{"id":55364,"date":"2019-10-04T10:31:58","date_gmt":"2019-10-04T08:31:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55364"},"modified":"2019-10-04T15:39:50","modified_gmt":"2019-10-04T13:39:50","slug":"von-der-demokratisierung-afghanistans","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55364","title":{"rendered":"Von der Demokratisierung Afghanistans"},"content":{"rendered":"<p>Am vergangenen Wochenende fanden am Hindukusch Pr&auml;sidentschaftswahlen statt. F&uuml;r viele westliche Staaten, allen voran f&uuml;r die USA, scheinen diese wichtiger zu sein als f&uuml;r die afghanischen W&auml;hler. Der Grund hierf&uuml;r ist offensichtlich: Derartige Wahlen sollen den Mythos n&auml;hren, dass Afghanistan vom fortgeschrittenen Westen, der in das Land als Besatzer einmarschiert ist, &bdquo;demokratisiert&ldquo; wurde. Dabei macht der afghanische Wahltag abermals nur das Scheitern deutlich. Von <strong>Emran Feroz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAm Samstag war es soweit. Nach f&uuml;nf Jahren mussten die Afghanen abermals zur Wahlurne schreiten, um einen neuen Pr&auml;sidenten zu w&auml;hlen. Zur Wahl standen unter anderem der gegenw&auml;rtige Pr&auml;sident Ashraf Ghani, sein Regierungschef und Hauptkontrahent Abdullah Abdullah, der ber&uuml;hmt-ber&uuml;chtigte Ex-Mudschaheddin-F&uuml;hrer und Warlord Gulbuddin Hekmatyar sowie der ehemalige Chef des afghanischen Geheimdienstes, Rahmatullah Nabil. Es gab noch eine ganze Reihe von weiteren Kandidaten, deren Chancen allerdings von Anfang an extrem gering waren. Auch im Kontext der genannten Namen war klar, dass man sich &ndash; wie bei den Wahlen 2014 &ndash; lediglich auf Ghani und Abdullah fokussieren m&uuml;sse.<\/p><p>Um das gegenw&auml;rtige Wahlszenario sowie die politische Lage diesbez&uuml;glich zu verstehen, ist ein Blick in die Vergangenheit notwendig. 2014 konnte Abdullah den ersten Wahlgang f&uuml;r sich entscheiden, w&auml;hrend Ghani auf Platz zwei landete. Bei der darauf stattfindenden Stichwahl lag Ghani pl&ouml;tzlich vorne und proklamierte sich zum Sieger. Der Vorwurf der Wahlf&auml;lschung wurde immer lauter. Unter den Kandidaten entfachte ein heftiger Streit. Die Anh&auml;nger der beiden Politiker betrachteten sich als Feinde, teils kam es zu brutalen Gewaltausbr&uuml;chen mit Toten und Verletzten. Letzten Endes musste der damalige US-Au&szlig;enminister John Kerry ganze zwei Mal nach Kabul reisen, um Ghani und Abdullah miteinander zu vers&ouml;hnen. Die Amerikaner erkl&auml;rten Ghani daraufhin zum neuen afghanischen Pr&auml;sidenten, w&auml;hrend f&uuml;r Abdullah der Posten eines Regierungschefs (&bdquo;CEO&ldquo;) geschaffen wurde &ndash; eine Position, die in der afghanischen Verfassung gar nicht existiert.<\/p><p><strong>Am Ende z&auml;hlt nur die Wahl Uncle Sams<\/strong><\/p><p>F&uuml;r viele afghanische W&auml;hler, die am Wahltag sehr enthusiastisch zu den Urnen schritten und oftmals ihr eigenes Leben dabei riskierten, war daraufhin klar: Ihre Stimmen sowie ihr gesamter Einsatz waren wertlos. Am Ende hat wieder einmal Uncle Sam entschieden, wer in Kabul regieren darf. Von Washington und anderen westlichen Staaten wurden die Wahlen als Erfolg gewertet. Man sprach vom ersten demokratischen Machttransfer in der afghanischen Geschichte. Fakt ist allerdings, dass nicht die Afghanen ihren Pr&auml;sidenten gew&auml;hlt hatten, sondern John Kerry.<\/p><p>Hinzu kommt nat&uuml;rlich, dass der Demokratiemythos sich auch anderweitig einfach dekonstruieren l&auml;sst. Damals wie heute waren zahlreiche Gebiete Afghanistans unter Taliban-Kontrolle. Dort wurde dann einfach gar nicht gew&auml;hlt. Des Weiteren sehen in vielen Distrikten Wahlen wie folgt aus: Ein lokaler Warlord gibt den Menschen vor, wen sie zu w&auml;hlen haben und wen nicht. Mit der Waffe im R&uuml;cken ist man dann gezwungen, sich f&uuml;r ebenjenen Kandidaten zu entscheiden. Last but not least, gibt es dann noch die massive Korruption im Land, die wortw&ouml;rtlich gang und g&auml;be ist, sodass keine Wahl sauber ablaufen kann. Die Strukturen, die nach 2001 dank westlicher Unterst&uuml;tzung errichtet wurden, haben die Korruption in Afghanistan derart massiv gedeihen lassen, dass ein sauberer Wahlgang einfach unm&ouml;glich ist. Wahlf&auml;lschungsvorw&uuml;rfe gab es deshalb nicht nur gegen Ghani, sondern auch gegen dessen Vorg&auml;nger Hamid Karzai.<\/p><p>All diese Umst&auml;nde haben dazu gef&uuml;hrt, dass die Wahlbeteiligung in diesem Jahr extrem gering ausfiel. Berichten zufolge gingen von <a href=\"https:\/\/www.afghanistan-analysts.org\/afghanistans-2019-election-10-a-first-look-at-how-e-day-went\/\">neun Millionen registrierten Wahlberechtigten<\/a> (was eine ziemlich geringe Zahl darstellt in einem Land mit &uuml;ber drei&szlig;ig Millionen Einwohnern) weniger als zwei Millionen w&auml;hlen.<\/p><p>Der positive Aspekt war die Tatsache, dass gr&ouml;&szlig;ere Anschl&auml;ge ausblieben bzw. verhindert wurden und die Menschen vielerorts trotz Taliban-Drohungen zur Wahlurne schritten. Die geringe Wahlbeteiligung hatte in diesem Fall allerdings nicht nur etwas mit der Sicherheitslage zu tun, sondern mit dem Desinteresse der Menschen, die ein D&eacute;j&agrave;-vu erlebten, indem sie abermals zwischen Ghani und Abdullah entscheiden mussten. Wozu sollte man das tun? Etwa, damit diesmal ein Au&szlig;enminister Pompeo oder gar Trump pers&ouml;nlich antanzt, um einen Pr&auml;sidenten zu w&auml;hlen?<\/p><p><strong>Afghanen sind f&uuml;r Demokratie bereit, korrupte Elite ist es nicht<\/strong><\/p><p>Tats&auml;chlich ist es so, dass die meisten Afghanen sehr wohl wissen, was Demokratie und Partizipation bedeuten. Sie wissen, wie wichtig und eben nicht selbstverst&auml;ndlich es ist, durch Wahlen einen politischen F&uuml;hrer zu bestimmen, und das wissen sie nicht etwa erst, seit Bush, Blair und Co. mit ihren Truppen einmarschiert sind. Kulturrelativistische Floskeln wie &bdquo;Die sind nicht bereit f&uuml;r Demokratie&ldquo; oder &bdquo;Das funktioniert dort einfach nicht&ldquo; sind deshalb falsch. Sie sind nicht nur falsch, sondern orientalistischer und rassistischer Quatsch. Immerhin sagen sie mehr oder weniger aus, dass die Menschen dort dr&uuml;ben, in dem Fall am Hindukusch, einfach nicht fortschrittlich veranlagt seien und deshalb von einer Eisernen Hand regiert werden m&uuml;ssen. Der durchschnittliche afghanische B&uuml;rger ist bereit zur demokratischen Partizipation. Andernfalls w&uuml;rde er nicht sein Leben riskieren, um w&auml;hlen zu gehen. Dies gilt allerdings nicht f&uuml;r jene korrupten Eliten, die von den USA und ihren Verb&uuml;ndeten in Afghanistan installiert wurden. F&uuml;r sie war der demokratische Weg, durch Wahlen an die Macht zu kommen, von Anfang an ein Siegeszug in Richtung Kleptokratie. Ihre Augen richteten sich nie auf das Wohl ihrer B&uuml;rger, sprich, der 99 Prozent, sondern auf die Milliardenhilfen von USAID und Co., die in den letzten Jahren immer und immer wieder im Nirgendwo versickerten.<\/p><p>Das Resultat des westlichen Demokratisierungsversuches in Afghanistan ist deshalb ein krasser Klassenunterschied, den man woanders selten erlebt. In den Karzai-Jahren waren es vor allem m&auml;chtige Kriegsf&uuml;rsten, die ganze Nachbarschaften in Grund und Boden stampften, um ihre protzig-pomp&ouml;sen Villen zu errichten. Diesen Warlordismus gibt es weiterhin. Doch zeitgleich hat sich seit der Pr&auml;sidentschaft Ghanis eine andere Klientel breitgemacht. Sie besteht aus zunehmend j&uuml;ngeren Afghanen, die im Ausland aufgewachsen sind, dort studiert haben und in vielen F&auml;llen nicht einmal die lokalen Sprachen sprechen, w&auml;hrend sie Regierungsposten &uuml;bernommen haben, in neu errichteten Penth&auml;usern wohnen und zwischen Kabul und dem Rest der Welt jetsetten. Die Vetternwirtschaft in diesen Kreisen ist mittlerweile ebenso bekannt. Das beste Beispiel hierf&uuml;r ist der 35-j&auml;hrige Hamdullah Mohib. W&auml;hrend des Wahlkampfes 2014 leitete er noch die Social-Media-Kampagnen Ghanis und war vor allem gut darin, Journalisten, die kritisch &uuml;ber den damaligen Pr&auml;sidentschaftskandidaten berichteten, anzuschw&auml;rzen. Nach dem Wahlsieg erhielt der studierte Informatiker, der in jeglicher Hinsicht ein politischer Laie war, den Posten des afghanischen Botschafters in Washington. Mittlerweile ist Mohib Ghanis Nationaler Sicherheitsberater und medial omnipr&auml;sent. Das k&ouml;nnte sich allerdings bald &auml;ndern. Blasen, auch privilegierte, haben n&auml;mlich die Eigenschaft, irgendwann zu zerplatzen.<\/p><p>Titelbild: Waseem Ali Khan\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am vergangenen Wochenende fanden am Hindukusch Pr&auml;sidentschaftswahlen statt. F&uuml;r viele westliche Staaten, allen voran f&uuml;r die USA, scheinen diese wichtiger zu sein als f&uuml;r die afghanischen W&auml;hler. Der Grund hierf&uuml;r ist offensichtlich: Derartige Wahlen sollen den Mythos n&auml;hren, dass Afghanistan vom fortgeschrittenen Westen, der in das Land als Besatzer einmarschiert ist, &bdquo;demokratisiert&ldquo; wurde. Dabei macht<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55364\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":55365,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,20,127,190],"tags":[351,374,1605,1556,426,2121],"class_list":["post-55364","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-landerberichte","category-lobbyismus-und-politische-korruption","category-wahlen","tag-afghanistan","tag-eliten","tag-kerry-john","tag-usa","tag-wahlbeteiligung","tag-wahlfaelschung"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/shutterstock_1507746095.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/55364","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=55364"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/55364\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":55388,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/55364\/revisions\/55388"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/55365"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=55364"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=55364"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=55364"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}