{"id":55163,"date":"2019-09-26T14:02:20","date_gmt":"2019-09-26T12:02:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55163"},"modified":"2019-09-27T12:01:24","modified_gmt":"2019-09-27T10:01:24","slug":"der-us-drohnenterror-kostet-weiterhin-menschenleben-und-die-medien-schauen-weg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55163","title":{"rendered":"Der US-Drohnenterror kostet weiterhin Menschenleben und die Medien schauen weg"},"content":{"rendered":"<p>Innerhalb einer Woche wurden fast einhundert afghanische Zivilisten durch US-amerikanische Luftangriffe, haupts&auml;chlich ausgef&uuml;hrt von Drohnen, get&ouml;tet. Doch w&auml;hrend die Afghanen nacheinander ihre Toten begraben, bleibt der gro&szlig;e Aufschrei aus &ndash; wie gewohnt. Auch gro&szlig;e deutsche Medien, wie die Tagesschau, schauen lieber weg. Von <strong>Emran Feroz<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3754\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-55163-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190927_Der_US_Drohnenterror_kostet_weiterhin_Menschenleben_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190927_Der_US_Drohnenterror_kostet_weiterhin_Menschenleben_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190927_Der_US_Drohnenterror_kostet_weiterhin_Menschenleben_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190927_Der_US_Drohnenterror_kostet_weiterhin_Menschenleben_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=55163-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190927_Der_US_Drohnenterror_kostet_weiterhin_Menschenleben_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"190927_Der_US_Drohnenterror_kostet_weiterhin_Menschenleben_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Am Mittwoch der vergangenen Woche wurden bei einem Taliban-Anschlag in der afghanischen Provinz Zabul mindestens 39 Menschen get&ouml;tet und 90 weitere verletzt. <a href=\"https:\/\/www.aljazeera.com\/news\/2019\/09\/killed-car-bomb-attack-afghan-province-zabul-190919042138106.html\">Laut dem Kabuler Verteidigungsministerium<\/a> wollten die Aufst&auml;ndischen eine Basis des NDS, des afghanischen Geheimdienstes, angreifen. Doch wie so oft waren die meisten Opfer Zivilisten, was vor allem mit der Tatsache zu tun hatte, dass der Wagen mit der Bombenladung nahe eines Krankenhauses platziert wurde. W&auml;hrend einige Beobachter die Frage stellten, warum Geheimdienst und Milit&auml;r weiterhin unter ziviler Infrastruktur zu finden sind, ist jegliche Verharmlosung des Anschlages fehl am Platz. Der Angriff auf ein Krankenhaus ist stets als Kriegsverbrechen zu betrachten, was auch in der damit verbundenen Berichterstattung deutlich wurde. &bdquo;Tote durch Autobombe vor Klinik&ldquo;, <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/afghanistan-anschlag-145.html\">titelte etwa die Tagesschau<\/a>. &bdquo;Viele Tote nach Anschlag vor Krankenhaus&ldquo;, <a href=\"https:\/\/www.stern.de\/politik\/ausland\/taliban-angriff-viele-tote-nach-anschlag-vor-krankenhaus-in-afghanistan-8912466.html\">hie&szlig; es im Stern<\/a>. In beiden F&auml;llen war allerdings nur von Taliban-Anschl&auml;gen die Rede. Das Echo in der internationalen Berichterstattung war &auml;hnlich. Der T&auml;ter war eindeutig und bekannt, und die Verurteilung aus bestimmten Ecken war laut und deutlich zu h&ouml;ren.<\/p><p>Doch an jenem Mittwoch fand auch anderswo in Afghanistan ein Massaker statt. Im Distrikt Khogyani in der &ouml;stlichen Provinz Nangarhar wurden mindestens drei&szlig;ig Zivilisten, haupts&auml;chlich Bauern, von US-amerikanischen Drohnen gejagt und get&ouml;tet. Dutzende von Menschen wurden von den mittlerweile ber&uuml;hmt-ber&uuml;chtigten Hellfire-Raketen verletzt. Sowohl die Kabuler Regierung als auch das US-Milit&auml;r bezeichneten die Opfer anfangs als &bdquo;mutma&szlig;liche IS-Extremisten&ldquo;. Unter anderem konnte man auch lesen, dass die Zivilisten <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/article\/us-afghanistan-attack-drones\/u-s-drone-strike-kills-30-pine-nut-farm-workers-in-afghanistan-idUSKBN1W40NW\">&bdquo;versehentlich&ldquo; get&ouml;tet wurden<\/a>.<\/p><p>Doch was ist genau passiert? Bereits zw&ouml;lf Tage vor den Drohnenangriffen wendeten sich die &Auml;ltesten aus der betroffenen Region an den Gouverneur der Provinz, der der Kabuler Regierung direkt untersteht. Aufgrund der anstehenden Pinienkernsaison wiesen die Dorfbewohner den Gouverneur darauf hin, dass man rund 200 Arbeiter rekrutiert habe, darunter auch Kinder, um f&uuml;r die Ernte ger&uuml;stet zu sein. Wie in vielen anderen Teilen des l&auml;ndlichen Afghanistans sind auch die Menschen in Khogyani auf Anbau und Verkauf von Trockenobst angewiesen. Der Versand des Briefes hatte vor allem den Zweck, nicht zum Ziel von Kampfhandlungen zu werden, wie <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/article\/us-afghanistan-attack-drones-letter-idUSKBN1W431P?utm_campaign=trueAnthem:+Trending+Content&amp;utm_content=5d846c7043e1f200011937f6&amp;utm_medium=trueAnthem&amp;utm_source=twitter\">Reuters detailliert berichtete<\/a>. Die Region gilt seit Jahren als umk&auml;mpft. Viele Teile von Nangarhar werden von den Taliban kontrolliert, w&auml;hrend die USA und ihre afghanischen Verb&uuml;ndeten es vorziehen, s&auml;mtliche Landstriche blind zu bombardieren.<\/p><p>Das pr&auml;ventive Handeln der Menschen aus Khogyani war nachvollziehbar. In der Region werden Zivilisten, darunter etwa arbeitende M&auml;nner und Frauen oder spielende Kinder, seit Jahren zum Ziel von Drohnen-Angriffen. 2017 war ich aufgrund der Recherchen f&uuml;r mein Buch &bdquo;Tod per Knopfdruck&ldquo; selbst in Khogyani unterwegs. Die meisten Menschen vor Ort, sowohl Zivilisten als auch Taliban-K&auml;mpfer, beschrieben einen Alltag, der von Drohnen-Angriffen und anderweitigen brutalen Operationen des US-Milit&auml;rs gepr&auml;gt war. Der Umstand, dass durch diese Angriffe in erster Linie Zivilisten get&ouml;tet werden, war f&uuml;r die Afghanen aus der Region nichts Neues. Immerhin wussten sie, was um sie herum passiert. Sie erz&auml;hlten von zerst&ouml;rten D&ouml;rfern, get&ouml;teten Bauern und traumatisierten Kindern.<\/p><p>Umso weniger &uuml;berraschend ist die Tatsache, dass auch beim j&uuml;ngsten Drohnen-Massaker in der Region keinerlei Pr&auml;vention Wirkung zeigte. Die Erntesaison in Nangarhar begann mit einem Blutbad und am darauffolgenden Tag mussten die Menschen ihre Liebsten beerdigen. Die Drohnen-Piloten des US-Milit&auml;rs, die meistens irgendwo in der W&uuml;ste Nevadas sitzen, hatten &ndash; wieder einmal &ndash; vermeintliche Terroristen get&ouml;tet.<\/p><p>Man muss in diesem Kontext immer wieder betonen, dass das, was in Khogyani geschah, nicht die Ausnahme ist, sondern die Regel. Das US-Milit&auml;r lie&szlig; sich wahrlich nicht viel Zeit, um dies selbst unter Beweis zu stellen. Denn nur f&uuml;nf Tage sp&auml;ter wurden in der s&uuml;dafghanischen Provinz Helmand zwischen 40 und 70 Menschen durch einen &bdquo;Pr&auml;zisionsschlag&ldquo;, wie es die US-Kr&auml;fte beschrieben, get&ouml;tet. Bei den Opfern <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2019\/09\/23\/world\/asia\/afghanistan-civilian-deaths-army-airstrike.html\">handelte es sich um eine Hochzeitsgesellschaft<\/a>.<\/p><p>Nun stellen sich wom&ouml;glich weiterhin einige Menschen, insofern sie &uuml;berhaupt Interesse zeigen, die Frage, wie so etwas &uuml;berhaupt passieren kann. Fakt ist, dass Afghanistan seit Beginn des NATO-Krieges im Jahr 2001 als Waffentestgel&auml;nde regelrecht missbraucht wird. Der Drohnen-Krieg ist hierf&uuml;r das beste Beispiel, immerhin fand der allererste Angriff einer bewaffneten Drohne in der Menschheitsgeschichte am Hindukusch statt. Das Flugger&auml;t vom Typ Predator (&bdquo;Raubtier&ldquo;) sollte im Oktober 2001 Taliban-Gr&uuml;nder Mullah Mohammad Omar in der Provinz Kandahar &bdquo;ausschalten&ldquo;. Heute wissen wir, dass Omar viele Jahre sp&auml;ter, n&auml;mlich 2013, eines nat&uuml;rlichen Todes starb. Die Frage, wer an seiner Stelle von der Drohne get&ouml;tet wurde, wurde niemals wirklich gestellt. Nach 2001 wurde Omar &uuml;brigens nach diversen Drohnen-Angriffen immer wieder f&uuml;r &bdquo;tot&ldquo; erkl&auml;rt. &Auml;hnlich verhielt es sich mit anderen Extremistenf&uuml;hrern, darunter etwa auch Al-Qaida-Chef Ayman Al-Zawahiri, der weiterhin am Leben ist, w&auml;hrend andere, namenlose Menschen an dessen Stelle get&ouml;tet wurden.<\/p><p>Der &bdquo;Krieg gegen den Terror&ldquo; ist gepr&auml;gt von derartigen Szenarien, und sie kommen nicht nur aufgrund fehlerhafter Informationen zustande, sondern auch und vor allem aufgrund einer problematischen Technologie. Egal, was Milit&auml;r, R&uuml;stungsindustrie und viele Politiker behaupten: Drohnen sind keine pr&auml;zisen Waffen. Andernfalls h&auml;tten sie in Afghanistan nicht innerhalb einer Woche fast einhundert Menschen &ndash; Bauern und Hochzeitsg&auml;ste! &ndash; get&ouml;tet.<\/p><p>In diesem Kontext bleibt es einem nicht erspart, auf das geringe Interesse der &Ouml;ffentlichkeit nach derartigen Massakern aufmerksam zu machen. All diese Afghanen wurden nicht von b&auml;rtigen Taliban-K&auml;mpfern oder IS-Extremisten get&ouml;tet, sondern von &bdquo;uns&ldquo;. Einem westlichen T&ouml;tungskomplex, f&uuml;r den viele Menschen mitverantwortlich sind. Dies betrifft sowohl den Drohnen-Piloten, der nach seiner Schicht seinen Feierabend genie&szlig;t, als auch den Techniker, der die Flugger&auml;te vor dem n&auml;chsten &bdquo;Raubzug&ldquo; wartet. Die Opfer unterscheiden nicht zwischen Bombenangriffen, Selbstmordattentaten und Drohnen-Operationen. F&uuml;r sie ist alles dieselbe Gewalt, derselbe Terror. Und in diesem Fall ist es eben der westliche Terror, durch den so mancher US-Pr&auml;sident sogar einen Friedensnobelpreis eingeheimst hat.<\/p><p>Man stelle sich nur vor, was in unseren Breiten los w&auml;re, wenn ein Land wie der Iran pl&ouml;tzlich mit bewaffneten Drohnen Jagd auf europ&auml;ische Bauern machen oder amerikanische Hochzeitsgesellschaften bombardieren w&uuml;rde. Ja, das ist ein Vergleich, der wom&ouml;glich vielen nicht in den Kram passt, der zynisch und plakativ klingt. Dennoch: Was w&auml;re dann los?<\/p><p>Titelbild: Michael Fitzsimmons\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Innerhalb einer Woche wurden fast einhundert afghanische Zivilisten durch US-amerikanische Luftangriffe, haupts&auml;chlich ausgef&uuml;hrt von Drohnen, get&ouml;tet. Doch w&auml;hrend die Afghanen nacheinander ihre Toten begraben, bleibt der gro&szlig;e Aufschrei aus &ndash; wie gewohnt. Auch gro&szlig;e deutsche Medien, wie die Tagesschau, schauen lieber weg. Von <strong>Emran Feroz<\/strong>.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":55164,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,183,171,161],"tags":[351,1276,813,1564,304,1919,1556,2360],"class_list":["post-55163","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-medienkritik","category-militaereinsaetzekriege","category-wertedebatte","tag-afghanistan","tag-attentat","tag-drohnen","tag-krieg-gegen-den-terror","tag-kriegsverbrechen","tag-lueckenpresse","tag-usa","tag-zivile-opfer"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/shutterstock_1079533994.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/55163","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=55163"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/55163\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":55197,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/55163\/revisions\/55197"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/55164"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=55163"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=55163"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=55163"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}