{"id":54922,"date":"2019-09-18T14:05:03","date_gmt":"2019-09-18T12:05:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54922"},"modified":"2019-09-18T15:02:17","modified_gmt":"2019-09-18T13:02:17","slug":"selbstinszenierung-und-misstrauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54922","title":{"rendered":"Selbstinszenierung und Misstrauen"},"content":{"rendered":"<p>Kurz vor dem Jahrestag der Anschl&auml;ge des 11. Septembers hat Donald Trump die Friedensgespr&auml;che mit den Taliban via Twitter stillgelegt. Dieser Schritt war fatal und macht mehrere Tatsachen deutlich: Einerseits ging es Trump nicht um Frieden, sondern um Selbstinszenierung. Andererseits kann man Washington einfach nicht vertrauen, und zwar absolut zu Recht. Von <strong>Emran Feroz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nNach neun Gespr&auml;chsrunden mit der politischen Delegation der Taliban im Golfemirat Katar waren sich viele Afghanistan-Beobachter einig: Der Friedensdeal steht vor der T&uuml;r, und er wird bald abgesegnet werden. Doch kurz darauf wurde abermals deutlich, wie unvorhersehbar die US-amerikanische Politik dank Donald Trump geworden ist. Via Twitter meldete sich der US-Pr&auml;sident kurz vor der Absegnung des Friedensdeals zu Wort und blies jegliche Gespr&auml;che mit den afghanischen Aufst&auml;ndischen ab. Als Grund nannte er einen Taliban-Anschlag in Kabul, bei dem ein US-Soldat und &bdquo;elf weitere Menschen&ldquo;, wie Trump schrieb, get&ouml;tet wurden.<\/p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"X (Twitter)\" data-provider-slug=\"twitter\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Tweets werden Daten an X (ehemals Twitter) &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von X (Twitter) zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><blockquote class=\"external-2click-target twitter-tweet\">\n<p lang=\"en\" dir=\"ltr\">Unbeknownst to almost everyone, the major Taliban leaders and, separately, the President of Afghanistan, were going to secretly meet with me at Camp David on Sunday. They were coming to the United States tonight. Unfortunately, in order to build false leverage, they admitted to..<\/p>\n<p>&mdash; Donald J. Trump (@realDonaldTrump) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/realDonaldTrump\/status\/1170469618177236992?ref_src=twsrc%5Etfw\">September 7, 2019<\/a><\/p><\/blockquote><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"twitter\">Inhalte von X (Twitter) nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><p> <\/p><p>Dass der genannte Grund als Vorwand diente, war klar. Immerhin ist es &ndash; leider &ndash; nichts Neues, dass w&auml;hrend der Friedensverhandlungen weiter Krieg gef&uuml;hrt und Menschen, darunter auch mehrere US-Soldaten, get&ouml;tet werden &ndash; und zwar von allen Seiten. Wer in diesen Tagen etwa meint, auf die Gewalt der Extremisten aufmerksam machen zu m&uuml;ssen, sollte nicht vergessen, dass laut UN im ersten Halbjahr 2019 mehr Zivilisten am Hindukusch durch US-Milit&auml;r, afghanische Armee und CIA-Milizen get&ouml;tet wurden als von den Taliban. Auch die Anzahl von Luftangriffen und Drohnen-Operationen, die seit jeher haupts&auml;chlich Zivilisten treffen, haben immens zugenommen. In diesem Kontext sollte abermals unterstrichen werden, dass betroffene Afghanen nicht nur einen Taliban-Anschlag in der Kabuler Innenstadt als Terrorismus wahrnehmen, sondern auch die konstante Bombardierung abgelegener D&ouml;rfer oder die brutalen Razzien durch amerikanische und afghanische Spezialeinheiten, die oftmals in Massenhinrichtungen enden.  <\/p><p>Donald Trump wollte mit den Taliban verhandeln, doch zeitgleich lie&szlig; er auch die Gewalt im Land eskalieren. Die Opfer dieser Gewalt k&uuml;mmerten den amerikanischen Pr&auml;sidenten wenig bis gar nicht. Dass er sich nun dar&uuml;ber echauffiert, ist deshalb mehr als nur unglaubw&uuml;rdig. Dabei sollte allerdings auch die Tatsache in den Vordergrund gestellt werden, dass Trumps Gewalteskalation am Hindukusch als eine Fortf&uuml;hrung der Politik seines Vorg&auml;ngers, Barack Obama, betrachtet werden kann. Es ist richtig, dass Trump Obama in mehrfacher Hinsicht wortw&ouml;rtlich &uuml;berschattet hat. Er hat mehr Drohnen-Angriffe abgesegnet und warf mehr Bomben ab. Doch all dies, allen voran etwa die sogenannte Kill List, auf der die Namen von potenziellen Drohnen-Zielen landen, waren &bdquo;Errungenschaften&ldquo; der Obama-Administration und wurden Trump auf dem Silbertablett serviert. Hinzu kommt, dass alle US-Administrationen vor Trumps Macht&uuml;bernahme kein Interesse an Friedensverhandlungen mit den Taliban hatten. Bereits kurz nach dem Einmarsch, im Jahr 2002, pl&auml;dierten die massiv geschw&auml;chten Taliban f&uuml;r Gespr&auml;che und standen praktisch <a href=\"https:\/\/foreignpolicy.com\/2010\/11\/10\/missed-opportunities-in-kandahar\/\">vor dem Eingest&auml;ndnis ihrer Niederlage.<\/a> Auch auf lokaler Ebene traten immer wieder verhandlungsbereite Taliban-Kommandanten in den Vordergrund &ndash; bis sie durch den n&auml;chsten NATO-Luftangriff get&ouml;tet wurden. Die Folgen davon waren eine zunehmende Radikalisierung sowie das Erstarken der Hardliner, die sich best&auml;tigt sahen.<\/p><p><strong>Trump wollte den Friedensstifter spielen<\/strong><\/p><p>In den USA wurde besonders die Tatsache kritisiert, dass Trump mit den Taliban in Camp David den Friedensdeal absegnen wollte &ndash; und das auch noch drei Tage vor dem 18. Jahrestag der Terroranschl&auml;ge des 11. Septembers. F&uuml;r weite Kreise der US-&Ouml;ffentlichkeit w&auml;re dies ein Skandal gewesen. Immerhin wird &ndash; entgegen aller bekannten Fakten &ndash; den Taliban bis heute eine Mitbeteiligung an den Anschl&auml;gen vorgeworfen. Fakt ist allerdings weiterhin, dass kein einziger Afghane an den Anschl&auml;gen des 11. Septembers beteiligt gewesen ist. Ob dies einem gef&auml;llt oder nicht: Dies betrifft auch die Taliban. Diese waren nach den Anschl&auml;gen sogar bereit, Osama bin Laden auszuliefern, was von George W. Bush abgelehnt wurde &ndash; ein Umstand, der bis heute vergessen, verdr&auml;ngt und wohl teilweise auch mit voller Absicht ignoriert wird. Laut US-Regierung waren die Mehrheit der T&auml;ter Saudis, doch der wichtigste US-Verb&uuml;ndete im Nahen Osten blieb in jeglicher Hinsicht vollkommen verschont. Stattdessen <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2001\/oct\/14\/afghanistan.terrorism5\">fungierte<\/a> das absolutistische K&ouml;nigreich als eine der Schaltzentralen des Krieges am Hindukusch.<\/p><p>Doch Trump hatte bez&uuml;glich Afghanistans etwas g&auml;nzlich anderes im Sinn. Er wollte den l&auml;ngsten Krieg, den das US-Milit&auml;r je gef&uuml;hrt hat, beenden und sich als Friedensstifter, der einen Nobelpreis verdient hat, stilisieren. Schauplatz hierf&uuml;r w&auml;re nat&uuml;rlich Camp David gewesen, wo sich einst auch Menachem Begin und Anwar as-Sadat mit Jimmy Carter trafen und vers&ouml;hnten. Trump dachte, dass sein Plan perfekt gewesen sei. Er bemerkte zu sp&auml;t, dass genau das Gegenteil eintreten k&ouml;nnte und er aufgrund des 9\/11-Jahrestages wom&ouml;glich zum Buhmann geworden w&auml;re. Trump ging es dabei nur um sich selbst. Seine Soldaten interessierten ihn dabei so wenig wie all jene Afghanen, auf die er &ndash; ohne zu z&ouml;gern &ndash; nur wenige Monate nach seiner Macht&uuml;bernahme die &bdquo;Mutter aller Bomben&ldquo; abwarf.<\/p><p>F&uuml;r Afghanistan ist alles, was zu einer Fortf&uuml;hrung oder Eskalation des Konflikts beitr&auml;gt, schlecht. W&auml;hrend die Taliban-Diplomaten in Katar verhandelten, f&uuml;hlen sich nun ihre Hardliner an der Front best&auml;tigt und werden Washington wohl nie wieder trauen, und zwar v&ouml;llig zu Recht. &bdquo;Der Deal war praktisch so gut wie abgesegnet. Nun m&uuml;ssen wir schauen, wie es weitergeht. Wir gehen allerdings davon aus, dass die Gespr&auml;che bald wieder aufgenommen werden&ldquo;, meint etwa der Taliban-Sprecher in Doha, Mohammad Suhail Shaheen, gegen&uuml;ber den <em>NachDenkSeiten<\/em>. W&auml;hrenddessen k&uuml;ndigte Trump, der noch vor wenigen Wochen vor versammelter Presse mit der Fantasie spielte, zehn Millionen Afghanen ausl&ouml;schen zu k&ouml;nnen, mehr Gewalt an. Und auch die Gewalt der Taliban hat nach dem Abbruch der Gespr&auml;che zugenommen. Am vergangenen Dienstag wurde in der Provinz Parwan eine Wahlkampagne von Pr&auml;sident Ashraf Ghani angegriffen. <a href=\"https:\/\/edition.cnn.com\/2019\/09\/17\/asia\/afghanistan-kabul-explosion-intl\/index.html\">Get&ouml;tet wurden afghanische Zivilisten<\/a>, die beim besten Willen nichts f&uuml;r das Handeln der USA k&ouml;nnen. <\/p><p><strong>&bdquo;Wir haben die Afghanen nicht verstanden&ldquo;<\/strong><\/p><p>Trumps Twitter-Tirade endete &uuml;brigens mit einer Frage: &bdquo;Wie lange wollen die Taliban noch k&auml;mpfen?&ldquo; Die Antwort ist einfach: L&auml;nger als das US-Milit&auml;r. Dieses muss n&auml;mlich, so wie die Bundeswehr und alle anderen fremden Armeen, die in Afghanistan einmarschiert sind, irgendwann abziehen. &bdquo;Ihr habt die Uhren, wir haben die Zeit&ldquo;, lautet ein afghanisches Sprichwort, das von manchen westlichen Beobachtern den Taliban zugeordnet wird. In diesem Fall beschreibt es allerdings sehr gut die Realit&auml;t am Hindukusch.<\/p><p>Hinzu kommt, dass der l&auml;ngste Krieg des US-Imperiums auch in der amerikanischen &Ouml;ffentlichkeit extrem unbeliebt geworden ist. Ein aktuelles Beispiel hierf&uuml;r ist etwa ein Text des &bdquo;New York Times&ldquo;-Journalisten Thomas Gibson-Neff. Dieser schrieb n&auml;mlich vor wenigen Tagen <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2019\/09\/16\/world\/middleeast\/marja-trump-taliban-afghanistan-peace.html\">Folgendes<\/a>:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir haben die Afghanen nicht verstanden. Sie haben uns meistens daf&uuml;r gehasst, dass wir ihre H&auml;user zerst&ouml;rt und sie unbeabsichtigt get&ouml;tet haben, oder dass wir mit Helikoptern auftauchten und ihnen vorschrieben, eine Regierung in Kabul zu respektieren, sie sich nur wenig f&uuml;r sie interessiert.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Gibson-Neff diente vier Jahre lang bei den US-Marines und war unter anderem auch in Afghanistan stationiert. Seine Worte beschreiben nicht nur eine lang ignorierte Realit&auml;t, mit der sich am Ende alle Besatzer in Afghanistan auseinandersetzen mussten, sondern k&ouml;nnten heute &ndash; im Jahr 18 des Afghanistan-Krieges der USA &ndash; gar nicht wahrhaftiger sein.<\/p><p>Titelbild: danielo\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kurz vor dem Jahrestag der Anschl&auml;ge des 11. Septembers hat Donald Trump die Friedensgespr&auml;che mit den Taliban via Twitter stillgelegt. 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