{"id":54970,"date":"2019-09-20T09:59:15","date_gmt":"2019-09-20T07:59:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54970"},"modified":"2019-09-20T10:45:16","modified_gmt":"2019-09-20T08:45:16","slug":"oesterreich-waehlt-bruessel-darf-zufrieden-sein-von-hannes-hofbauer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54970","title":{"rendered":"\u00d6sterreich w\u00e4hlt: Br\u00fcssel darf zufrieden sein. Von Hannes Hofbauer."},"content":{"rendered":"<p>Am 29. September werden knapp 6,4 Millionen Wahlberechtigte vorzeitig zum n&auml;chsten Urnengang gebeten. Die rechte Koalitionsregierung aus &Ouml;VP und FP&Ouml; war nach nur 17 Monaten im Amt zerbrochen. Ein dem digitalen Zeitalter entsprechender schmutziger Wahlkampf &uuml;berzieht das Land und unterh&auml;lt das interessierte Publikum mit Fake News, Hackerangriffen, Festplattenschreddern und Friedly Fire aus eigenen Reihen.<br>\n<!--more--><br>\nAusl&ouml;ser f&uuml;r die Neuwahlen war ein Video, das FP&Ouml;-Vizekanzler Heinz-Christian Strache und seinen Parteifreund Johann Gudenus bei inszenierten Verhandlungen mit einer angeblichen russischen Oligarchennichte auf Ibiza zeigt. In den von <em>Spiegel Online<\/em> und <em>S&uuml;ddeutscher Zeitung<\/em> ver&ouml;ffentlichten Passagen sinnieren die beiden &uuml;ber die Vergabe von Staatsauftr&auml;gen an die Russin, den Kauf von Anteilen am auflagenst&auml;rksten Boulevardblatt, der <em>Kronenzeitung<\/em>, und &uuml;ber entsprechende Spenden als Gegengesch&auml;ft an die Partei oder parteinahe Vereine. Die Aufzeichnung des Videos hatte bereits im Sommer 2017 stattgefunden, zu einem Zeitpunkt, als die FP&Ouml; noch keine Regierungsverantwortung trug. Mittlerweile sind ein Wiener Anwalt sowie ein Detektiv als Fallensteller des Ibiza-Videos bekannt. Die Hinterm&auml;nner bleiben allerdings nach wie vor im Dunkeln, was insbesondere deshalb besorgniserregend ist, weil niemand sagen kann, wer sonst noch mit diesem angeblich siebenst&uuml;ndigen Video erpresst werden k&ouml;nnte. Nur wenige Minuten daraus wurden bisher ver&ouml;ffentlicht. Immerhin nannte Strache im &ouml;ffentlich zug&auml;nglichen Teil des Videos Namen wie den Bau-Tycoon Hans Peter Haselsteiner (Strabag), den Immobilien- und Medienunternehmer Rene Benko (Karstadt), der dann sp&auml;ter tats&auml;chlich Anteile an der <em>Kronenzeitung<\/em> kaufte, und den finanzstarken Gl&uuml;cksspielkonzern Novomatic.<\/p><p>Als Ende August der interimistische, parteifreie Innenminister Wolfgang Peschorn in seinem ersten TV-Interview ganz selbstverst&auml;ndlich von Hinterm&auml;nnern in der Affaire Ibiza sprach, war dem Moderator der Sendung die &Uuml;berraschung ins Gesicht geschrieben. Bei der Nachfrage, ob ein ausl&auml;ndischer Geheimdienst dahinterstecken k&ouml;nnte, h&ouml;rte man f&ouml;rmlich das Schweigen des langj&auml;hrigen Beamten und wunderte sich &uuml;ber das fehlende Dementi. Es war einer jener seltenen Augenblicke im &Ouml;ffentlich-Rechtlichen, in dem von offizieller Seite die Existenz eines Tiefen Staates indirekt best&auml;tigt wurde.<\/p><p><strong>In die politische Mitte rutschen<\/strong><\/p><p>Nur einen Tag nach der Ver&ouml;ffentlichung des Videos trat FP&Ouml;-Chef Strache von allen &Auml;mtern zur&uuml;ck, nachdem ihm Bundeskanzler Sebastian Kurz, so seine Behauptung, versichert hatte, mit der &Ouml;VP-FP&Ouml;-Koalition weiterzumachen. Doch dazu kam es nicht. Denn Kurz forderte nur Stunden sp&auml;ter den R&uuml;cktritt von Innenminister Herbert Kickl, dem ideologischen Herzst&uuml;ck der FP&Ouml;. Warum er dies tat, daf&uuml;r bieten sich mehrere Erkl&auml;rungen an. Zum einen war Kickl drauf und dran, mit seiner restriktiven Migrationspolitik, die mehrheitlich gut ankam, der &Ouml;VP den Rang abzulaufen; zum anderen gab es aber auch politische Umf&auml;rbeaktionen in seinem Innenministerium, die nicht nur der &Ouml;VP, sondern auch ausl&auml;ndischen Partnern sehr unangenehm waren. Immerhin hatte die FP&Ouml; im Jahre 2016, als von einer Regierungsbeteiligung noch keine Rede war, einen Freundschaftsvertrag mit der dem Kreml sehr nahe stehenden Partei &ldquo;Einiges Russland&rdquo; geschlossen. Und deutsche Dienste monierten bereits seit Monaten, dass mit dem &ouml;sterreichischen &ldquo;Bundesamt f&uuml;r Verfassungsschutz und Terrorismusbek&auml;mpfung&rdquo; (BVT), f&uuml;r das Kickl zust&auml;ndig war, eine vertrauensvolle Zusammenarbeit nicht mehr m&ouml;glich sei. Man f&uuml;rchtete offensichtlich ein Informationsleck in Richtung Moskau.<\/p><p>Einen von Kurz geforderten Rauswurf Kickls wollte die FP&Ouml; nicht hinnehmen und zog sich aus der Regierung zur&uuml;ck. Die sozialdemokratische SP&Ouml; stellte daraufhin einen Misstrauensantrag gegen die verbliebenen Regierungsmitglieder, um eine &Ouml;VP-Minderheitsregierung zu verhindern. Dieser Antrag wurde auch von der FP&Ouml; unterst&uuml;tzt. Damit war der mit 33 Jahren j&uuml;ngste Regierungschef &Ouml;sterreichs zum Alt-Kanzler geworden. Anfang Juni lobte dann Bundespr&auml;sident Alexander van der Bellen eine Beamtenregierung an, die seither die Gesch&auml;fte f&uuml;hrt. &Ouml;sterreich befindet sich inmitten einer veritablen Staatskrise, die allerdings medial kleingeredet wird.<\/p><p>F&uuml;r den Urnengang am 29. September richten sich die wahlwerbenden Parteien gro&szlig;teils neu aus. Die &Ouml;VP unter Spitzenmann Kurz r&uuml;ckt politisch wieder etwas mehr von rechts au&szlig;en in die Mitte. Dies ist einerseits dem Scheitern der Koalition geschuldet, das einzelne konservative L&auml;nderchefs, denen die Allianz mit der FP&Ouml; schon immer suspekt war, nun f&uuml;r einen Kurswechsel nutzen wollen. Andererseits muss sich Kurz auch pers&ouml;nlich von den Peinlichkeiten aus dem Ibiza-Video distanzieren und stellt den nationalen Fl&uuml;gel der FP&Ouml; als nicht regierungsf&auml;hig hin. Umfragen sagen der Kurz-&Ouml;VP einen Zugewinn von 31,5% (im Wahljahr 2017) auf 35% voraus. Die FP&Ouml; wiederum hat mit ihrem neuen Chef Norbert Hofer einen pragmatischen Rechten an der Spitze, der vorsichtig daran geht, seine Partei von ihm missliebigen Elementen zu s&auml;ubern. Ob das auch Ex-Innenminister Kickl trifft, wird sich erst bei m&ouml;glichen Koalitionsverhandlungen zeigen. Die Zustimmungsrate von 26% aus dem Jahr 2017 werden die Blauen diesmal nicht erreichen. Fast schon verzweifelt agieren die Sozialdemokraten mit ihrer Spitzenfrau Pamela Rendi-Wagner. Mit ihrem oftmals gek&uuml;nstelt und eingeschult wirkenden Auftreten versucht sie zu &uuml;berspielen, dass es der Partei nicht gelungen ist, aus dem Video-Skandal und dem Bruch der rechten Koalition gest&auml;rkt hervorzugehen. Der fr&uuml;here Kanzler und SP&Ouml;-Chef dr&uuml;ckte die Stimmung in der Partei folgenderma&szlig;en aus: &ldquo;Hoch gewinnt die SP&Ouml; das nimmer&rdquo;. Die Sozialdemokraten k&ouml;nnten das historisch schlechteste Ergebnis einfahren und unter 25% rutschen. Die Gr&uuml;nen freuen sich &uuml;ber die bevorstehende R&uuml;ckkehr ins Parlament, aus dem sie 2017 hinausgew&auml;hlt wurden, und die ultra-liberalen Neos, die vor kurzem eine gro&szlig;e Finanzspritze ihres G&ouml;nners Haselsteiner, dem Baukonzernherrn, erhalten haben, werden den Wiedereinzug schaffen.<\/p><p>Als Wahlkampfthemen werden Woche f&uuml;r Woche neue Sauen durch das Dorf des Wahlvolkes getrieben. Den Hype um die Klimakatastrophe versuchen vor allem die Gr&uuml;nen zu prolongieren, w&auml;hrend andere auf Korruption und Parteispendenaffairen setzen. So k&auml;mpft die &Ouml;VP mit dem Vorwurf, Gro&szlig;spendern wie der Kaufhaus-Erbin Heidi Horten Politik nach deren W&uuml;nschen zu machen. Das strikte Nein von Kurz und Konsorten zu Erbschafts- und Verm&ouml;gensteuern ist Ausdruck dieses Zusammenhangs. Die FP&Ouml; setzt wie gehabt auf das Thema Migration von rechts und erreicht damit, dass die anderen Parteien die Problematik tabuisieren. Was in den unz&auml;hligen Talk-Shows so gut wie &uuml;berhaupt nicht vorkommt, ist die Haltung der einzelnen Kr&auml;fte zur Europ&auml;ischen Union. Hier w&auml;re &uuml;ber krasse Demokratiedefizite, fortgesetzte Militarisierung und vieles mehr zu reden. Doch mit solch wirklich brisanten Themen sollen die W&auml;hlerInnen nicht bel&auml;stigt werden.<\/p><p>Titelbild: Svetocheck \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 29. September werden knapp 6,4 Millionen Wahlberechtigte vorzeitig zum n&auml;chsten Urnengang gebeten. Die rechte Koalitionsregierung aus &Ouml;VP und FP&Ouml; war nach nur 17 Monaten im Amt zerbrochen. 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