{"id":55066,"date":"2019-09-24T08:47:26","date_gmt":"2019-09-24T06:47:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55066"},"modified":"2019-09-24T11:45:43","modified_gmt":"2019-09-24T09:45:43","slug":"war-sahra-wagenknecht-als-politikerin-nur-ein-missverstaendnis-eine-biographie-die-gleichzeitig-ein-psychogramm-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55066","title":{"rendered":"War Sahra Wagenknecht als Politikerin nur ein Missverst\u00e4ndnis? Eine Biographie, die gleichzeitig ein Psychogramm ist"},"content":{"rendered":"<p>Der katholische Theologe <strong>Jonas Christopher H&ouml;pken<\/strong> bespricht die <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/Alle-Buecher\/Sahra-Wagenknecht.html\">Biografie<\/a> Sahra Wagenknecht von Christian Schneider. Eine interessante Konstellation, eine interessante Besprechung. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Von Jonas Christopher H&ouml;pken *<\/strong><\/p><p><em>Sahra Wagenknecht ist gar keine richtige Politikerin. Das politische Handwerk ist ihr eigentlich fremd. Sie kann nicht netzwerken, ist keine Rudelf&uuml;hrerin. Sie nennt sich zwar immer noch Fraktionsvorsitzende, aber &ldquo;die Fraktion zu f&uuml;hren, das macht eigentlich Dietmar Bartsch.&rdquo;<\/em> Dies sind keine Zitate von politischen Gegnern und auch keine Urteile ihres Biographen Christian Schneider.&nbsp; Letzterer hat diese Aussagen vielmehr Sahra Wagenknecht selbst und ihren engsten Weggef&auml;hrten entlockt. Schneider hat f&uuml;r sein Buch viele Gespr&auml;che gef&uuml;hrt: mit Sahra Wagenknecht selbst, ihrem Lebenspartner Oskar Lafontaine, ihrer Mutter, ihrer Kindheitsfreundin Beate.<\/p><p>Aber&nbsp;ist dann nicht der politische Hype um Sahra Wagenknecht nur ein gro&szlig;es Missverst&auml;ndnis? War und ist es ein Irrtum so vieler Menschen, auf sie zu setzen? Diese Schlussfolgerung ist zumindest nicht das, was Christian Schneider seinen Leserinnen und Lesern vermitteln will. Sein Anliegen ist vielmehr zu begr&uuml;nden, warum Wagenknecht zu der geworden ist, die sie ist: zu der Frau, die den politischen Diskurs in Deutschland in den letzten Jahren gepr&auml;gt und polarisiert hat wie keine andere Oppositionspolitikerin &ndash; erst recht keine andere Linke. Was macht sie in ihrem Innersten aus?&nbsp;&nbsp;<\/p><p>Um das herauszubekommen, taucht Schneider tief in die Psyche von Sahra Wagenknecht ein. Sie hat das zugelassen, obwohl nicht alles schmeichelhaft f&uuml;r sie ist, was der habilitierte Sozialpsychologe analysiert und zusammenf&uuml;gt. Sein Buch ist keine Biographie im herk&ouml;mmlichen Sinne, sondern auch ein &ndash; &ouml;ffentliches &ndash; Psychogramm. Aber gleichzeitig ein sehr politisches Buch, das die dramatische Entwicklung dieser Ausnahmeerscheinung auf der bundesrepublikanischen B&uuml;hne beschreibt.&nbsp;<\/p><p>Als wesentlichen Faktor der inneren Dynamik Wagenknechts identifiziert Schneider den fr&uuml;hen Verlust ihres Vaters. Der Iraner verl&auml;sst Deutschland, als Sahra 2 1\/2 Jahre ist. Er ist nicht tot, sondern einfach weg, was die Verarbeitung des Verlustes nicht einfacher macht. Schneider beschreibt eine die n&auml;chsten Jahrzehnte pr&auml;gende Treue Wagenknechts zum verlorenen Vater, die nach seiner Interpretation sogar&nbsp; den sp&auml;teren Einstieg Wagenknechts in die &Ouml;ffentlichkeit mit beeinflusst; es k&ouml;nnte ja sein, dass sich dieser politische Aufstieg bis in den Iran herumspricht und sich der Vater ihr doch noch einmal zuwendet.&nbsp;<\/p><p>Wer sich schon vor der Lekt&uuml;re dieser Biographie mit Sahra Wagenknecht besch&auml;ftigt hat, wei&szlig; um ihr Interesse f&uuml;r Goethe. Was ihr Biograph im Gespr&auml;ch mit ihr und ihrem Umfeld analysiert, macht aber deutlich, dass es hier nicht um ein literarisches Hobby geht, sondern um eine regelrechte Obsession f&uuml;r diesen Dichter, in dessen Lebenswelt Wagenknecht sich tief hineinbegibt und zu dem sie eine nahezu transzendente Beziehung entwickelt &ndash; dabei die Grenzen von Raum und Zeit &uuml;berspringt. Ihre Freundin Beate ist sich im Gespr&auml;ch mit Schneider sicher: Wagenknecht und Goethe &ldquo;h&auml;tten sich kennengelernt, wenn sie damals oder er heute gelebt h&auml;tte. Sahra, da ist sich Beate sicher, h&auml;tte es geschafft.&rdquo; Sie meint das sehr ernst. <\/p><p>Schneider identifiziert Goethe&nbsp;als den ersten, &ldquo;der so zu ihr gesprochen hat, dass ein neuer Ton in ihre Welt kam&rdquo; und sie damit aus der Sph&auml;re ihres Vaters, in der sie sich verfangen habe, herausholen konnte. Doch gelingt es auch Schneider nicht, die genauen Gr&uuml;nde von Wagenknechts Faszination f&uuml;r Goethe wirklich zu identifizieren. Sie thematisiert im Gespr&auml;ch mit ihm aber die Bedeutung der zu Beginn von Goethes Faust beschriebenen Szene im Mondlicht, das f&uuml;r sie so etwas wie der Souffleur einer anderen Welt ist, die sie selbst in ihrem Anderssein und ihrer Sehnsucht nach einem anderen Leben begleitet.&nbsp;<\/p><p>Goethe steht aber nat&uuml;rlich stellvertretend auch f&uuml;r die Welt des Geistes und die der W&ouml;rter, die f&uuml;r sie so wichtig ist. Das Lesen hochwertiger Literatur ist f&uuml;r Sahra Wagenknecht&nbsp; mehr als Gl&uuml;ck &ndash; es ist in der Analyse Schneiders Nahrung, ohne die sie krank wird und zu verhungern droht; was entscheidender Faktor ihrer Erkrankung im Fr&uuml;hjahr 2019 war. Doch fehlen der jungen Sahra in ihrer Vertrautheit mit Goethe real lebende ebenb&uuml;rtige Gespr&auml;chspartner. Wenn sie schon Goethe nicht leibhaftig kennenlernen kann, so nimmt sie 1987 mit einem poetischen, in der Biographie in persisch verfremdeter Originalschrift abgedruckten Brief Kontakt zu dem Dichter Peter Hacks auf, der darauf eingeht und mit dem sich eine enge Gespr&auml;chsbeziehung entwickelt. Hacks wird f&uuml;r die junge Sahra Wagenknecht in der Darstellung Schneiders zu einer alles &uuml;berstrahlenden Gestalt, in der sich ihr Traum materialisiert &ndash; ja zu einem &ldquo;platonisch geliebten &Uuml;bervater&rdquo;.&nbsp; &nbsp;<\/p><p>Aber es gibt, womit Schneider seine Leser abrupt konfrontiert, einen seltsamen Kontrast zwischen Wagenknechts sprachsensibler Stilbildung durch Goethe, Hegel und durchaus auch Marx auf der einen Seite und dem formelhaften funktion&auml;rsdeutschen Politsprech, in den sie gerade in der Anfangszeit ihrer politischen T&auml;tigkeit f&auml;llt auf der anderen Seite. &ldquo;War mit ihrem Eintritt in die Partei das Ende des Sch&ouml;ngeistigen gekommen?&rdquo;<\/p><p>Dass diese Frage aus heutiger Sicht wohl nicht bejaht werden muss, ist ein Hinweis f&uuml;r die dramatische Entwicklung der politischen Ausrichtung Wagenknechts, die Schneider nachzeichnet. Was sich seit ihrer &uuml;berraschenden Wahl in den PDS-Parteivorstand 1991 ver&auml;ndert, ist nicht die in der Anfangszeit ihres parteipolitischen Lebens sehr stark betonte marxistische Ausrichtung, die entgegen dem Klischee nie orthodox war; vielmehr spricht sie sich &ndash; so in ihrer von Schneider beschriebenen Auseinandersetzung mit der Wirtschaftspolitik Ulbrichts &ndash;  schon fr&uuml;h f&uuml;r die Integration von Leistungsdenken und Wettbewerb in die Sozialismuskonzeption aus; dieser Ansatz von ihr ist entgegen dem allgemeinen Klischee nicht erst neueren Datums. Es geht vielmehr um die angesichts ihres intellektuellen Horizonts erstaunlich unkritische Haltung zur DDR, deren Verh&auml;ltnisse Wagenknecht in der Konkretion zwar in vielen Punkten von Anfang an kritisiert, in der Abstraktion aber lange verteidigt, was zu realen Verengungen in ihrem Leben f&uuml;hrt;  so erkl&auml;rt die heutige Saarl&auml;nderin noch Mitte der 90er Jahre, sie k&ouml;nne sich nicht vorstellen, in Frankfurt am Main oder in Hamburg zu leben. Ihre Heimat war das Gebiet der ehemaligen DDR &ndash; obwohl sie, die Individualistin mit ihren von Schneider bescheinigten autistischen Z&uuml;gen, unter der Konformit&auml;t dieses Staates, der ihr das Studium verwehrte, wirklich gelitten hat und, wie sie gegen&uuml;ber Schneider sagt,&nbsp; erst durch die von ihr politisch so verurteilte Wende aus dieser ziemlich ausweglosen Situation befreit wurde.&nbsp;<\/p><p>Wie konnte es vor diesem Hintergrund zu der vermeintlich &ldquo;stalinistischen&rdquo; Sahra Wagenknecht der ersten H&auml;lfte der 90er Jahre kommen? In den Parteivorstand l&auml;sst sie sich mit dem realen Gef&uuml;hl w&auml;hlen, &ldquo;mit Anfang 20 die ganze Weltphilosophie durchgelesen&rdquo; zu haben &ndash; und jetzt im F&uuml;hrungsgremium der PDS auf eine Mauer aus Opportunisten zu sto&szlig;en, die sie ihre starke Ablehnung sp&uuml;ren lassen. Und nichts hasst Sahra Wagenknecht mehr als Opportunismus; dies betont Schneider mehrmals. Er beschreibt, wie Wagenknecht aber auch in dieser Situation mit Michael Benjamin auf einen m&auml;nnlichen Gespr&auml;chspartner trifft, mit dem sie sich verb&uuml;ndet und gemeinsam einen bemerkenswerten Gegenentwurf f&uuml;r ein neues Programm der PDS entwirft, dem Schneider eine beachtliche Analyse der Gegenwart (&ldquo;eine verheerende Bestandsaufnahme der kapitalistischen Welt&rdquo;) bescheinigt, aber auch ein &ldquo;ersch&uuml;tterndes&rdquo; Festhalten an alten Gewissheiten und einen &ldquo;&Uuml;berhang allgemeiner programmatischer Forderungen nach Art alter sozialistischer Parolen&rdquo;.&nbsp;<\/p><p>Schneider beschreibt, wie sich diese politische Ausrichtung Wagenknechts seit Mitte der 90er Jahre langsam ver&auml;ndert, als in ihrem Denken &ldquo;an die Stelle der nostalgischen Vergangenheit die Perspektive einer m&ouml;glichen Zukunft&rdquo; tritt. Im inneren Zirkel der PDS spielt sie nach der von Gysi und Bisky betriebenen Herausdr&auml;ngung aus dem Parteivorstand 1995 f&uuml;r lange Zeit keine wirkliche Rolle mehr. Sie lernt Ralph Niemeyer kennen und heiratet ihn; auf Schneider wirkt diese Ehe eher wie &ldquo;eine Auszeit, eine nette Urlaubsbeziehung&rdquo; f&uuml;r Sahra Wagenknecht. Sie studiert Philosophie und denkt &uuml;ber eine akademische &ndash; was soll man schreiben: Laufbahn? Karriere? &ndash; nach. Sich einbinden, einengen lassen &ndash; alles str&auml;ubt sich bei Sahra Wagenknecht dagegen, trotz sehr realer Existenz&auml;ngste und Zukunftssorgen. Gleich an zwei Stellen erw&auml;hnt Schneider den Widerwillen Wagenknechts dagegen, sich Bewerbungsgespr&auml;chen zu unterziehen. &ldquo;Sic!&rdquo; &ndash; w&uuml;rde der Hiwi hier einf&uuml;gen. <\/p><p>Wagenknecht bemerkt zudem, dass die Philosophie allein nicht ausreicht, um die Welt zu erfassen und wendet sich der &Ouml;konomie zu. Sie studiert mit dem Ziel der Promotion &ndash;  und ver&auml;ndert ihre Weltsicht. Schneider terminiert den nach au&szlig;en sichtbaren Zeitpunkt der inneren Wende in Sahra Wagenknechts Politikverst&auml;ndnis auf 1998. In diesem Jahr ver&ouml;ffentlicht sie ihr Buch &ldquo;Kapital, Crash, Krise&rdquo;, in dem sie einen fiktiven Dialog &uuml;ber verschiedene &ouml;konomische Ans&auml;tze f&uuml;hrt. Dem folgt in ihrem wirklichen Leben eine Reihe an realen Dialogen. Sahra Wagenknecht wird trotz ihrer nicht mehr vorhandenen parteipolitischen Rolle  immer mehr zu einer &ouml;ffentlichen, medial pr&auml;senten Figur, die weitere B&uuml;cher schreibt, in Talkshows eingeladen wird und zur anerkannten Gespr&auml;chspartnerin &uuml;ber politisch-&ouml;konomische Fragen wird. Sie ver&auml;ndert ihre Sprache und wird zu der Sahra Wagenknecht, als die sie heute wahrgenommen wird &ndash; &ldquo;ohne den agitatorischen Politsprech&rdquo;, wie Schneider es ausdr&uuml;ckt. Schneider trifft aber nicht den Kern, wenn er Wagenknecht bescheinigt,&nbsp; dass sie sich mit ihrer in dieser Zeit stattfindenden Emanzipation von der Kommunistischen Plattform auch &ldquo;von den Fesseln des marxistisch genormten Denkens befreit&rdquo;. In der Tat nimmt sie in dieser Zeit aber &ldquo;Abschied von den denkeinschr&auml;nkenden Illusionen der alten DDR-Orientierung&rdquo;. Die Fixierung auf eine vermeintlich positive Ost-Vergangenheit streift sie ab und ersetzt sie durch eine &ldquo;Gegenwartsbeschreibung, die neue M&ouml;glichkeiten der Ver&auml;nderung aufzeigt&rdquo;. Die Gesellschaft analysieren und f&uuml;r ihre Ver&auml;nderung eintreten &ndash; nein, ein Abschied von Marx ist das nicht. Aber es ist die &Ouml;ffnung ihrer T&uuml;ren f&uuml;r die Menschen, die von sozialistischen Ver&auml;nderungen profitieren sollen. Die Sahra Wagenknecht der ersten H&auml;lfte der 90er Jahre erreicht diese Menschen nicht. Die ver&auml;nderte Sahra Wagenknecht zeichnet sich durch das Gegenteil aus: Menschen in einem Ausma&szlig; f&uuml;r sich und die eigenen Politik gewinnen zu k&ouml;nnen wie fast niemand sonst auf linker Seite.<\/p><p>Zuerst geschieht dies weiterhin innerhalb der Ost-Partei PDS. Aber Sahra Wagenknecht trifft 1998 eine ungew&ouml;hnliche Entscheidung und tritt als einzige prominente PDS-Vertreterin in einem westdeutschen Wahlkreis an, n&auml;mlich in Dortmund, wo sich f&uuml;r sie, wie Schneider sie zitiert, &ldquo;v&ouml;lliges Neuland&rdquo; ergibt. Sie lernt erstmals Langzeitarbeitslose kennen, ist erstaunt &uuml;ber die v&ouml;llig separierten Milieus im Westen, die keinerlei Ber&uuml;hrung miteinander haben. Schneider interpretiert diese Westerfahrung Wagenknechts als den entscheidenden Ausgangspunkt ihres neuen Ansatzes, die Welt zu verstehen. Nachdem ihr der Einzug in den Bundestag nicht gelingt &ndash; es w&auml;re die erste von mehreren nie zur Verwirklichung gekommenen Optionen gewesen, mit Oskar Lafontaine zusammen im selben Bundestag zu sitzen -, kandidiert sie 2004 wiederum f&uuml;r einen westdeutschen, n&auml;mlich den nieders&auml;chsischen Landesverband f&uuml;r das Europaparlament; diesmal erfolgreich. Die f&uuml;nf Jahre, die sie dort verlebt, beschreibt Schneider allerdings als abschreckend, n&auml;mlich als Erfahrung der Einflusslosigkeit der Parlamentarier auf der einen und ihrer skrupellosen Indienstnahme durch Lobbyisten auf der anderen Seite &ndash; wobei beides gleichzeitig allerdings nicht ganz schl&uuml;ssig ist. <\/p><p>Die PDS erlebt Wagenknecht in dieser Zeit als &ldquo;sterbende Partei&rdquo;: ohne jegliche Bedeutung im Westen, mit schwindender Verankerung im Osten. Was dann folgt, nennt Schneider ein &ldquo;politisches M&auml;rchen&rdquo;. Die Auferstehung oder besser das Aufgehen der PDS in eine gesamtdeutsche Linke erz&auml;hlt er nicht nur einfach am Beispiel von Sahra Wagenknecht und dem neuen Mann an ihrer Seite, Oskar Lafontaine, sondern er deutet die neue Partei letztlich als &ldquo;Kind des sich damals findenden Paares&rdquo;, als lebendige  Sch&ouml;pfung einer wirklich gro&szlig;en Liebe zweier Menschen. L&auml;cherlich wirkt das nicht, auch wenn das Kind heute gegen seine beiden Eltern rebelliert. <\/p><p>Insider werden es wissen, der Rezensent wusste es so noch nicht: Die Liebe zwischen Wagenknecht und Lafontaine ist keine, die sich w&auml;hrend der Parteineubildung langsam entwickelt, bis sie 2011 schlie&szlig;lich &ouml;ffentlich gemacht wird, sondern sie beginnt mit gro&szlig;er Wucht bereits 2005 auf einer gemeinsamen Pressekonferenz der beiden, die &ldquo;nicht weniger als ein Wunder&rdquo; bewirkt. Schneider, der offensichtlich mit beiden Betroffenen getrennt voneinander &uuml;ber diese Situation gesprochen hat, spricht von einer &uuml;berraschenden und unerkl&auml;rlichen wechselseitigen Anziehung, einer irritierenden emotionalen N&auml;he, einer untergr&uuml;ndig wirkenden Anziehungskraft wie in Goethes &ldquo;Wahlverwandtschaften&rdquo;. W&auml;hrend bei Lafontaine der &ldquo;Reiz der Abweichung&rdquo; eine Rolle gespielt habe, seien bei Wagenknecht &ldquo;vom ersten Moment an starke Gef&uuml;hle&rdquo; im Spiel gewesen. Schneider scheut sich nicht, in diesem Zusammenhang wieder auf den Vaterverlust der kindlichen Sahra anzuspielen, indem er von der Hoffnung spricht, &ldquo;nun die Leerstelle zu f&uuml;llen, die seit ihrer Kindheit schmerzte, ein Wunsch, der seinen genuinen Platz eigentlich nur in einem M&auml;rchen finden konnte&rdquo;; dabei zitiert er Lafontaine, der &ldquo;ebenso ironisch wie ernst&rdquo; gesagt habe, er sei ja wohl so etwas wie ein Ersatzvater f&uuml;r Sahra Wagenknecht. Angemessener erscheint Schneiders Bemerkung, Wagenknecht habe in Lafontaine &ldquo;endlich den Dialogpartner gefunden, den sie ihr Leben lang suchte&rdquo;. Nach Goethe, Hacks, Niemeyer und Benjamin eine Erf&uuml;llung.&nbsp;<\/p><p>Schneider sieht objektiv eine starke Verkn&uuml;pfung dieser &uuml;ber l&auml;ngere Zeit geheim gehaltenen Liebesgeschichte mit dem politischen Vereinigungsprozess der Linken; er spricht  von einer &bdquo;doppelten Vereinigung&ldquo;, was die Geschichte von Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine zu einem politischen M&auml;rchen mache. Tats&auml;chlich schritten die Parteineubildung und der Aufstieg der Linken unaufhaltsam voran, so lange die pers&ouml;nliche Liebe der beiden entscheidenden Frontleute ihrer jeweiligen Parteien geheimgehalten war.&nbsp;<\/p><p>Schneider beschreibt die Beziehung Sahra Wagenknechts zu Oskar Lafontaine freilich nicht nur als entscheidend f&uuml;r die Entwicklung der neuen Partei, sondern auch f&uuml;r ihre eigene. Was die Politikerin Wagenknecht heute ausmache, resultiere aus einem kontinuierlichen Lernprozess, f&uuml;r den ihre Begegnung mit Lafontaine entscheidende Impulse geliefert habe; im selben Atemzug schreibt Schneider, f&uuml;r den die Entwicklung dieser Beziehung mit der Entwicklung der neuen Partei ja quasi identisch ist, zumindest wesentlich daraus resultiert: &ldquo;Ist die Gr&uuml;ndung der Linkspartei also eine Art Neustart ihres Lebens?&rdquo; Er bejaht dies und betont die tragende Rolle, die Wagenknecht nun zunehmend in der Linken einnimmt. Indem Lafontaine aus der rechtssozialdemokratischen PDS durch die Vereinigung mit der WASG eine linkssozialdemokratische Partei gemacht habe, habe er Wagenknecht aus ihrer kompletten Au&szlig;enseiterrolle herausgeholt. Damit habe sich f&uuml;r sie ein Politikfeld aufgetan, das erstmals nicht von den permanenten innerparteilichen Anfeindungen dominiert wurde &ndash;  was sich wieder &auml;ndern sollte, als das gemeinsame Kind in die fr&uuml;he Pubert&auml;t kam. <\/p><p>Lafontaines Rolle als Diskussionspartner, Ideenproduzent und Unterst&uuml;tzer f&uuml;r Sahra Wagenknecht ist f&uuml;r Schneider  nicht hoch genug zu bewerten, weil er all das in das politische Zweigestirn einbringe, was ihr abgehe. Lafontaine ist der Rudelf&uuml;hrer, Wagenknecht dagegen die &ldquo;charismatische Einzelfigur&rdquo; &ndash; f&uuml;r Schneider wiederum eine Folge ihres Vaterverlusts. Wagenknecht fehle die F&auml;higkeit, skrupellos ihre Interessen durchzusetzen. Lafontaine staune auch &ldquo;&uuml;ber ihren Mangel an strategischer L&uuml;ge und Aggressivit&auml;t&rdquo;. Stattdessen zeichne sie sich durch &ldquo;Pr&auml;zision in der Argumentation&rdquo; aus &ndash; was wiederum ihre Gegner aggressiv mache. Die Argumentation Schneiders, Lafontaine bringe also das ein, was Wagenknecht nicht habe, ist mit diesen Beispielen nicht ganz schl&uuml;ssig; denn durch die Beziehung zu Lafontaine ver&auml;ndert sich in Wagenknechts Charakter in den genannten Punkten ja nichts &ndash; gl&uuml;cklicherweise, werden die meisten ihrer Anh&auml;nger sagen. Dass sich hier zwei Menschen gefunden haben, die mit ihren tiefen Gemeinsamkeiten, aber auch ihren unterschiedlichen Charakteren die Linke &uuml;ber Jahre stark gepr&auml;gt haben und von denen die Partei in dieser Zeit sehr profitiert hat, ist jedoch offenkundig. <\/p><p>Schneider macht dann noch einen zweiten, &uuml;berzeugenderen Anlauf zu erkl&auml;ren, in welchem Sinne ihre Beziehung zu Lafontaine Sahra Wagenknecht in ihrer politischen Ausrichtung ver&auml;ndert habe: ihre Anfang der 90er Jahre noch gar nicht vorhandene, ihre Pers&ouml;nlichkeit aber heute deutlich ausmachende Praxis, die eigenen politischen Vorstellungen dem st&auml;ndigen Dialog auszusetzen, dadurch weiter zu entwickeln und so zu formulieren, dass sie immer mehr auch der Frage nach der politischen Umsetzung gerecht w&uuml;rden. Exemplarisch deutlich macht Schneider das anhand ihrer beiden letzten Buchver&ouml;ffentlichungen &ldquo;Freiheit statt Kapitalismus&rdquo; und &ldquo;Reichtum ohne Gier&rdquo;, in denen sie auf hohem theoretischen Niveau ein &uuml;berzeugendes und in der Sache praktikables Alternativmodell zum gegenw&auml;rtigen Kapitalismus entwickle. Nicht gekl&auml;rt sei darin allerdings die nicht unerhebliche Frage, wie man die politischen Entscheidungstr&auml;ger dazu bringen k&ouml;nne, angesichts der zu erwartenden Widerst&auml;nde das theoretisch Umsetzbare in der Praxis tats&auml;chlich wirksam werden zu lassen.&nbsp;<\/p><p>Nat&uuml;rlich kommt Schneider auf die Entwicklung Sahra Wagenknechts nach dem R&uuml;ckzug Lafontaines von der bundespolitischen B&uuml;hne zu sprechen. Ihre erste Legislaturperiode ab 2009 habe sie als ihre gl&uuml;cklichste in Erinnerung, wobei die Partei selbst ohne ihren Gr&uuml;ndungsvorsitzenden in dieser Zeit durchaus schon eine Krise durchlebt. Schneider beschreibt die K&auml;mpfe um die Fraktionsspitze, die 2015 von Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch &uuml;bernommen wird. Leider unterbelichtet l&auml;sst Schneider die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass die Zusammenarbeit ausgerechnet dieser beiden so gegens&auml;tzlichen politischen K&ouml;pfe entgegen aller Voraussagen so gut funktioniert &ndash; wenn man bedenkt, dass zwischen Wagenknecht und Lafontaine auf der einen sowie Bartsch auf der anderen Seite &uuml;ber viele Jahre ein tiefer, auch von pers&ouml;nlichen Verletzungen gepr&auml;gter Graben verlief. Auch wie es umgekehrt passieren konnte, dass zwischen Wagenknecht\/Lafontaine und dem von beiden 2012 faktisch in den Parteivorsitz gehobenen Bernd Riexinger ein so desastr&ouml;ses Zerw&uuml;rfnis entstehen konnte, wird nicht wirklich thematisiert. Vielleicht ist beides noch zu sehr mit der Gegenwart verkn&uuml;pft, als es in dieser Biographie angemessen zu verarbeiten.&nbsp;<\/p><p>Deutlich sind dagegen die Worte zu &ldquo;aufstehen&rdquo;, der Bewegung, von der sich viele Anh&auml;nger Sahra Wagenknechts eine neue kraftvolle Plattform f&uuml;r sie ohne hasserf&uuml;llte Gegner erhofft hatten. Von Schneider nach ihrem gr&ouml;&szlig;ten politischen Fehler befragt, antwortet Wagenknecht: &rdquo; &lsquo;Aufstehen&rsquo; nicht gut vorbereitet zu haben&rdquo;. Sie habe hier eine gr&ouml;&szlig;ere Eigendynamik erwartet, kein klares Konzept gehabt und sich &ldquo;ein bi&szlig;chen treiben lassen&rdquo; von dem Eindruck, dass sich nach dem guten Anfang alles weitere ergeben w&uuml;rde. Wenn man bedenkt, mit welcher Leidenschaft Wagenknecht dieses Projekt zun&auml;chst vorangetrieben, in seiner Gewichtigkeit betont und als &ldquo;vielleicht letzte Chance&rdquo; beworben hatte, in absehbarer Zeit eine Ver&auml;nderung von links herbeizuf&uuml;hren, staunt der politische Betrachter an dieser Stelle.<\/p><p>In der Beschreibung des angek&uuml;ndigten R&uuml;ckzugs Sahra Wagenknechts von der Fraktionsspitze kommt Schneider auf den Leipziger Parteitag 2018 zu sprechen. Die Kontroverse um die Migrationspolitik mit den Angriffen auf Wagenknecht thematisiert er, leuchtet sie aber nicht wirklich aus. Da diese Frage in dem facettenreichen Bild Sahra Wagenknechts in j&uuml;ngster Zeit so vieles &uuml;berlagert, w&auml;re es interessant gewesen, dieser Konfliktlinie und der Frage, wie sie so in den Vordergrund r&uuml;cken konnte, st&auml;rker auf den Grund zu gehen. Aber diese Kontroverse ist f&uuml;r Schneider nur ein kleiner Fl&uuml;gel der politischen M&uuml;hle, die Wagenknecht in eine &ldquo;perfide Krankheit&rdquo; f&uuml;hrt; von Schneider erstaunlich unmedizinisch und umgangssprachlich als &ldquo;burn out&rdquo; identifiziert. Schneider schreibt von einem langen Prozess Wagenknechts in diese Krankheit und deutet diese als &ldquo;Ausnahmesituation, die es ihr gestattete, den Irrsinn der Normalit&auml;t zu erkennen&rdquo;. In der Auszeit habe sie zum ersten Mal seit Jahren wieder ausreichend von dem Stoff bekommen, der sie satt mache und ihrem Leben Sinn verleihe &ndash; den W&ouml;rtern, der Literatur.&nbsp;Neben dieser hat Wagenknecht aber, wie Lafontaine betont, nicht zuletzt auch das notwendige Ma&szlig; an Unterst&uuml;tzung und R&uuml;ckendeckung aus den eigenen Reihen gefehlt, die gerade eine Einzelg&auml;ngerin wie sie brauche, um im politischen Alltag zu bestehen. <\/p><p>Am Schluss seines Buches stellt Schneider die Frage, worin der von Goethe als f&uuml;r die Lebensgeschichte von Menschen als entscheidend identifizierte Knoten im Leben Sahra Wagenknechts besteht. Er kommt dabei noch mal auf ihren Vaterverlust zu sprechen, der Stigmatisierung &bdquo;durch die Mitgift einer Person, die sie geliebt und verloren&ldquo; habe. Ihr lebensgeschichtlicher Knoten bestehe in der Verkn&uuml;pfung dieses fr&uuml;hen Verlustes mit dem Wunsch, das Verlorene pr&auml;sent zu halten und sich selbst damit lebensf&auml;hig zu machen: anders sein zu d&uuml;rfen, ohne deshalb ausgegrenzt oder entwertet zu werden: &bdquo;Es ist der Wunsch nach einem Zustand, in dem Freiheit der Selbstentfaltung nicht mit dem Verlust von pers&ouml;nlicher und sozialer Sicherheit bezahlt werden muss.&ldquo; Wagenknechts politisches Leben kreise zu einem guten Teil darum, einen Ausgleich zwischen der Treue zu ihren Idealen und dem Einlassen auf den notwendigen Dialog zu f&uuml;hren. Einem Dialog, der erstaunlicherweise mit der Au&szlig;enwelt oft leichter zu f&uuml;hren zu sein scheint als mit den so oft nur vermeintlich politisch Verb&uuml;ndeten.<\/p><p>Gregor Gysi hat vor kurzem betont, Sahra Wagenknecht  sei &bdquo;keine G&ouml;ttin&ldquo;. Nein, sicher nicht &ndash; aber ein Ausnahmemensch ist sie schon. Das atemberaubende Ausnahmebuch von Schneider mit tiefen, teils grenz&uuml;berschreitenden Einblicken in ihr Inneres scheint dem angemessen zu sein. <\/p><p>Christian Schneider: <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/Alle-Buecher\/Sahra-Wagenknecht.html\">Sahra Wagenknecht. Die Biographie. Frankfurt\/New York 2019.256 Seiten.<\/a> <\/p><p><em>* Jonas Christopher H&ouml;pken, Jahrgang 1972, lebend und arbeitend in Oldenburg, ist katholischer Theologe.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der katholische Theologe <strong>Jonas Christopher H&ouml;pken<\/strong> bespricht die <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/Alle-Buecher\/Sahra-Wagenknecht.html\">Biografie<\/a> Sahra Wagenknecht von Christian Schneider. Eine interessante Konstellation, eine interessante Besprechung. 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