{"id":55307,"date":"2019-10-01T14:26:00","date_gmt":"2019-10-01T12:26:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55307"},"modified":"2019-10-01T15:22:57","modified_gmt":"2019-10-01T13:22:57","slug":"schluss-mit-syrien-blockade-und-pranger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55307","title":{"rendered":"Schluss mit Syrien-Blockade und Pranger"},"content":{"rendered":"<p>Vatikan und kirchliche W&uuml;rdentr&auml;ger fordern Aufhebung der Syrien-Sanktionen, t&uuml;rkische Oppositionspartei CHP Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen mit dem Nachbarland und die Gr&uuml;ndung einer &bdquo;Organisation f&uuml;r Sicherheit und Zusammenarbeit im Nahen Osten&ldquo;. Von <strong>R&uuml;diger G&ouml;bel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie internationale Kritik an der wirtschaftlichen Blockade und politischen Isolierung Syriens nach acht Jahren Krieg w&auml;chst. Endlich. Bei der UNO in New York hat der Vatikan gerade mit Nachdruck die Aufhebung der m&ouml;rderischen Sanktionen gefordert, in der T&uuml;rkei macht sich die gr&ouml;&szlig;te Oppositionspartei CHP f&uuml;r die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen mit der syrischen Regierung stark. &bdquo;Die Weg zwischen Ankara und Damaskus ist der k&uuml;rzeste Weg, der zum Frieden f&uuml;hrt&ldquo;, bekr&auml;ftigte der CHP-Vorsitzende Kemal Kilicdaroglu am Wochenende bei einer internationalen Syrien-Konferenz seiner Partei in Istanbul. Ein besseres Verh&auml;ltnis zu Pr&auml;sident Baschar Al-Assad k&ouml;nne Ankara helfen, die Ankunft weiterer Fl&uuml;chtlinge zu vermeiden und den Terrorismus effektiver zu bek&auml;mpfen, argumentierte der Politiker ganz pragmatisch gegen den bestehenden Polit-Pranger, an dem Damaskus steht.&nbsp;<br>\n&nbsp;<br>\nDie CHP will nach eigenem Bekunden mit der Konferenz zur Schaffung eines dauerhaften Friedens in Syrien beitragen. Kilicdaroglu betonte, dass Syrien und die T&uuml;rkei eine gemeinsame Geschichte haben und enge kulturelle Beziehungen pflegen. Der CHP-Chef &auml;u&szlig;erte die Hoffnung, dass freundschaftliche und gutnachbarschaftliche Beziehungen wiederhergestellt werden. Kilicdaroglu bekr&auml;ftigte den Vorschlag seiner Partei aus dem vergangenen Jahr zur Schaffung einer &bdquo;Organisation f&uuml;r Frieden und Zusammenarbeit im Nahen Osten&ldquo;. Diese solle von der T&uuml;rkei, Iran, Irak und Syrien gegr&uuml;ndet werden und ein &bdquo;Pionier des Friedens&ldquo; sein, der sich von der Region bis in den Rest der Welt erstrecke &ndash; &auml;hnliches hatte der iranische Pr&auml;sident Hassan Rohani in seiner Rede vor der UNO-Generalversammlung vorgebracht.<br>\n&nbsp;<br>\nVertreter der syrischen Regierung konnten an der CHP-Friedenskonferenz nicht teilnehmen, da das t&uuml;rkische Au&szlig;enministerium entsprechende Einreisevisa verweigert hatte &ndash; das Vorgehen deckt sich mit den Schikanen der US-Administration gegen die iranische Delegation bei der UNO.&nbsp;Die Regierung des t&uuml;rkischen Pr&auml;sidenten Recep Tayyip Erdogan hat die Beziehungen zu Damaskus 2011 abgebrochen und in Syrien &uuml;ber die Jahre islamistische Terrormilizen unterst&uuml;tzt, die in der hiesigen Presse als &bdquo;Rebellen&ldquo; oder &bdquo;bewaffnete Opposition&ldquo; verharmlost werden.&nbsp;<br>\n&nbsp;<br>\nBemerkenswert sind die deutlichen Worte des Heiligen Stuhls bez&uuml;glich einer dringenden Korrektur des westlichen Isolationskurses und der Kollektivstrafe f&uuml;r die syrische Bev&ouml;lkerung. Ignoriert von den Mainstreammedien forderte der Staatsekret&auml;r des Vatikan, Kardinal Pietro Parolin, in der vergangenen Woche die Staaten der Welt dazu auf, &bdquo;nach acht schmerzhaften Jahren des Konflikts&ldquo; den Mut zu haben, neue diplomatische Wege im Syrien-Krieg und neue L&ouml;sungen zu suchen &ndash; &bdquo;mit einem Geist des Realismus und der Sorge um die Beteiligten&ldquo;. Bei der UN-Generalversammlung pr&auml;sentierte der Kurienkardinal drei m&ouml;gliche Schritte, wie das katholische Nachrichtenportal vatican.news <a href=\"https:\/\/www.vaticannews.va\/de\/vatikan\/news\/2019-09\/parolin-syrien-krieg-uno-generalversammlung-sanktionen-stopp.html\">berichtet<\/a> (<a href=\"https:\/\/holyseemission.org\/contents\/\/statements\/5d8a6e4ad9883.php\">Hier<\/a> finden Sie das Redemanuskript). Erstens sollten die Sanktionen gegen Syrien aufgehoben werden, unter denen laut Hilfsorganisationen besonders die Zivilbev&ouml;lkerung leidet. Zweitens fordert Kardinal Parolin, dass die internationale Gemeinschaft die freiwillige und sichere R&uuml;ckkehr von Fl&uuml;chtlingen unterst&uuml;tzen solle und drittens solle die Sicherheit von Christen und anderen religi&ouml;sen Minderheiten gew&auml;hrleistet werden. Es gehe nicht nur um die Stabilit&auml;t des Nahen Ostens, so der hohe Vatikan-Vertreter, sondern auch um die Zukunft junger Menschen, &bdquo;viele von ihnen, die au&szlig;erhalb ihres eigenen Landes geboren und aufgewachsen sind, denen oft die Bildungsm&ouml;glichkeiten vorenthalten werden und denen es an der Lebensgrundlage fehlt&ldquo;. Zu oft w&uuml;rden sie zur leichten Beute von Kriminalit&auml;t und Radikalisierung. Die katholische Kirche werde weiterhin &bdquo;Hilfe f&uuml;r die vom Konflikt in Syrien betroffenen V&ouml;lker und die Fl&uuml;chtlinge sowie f&uuml;r die Gemeinschaften, die sie aufnehmen, leisten&ldquo; &ndash; egal welchen religi&ouml;sen oder ethnischen Ursprungs die Menschen sind, versicherte Parolin vor der UN-Vollversammlung.<br>\n&nbsp;<br>\nDavor hatte bereits der Linzer Generaldechant und Obmann der &bdquo;Initiative Christlicher Orient&ldquo; (ICO), Slawomir Dadas, f&uuml;r gr&ouml;&szlig;ere Hilfsanstrengungen <a href=\"https:\/\/www.vaticannews.va\/de\/welt\/news\/2019-09\/syrien-hilfe-homs-aleppo-krieg-damaskus-assad-christen-oesterrei.html\">geworben<\/a>. Hilfe in Syrien vor Ort ist m&ouml;glich und auch unbedingt erforderlich. &bdquo;Wir m&uuml;ssen alles tun, damit die Menschen wieder auf eigenen Beinen stehen k&ouml;nnen, damit sie in ihrem Land bleiben k&ouml;nnen&rdquo;, so sein Res&uuml;mee nach einem Besuch in den syrischen Hotspots Damaskus, Homs und Aleppo, &uuml;ber das vatican.news am 22. September berichtet hatte.<br>\n&nbsp;<br>\nIm Vergleich zu seinem Besuch im vergangenen Jahr sei zwar einiges wieder aufgebaut worden, doch viele Gebiete l&auml;gen immer noch in Tr&uuml;mmern, in einigen Teilen des Landes werde noch gek&auml;mpft, und vor allem der Zustand der Wirtschaft sei desolat, so Dadas. Die Menschen litten sehr unter dem westlichen Wirtschaftsembargo. Die kirchlich Verantwortlichen vor Ort bem&uuml;hten sich u.a. um kleine Wirtschaftsprojekte f&uuml;r die Bev&ouml;lkerung, doch ohne Hilfe von au&szlig;en w&uuml;rden es die Menschen nicht schaffen.<br>\n&nbsp;<br>\nZur politischen Situation in Syrien befragt, stellte Dadas klar, dass es f&uuml;r die christliche Minderheit im Land zur Regierung von Pr&auml;sident Baschar Al-Assad keine Alternative gebe. Assad sch&uuml;tze die Minderheiten. Politische Reformen w&uuml;rden auch eine entsprechende Opposition im Land voraussetzen, doch die sei abgesehen von islamistischen Gruppierungen derzeit nicht vorhanden, und die Herrschaft letzterer &bdquo;will niemand erleben&ldquo;.<br>\n&nbsp;<br>\nDadas berichtet &uuml;ber seine Begegnung mit dem syrisch-orthodoxen Patriarchen Mor Ignatius Aphrem II. Karim in Maarat Saidnaya bei Damaskus, dessen Ausf&uuml;hrungen das westliche Schwarz-Wei&szlig; des Syriens-Konflikt konterkarieren: &bdquo;Wir Christen hoffen auf eine starke Regierung. Wir wollen Frieden, bitten nicht um Hilfe von au&szlig;en&ldquo;, habe der Patriarch ihm gesagt und ein Ende der Einmischung des Auslands und der Sanktionen gefordert. Seit die syrische Armee im Vorjahr die Stadt Ost-Ghouta vor den Toren von Damaskus befreit habe, &bdquo;geht es uns wieder besser&ldquo;, wird der Patriarch weiter zitiert. Die Wirtschaftssanktionen der USA, mitgetragen von den Europ&auml;ern, habe Aphrem mit dem einfachen Satz kommentiert: &bdquo;Warum wollt ihr uns aushungern?&ldquo;<br>\n&nbsp;<br>\nIn Homs hat sich der syrisch-orthodoxe Bischof Selwanos Boutros Alnemeh mit der gleichen Forderung zu Wort gemeldet: Die internationalen Sanktionen gegen Pr&auml;sident Assad und das Land sollten aufgehoben werden, denn darunter leide nur die Bev&ouml;lkerung. Der milit&auml;rische Krieg sei vorbei, jetzt m&uuml;sse der wirtschaftliche beendet werden. Auch der Direktor der Universit&auml;tsklinik in Aleppo, Maher Al-Araj, habe kein Blatt vor den Mund genommen: &bdquo;Das ist ein Krieg der gro&szlig;en M&auml;chte.&ldquo; Drei Jahre lang habe man Tag und Nacht gearbeitet. &bdquo;Oft gab es f&uuml;nfzig bis hundert Tote und Verwundete am Tag, nach milit&auml;rischen Aktionen bis zu 170.&ldquo; 2013 gab es kein Essen, keinen Strom. &Uuml;ber die gefl&uuml;chteten &Auml;rzte zeigte sich der Direktor verbittert: &bdquo;Sie sind abgehauen.&ldquo; In der Uni-Klinik war es die H&auml;lfte. 600 &Auml;rzte seien jetzt aber wieder in Ausbildung. Aber noch immer emigrierten viele junge Mediziner. Wegen der Sanktionen fehle es an medizinischen Ger&auml;ten und Ersatzteilen.<br>\n&nbsp;<br>\nIn der Wochenzeitung&nbsp;<em>Die Furche<\/em>&nbsp;hat der in Wien t&auml;tige melkitische griechisch-orthodoxe Priester Hanna Ghoneim auf die verheerenden Folgen der Westsanktionen aufmerksam gemacht.&nbsp;&bdquo;Wir in Syrien denken immer wieder: Die Menschenrechte sind im Westen zu finden. Aber wenn man wirklich human sein will, sollte man an die Armen denken. Alle Bisch&ouml;fe Syriens haben gesagt, man solle die Wirtschaftssanktionen aufheben. Das Embargo hei&szlig;t, keine Arbeit; und das f&ouml;rdert den Willen, ins Ausland zu gehen. Aber man muss etwas tun &ndash; etwa mit Projekten -, damit die Leute in Syrien bleiben&ldquo;, so Ghoneim, der alle drei Monate von &Ouml;sterreich in seine Heimat f&auml;hrt, um Hilfsg&uuml;ter zu bringen und &uuml;ber die verheerende Lage zu berichten. Ohne Hilfe aus dem Westen k&ouml;nnten die Menschen in Syrien angesichts der schlechten Wirtschaftslage nicht durchhalten, in der Folge wollten immer mehr das Land verlassen. Es sei falsch, &bdquo;dass man nur jenen hilft, die das Land verlassen&ldquo;. Sein aktuell gr&ouml;&szlig;tes Projekt vor Ort ist die Errichtung einer Regionalb&auml;ckerei in Maaruneh bei Damaskus &ndash; damit die Menschen nicht l&auml;nger um Brot betteln m&uuml;ssen, sondern sich eines Tages wieder selbst versorgen k&ouml;nnen.<br>\n&nbsp;<br>\nNichts davon findet sich in der Erkl&auml;rung der sogenannten &bdquo;Kleinen Syrien-Gruppe&ldquo; vom 26. September, die das Ausw&auml;rtige Amt in Berlin verbreitet hat. Kein Wort von den Sanktionen, kein Wort zur Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen mit Damaskus, um das Leid der Syrer konkret zu mildern und eine politische L&ouml;sung herbeizuf&uuml;hren. Die Au&szlig;enminister &Auml;gyptens, Deutschlands, Frankreichs, Jordaniens, des K&ouml;nigreichs Saudi-Arabien, des Vereinigten K&ouml;nigreichs und der USA haben sich bei ihrem Treffen am Rand der UN-Generalversammlung auf politische Floskeln beschr&auml;nkt und verl&auml;ngern damit die Agonie in Syrien.<\/p><p>Titel: Marko Aliaksandr\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vatikan und kirchliche W&uuml;rdentr&auml;ger fordern Aufhebung der Syrien-Sanktionen, t&uuml;rkische Oppositionspartei CHP Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen mit dem Nachbarland und die Gr&uuml;ndung einer &bdquo;Organisation f&uuml;r Sicherheit und Zusammenarbeit im Nahen Osten&ldquo;. Von <strong>R&uuml;diger G&ouml;bel<\/strong>.<\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":55308,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[170,171],"tags":[1516,1073,1055,2222,1553,950,639,2738,1019],"class_list":["post-55307","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-friedenspolitik","category-militaereinsaetzekriege","tag-al-assad-baschar","tag-aerzte","tag-fluechtlinge","tag-humanitaere-hilfe","tag-syrien","tag-tuerkei","tag-uno","tag-vatikan","tag-wirtschaftssanktionen"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/shutterstock_1341385142.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/55307","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=55307"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/55307\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":55312,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/55307\/revisions\/55312"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/55308"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=55307"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=55307"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=55307"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}