{"id":55208,"date":"2019-09-29T16:00:34","date_gmt":"2019-09-29T14:00:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55208"},"modified":"2024-09-24T07:37:04","modified_gmt":"2024-09-24T05:37:04","slug":"hitlers-ss-im-amazonas-dschungel-das-halsbrecherische-abenteuer-einer-wirren-nazi-expedition-die-1935-gegen-den-strom-des-jari-kaempfte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55208","title":{"rendered":"Hitlers SS im Amazonas-Dschungel \u2013 Das halsbrecherische Abenteuer einer wirren Nazi-Expedition, die 1935 gegen den Strom des Jari k\u00e4mpfte"},"content":{"rendered":"<p>Zwischen der M&uuml;ndung des Jari-Stroms in den Amazonas und seinem tosenden Wasserfall Santo Antonio befindet sich ein drei Meter hohes und zwei Meter breites Holzkreuz, das seit einigen Jahren im brasilianischen Bundesstaat Amap&aacute; als Touristenattraktion gilt. Darunter ruht Joseph Greiner, ein Deutschbrasilianer, der im Januar 1936 an den Folgen einer Malaria-Erkrankung mit j&auml;her Wirkung starb und dort beigesetzt wurde. Von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nVor einigen Jahren wurde das Grab wiederentdeckt und mauserte sich zum Dschungel-Pilgerort. Kreuz und Grab werden von einem Dach gesch&uuml;tzt. An der oberen Spitze wurde ein Hakenkreuz als Brandikone des Nationalsozialismus in das Dschungelholz geschnitzt. Der Nekrolog deutet nur vage die Umst&auml;nde an: &ldquo;Joseph Greiner starb hier am 01.02.36 den Fiebertod im Dienste der deutschen Forschungsarbeit &ndash; Deutsche Jary-Expedition, 1935-1937.&rdquo;<\/p><p>Meine Besch&auml;ftigung mit der Geschichte begann 2003, auf einer zuf&auml;llig im tiefen Internet gefundenen Seite mit dem Titel &ldquo;A rota nazista na Amaz&ocirc;nia&ldquo; (Die Naziroute in Amazonien) und in Anlehnung an das Buch &uuml;ber eine mysteri&ouml;se deutsche Expedition. Meine spontane Reaktion war die Erinnerung an den Irrwitz, der in dem Buch Die <em>Chronik von Akakor<\/em> des ehemaligen ARD-H&ouml;rfunkkorrespondenten Karl Brugger in Brasilien niedergeschrieben ist, der 1984 vor einem Restaurant in Rio de Janeiro ermordet wurde.<\/p><p>Darin wiederholte Brugger die Legende, die ein angeblicher Indianer in den 1970er Jahren von einer &ldquo;Nazi-Expedition zum Amazonas&rdquo; am Ende des Zweiten Weltkriegs gesponnen hatte und die 2008 von Steven Spielberg als Milliardenplagiat mit dem Titel &bdquo;Indiana Jones und das K&ouml;nigreich des Kristallsch&auml;dels&ldquo; recycelt wurde. Hauptb&uuml;hne der fiktiven, angeblich &bdquo;verschollenen&ldquo; Filmstadt Akator war eine &bdquo;unterirdische Nazi-Basis im Amazonasgebiet&rdquo;, um deren Kontrolle sich sowjetische und amerikanische Agenten die w&uuml;stesten Schlachten lieferten.<\/p><p>Im Laufe der Jahre hatte ich eine Menge historische Hinweise &uuml;ber die Jari-Expedition gesammelt, zauderte jedoch, etwas dar&uuml;ber zu ver&ouml;ffentlichen, um ein aufregendes Dokumentar-Filmprojekt nicht sinnlos zu verpulvern.<\/p><p>Der Stoff erregte jedoch das Interesse des Spiegel-Magazins, dessen Korrespondent in Brasilien, Jens Gl&uuml;sing, sehr schnell mit dem Buch &ldquo;Das Guyana-Projekt&ldquo; an die deutsche &Ouml;ffentlichkeit trat. Ich widerstand der Versuchung, Gl&uuml;sings Buch zu lesen, um mich nicht unbewusst davon beeinflussen zu lassen, aber die n&ouml;tige Werbung f&uuml;r die Finanzierung des geplanten, jedoch bisher nicht realisierten Filmprojekts veranlasste mich schlie&szlig;lich zur Reportage &ldquo;Nazistas na Amaz&ocirc;nia&ldquo;, die erstmals 2009 in der brasilianischen Monatszeitschrift Brasileiros erschien und hier in etwas ver&auml;nderter, deutscher Fassung wiedergegeben wird.<\/p><p><strong>&ldquo;R&auml;tsel der Urwaldh&ouml;lle&rdquo;<\/strong><\/p><div style=\"float: left; padding: 0 20px 20px 0\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/190929_04-207x300.jpg\" alt=\"\" width=\"207\" height=\"300\" class=\"alignleft size-medium wp-image-55210\" srcset=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/190929_04-207x300.jpg 207w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/190929_04-768x1114.jpg 768w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/190929_04-706x1024.jpg 706w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/190929_04-338x490.jpg 338w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/190929_04-169x245.jpg 169w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/190929_04.jpg 780w\" sizes=\"auto, (max-width: 207px) 100vw, 207px\" \/><\/div><p>In einem verstaubten, deutschen Internetshop bestellte ich das Buch mit obigem Titel und wenige Wochen sp&auml;ter packte ich es mit ungeduldigen Handgriffen in Brasilien aus, so als sei nun auch ich auf einen &bdquo;Schatz&ldquo; gesto&szlig;en. Beim Durchbl&auml;ttern &uuml;berfiel mich das dumpfe Gef&uuml;hl, die falsche Ausgabe in der Hand zu haben, das Buch war 1953 ver&ouml;ffentlicht worden. Nur schrittweise d&auml;mmerte mir, dass es realiter zwei Buch-Versionen des Jari-Abenteuers gibt: eine offizielle, 1953 ver&ouml;ffentlicht, und eine zensierte, aus dem Jahr 1938.<\/p><p>Die im Deutschen Verlag w&auml;hrend der NS-Diktatur erschienene Originalausgabe von &ldquo;R&auml;tsel der Urwaldh&ouml;lle. Vorsto&szlig; in unerforschte Urw&auml;lder des Amazonenstromes&rdquo; enth&auml;lt n&auml;mlich 60 Fotos, die in der von mir erworbenen Nachkriegsversion fehlen. Darunter zwei freche Hakenkreuz-Bilder: das eine am Kopf des Greiner-Kreuzes, ein zweites als fr&ouml;hlich flatternde Hakenkreuzfahne am Heck eines Kanus auf dem Jari. Den Grund f&uuml;r die Ausradierung der Hakenkreuz-Fotos in der 1953er Buchfassung erkl&auml;rte mir die demokratische Verfassung der Bundesrepublik; sie hatte die Verbreitung des Hakenkreuz-Symbols unter Verbot gestellt.<\/p><p>&ldquo;R&auml;tsel der Urwaldh&ouml;lle&rdquo; ist eine Mischung von Tagebuch und Chronik, die dem gleichnamigen Film &ndash; der 1938 von der Universum Film AG (UFA) uraufgef&uuml;hrt und vertrieben wurde und dann auf mysteri&ouml;se Weise verschwand &ndash; als Treatment diente. An seiner Stelle taucht in den 1970er Jahren ein Dokumentarfilm mit dem ungenauen und harmlosen Titel &ldquo;&Uuml;ber das t&auml;gliche Leben der Indianer im Amazonas-Dschungel &ndash; Berichte von einer Forschungsreise, 1935-1937&ldquo;, auf.<\/p><p><strong>Brasilianische Unterst&uuml;tzung<\/strong><\/p><p>Die offizielle Version des Abenteuers erz&auml;hlt, dass im Oktober 1935 drei junge deutsche Flieger im amazonischen Bel&eacute;m do Par&aacute; landeten, begleitet von 11 Tonnen Gep&auml;ck, deren Liste und Raffinesse die Grenzen jeder Chronik extrapolieren w&uuml;rde. Als am&uuml;sante Fu&szlig;note erf&auml;hrt der Leser, dass die Deutschen nicht auf Komfort verzichten wollten und Kamelhaardecken und -bettw&auml;sche zum &Uuml;bernachten im Dschungel mitgebracht hatten.<\/p><p>Zum Kernteam geh&ouml;rten Gerd Kahle, Gerhard Krause und Expeditionsleiter Otto Schulz-Kampfhenkel. Joseph Greiner, der unter dem Jari-Kreuz begraben wurde, war entgegen ungenauen damaligen Berichten brasilianischer Medien kein Mitglied der deutschen Forschungsgruppe, sondern wahrscheinlich in Rio de Janeiro angeheuert worden. Schulz-Kampfhenkel machte entsprechende Andeutungen in einer Buchpassage mit dem Satz, &bdquo;Aber da ich in Rio de Janeiro bin, versuche ich, einen Landsmann zu finden. Nach langem Suchen finde ich den richtigen Mann: Joseph Greiner, Auslandsdeutscher, ein junger, unternehmungslustiger und vertrauensw&uuml;rdiger Seemann, der sich als viertes Mitglied unserer Expeditionsgruppe anschlie&szlig;t&ldquo;. Unter Vertrag genommen, &uuml;bernahm der Deutschbrasilianer die Rolle des Kolonnen- und Proviantf&uuml;hrers.<\/p><p>Doch bevor Schulz-Kampfhenkel &uuml;berhaupt die Erlaubnis f&uuml;r den Auftakt seiner Expedition erhielt, verbrachte er mehr als zwei Monate mit anstrengenden Zollabfertigungen und Beh&ouml;rdeng&auml;ngen in Rio de Janeiro. Von den damals renommiertesten, aber von den Nationalsozialisten besetzten naturhistorischen Forschungsinstituten und Museen Deutschlands akkreditiert, gelang ihm die umgehende Unterst&uuml;tzung des brasilianischen Emilio-Goeldi-Instituts in Bel&eacute;m und des Nationalmuseums in Rio de Janeiro. Die politisch relevante F&ouml;rderung erwartete er indes von den brasilianischen Streitkr&auml;ften, die 1935 noch nicht in pro-deutsche und pro-US-amerikanische Fraktionen gespalten waren, weshalb der Besuch von Gouverneur Jos&eacute; Carneiro da Gama Malcher und General Manuel de Cerqueiraaltro Filho vom &bdquo;Deutschen Kommando&ldquo; als Ehrung empfunden wurde.<\/p><p>Die Deutschen erwiderten die diplomatische Geste mit einem Test des auseinandergenommen mitgebrachten und an der Amazonas-M&uuml;ndung wie aus einem Lego-Kasten wieder zusammengesetzten Leichtfliegers vom Typ &ldquo;Seekadett&rdquo;, gefertigt aus Sperrholz und Leinentuch, mit dem zweifelhaften Namen &ldquo;Seeadler&rdquo;, der speziell mit Navigationsinstrumenten ausgestattet war und die brasilianischen W&uuml;rdentr&auml;ger in Erstaunen versetzte. Die Begeisterung der Brasilianer entsprang m&ouml;glicherweise der Erwartung, von den wichtigsten Zielen der Mission zu profitieren: der topografischen Vermessung des Jari-Beckens bis zu seinem Quellgebiet &ndash; eine bis dahin einmalige Leistung, die vom Geographen Schulz-Kampfhenkel jedoch in vorsorglichen Einzelheiten vorausgeplant war.<\/p><p><strong>Himmlers SS-Expeditionen<\/strong><\/p><p>Die Jari-Expedition fiel zeitlich mit einem ungew&ouml;hnlichen Kapitel in der Geschichte des NS-Regimes zusammen.<\/p><p>Chef des &bdquo;Staats im Staate&rdquo; &ndash; dem ber&uuml;chtigten, von der SS dominierten Reichssicherheitshauptamt &ndash; war dessen finsterer und esoterisch angehauchter Kommandeur Heinrich Himmler, der von einer fixen Idee besessen war: Er glaubte an die sagenumwobene &ldquo;Zivilisation von Atlantis&rdquo;, deren &ldquo;reinrassige&rdquo; arische Nachkommen er in Tibet und S&uuml;damerika vermutete. Zu den Geistesv&auml;tern von Himmlers Esoterik z&auml;hlten gespenstische antisemitische sogenannte &ldquo;Ariosophen&rdquo;; doch auch der Mythenforscher und &bdquo;J&auml;ger&ldquo; des Heiligen Grals, Otto Rahn, faszinierten ihn. Himmler hatte den Heiligen Gral als heidnisches Mysterium f&uuml;r die SS aufbereitet und eine Reihe von Expeditionen in die tiefsten Winkel des Planeten abkommandiert, in denen seine M&auml;nner nach genetischen Spuren der &bdquo;arischen Rasse&rdquo; jagten.<\/p><p>Im Jahr 1934 ernennt Himmler den jungen Geographen Otto Schulz-Kampfhenkel, der erst k&uuml;rzlich der NSDAP beigetreten war, zum Teilnehmer an der ersten deutschen Tibet- Expedition. Schulz-Kampfhenkel schiffte sich jedoch nicht ein und entkam einer Trag&ouml;die, als die meisten Mitglieder auf dem Nanga Parbat &ndash; nach dem Everest der neunth&ouml;chste Gipfel der Welt &ndash; umkamen. Die dritte deutsche Tibet-Expedition, im Jahr 1939, wurde mit dem Buch des einstigen SS-Offiziers Heinrich Harrer &ldquo;Sieben Jahre in Tibet&ldquo; vor noch nicht langer Zeit von Hollywood im gleichnamigen Film Jean-Jacques Annauds und mit Brad Pitt in der Hauptrolle gefeiert. Eine weitere Himmler-Expedition hatte den Amazonas zum Ziel, fand aber nur in den Phantasien esoterischer Bruderschaften statt.<\/p><p>Himmler und Schulz-Kampfhenkel trafen zwar mehrmals zusammen. Derjenige aber, der als Mentor des Geographen die Jari-Expedition sponserte, war Hermann G&ouml;ring, Flieger des Ersten Weltkriegs im Geschwader des &bdquo;Roten Barons&ldquo; Manfred von Richthofen, der bald von Hitler zum Luftfahrtminister bef&ouml;rdert wurde. Mit dem milit&auml;risch-industriellen Komplex und den gro&szlig;en deutschen Banken exemplarisch vernetzt, hatte G&ouml;ring bereits fr&uuml;here Expeditionen des Fliegers Schulz-Kampfhenkel gef&ouml;rdert und diesmal auch der Jari-Expedition die T&uuml;r ge&ouml;ffnet.<\/p><p>Der aus wohlhabenden Berliner Familienverh&auml;ltnissen stammende Schulz-Kampfhenkel hatte Geographie und Naturwissenschaften studiert und sich auf die Jagd afrikanischer Tiere f&uuml;r deutsche Zoos spezialisiert. Was ihn jedoch am meisten &bdquo;anturnte&ldquo;, waren Abenteuer und das Fliegen. Als &bdquo;militanter Zoologe&ldquo; beteiligte er sich 1934 aktiv an der &ldquo;Arisierung&rdquo; der weltweit als Referenz-Zentrum anerkannten Deutschen Gesellschaft f&uuml;r S&auml;ugetiere (DGS) und wie die meisten deutschen Milit&auml;rs bek&auml;mpfte er den Versailler Vertrag, der Deutschland neben anderen Vergeltungsma&szlig;nahmen untersagte, wissenschaftliche Forschungen im Ausland durchzuf&uuml;hren. Schulz-Kampfhenkel konnte es sozusagen kaum erwarten, mit seiner Jari-Expedition Vertragsbruch zu begehen.<\/p><p><strong>Gegen den Strom<\/strong><\/p><p>Jari, Ende 1935. Trotz der Einstellung von 30 einheimischen Buschm&auml;nnern, die mit dem Dschungel vertraut waren, begann die Auffahrt zum Jari als turbulentes Unternehmen. Dass der Jari ein riesiger, von Wasserf&auml;llen unterbrochener, robuster Wasserteppich ohne Landefl&auml;che f&uuml;r Wasserflugzeuge war, ahnten die Deutschen erst, als sie bereits flussaufw&auml;rts marschierten.<\/p><p>W&auml;hrend Gerd Kahle an der Spitze der Dschungel-Kolonne mit &auml;u&szlig;erster Kraftanwendung gleich beim Auftakt das Gesetz der Schwerkraft herausforderte, prallten Schulz-Kampfhenkel und Gerhard Krause im Tiefflug zwischen Gurup&aacute; und Arumanduba mit dem Heck des &ldquo;Seeadlers&rdquo; gegen schwimmende Baumst&auml;mme und st&uuml;rzten &uuml;ber dem Amazonas ab. Mehr als einen Kilometer vom Amazonas-Ufer Amap&aacute;s entfernt, klammerten sich die beiden Deutschen an einem der beiden Schwimmer fest und mussten von Caboclo-Ruderern gerettet werden; Mischlinge aus Indios und Europ&auml;ern, die Schulz-Kampfhenkel dennoch als &ldquo;Helden des Dschungels&rdquo; pries. Mit dem demolierten Wasserflugzeug war das Hauptziel der Expedition &ndash; die Kartierung des Jari-Beckens aus der Luft &ndash; nun stark in Frage gestellt.<\/p><p>Mit &uuml;berladenen Booten und einem zu flachen Fluss befahl der Geograf und Zoologe die Installation von Nebenlagern und teilt sein Team auf. Der Amazonas-Winter r&uuml;ckte n&auml;her, es regnete dauerhaft und in Str&ouml;men. Schulz-Kampfhenkel erkundete allein einen Nebenstrom und wurde von einer pl&ouml;tzlichen Flut &uuml;berrascht. Er verlor sein Boot mit der gesamten Ausr&uuml;stung &ndash; Kameras, Kartografie, Waffen, Proviant und Kleidung waren dahin. Eine ganze Woche lang irrte er im Regenwald umher, wurde jedoch gerettet und entkam ein zweites Mal dem Tod.<\/p><p>Im Januar 1936 erreichten die Deutschen das Hauptdorf der Apara&iacute;-Indianer im mittleren Jari. Vorarbeiter und Gep&auml;ckmeister Joseph Greiner machte kehrt und wanderte wieder flussabw&auml;rts, um die in Santo Antonio zwischengelagerten Vorr&auml;te abzuholen.<\/p><p>Doch seine indianischen Begleiter kehrten allein zur&uuml;ck. Da traf der ger&uuml;hrte Flugzeug- Mechaniker und Film-Tontechniker Krause die Entscheidung, Greiner zu suchen. Er fand ihn auch, konnte ihn aber nicht retten. Krause trug Greiner zu Grabe, schlug das Holzkreuz aus umliegenden Baumst&auml;mmen und schnitzte den bis heute lesbaren Nachruf, ohne den die filmreife, jedoch von Schulz-Kampfhenkel bis zu seinem Tod im Nachkriegsdeutschland beflissentlich verschwiegene, Expedition &ndash; vor allem ihr milit&auml;risches Ziel &ndash; niemals bekannt geworden w&auml;re.<\/p><p>Anschlie&szlig;end schickte Krause eine Nachricht an das Expeditionskommando im Dorf der Apara&iacute;, in der er sich wunderte, dass der Chininvorrat Greiners &uuml;berraschenderweise unber&uuml;hrt war. Er hatte keinen einzigen L&ouml;ffel zu sich genommen und sich offensichtlich stark auf die &ldquo;Immunit&auml;t&rdquo; seines K&ouml;rpers verlassen. Die unberechenbare Malaria zahlte es ihm heim.<\/p><p><strong>Die &bdquo;Rache des Dschungels&ldquo;<\/strong><\/p><p>Vor dem Auftakt versuchte Schulz-Kampfhenkel dem sp&auml;ter legend&auml;ren Curt Nimuendaju Unkel &ndash; einem deutschen Indianer-Freund, der in Bel&eacute;m lebte und dem Emilio-Goeldi-Institut diente &ndash; die Expeditions-Leitung zu &uuml;bertragen. Damit h&auml;tte er die Auffahrt-Katastrophen weitgehend vermeiden k&ouml;nnen. Doch seine Begegnung mit dem &bdquo;Landsmann&ldquo; findet bei Schulz-Kampfhenkel eine sehr unterk&uuml;hlte Erw&auml;hnung. Wahrscheinlich, weil Unkel den Nationalsozialismus verachtete. Seit 1910 war er Mitglied des neugegr&uuml;ndeten Indianerschutz-Dienstes (SPI), war aber als Berater f&uuml;r mindestens vier UFA-Abenteuer-Filmproduktionen im Amazonas in die Filmgeschichte eingegangen.<\/p><p>Tats&auml;chlich schien die &bdquo;gr&uuml;ne H&ouml;lle&rdquo; sich f&uuml;r alte deutsche S&uuml;nden r&auml;chen zu wollen, die nie ges&uuml;hnt worden waren. So zum Beispiel f&uuml;r die 1820 vom Naturforscher Carl Friedrich Phillip von Martius aus Amazonien nach Deutschland mitgenommenen Indianer. Drei Erwachsene starben w&auml;hrend der Atlantik&uuml;berquerung und die beiden Kinder Isabella Miranha und Yuri Com&aacute;s wurden auf dem M&uuml;nchner S&uuml;dfriedhof beigesetzt. Sie starben im Winter 1820\/21 an Erfrierung. Eine weitere Gruselgeschichte waren die Sch&auml;del der Botocudo-Indianer, die von deutschen Abenteurern, darunter Prinz Maximilian zu Wied, gejagt wurden, um die makabre Sammlung der diensthabenden Darwinisten in den deutschen ethnologischen Instituten zu begl&uuml;cken &ndash; ein mit der Salon-Etikette absolut vereinbarer, entsetzlicher Brauch.<\/p><p>Es war exakt diese Nachfrage nach &bdquo;Wildnis&ldquo;, die den deutschen Amazonas-Filmrausch entfachte und zwischen 1920 und 1941 mehr als 20 UFA-Filmproduktionen in den Dschungel zog. Die meisten f&ouml;rderten und nutzten die starke Nachfrage nach Exotik. Mit einer Ausnahme: der Kautschuk-Spielfilm &ldquo;Die gr&uuml;ne H&ouml;lle&ldquo;, inspiriert von der legend&auml;ren Episode aus dem Jahr 1870, als Henry Wickham f&uuml;r das British Museum 70.000 Gummisamen aus Amazonien schmuggelte und damit den Niedergang der Kautschuk-Wirtschaft einleitete. Mit einem Team von &uuml;ber 60 Menschen mitten im Regenwald fand die Produktion ungef&auml;hr zur selben Zeit statt, als Schulz-Kampfhenkel in Jari sein Bu&szlig;geld zahlte.<\/p><p><strong>Die &bdquo;Apara&iacute; des &ldquo;F&uuml;hrers&rdquo;<\/strong><\/p><p>Es war 1936, das Jahr der Olympischen Spiele in Berlin. <\/p><p>Schulz-Kampfhenkel interessierte sich nicht f&uuml;r Kultur, sondern nur f&uuml;r &ldquo;Rassen&rdquo;. Unempfindlich f&uuml;r die Br&auml;uche und Religiosit&auml;t der Apara&iacute;, schlachteten die Deutschen zum Beispiel eine riesige Sucur&iacute; (Anakonda), die an der Wasseroberfl&auml;che schwamm und niemanden bedrohte. Sie wurde geh&auml;utet und Hunderten von alkoholkonservierten H&auml;uten, Sch&auml;deln, Knochen, Z&auml;hnen, Federn und Organen als Beute oder angebliches Geschenk f&uuml;r die naturwissenschaftlichen Museen Deutschlands hinzugef&uuml;gt. Von Wissenschaft war da keine Spur, der &ldquo;wissenschaftliche&rdquo; Schuppen der Deutschen glich einem riesigen, bluttriefenden Schlachthof.<\/p><p>Trotzdem war das Verh&auml;ltnis zu den gastfreundlichen Apara&iacute; mehr als friedlich. Die Apara&iacute; verstanden nat&uuml;rlich die Ziele der Deutschen &uuml;berhaupt nicht, doch die Indigenen und die Deutschen verkehrten als gute Freunde. Eine friedliche Koexistenz, die bald sexuelle Beziehungen zwischen G&auml;sten und Gastgebern nicht ausschloss. Aber nat&uuml;rlich gibt es in Schulz-Kampfhenkels B&uuml;chern keinen Hinweis darauf, dass er sich mit der sch&ouml;nen Macarrani &ndash; der Tochter von H&auml;uptling Aocapotu &ndash; einlie&szlig;. Vermutlich deshalb, weil das Eingest&auml;ndnis die unzul&auml;ssige Schw&auml;che des &ldquo;&uuml;berlegenen&rdquo; germanischen Fleisches und einen Verrat an der Rassenlehre zugegeben h&auml;tte; eine der Nazi-Doktrinen, die Schulz-Kampfhenkel aus &Uuml;berzeugung beherzigte.<\/p><p>Beim Abschied von den Apara&iacute; im Jahr 1937 hinterlie&szlig; der Deutsche eine schwangere Frau. Seine zwischen 1937 und 1938 geborene Tochter hie&szlig; Cess&eacute;, auch bekannt als &ldquo;Alemoa&rdquo; &ndash; &bdquo;die Deutsche&ldquo;. Sie hatte den klaren Teint und die blauen Augen ihres &ldquo;arischen&rdquo; Vaters. Crist&oacute;v&atilde;o Lins, ein angesehener Forscher und Buchautor &uuml;ber den Jari, erz&auml;hlte mir, dass Jose Pinheiro, F&uuml;hrer der Schulz-Kampfhenkel-Buschf&uuml;hrer, Anfang des neuen Millenniums gestorben sei. Damit war auch der letzte lebende Zeuge der Geburt von Cess&eacute; der Recherche beraubt.<\/p><p><strong>&bdquo;Unternehmen Guyana&ldquo;<\/strong><\/p><p>Anfang 1937 in der N&auml;he von Franz&ouml;sisch-Guayana. Die Deutschen hatten mit all ihren Apparaturen und Ausr&uuml;stungen den Atlantik nicht &uuml;berquert, um Unsinn zu testen. Was Schulz-Kampfhenkel ausprobieren wollte, war die sogenannte Aerophotogrammetrie, eine Technik, die die moderne Kartographie revolutionierte.<\/p><p>Nach dem demolierten Flugzeug musste er sich mit Boden-Bemessungen zufriedengeben. Trotz der Schufterei &ldquo;seiner&rdquo; Indianer und Waldf&uuml;hrer bestand der Deutsche hartn&auml;ckig darauf, das unweit der Grenze zu Franz&ouml;sisch-Guayana liegende Quellgebiet des Jari zu kartieren. Die Grenzkarte war als Schl&uuml;ssel eines Plans zur Besiedlung des franz&ouml;sischen Territoriums durch gro&szlig;e deutsche Kontingente, unterst&uuml;tzt von einer starken &ldquo;indigenen Kolonne&rdquo;, gedacht.<\/p><p>W&auml;hrend der Invasion Frankreichs durch Deutschland im Juni 1940 hatte der Geograph und Zoologe keinen Zweifel: Er &uuml;berreichte Heinrich Himmler seinen Plan und empfahl den nordamazonischen Dschungel als Naturgebiet mit sehr geringer Bev&ouml;lkerungsdichte, das sich hervorragend als &ldquo;tropische Kolonie&rdquo; eignete. Eine Kolonie &ndash; und jetzt kehrte Schulz-Kampfhenkel seinen tiefsitzenden, inneren Rassisten heraus &ndash; &bdquo;die im Gegensatz zur englischen Schludrigkeit nicht im Besitz von V&ouml;lkern minderer rassischer und zivilisatorischer Voraussetzungen verbleiben d&uuml;rfe&ldquo;.<\/p><p>Der SS-Chef wies die Idee jedoch mit einer elementaren Rechnung zur&uuml;ck: Warum der herkulische Aufwand, den Jari zu erobern, wenn Franz&ouml;sisch-Guayana nach der Besetzung Frankreichs automatisch in deutsche H&auml;nde fallen w&uuml;rde?<\/p><p><strong>Der Sahara-Spion<\/strong><\/p><p>In den fr&uuml;hen 1940er Jahren war &ldquo;Unternehmen Guyana&rdquo; bereits zu den Akten gelegt und vergessen. Mittlerweile &uuml;bte sich ein &ldquo;Schulz-Kampfhenkel-Geschwader&rdquo; &ndash; bestehend aus Geologen, Geographen, Hydrologen und Botanikern und ordnungsgem&auml;&szlig; in die SS eingebunden &ndash; als Sondermission in Nordafrika. Die Gruppe hatte den Auftrag, Karten f&uuml;r die Gel&auml;ndebewertung zu erstellen, die mit Luftaufnahmen Blitzeins&auml;tze erm&ouml;glichen sollten.<\/p><p>Dabei erlebte der Jari-Expeditionschef seine glorreichen Tage. Aus der Kabine seines Flugzeugs kartografiert Schulz-Kampfhenkel die Sahara, um f&uuml;r Erwin Rommels schweres Afrika-Korps die geeigneten Einmarsch-Pfade herauszufinden. Schulz-Kampfhenkel, der nach Deutschland zur&uuml;ckgerufen und im Mai 1943 zum SS-Hauptmann bef&ouml;rdert wurde, wird zum &ldquo;Sondergesandten des Reichs f&uuml;r geowissenschaftliche Missionen des Reichsforschungsrates&rdquo; ernannt, der nun &uuml;ber dem Gebiet der Sowjetunion geografische Geheimdienstoperationen durchf&uuml;hrt.<\/p><p>Nachdem der Krieg verloren war, wurde er von US-Truppen festgenommen und vom CIA-Vorl&auml;ufer OSS hart verh&ouml;rt und vor&uuml;bergehend festgenommen. Und obwohl der Flieger-Geograph 1946 freigelassen wurde, wurde er jahrelang als &bdquo;Nazi im Dienst des US-amerikanischen Geheimdienstes&rdquo; unter dem Buchstaben &ldquo;S&rdquo; in der &ldquo;streng geheimen Dezimaldatei\/Aufzeichnungen des Generalstabs der Armee, RG 319, NA&ldquo; zitiert.<\/p><p>Otto Schulz-Kampfhenkel, der &ldquo;Nazi des Amazonas&rdquo;, beendete seine Tage und f&uuml;hrte das Leben, das er von Gott verlangt hatte. Auf Reisen drehte er Dutzende erzieherische und wissenschaftliche Dokumentarfilme. Erz&auml;hlen Sie mir, dass Falko Ahsendorf, der in den 1960er und 1970er Jahren in mehreren Schulz-Kampfhenkel-Produktionen &uuml;ber Afrika und den Nahen Osten als Kameramann t&auml;tig war, Mysteries of the Wild Hell, den Film von 1938 &uuml;ber die Jari-Expedition, &ldquo;erfolgreich&rdquo; gemacht hat. Der Geograph-Flieger, der 1989 im Alter von 78 Jahren get&ouml;tet wurde. Aber von ihrem reichen Vater wusste Cess&eacute; Schulz-Kampfhenkel nichts.<\/p><p>Bilder: Alle Bilder &ndash; Frederico F&uuml;llgraf<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen der M&uuml;ndung des Jari-Stroms in den Amazonas und seinem tosenden Wasserfall Santo Antonio befindet sich ein drei Meter hohes und zwei Meter breites Holzkreuz, das seit einigen Jahren im brasilianischen Bundesstaat Amap&aacute; als Touristenattraktion gilt. Darunter ruht Joseph Greiner, ein Deutschbrasilianer, der im Januar 1936 an den Folgen einer Malaria-Erkrankung mit j&auml;her Wirkung starb<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55208\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[20],"tags":[2714,1613,2367,2196,1792,416],"class_list":["post-55208","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-landerberichte","tag-amazonien","tag-brasilien","tag-filmindustrie","tag-indigene-voelker","tag-kolonialismus","tag-nationalsozialismus"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/55208","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=55208"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/55208\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":121757,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/55208\/revisions\/121757"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=55208"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=55208"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=55208"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}