnet interessierten Journalisten dadurch auch die M&ouml;glichkeit, &auml;hnliche Taktiken gegen LINKEN-Politiker zu nutzen. <\/p><p>Zudem sollte endlich klar sein: Der Vorwurf des Rechtsextremismus schadet dem AfD-Personal nicht wirklich. Viel wirksamer w&auml;re es, wenn die AfD-Politiker immer wieder vor der Kamera erkl&auml;ren m&uuml;ssten, welche katastrophalen Folgen ihre &bdquo;sozialen&ldquo; Vorhaben f&uuml;r den &bdquo;kleinen Mann&ldquo; h&auml;tten. Doch diese Situation wird ihnen meist erspart bzw. es wird ihnen oft jener Notausgang der Skandalisierung er&ouml;ffnet, wie nun gerade H&ouml;cke durch das ZDF.<\/p><p>Zus&auml;tzlich aufreizend ist eine  zur Schau getragene Arroganz einiger Journalisten gegen&uuml;ber rechtem Personal: Denn zum einen sind auch neoliberale Medienkampagnen und ausgebliebene Kritik an der Regierung Ursachen des Rechtsrucks: Viele Journalisten sind hier also mitverantwortlich an den aktuellen Spaltungen. Zum anderen haben zahlreiche Medien und Journalisten durch eigene Verfehlungen die eigene Stellung als moralischer Wegweiser vorerst gr&uuml;ndlich eingeb&uuml;&szlig;t. <\/p><p><strong>Mediale Mittel gegen die AfD: penible Seriosit&auml;t und unnachgiebige Sachdiskussionen<\/strong><\/p><p>Es sollten im medialen Umgang mit der AfD zwei Dinge verfolgt werden: Einerseits eine strenge, fast &bdquo;langweilige&ldquo; Seriosit&auml;t, dazu H&ouml;flichkeit und sachliche Beschlagenheit. Andererseits aber eine Unnachgiebigkeit bei der Diskussion von Sachfragen &ndash; und &uuml;berhaupt die konsequente Thematisierung von Sachfragen. Man h&auml;tte die AfD in den letzten Jahren sehr einfach als die innenpolitisch neoliberale sowie au&szlig;enpolitisch dubiose Partei zeichnen k&ouml;nnen, die sie ist. Doch es wird der AfD gestattet, ihr problematisches, unausgegorenes und f&uuml;r den &bdquo;kleinen Mann&ldquo; entt&auml;uschendes Programm hinter der Fremdenfeindlichkeit zu verstecken. Diese beiden Faktoren (Seriosit&auml;t und eine Betonung auf konkreten politischen Inhalt) spricht auch etwa ein aktueller Kommentar zum Thema auf Facebook an:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Diese Art des entlarvenden Verh&ouml;rs ist eines Journalisten nicht w&uuml;rdig, und wenn dann noch etwas anderes mit H&ouml;cke vereinbart war, finde ich das noch umso unanst&auml;ndiger und erb&auml;rmlicher. Da waren andere schon viel weiter, z.B. Thomas Walde beim letztj&auml;hrigen Sommerinterview mit Alexander Gauland. Der AfD-Chef wurde behandelt wie ein ganz normaler Politiker &ndash; und sah gerade deswegen ziemlich alt aus, weil er nicht zu den klassischen AfD-Themen befragt wurde. Wenn die Presse sich so verh&auml;lt, kippt sie nur ordentlich Wasser auf die M&uuml;hlen der AfD.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Medien k&ouml;nnen ihre &bdquo;moralischen Siege&ldquo; nicht auskosten<\/strong><\/p><p>Dass die seit Jahren gro&szlig;fl&auml;chig angewandte Medientaktik &bdquo;gegen&ldquo; die AfD keine oder sogar eine destruktive Wirkung zeigt, ist mittlerweile sattsam bekannt. Das ZDF h&auml;tte also vor dem Interview diverse Vorbedingungen wissen m&uuml;ssen: Dass die Strategie des L&auml;cherlichmachens im Falle AfD nicht mehr verf&auml;ngt, sondern das Gegenteil ausl&ouml;st. Dass AfD-Politiker es lieben, Interviews abzubrechen und die daraus folgende Aufregung f&uuml;r sich und den Opferstatus zu nutzen und dass man also keine Steilvorlagen f&uuml;r diese Abbr&uuml;che liefern darf. Hier wird kein journalistischer Opportunismus gefordert, sondern Gleichbehandlung mit den &bdquo;normalen&ldquo; Parteien und der Verzicht auf anr&uuml;chige Medienstrategien. Zu guter Letzt h&auml;tte der Sender im Vorfeld wissen m&uuml;ssen, dass er einen eventuellen &bdquo;moralischen Sieg&ldquo; (wenn man die Interview-Episode wirklich so werten m&ouml;chte) nicht in die gew&uuml;nschte Wirkung bei der relevanten Zuschauergruppe umsetzen kann. <\/p><p>Zum konkreten Interview ist zu sagen, dass hier eine der in diesem Text beschriebenen Steilvorlagen par excellence geliefert wurde: Die Fragen zu den Hitler-Zitaten m&uuml;ssen auch AfD-Gegnern unappetitlich erscheinen. Jans Berger hat den Vorgang bereits treffend <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54880#h04\">kommentiert<\/a>: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Man kann und soll die AfD und insbesondere Bj&ouml;rn H&ouml;cke und seinen v&ouml;lkischen &sbquo;Fl&uuml;gel&rsquo; nat&uuml;rlich in aller Sch&auml;rfte kritisieren; das hei&szlig;t im Umkehrschluss aber nicht, dass Journalisten, die ihn interviewen, jede Dumm- und Frechheit erlaubt ist. Wenn man ein Interview, das sich eigentlich im Vorfeld der Wahlen in Th&uuml;ringen inhaltliche Themen thematisieren sollte und sich dann doch wieder nur &uuml;ber mehrere Minuten <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/nachrichten\/heute\/zdf-interview-mit-bjoern-hoecke-100.html\">an einen H&ouml;cke-Hitler-Vergleich abarbeitet<\/a>, ist dies &ndash; H&ouml;cke hin, H&ouml;cke her &ndash; ganz einfach journalistischer Kindergarten. Wenn Journalisten nicht einmal versuchen, AfD-Politiker inhaltlich zu stellen, m&uuml;ssen Interviews mit ihnen in der Tat scheitern.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Muss es so sein, dass die AfD immer gewinnt?<\/strong><\/p><p>Man sollte die ZDF-H&ouml;cke-Episode also als Lehrbeispiel f&uuml;r kontraproduktives Medienverhalten im &bdquo;Kampf gegen Rechts&ldquo; markieren und nutzen. Denn, wie auch die &bdquo;taz&ldquo; schreibt: Wenn man die Medientaktik nicht &auml;ndert, wird sich auch dieser <a href=\"https:\/\/taz.de\/Bjoern-Hoecke-bricht-ZDF-Interview-ab\/!5622813\/\">Befund<\/a> nicht &auml;ndern: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die AfD gewinnt immer.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Titelbild: 360b \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das gescheiterte ZDF-Interview mit dem AfD-Politiker Bj&ouml;rn H&ouml;cke zeigt: Gerade, wer die AfD entzaubern m&ouml;chte, muss auf einen penibel-seri&ouml;sen Medienumgang mit der Partei achten. 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