{"id":55148,"date":"2019-09-26T09:24:36","date_gmt":"2019-09-26T07:24:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55148"},"modified":"2019-09-26T18:16:20","modified_gmt":"2019-09-26T16:16:20","slug":"deutsche-einheit-propaganda-und-manipulation-zum-jubilaeum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55148","title":{"rendered":"Deutsche Einheit: Propaganda und Manipulation zum Jubil\u00e4um"},"content":{"rendered":"<p>Die Bundesregierung verweigert in ihrem Bericht zur deutschen Einheit 30 Jahre nach dem Mauerfall die Aufarbeitung der Wende-Verbrechen. Zus&auml;tzlich werden die Ungerechtigkeiten der Gegenwart kleingeredet. Unterst&uuml;tzt wird die Politik bei dieser Verzerrung von zahlreichen Medien: Gemeinsam wollen sie sich von den eigenen Verfehlungen distanzieren. Von <strong>Tobias Riegel<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3259\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-55148-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190926_Deutsche_Einheit_Propaganda_und_Manipulation_zum_Jubilaeum_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190926_Deutsche_Einheit_Propaganda_und_Manipulation_zum_Jubilaeum_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190926_Deutsche_Einheit_Propaganda_und_Manipulation_zum_Jubilaeum_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190926_Deutsche_Einheit_Propaganda_und_Manipulation_zum_Jubilaeum_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=55148-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190926_Deutsche_Einheit_Propaganda_und_Manipulation_zum_Jubilaeum_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"190926_Deutsche_Einheit_Propaganda_und_Manipulation_zum_Jubilaeum_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Die Bundesregierung hat am Mittwoch ihren Jahresbericht zum Stand der Deutschen Einheit vorgelegt. Dieser Bericht wird jedes Jahr ver&ouml;ffentlicht &ndash; aus zwei Gr&uuml;nden sticht der Vorgang  aber dieses Mal heraus: zum einen wegen des nahenden 30. Jahrestags des Mauerfalls und der damit verbundenen Tendenz zu R&uuml;ckschau und Bilanzziehung. Zum anderen wegen der aktuell drastisch zutage tretenden, teils auf die Wendezeit zur&uuml;ckzuf&uuml;hrenden gesellschaftlichen Spaltungen. <\/p><p><strong>Arroganz und Verniedlichung zum Wende-Jubil&auml;um<\/strong><\/p><p>Darum wurde dieser Bericht nun mit Interesse erwartet &ndash; und auch mit (falschen) Hoffnungen. Hoffnungen darauf, dass die Bundesregierung in dem Dokument die Bereitschaft zu zwei Dingen erkennen l&auml;sst: zum einen zu einer realistischen Bestandsaufnahme der Gegenwart. Zum anderen zu einer Aufarbeitung der Vergangenheit &ndash; etwa der mit der &bdquo;Treuhand&ldquo; verbundenen Wende-Verbrechen. Der Bericht der Bundesregierung verweigert sowohl Bestandsaufnahme als auch Aufarbeitung. <\/p><p>Dabei w&auml;re dieser Bericht zum jetzigen exponierten Datum eine Gelegenheit gewesen, eines jener Zeichen der &bdquo;Einsicht&ldquo; zu setzen, die zur gesellschaftlichen Vers&ouml;hnung nun dringend n&ouml;tig w&auml;ren. Oder weniger blumig ausgedr&uuml;ckt: Der Bericht h&auml;tte auf Arroganz und Verniedlichung verzichten m&uuml;ssen und er h&auml;tte neben einer ausgestreckten Hand die Botschaft enthalten m&uuml;ssen: &bdquo;Wir erkennen endlich offiziell die Verantwortung der Politik f&uuml;r heutige gesellschaftliche Spaltungen an, die Ursachen daf&uuml;r liegen auch im skrupellosen Umgang mit der ostdeutschen Gesellschaft nach 1989. Wir bitten um Entschuldigung und zeigen Bem&uuml;hungen, die verursachten Ungleichheiten schleunigst aus der Welt zu schaffen.&ldquo; Der Bericht jedoch (Das Dokument findet sich <a href=\"https:\/\/www.bmwi.de\/Redaktion\/DE\/Publikationen\/Neue-Laender\/jahresbericht-zum-stand-der-deutschen-einheit-2019.html\">hier<\/a>) strahlt das Gegenteil von dieser Einsicht aus &ndash; sein Tenor ist gepr&auml;gt von Trotz und von Floskeln, die die anhaltenden Ungleichheiten relativieren sollen. <\/p><p><strong>Trotz ersetzt Realit&auml;t: &bdquo;Ostdeutschland geht&rsquo;s top&rdquo;<\/strong><\/p><p>Dieser &bdquo;positive&ldquo; Trotz wird von manchen Medien noch gesteigert, indem sie eine verzerrende Botschaft in die &Uuml;berschrift setzen, etwa die &bdquo;Zeit&ldquo;. Die Zeitung nutzt f&uuml;r diesen Versuch der Manipulation wie viele andere Medien ein Zitat des Ostbeauftragten Christian Hirte, der aktuell <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2019-09\/ostdeutschland-deutsche-einheit-jahresbericht-westen-osten\">behauptet<\/a>: <\/p><blockquote><p>&ldquo;Die Situation im Osten ist viel besser als ihr Ruf&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Diese Botschaft wird neben vielen anderen Medien etwa im <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/deutsche-einheit-bericht-des-ostbeauftragten-lage-in-ostdeutschland-besser-a-1288481.html\">&bdquo;Spiegel&ldquo;<\/a>, im <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/nachrichten\/heute\/ostbeauftragter-situation-im-osten-viel-besser-als-ruf-100.html\">ZDF<\/a> oder beim <a href=\"https:\/\/www.rbb24.de\/politik\/beitrag\/2019\/09\/jahresbericht-stand-der-deutschen-einheit-ostbeauftragter-bundesregierung.html\">RBB<\/a> transportiert. Der Nachrichtenkanal der <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=1C0e6Q6oyoI\">&bdquo;Welt&ldquo;<\/a> verk&uuml;ndet gar:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Ostdeutschland geht&rsquo;s top&rdquo;<\/p><\/blockquote><p>Die <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/jahresbericht-deutsche-einheit-103.html\">&bdquo;Tagesschau&ldquo;<\/a> nutzt erg&auml;nzend dazu in der &Uuml;berschrift eine weitverbreitete Formulierung, um &bdquo;dem Osten&ldquo; noch die eigene Benachteiligung anzuh&auml;ngen. Denn wenn die Entwicklung doch &bdquo;top&ldquo; ist, kann die anhaltende Ungleichheit nur daran liegen, dass die Ostdeutschen eben &bdquo;hinken&ldquo;:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Der Osten hinkt weiter hinterher&ldquo;<\/p><\/blockquote><p><strong>Joachim Gauck &ndash; und wie schr&auml;g er die Wende sah<\/strong><\/p><p>Noch einen drauf setzte aktuell der Ex-Bundespr&auml;sident Joachim Gauck: Er forderte in einem <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/gauck-zu-einheitsprozess-mit-ostdeutschen-allein-waere-die.1939.de.html?drn:news_id=1052972\">Interview<\/a>, dass doch endlich auch mal der Beitrag der Westdeutschen zum Gelingen der Einheit betont werden solle. Und das in einer Situation, in der die stramm westdeutsch gepr&auml;gte Sicht auf die Jahre seit 1989 dringend durchbrochen und durch eine echte Aufarbeitung ersetzt werden m&uuml;sste. <\/p><p>Unter anderem nennt Gauck ausgerechnet westdeutsche Medienschaffende, die nach der Wende im Osten einen &bdquo;glaubw&uuml;rdigen Journalismus&ldquo; aufgebaut h&auml;tten. Das ist eine Ohrfeige f&uuml;r die Opfer der gro&szlig;fl&auml;chigen Nachwende-Propaganda: Viele aktuelle Verletzungen resultieren auch aus den von Arroganz und Manipulation gepr&auml;gten Kampagnen westdeutscher Medien und Politiker nach 1989. Ohne die Aufarbeitung auch dieser Propaganda wird eine Vers&ouml;hnung nur schwer m&ouml;glich sein. Politiker wie Gauck und einige der oben zitierten Journalisten stehen dieser Vers&ouml;hnung im Weg. <\/p><p><strong>Die Geschichtsklitterung durch die Bundesregierung<\/strong><\/p><p>Und auch der Ostbeauftragte Hirte wiederholt selbst in der aktuell gesellschaftlich brenzligen Situation einfach die alten Phrasen. Etwa zur Diskussion &uuml;ber &bdquo;Treuhand&ldquo;-Kahlschlag und Wende-Kriminalit&auml;t sagte er gerade laut Medien: &bdquo;Dass der Osten heute wirtschaftlich schlechter aufgestellt ist als der Westen, liegt nicht an der Situation ab 1990 &ndash; sondern daran, dass die DDR wirtschaftlich marode war.&ldquo; Hirte f&auml;hrt fort:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Ich halte das f&uuml;r einen haneb&uuml;chenen Unsinn, dass der Eindruck erweckt wird, der Westen habe ab 1990 quasi den Osten &uuml;berrannt und ausgebeutet. Nat&uuml;rlich sind im Zuge der Privatisierung auch Unternehmen im Osten unter die R&auml;der gekommen. Ich will gar nicht behaupten, dass wir alles richtig gemacht h&auml;tten. (&hellip;) Aber dass die Treuhand schuld ist an den Problemen, die wir heute haben, das halte ich f&uuml;r v&ouml;llig falsch. Wenn Linke und AfD meinen, das sei alles vom b&ouml;sen Westen verursacht worden, ist das Geschichtsklitterung.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p><strong>Analyse der Wende-Verbrechen ist eine &bdquo;rechte&ldquo; Forderung<\/strong><\/p><p>Dieser Absatz ist einem &bdquo;Ostbeauftragten&ldquo; nicht nur wegen der Verniedlichung &bdquo;auch Unternehmen im Osten&ldquo; unw&uuml;rdig. Hier nutzt Hirte au&szlig;erdem eine bekannte Taktik, um die Forderung nach einer angemessenen Wende-Analyse zu diffamieren. Dieses Vorgehen haben die NachDenkSeiten k&uuml;rzlich <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=53595\">hier<\/a> beschrieben. Es besteht darin, die Forderung nach einer Aufarbeitung der Wende-Wirtschafts-Kriminalit&auml;t indirekt als &bdquo;rechts&ldquo; zu bezeichnen. Das geschieht etwa, indem die Rufe der LINKEN nach einem Untersuchungsausschuss nun stets mit &auml;hnlich klingenden Forderungen der AfD verbunden werden, wie das auch Hirte praktiziert. <\/p><p>Der &bdquo;Raubzug der Treuhand&ldquo; werde zus&auml;tzlich auf die &bdquo;Fehler&ldquo; Einzelner reduziert, was man als die wahre Geschichtsklitterung bezeichnen muss. Entt&auml;uschend ist im Zusammenhang mit dem Wende-Untersuchungsausschuss einmal mehr das abwartende bzw. ablehnende Verhalten von SPD und Gr&uuml;nen, wie die NachDenkSeiten k&uuml;rzlich <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51131\">hier<\/a> beschrieben haben. <\/p><p><strong>Keine Vers&ouml;hnung ohne Aufarbeitung<\/strong><\/p><p>Ohne Aufarbeitung keine Vers&ouml;hnung. Wie zentral eine gr&uuml;ndliche Besch&auml;ftigung mit den durch &bdquo;Treuhand&ldquo; und westdeutsche Propaganda hervorgerufenen Verwundungen ist, zeigt unter vielen anderen Indikatoren eine Studie, die das <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1117314.treuhand-botschaft-des-scherbenhaufens.html\">&bdquo;Neue Deutschland&ldquo;<\/a> zitiert: <\/p><blockquote><p>&bdquo;&rsquo;Abwicklung&rsquo;, &sbquo;Ausverkauf&lsquo;, &sbquo;Betrug&lsquo;. Das waren die Begriffe, die 500 Befragte laut einer Studie von Wissenschaftlern der Ruhr-Universit&auml;t Bochum am h&auml;ufigsten verwendeten, um ihre Erinnerungen an die Privatisierungsbeh&ouml;rde zu beschreiben, unter deren Verwaltung die DDR-Volkswirtschaft abgewickelt wurde. In der Studie &raquo;Wahrnehmung und Bewertung der Arbeit der Treuhandanstalt&laquo; aus dem Jahr 2017 ist res&uuml;mierend von einem negativen Gr&uuml;ndungsmythos des wiedervereinigten Landes die Rede.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p><strong>Noch immer gilt: &bdquo;Die DDR ist schuld&ldquo;<\/strong><\/p><p>Doch bis heute reduziert sogar der &bdquo;Ostbeauftragte&ldquo; die reale Ungleichheit auf ein Gef&uuml;hl: Es gebe nach wie vor viele B&uuml;rger, die &bdquo;meinten&ldquo;, dass der Osten kollektiv und individuell benachteiligt werde, so Hirte. Das liegt laut Hirte aber nicht an einer verfehlten Politik seit 1989 &ndash; nein, die DDR ist schuld: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Das resultiert daraus, dass die Ostdeutschen das Pech hatten, 40 Jahre auf der falschen Seite der Geschichte gestanden zu haben.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Der Fraktionschef der LINKEN, Dietmar Bartsch, bezeichnete dagegen die &bdquo;Treuhand&ldquo; k&uuml;rzlich in einer <a href=\"https:\/\/www.linksfraktion.de\/nc\/parlament\/reden\/detail\/dietmar-bartsch-die-treuhand-wunde-klafft-tief-bis-heute\/\">Rede<\/a> als eine gesellschaftliche Wunde, die bis heute klaffe. Bartsch ist einer der wenigen Politiker, die aktuell konsequent auf eine echte Analyse der Wende-Jahre pochen. Und nicht nur die R&uuml;ckschau ist laut Bartsch unbefriedigend, auch die angemessene Beschreibung der Gegenwart werde in dem aktuellen Bericht einmal mehr verweigert, wie er Medien <a href=\"https:\/\/www.nw.de\/nachrichten\/politik\/22568582_Kritik-am-Jahresbericht-zum-Stand-der-Deutschen-Einheit.html\">sagte<\/a>:  <\/p><p><strong>Die &bdquo;Lobhudelei&ldquo; des Ostbeauftragten<\/strong><\/p><blockquote><p>&ldquo;Mit dem neuen Ostbeauftragten verkommt der Jahresbericht zum Stand der deutschen Einheit zu einer einzigen Lobhudelei. (&hellip;) Nat&uuml;rlich ist viel geleistet worden, von Ost- und Westdeutschen. Aber dass nach 30 Jahren Ostdeutsche weiterhin l&auml;nger arbeiten m&uuml;ssen und daf&uuml;r weniger Geld bekommen, ist einer von vielen nicht akzeptablen Fakten.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Und auch Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpr&auml;sidentin Manuela Schwesig (SPD) kommt dieser Tage darauf, dass 30 Jahre Ungleichbehandlung &bdquo;Unmut&ldquo; erzeugen k&ouml;nnte: <\/p><blockquote><p>&bdquo;F&uuml;r Unmut sorgt vor allem, dass wir 30 Jahre nach der Deutschen Einheit immer noch keine gleichen L&ouml;hne und keine gleichen Renten haben.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Dieser Unmut dr&auml;ngt nun mit gro&szlig;er und teils zerst&ouml;rerischer Energie an die Oberfl&auml;che, auch weil die Medienkampagnen <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=53595\">an Kraft eingeb&uuml;&szlig;t haben<\/a>: Die widerspr&uuml;chliche mediale Mischung aus Heiligsprechung (&bdquo;friedliche Revolution&auml;re&ldquo;) und Diffamierung (&bdquo;Jammer-Ossis&ldquo;) hat ihre Wirkung abgenutzt. Es ist ohnehin erstaunlich, wie lange im Zusammenhang mit dem Ende der DDR das Offensichtliche unter einer politisch-medialen Decke gehalten werden konnte. Dieses Vorgehen muss man als ein Meisterst&uuml;ck der langfristigen Propaganda bezeichnen, an der sich alle relevanten Medien und zahlreiche Politiker beteiligt haben.<\/p><p><strong>Beim aktuellen Tempo w&auml;re erst 2081 Gleichheit hergestellt<\/strong><\/p><p>Der Medienpropaganda und der &bdquo;Lobhudelei&ldquo; vieler Politiker <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1126341.deutsche-einheit-fakten-irritieren-hirte-nicht.html\">setzt<\/a> etwa Bartsch Fakten entgegen: Die ostdeutsche Wirtschaftskraft je Einwohner liegt laut Bundesregierung aktuell bei 75 Prozent des Westniveaus &ndash; im Bericht wird das bejubelt. Aber bereits 1995 lag diese Quote bei 65 Prozent. Die Wirtschaftskraft Ost wurde in einem knappen Vierteljahrhundert in Relation zum Westniveau um 10 Prozent gesteigert. In diesem Tempo w&uuml;rde die wirtschaftliche Einheit im Jahr 2081 vollendet werden. Fast 100 Jahre nach der Einheit. Der LINKEN-Politiker z&auml;hlt weitere Ungerechtigkeiten auf, die in der aktuellen Berichterstattung weitgehend verschwiegen werden:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Nur in 1,7 Prozent der Spitzenpositionen sitzen Ostdeutsche. Kein Rektor einer Universit&auml;t kommt aus dem Osten, kein Bundesrichter. In den Bundesministerien kommen nur drei von 120 leitenden Beamten aus dem Osten. Von 217 Bundeseinrichtungen sind lediglich 23 im Osten angesiedelt. Von 109 Unternehmen, an denen der Bund beteiligt ist, haben f&uuml;nf ihren Sitz in Ostdeutschland. Das ist alles f&ouml;deral grob unfair! Wir fordern keine Extrawurst f&uuml;r den Osten, sondern einen Pakt f&uuml;r f&ouml;derale Fairness.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p><strong>Die &bdquo;Ver&auml;nderungsm&uuml;digkeit&ldquo; der Ostdeutschen<\/strong><\/p><p>Dem Bericht der Bundesregierung zufolge haben die ostdeutschen Bundesl&auml;nder in den vergangenen Jahren wirtschaftlich zwar aufgeholt, sind aber l&auml;ngst nicht gleichgezogen: &bdquo;Die Wirtschaftskraft Ostdeutschlands ist von 43 Prozent im Jahr 1990 auf 75 Prozent des westdeutschen Niveaus im Jahr 2018 gestiegen&ldquo;, hei&szlig;t es in dem Papier, wie <a href=\"https:\/\/www.rnd.de\/politik\/bartsch-bericht-zur-deutschen-einheit-ist-einzige-lobhudelei-T5RM2V3ZNZAZJAGDAU3Y53JN7E.html\">Medien berichten<\/a>. Im Jahresbericht von vor einem Jahr habe es mit Blick auf 2017 noch gehei&szlig;en, die Wirtschaftskraft verharre mit 73,2 Prozent in etwa auf dem Vorjahresniveau. Hirte bezeichnet die Unzufriedenheit vieler Ostdeutscher mit der Langsamkeit der Ver&auml;nderung der realen Lebensverh&auml;ltnisse &uuml;brigens als &bdquo;Ver&auml;nderungsm&uuml;digkeit&ldquo;.<br>\nDer gesamte Bericht findet sich <a href=\"https:\/\/www.bmwi.de\/Redaktion\/DE\/Publikationen\/Neue-Laender\/jahresbericht-zum-stand-der-deutschen-einheit-2019.html\">hier<\/a>.<\/p><p>Die Unterschiede in der wirtschaftlichen Leistungskraft h&auml;ngen laut Jahresbericht vor allem mit strukturellen Faktoren zusammen. Dazu z&auml;hlten &bdquo;die Kleinteiligkeit der ostdeutschen Wirtschaft, ein Mangel an Konzernzentralen gro&szlig;er Unternehmen und die l&auml;ndlich gepr&auml;gte Siedlungsstruktur&ldquo;. Die verf&uuml;gbaren Einkommen seien zudem eigentlich &bdquo;auf einem vergleichbaren Niveau mit dem Westen&ldquo;, weil die Lebenshaltungskosten niedriger seien. Au&szlig;erdem sei die Gesellschaft wegen der Abwanderung vieler junger Leute nach 1989\/1990 &auml;lter als im Westen.<\/p><p><strong>Mit Mauer-Gedenken gegen die &ouml;konomische Ungleichheit?<\/strong><\/p><p>Interessant sind auch die <a href=\"https:\/\/www.bmwi.de\/Redaktion\/DE\/Downloads\/S-T\/schlussfolgerungen-neue-laender.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=8\">&bdquo;Schlussfolgerungen des Kabinettausschusses &sbquo;Neue L&auml;nder&rsquo;&ldquo;<\/a> aus dem Bericht &ndash; sie empfehlen zuallererst Symbolisches: &bdquo;Gemeinsames Gedenken an Mauerfall und Deutsche Einheit&ldquo;, &bdquo;Aufarbeitung fortsetzen, Br&uuml;cken der Verst&auml;ndigung bauen&ldquo; und &bdquo;B&uuml;rgerschaftliches Engagement und Demokratie st&auml;rken&ldquo;. Erst dann folgen (immerhin) zentrale Punkte wie  &bdquo;Gleichwertige Lebensverh&auml;ltnisse schaffen, digitale Infrastruktur ausbauen&ldquo; oder &bdquo;Gesundheitsversorgung im l&auml;ndlichen Raum sichern&ldquo;.<\/p><p>Der aktuelle Bericht und viele Reaktionen darauf erscheinen als ein Akt der offensiven Realit&auml;tsverweigerung, wie etwa <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50523\">hier<\/a> beschrieben wird: Dass die damaligen Massenentlassungen und andere Dem&uuml;tigungen bis in die Gegenwart hineinwirken, l&auml;sst sich nicht ignorieren. Die politisch-wirtschaftlichen Verletzungen wurden zus&auml;tzlich verschlimmert durch eine die Ostdeutschen herabsetzende Medien-Propaganda, die den Kahlschlag nach der Wende begleitet hatte und diesen bis in die Gegenwart in Schutz nimmt.<\/p><p><strong>Die Verursacher stehlen sich aus der Verantwortung<\/strong><\/p><p>Doch nicht nur Redakteure und profitierende Firmenlenker haben sich damals schuldig gemacht und weigern sich bis heute, die Verantwortung f&uuml;r von ihnen veranlasste Massenentlassungen bzw. Meinungsmache anzuerkennen. Auch die Politik hat jahrzehntelang fatale Weichen gestellt und falsche Signale gesendet. Alle Genannten haben gemein, dass sie die heutigen gesellschaftlichen Spaltungen nicht mit der von ihnen gepr&auml;gten Geschichte seit 1989 in Verbindung bringen wollen. Dieser Geist spricht auch aus dem aktuellen Bericht der Regierung. <\/p><p>Titelbild: Adam James Booth\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bundesregierung verweigert in ihrem Bericht zur deutschen Einheit 30 Jahre nach dem Mauerfall die Aufarbeitung der Wende-Verbrechen. Zus&auml;tzlich werden die Ungerechtigkeiten der Gegenwart kleingeredet. Unterst&uuml;tzt wird die Politik bei dieser Verzerrung von zahlreichen Medien: Gemeinsam wollen sie sich von den eigenen Verfehlungen distanzieren. Von <strong>Tobias Riegel<\/strong>.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":55150,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,212,165,123,183,11],"tags":[659,277,1543,764,2735,575,276,687],"class_list":["post-55148","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-gedenktagejahrestage","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-kampagnentarnworteneusprech","category-medienkritik","category-strategien-der-meinungsmache","tag-bartsch-dietmar","tag-ddr","tag-deutsche-einheit","tag-gauck-joachim","tag-hirte-christian","tag-ostdeutschland","tag-treuhand","tag-ungleichheit"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/shutterstock_660292096.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/55148","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=55148"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/55148\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":55173,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/55148\/revisions\/55173"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/55150"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=55148"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=55148"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=55148"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}