{"id":55227,"date":"2019-09-29T11:16:31","date_gmt":"2019-09-29T09:16:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55227"},"modified":"2019-11-11T10:56:05","modified_gmt":"2019-11-11T09:56:05","slug":"gestern-vor-50-jahren-bei-der-bundestagswahl-vom-28-september-1969-gab-es-den-ersten-richtigen-kanzler-und-politikwechsel-von-cducsu-zur-spd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55227","title":{"rendered":"Gestern vor 50 Jahren, bei der Bundestagswahl vom 28. September 1969, gab es den ersten richtigen Kanzler- und Politikwechsel. Von CDU\/CSU zur SPD."},"content":{"rendered":"<p>Die SPD erreichte 42,7 % der Stimmen. Zusammen mit der FDP (5,8 %) reichte es zu einer knappen Mehrheit und zum Kanzlerwechsel, der dann am 21. Oktober 1969 vollzogen wurde. Das Jubil&auml;um wurde von der SPD, obwohl dieser Tag f&uuml;r unser Land wie auch f&uuml;r die SPD von gro&szlig;er Bedeutung war, nicht gefeiert, nicht einmal erw&auml;hnt. Siehe unten. Auch von den meisten Medien nicht. Deshalb folgen hier ein paar kurze, stichwortartige Anmerkungen zur politischen Bedeutung dieser Z&auml;sur und zu den Gr&uuml;nden des damaligen Wahlsiegs. Ich war in den damaligen Bundestagswahlkampf pers&ouml;nlich involviert. Deshalb am Ende des Abschnitts &uuml;ber die Ursachen des Wahlsiegs auch ein paar pers&ouml;nliche Anmerkungen. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong><\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5641\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-55227-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191110-Vor-50-Jahren-bei-der-Bundestagswahl-vom-28-September-1969-gab-es-den-ersten-richtigen-Kanzler-und-Politikwechsel-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191110-Vor-50-Jahren-bei-der-Bundestagswahl-vom-28-September-1969-gab-es-den-ersten-richtigen-Kanzler-und-Politikwechsel-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191110-Vor-50-Jahren-bei-der-Bundestagswahl-vom-28-September-1969-gab-es-den-ersten-richtigen-Kanzler-und-Politikwechsel-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191110-Vor-50-Jahren-bei-der-Bundestagswahl-vom-28-September-1969-gab-es-den-ersten-richtigen-Kanzler-und-Politikwechsel-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=55227-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191110-Vor-50-Jahren-bei-der-Bundestagswahl-vom-28-September-1969-gab-es-den-ersten-richtigen-Kanzler-und-Politikwechsel-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"191110-Vor-50-Jahren-bei-der-Bundestagswahl-vom-28-September-1969-gab-es-den-ersten-richtigen-Kanzler-und-Politikwechsel-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Zur Bedeutung des Kanzlerwechsels von Kurt Georg Kiesinger (CDU) zu Willy Brandt (SPD)<\/strong><\/p><ol>\n<li>Der Kanzlerwechsel hat es m&ouml;glich gemacht, die 1963 in Tutzing von Willy Brandt und Egon Bahr beschriebene neue Ostpolitik wirksam umzusetzen. Auf den Wahlsieg folgten Vertr&auml;ge mit der Sowjetunion, mit Polen, mit der Tschechoslowakei und am Ende auch noch die Konferenz f&uuml;r Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Mit dem Wahlergebnis von 1969 war auch der Weg bis hin zum Fall der Mauer im Jahr 1989 eingeleitet. Willy Brandt hatte die neue Politik in seiner Regierungserkl&auml;rung vom 28. Oktober 1969 so angek&uuml;ndigt: Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn sein &ndash; im Innern und nach au&szlig;en.\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/190929_1.jpg\" alt=\"\" width=\"463\" height=\"615\" class=\"alignnone size-full wp-image-55229\" srcset=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/190929_1.jpg 463w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/190929_1-226x300.jpg 226w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/190929_1-369x490.jpg 369w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/190929_1-184x245.jpg 184w\" sizes=\"auto, (max-width: 463px) 100vw, 463px\" \/><\/p><\/li>\n<li>Im Innern unseres Landes wurde eine F&uuml;lle von Reformen eingeleitet und umgesetzt. Das betraf die Reform des Rechts, die Gustav Heinemann und Horst Ehmke schon in der Gro&szlig;en Koalition eingeleitet hatten. Es betraf eine F&uuml;lle von Reformen in der Sozial- und Gesellschaftspolitik &ndash; von der Dynamisierung der Kriegsopferrenten &uuml;ber die &Ouml;ffnung der Rentenversicherung f&uuml;r Hausfrauen und Selbstst&auml;ndige bis zur flexiblen Altersgrenze. Die inneren Reformen betrafen auch andere Bereiche. Wichtig war zum Beispiel das St&auml;dtebauf&ouml;rderungsgesetz. Die Regierung Brandt begann mit der Umweltpolitik. Das ist heute vergessen, obwohl es f&uuml;r die damalige Zeit tiefgreifende Ver&auml;nderungen waren.<\/li>\n<li>&bdquo;Mehr Demokratie wagen&ldquo; war ein anderes Versprechen der Regierung Brandt. Das zeigte sich faktisch in vielen programmatischen Diskussionen, die auf die Wahl von 1969 folgten. Es zeigte sich auch im Willen Willy Brandts, trotz eines heftigen Konflikts mit Kollegen in der SPD-F&uuml;hrung, wie zum Beispiel Helmut Schmidt und Georg Leber, auf die 1968 rebellierende Jugend zuzugehen und sie zur politischen Mitwirkung einzuladen. Dazu wurde schon in den letzten Monaten von 1969 ein Amnestiegesetz vorbereitet. Aber Willy Brandt hatte gro&szlig;e Schwierigkeiten, nicht nur bei der CDU\/CSU-Opposition, sondern auch in den eigenen Reihen die Zustimmung zu erreichen. 1970 ist es dann gelungen. <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-45225828.html\">In diesem Spiegel-Artikel<\/a> wird davon berichtet.<br>\nNicht nur ein Sch&ouml;nheitsfehler in diesem Teil der Politik war der sp&auml;tere, 1972 verk&uuml;ndete Radikalenerlass und die damit verbundene &Uuml;berpr&uuml;fungspraxis. Von &bdquo;Mehr Demokratie wagen&ldquo; kann man dabei wahrlich nicht sprechen. Willy Brandt hat die Zustimmung zu diesem Vorgang sp&auml;ter bedauert. Das hilft leider den davon Betroffenen nicht.<\/li>\n<\/ol><p><strong>Die Gr&uuml;nde f&uuml;r den Wahlsieg Willy Brandts und der SPD<\/strong><\/p><p>Bei Wahlanalysen und auch bei historischen Abhandlungen zu Wahlen ist es &uuml;blich, den Wahlerfolg oder Misserfolg einer Partei an einer oder zwei Begr&uuml;ndungen festzumachen. Man kann grunds&auml;tzlich davon ausgehen, dass solche oft monokausalen Wahlanalysen in der Regel nicht nur hinken, sondern falsch sind. So ist es zum Beispiel ungen&uuml;gend, f&uuml;r den Wahlerfolg der SPD von 1969 alleine die Person Brandt oder das Thema Ostpolitik zu nennen. F&uuml;r den Wahlerfolg von 1969 waren u.a. ausschlaggebend:<\/p><ol>\n<li>Es war Zeit f&uuml;r einen Wechsel. Die Mitarbeit der SPD in der Gro&szlig;en Koalition von Dezember 1966 bis September 1969 hat vielen Menschen, auch urspr&uuml;nglichen Anh&auml;ngern der CDU\/CSU gezeigt, dass sie das Risiko zum Wechsel eingehen k&ouml;nnen.<\/li>\n<li><strong>&bdquo;Wir schaffen das moderne Deutschland&ldquo; &ndash; das war der zentrale Slogan der SPD im Bundestagswahlkampf 1969.<\/strong> Die SPD hat damals bewusst die Aufsteiger, wie man das damals nannte, angesprochen.\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/190929_2.jpg\" alt=\"\" width=\"581\" height=\"410\" class=\"alignnone size-full wp-image-55230\" srcset=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/190929_2.jpg 581w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/190929_2-300x212.jpg 300w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/190929_2-347x245.jpg 347w\" sizes=\"auto, (max-width: 581px) 100vw, 581px\" \/><\/p>\n<p>Unter dem Hauptslogan stand dann noch als Abbinder: &bdquo;Wir haben die richtigen M&auml;nner&ldquo;. &Uuml;ber diese frauenfeindliche Formulierung kann man heute nur noch staunen.<\/p><\/li>\n<li><strong>Willy Brandt als Spitzenkandidat war wichtig<\/strong> und auch schon Hoffnungstr&auml;ger vieler Menschen. Aber angetreten ist eine Gruppe von Spitzenpolitikern, leider wenig Frauen, darunter die herausragende K&auml;the Strobel.<\/li>\n<li><strong>Die neue Ost- und Entspannungspolitik spielte eine gro&szlig;e Rolle.<\/strong> Mit diesem Thema hat die SPD auch weit in die Kirchen hinein gewirkt. Die W&auml;hlerinnen und W&auml;hler hatten mitbekommen, dass diese neue Friedenspolitik mit der Union nicht zu machen war. Diese hatte in der Gro&szlig;en Koalition die vom Au&szlig;enminister Brandt schon 1966 begonnenen Initiativen blockiert.<\/li>\n<li><strong>Von gro&szlig;er Bedeutung f&uuml;r das Wahlergebnis war auch die Unterst&uuml;tzung von Prominenten<\/strong> aus Kultur, Kunst, Fernsehen und Wissenschaft &ndash; das reichte von Inge Meysel &uuml;ber Hans-Joachim Kulenkampff bis zu G&uuml;nter Grass und Wibke Bruhns.\n<p>Siehe hier:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/190929_3-e1569748111187.jpg\" alt=\"\" width=\"604\" height=\"403\" class=\"alignnone size-full wp-image-55231\" srcset=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/190929_3-e1569748111187.jpg 604w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/190929_3-e1569748111187-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/190929_3-e1569748111187-367x245.jpg 367w\" sizes=\"auto, (max-width: 604px) 100vw, 604px\" \/><\/p>\n<p>und hier:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/190929_4.jpg\" alt=\"\" width=\"438\" height=\"622\" class=\"alignnone size-full wp-image-55232\" srcset=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/190929_4.jpg 438w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/190929_4-211x300.jpg 211w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/190929_4-345x490.jpg 345w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/190929_4-173x245.jpg 173w\" sizes=\"auto, (max-width: 438px) 100vw, 438px\" \/><\/p><\/li>\n<li><strong>Die N&auml;he und Einbeziehung von Lohnabh&auml;ngigen und Gewerkschaften.<\/strong> Im anschlie&szlig;enden Bundeskabinett wirkten zwei Gewerkschaftsvorsitzende mit: Walter Arendt (Vorsitzender der IG Bergbau und Energie a.D.) als Bundesminister f&uuml;r Arbeit und Sozialordnung und Georg Leber (IG Bau) als Bundesminister f&uuml;r Verkehr und Post.\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/190929_5.jpg\" alt=\"\" width=\"460\" height=\"620\" class=\"alignnone size-full wp-image-55233\" srcset=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/190929_5.jpg 460w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/190929_5-223x300.jpg 223w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/190929_5-364x490.jpg 364w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/190929_5-182x245.jpg 182w\" sizes=\"auto, (max-width: 460px) 100vw, 460px\" \/><\/p>\n<p>Im Wahlkampf selbst spielte die Politik f&uuml;r Arbeitnehmer eine zentrale Rolle &ndash; &uuml;brigens auch bei jenem Minister der gro&szlig;en Koalition, der eigentlich noch mehr die Aufsteiger und das liberale B&uuml;rgertum ansprechen sollte: Karl Schiller. Als sein Redenschreiber habe ich miterlebt, wie er bei einem Gewerkschaftskongress nach dem anderen die ver&auml;nderte Situation beschrieb &ndash; von Adenauers Kungelclub mit den gro&szlig;en Bankiers (Pferdmenges, Abs) zu einem offenen Ohr f&uuml;r die Interessen der Arbeitnehmerschaft. Karl Schiller hatte als Bundeswirtschaftsminister schon in der Gro&szlig;en Koalition die Gewerkschaften an den Tisch der sogenannten Konzertierten Aktion geholt und damit die bisherige Vormacht der Wirtschaft beim Einfluss auf die Politik erg&auml;nzt.<\/p><\/li>\n<li><strong>Ein guter Wahlkampf.<\/strong> Wesentlichen Anteil daran hatten die damalige Werbeagentur der SPD und der Wahlkampfleiter, Bundesgesch&auml;ftsf&uuml;hrer Hans-J&uuml;rgen Wischnewski.<\/li>\n<li><strong>Ein gro&szlig;er Konflikt im Wahlkampf<\/strong>, der die Wirtschaftskompetenz der SPD zeigte und unterstrich: <strong>die Forderung nach der Aufwertung der D-Mark<\/strong>.\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/190929_6.jpg\" alt=\"\" width=\"620\" height=\"434\" class=\"alignnone size-full wp-image-55234\" srcset=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/190929_6.jpg 620w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/190929_6-300x210.jpg 300w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/190929_6-350x245.jpg 350w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><\/p>\n<p>Anders als in der heutigen Zeit bei Angela Merkel, Wolfgang Sch&auml;uble, Peer Steinbr&uuml;ck und Olaf Scholz sind die Verantwortlichen damals mit Export&uuml;bersch&uuml;ssen nicht prahlend, sondern sachlich umgegangen. Es ging darum, durch Aufwertung der D-Mark die Leistungen der Arbeiter und Angestellten und der Unternehmen h&ouml;her zu bewerten, aufzuwerten. Der zust&auml;ndige Bundeswirtschaftsminister in der Gro&szlig;en Koalition, Professor Karl Schiller, hatte am 9. Mai 1969 im Kabinett Kiesinger die Aufwertung der D-Mark offiziell beantragt. Das war die Kampfansage an Kiesinger und Franz Josef Strau&szlig;, seines Zeichens CSU-Vorsitzender und Bundesfinanzminister. Das Thema Aufwertung beherrschte von Mai an zumindest die wirtschaftspolitische Debatte, aber nicht nur diese. Es ging um Kompetenz in der Finanz- und Wirtschaftspolitik. CDU und CSU verloren durch diese Debatte die Unterst&uuml;tzung eines gro&szlig;en Teils der Wirtschaftspresse.<\/p>\n<p>Hier kommt als Fu&szlig;note die pers&ouml;nliche Geschichte hinzu, die ich am Anfang angek&uuml;ndigt hatte: Ich war als Redenschreiber Karl Schillers in die Entscheidungsfindung zur Aufwertung der D-Mark einbezogen. Der eigentliche Entscheidungsprozess begann nach langen internen und &ouml;ffentlichen Debatten in einer Sitzung von Schillers K&uuml;chenkabinett am 15. M&auml;rz 1969. Schiller bat jeden Einzelnen um sein Votum in Sachen Aufwertung. Damals votierten seine konservativen Mitarbeiter Hans Tietmeyer und Otto Schlecht gegen den entsprechenden Antrag im Kabinett Kiesinger. Ich votierte zusammen mit meinen Kollegen Ulrich Pfeiffer und Dieter Hiss von der W&auml;hrungsabteilung entschieden daf&uuml;r &ndash; aus sachlichen und polit-strategischen Gr&uuml;nden. <\/p>\n<p>Daraus folgte dann, dass Karl Schiller mich als seinen Vertreter in das Wahlkampfteam der SPD entsandte. &Uuml;ber diese Gruppe, der jeweils ein Vertreter der f&uuml;nf SPD-Spitzenpersonen angeh&ouml;rten, mussten zun&auml;chst einmal die anderen SPD-F&uuml;hrungspersonen &ndash; also Willy Brandt, Helmut Schmidt, Herbert Wehner &ndash; von der sachlichen Richtigkeit und wahlstrategischen Bedeutung dieses Konfliktes &uuml;berzeugt werden. Schiller hatte vers&auml;umt, dies zu tun. Nur der Bundesgesch&auml;ftsf&uuml;hrer Wischnewski hatte begriffen, welches Potenzial im Konflikt um die Aufwertung lag.<br>\nGleichzeitig musste dieses schwierige Thema in verschiedenen Texten, Anzeigen, Fernsehspots und Redepassagen so umgesetzt werden, dass die Mehrheit der Menschen begriff, um was es ging und warum die Aufwertung der D-Mark wichtig ist. Die D-Mark wurde &uuml;brigens nach der Wahl tats&auml;chlich um 8,5 % aufgewertet.<\/p>\n<p>Die Umsetzung des Themas Aufwertung zu einem gro&szlig;en und konfliktreichen Wahlkampfthema ist gelungen. Das ohnehin durch Karl Schiller angelegte wirtschaftspolitische Profil der SPD wurde untermauert und verst&auml;rkt. <\/p>\n<p>Mein Beitrag zu diesem Erfolg hatte f&uuml;r mich pers&ouml;nlich heute vor 50 Jahren, also am Morgen des 29. September 1969, eine durchaus sch&ouml;ne Folge und dann auch berufliche Konsequenzen: <\/p>\n<p>Der Wahlkampf in Begleitung von Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller war ausgesprochen anstrengend. In den letzten Tagen des Wahlkampfes musste ich ins Krankenhaus und habe dort auch den Wahlabend und die Wahlnacht am Fernseher und nicht zusammen mit den Mitstreitern in der SPD-Zentrale erlebt. Am Morgen des 29. September wurden drei Blumenstr&auml;u&szlig;e in mein Krankenzimmer gebracht &ndash; einer von Karl Schiller, meinem unmittelbaren Chef, einer von Hans-J&uuml;rgen Wischnewski, dem Wahlkampfleiter der SPD, und einer von Willy Brandt, dem k&uuml;nftigen Bundeskanzler. Sie hatten die Bedeutung des Themas Aufwertung f&uuml;r den Wahlsieg erkannt. <\/p>\n<p>Wenige Tage sp&auml;ter baten mich dann Willy Brandt und Hans-J&uuml;rgen Wischnewski, vom Bundeswirtschaftsministerium in die Baracke zu wechseln, wie damals das Hauptquartier der SPD hie&szlig;. Es war auch wirklich eine Baracke und dort war ich ab Dezember 1969 zust&auml;ndig f&uuml;r die &Ouml;ffentlichkeitsarbeit, die innere Kommunikation und die Wahlk&auml;mpfe der SPD. <\/p>\n<p>Lang ist&lsquo;s her. Am vergangenen Freitag, am 27.9.2019 wurde die letzte Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen ver&ouml;ffentlicht. Der erhobene Wert f&uuml;r die SPD: 13 %. Das ist weniger als ein Drittel des Stimmenanteils von 1969 und noch weniger gemessen am Wahlerfolg, der 1972 auf den Kanzlerwechsel von 1969 folgte. Die damaligen Erfolge wurden dann von den Nachfolgern vergeigt &ndash; beginnend mit Helmut Schmidt und dann vor allem von den Schr&ouml;ders, den Clements, den Eichels, den Steinbr&uuml;cks, den Steinmeiers, den Gabriels, Nahles, Schulz &amp; Scholz.<\/p><\/li>\n<\/ol><p><strong>Bei der heutigen SPD: Fehlanzeige, obwohl sie Grund genug h&auml;tte, den Wahlsieg vom 28.9.1969 zu feiern.<\/strong><\/p><p>Die SPD feiert diesen historischen Tag nicht. Kein Sterbensw&ouml;rtchen von der SPD-F&uuml;hrung. Keine Erkl&auml;rung der SPD-Zentrale. Wer am 28.9.2019 auf die Webseite des SPD-Vorstandes ging, findet unter <a href=\"https:\/\/www.spd.de\/aktuelles\/\">&bdquo;Aktuelles&ldquo;<\/a> dies. Die letzte Meldung stammt vom 20. September und gilt dem Klimaschutz.<\/p><p>Bei der Rubrik <a href=\"https:\/\/www.spd.de\/presse\/pressemitteilungen\/\">Pressemitteilungen<\/a> fanden Sie am 28.9.2019, dem Jahrestag des Wahlsieges von 1969, die letzte Meldung vom 25.9.2019. Es geht um Hebammen-Ausbildung.<\/p><p>Hebammen-Ausbildung und Klimaschutz sind wichtig. Aber die Ignoranz gegen&uuml;ber dem Ereignis von 1969 und die Missachtung des 50-J&auml;hrigen zeigt letztlich auch, dass die heutige SPD mit dem Willy Brandt des Jahres 1969 und mit ihrer gro&szlig;en Zeit der wirklichen Reformen und der Entspannungs- und Friedenspolitik nichts mehr zu tun haben will.<\/p><p><strong>Fehlanzeige auch bei den meisten Medien<\/strong><\/p><p>Sie sind in ihrer Grundausrichtung heute offenbar so angepasst konservativ, dass ihnen der am 28. September 1969 von den W&auml;hlerinnen und W&auml;hlern herbeigef&uuml;hrte Kanzlerwechsel eher unangenehm ist. Jedenfalls ist den meisten Medien dieser Tag und dieser historisch bedeutsame Vorgang keine Meldung wert.<\/p><p>Beim MDR findet man etwas. Allerdings besch&auml;ftigt sich dieser Artikel mehr mit dem Niedergang Brandts als mit dem Wahlerfolg und den positiven Folgen f&uuml;r die Au&szlig;en-, die Friedenspolitik und Innenpolitik in Deutschland:<\/p><blockquote><p>28. September 1969<br>\n<strong>Vor 50 Jahren: Willy Brandt wird erster SPD-Bundeskanzler Deutschlands<\/strong><br>\nDass Willy Brandt 1969 erster sozialdemokratischer Bundeskanzler in Deutschland wurde, war knapp. Er sollte das Land &auml;ndern, seine Aussage &ldquo;Wir wollen mehr Demokratie wagen&rdquo; ist bis heute unvergessen. Am Schluss st&uuml;rzte der Vers&ouml;hner Brandt ausgerechnet &uuml;ber einen DDR-Spion.<br>\nvon Sven Hecker, MDR KULTUR-Geschichtsexperte<br>\n(&hellip;)<br>\nQuelle: <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/kultur\/willy-brandt-spd-bundeskanzler-100.html\">MDR<\/a><\/p><\/blockquote><p><strong>Eine wirklich ehrenwerte Ausnahme bildet das Willy-Brandt-Haus in L&uuml;beck.<\/strong><\/p><p>Siehe hier: <\/p><blockquote><p><strong>50 Jahre Kanzlerschaft: Willy-Brandt-Haus bietet Sonderf&uuml;hrungen zum Jubil&auml;um<\/strong><br>\nSamstag, 28. September 2019,&nbsp;11:00<br>\nWilly-Brandt-Haus L&uuml;beckK&ouml;nigstra&szlig;e 21,&nbsp;23552&nbsp;L&uuml;beck<br>\nQuelle: <a href=\"https:\/\/www.unser-luebeck.de\/veranstaltungskalender\/Eventdetail\/100717\/50-jahre-kanzlerschaft-willy-brandt-haus-bietet-sonderfuehrungen-zum-jubilaeum\">www.unser-luebeck.de<\/a><\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die SPD erreichte 42,7 % der Stimmen. 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Das Jubil&auml;um wurde von der SPD, obwohl dieser Tag f&uuml;r unser Land wie auch f&uuml;r die SPD von gro&szlig;er Bedeutung war, nicht gefeiert, nicht einmal<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55227\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":55228,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,188,212,165,191,190],"tags":[329,2013,1421,300,397,312,2386,2651,255,1347,505,1085],"class_list":["post-55227","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-bundesregierung","category-gedenktagejahrestage","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-spd","category-wahlen","tag-brandt-willy","tag-entspannungspolitik","tag-kiesinger-kurt-georg","tag-mueller-albrecht","tag-ostpolitik","tag-reformpolitik","tag-rot-gelb","tag-schiller-karl","tag-wahlanalyse","tag-wahlkampf","tag-wahlslogan","tag-wechselkurse"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/190929_titel-1.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/55227","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=55227"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/55227\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":56269,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/55227\/revisions\/56269"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/55228"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=55227"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=55227"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=55227"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}