{"id":5538,"date":"2010-05-15T21:27:51","date_gmt":"2010-05-15T19:27:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5538"},"modified":"2014-03-05T12:19:15","modified_gmt":"2014-03-05T11:19:15","slug":"kampagnenjournalismus-das-gespinst-von-verschwoerungstheoretikern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5538","title":{"rendered":"Kampagnenjournalismus \u2013 das Gespinst von Verschw\u00f6rungstheoretikern?"},"content":{"rendered":"<p>Am 30. April war ich mit einem Kurzreferat zu Gast bei einem Kongress von Medienwissenschaftlern und Medienjournalisten in Leipzig. Text des Vortrags <a href=\"?p=5448\">siehe hier<\/a>. Thema war: Was Medienjournalismus leisten sollte. Er m&uuml;sste, so mein f&uuml;nfter und wichtigster Punkt, &uuml;ber die Kampagnen aufkl&auml;ren, mit denen mittels Medien versucht wird, gef&auml;llige politische Entscheidungen herbeizuf&uuml;hren. Beim etablierten Teil der anwesenden Wissenschaftler und Journalisten l&ouml;ste der Hinweis und die Beschreibung mehrerer Kampagnen das &uuml;bliche Kopfsch&uuml;tteln und den Vorwurf &bdquo;Verschw&ouml;rungstheoretiker&ldquo; aus. Das ist immer wieder erstaunlich, werden wir doch t&auml;glich mit clever geplanten Kampagnen und ihrer Umsetzung &uuml;ber die Medien konfrontiert. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\nZum Zeitpunkt des Kongresses lief schon einige Wochen die ma&szlig;geblich von der Bildzeitung getragene und von anderen Medien wie z.B. &bdquo;Hart aber fair&ldquo; unterst&uuml;tzte Kampagne gegen Griechenland und die Griechen. Diese Kampagne hatte sichtbar zur Folge, dass die Bundeskanzlerin samt Bundesregierung nicht rechtzeitig das Notwendige tat und sich im Image von &bdquo;Madame Non&ldquo; sonnte. Und die Kampagne war teilweise so volksverhetzend, dass sie auch dem blindesten Medienwissenschaftler und Journalisten ins Auge stechen musste.<br>\nSeit mehr als 10 Jahren l&auml;uft die Kampagne zur Teilprivatisierung der Altersvorsorge und das eingesetzte Vehikel &ndash; die Warnung vor dem demographischen Wandel, vorm Aussterben, vorm Vergreisen, vorm angeblichen Ende des Generationenvertrages und vorm Konflikt zwischen den Generationen. In Leipzig musste ich erleben, dass erfahrene Chefredakteure, wie jener von GEO, diese Kampagne nicht als solche durchschauen und sogar aktiv mitmachen &ndash; guten Glaubens, so muss man hoffen, obwohl das schwer f&auml;llt angesichts der Zusammenarbeit GEOs mit dem sogenannten &bdquo;Berlin Institut&ldquo;, dessen Kampagneninstrumentalisierung auf den NachDenkSeiten (<a href=\"?p=1077\">hier<\/a> und <a href=\"?p=1162\">hier<\/a>)schon am im M&auml;rz 2006 offenbart wurde.<br>\nAuch die anderen in meinem Vortrag genannten Kampagnen sind nicht zu &uuml;bersehen.<br>\nDie Kampagne zur Verhinderung einer politischen Option links von der Mitte und jenseits der neoliberal gepr&auml;gten herrschenden Kreise ist vor der Wahl in Nordrhein-Westfalen wieder angelaufen und l&auml;uft zur Zeit auf vollen Touren &ndash; wie im Umfeld der Hessenwahlen und der Bundestagswahl. Die Linkspartei und ihr Personal werden wieder einmal stigmatisiert. Der SPD wird jede Option einer Zusammenarbeit mies gemacht. Rote-Socken-Kampagnen wie in den 90ern! &ndash; An der Linkspartei und ihrem Personal kann man Kritisierenswertes finden. Wie bei anderen Partei auch. Aber sie ist jetzt wieder massiv die konzentrierte Zielscheibe mit dem einzigen Ziel, auch in Nordrhein-Westfalen ein B&uuml;ndnis aus SPD, Gr&uuml;nen und der Linkspartei unm&ouml;glich zu machen. (Siehe dazu auch die einschl&auml;gigen Kapitel im Buch &bdquo;Meinungsmache&ldquo; und die Texte zu den Hessenwahlen und zum Scheitern von Andrea Ypsilanti in den NachDenkSeiten) <\/p><p>Bei dieser Kampagne machen Journalisten mit, bei denen man die Distanz zum Kampagnenjournalismus erwarten h&auml;tte k&ouml;nnen. Ich verweise beispielhaft auf einen Artikel des stellvertretenden Vorsitzenden des NetzwerkRecherche, eines Vereins von Journalisten, die sich f&uuml;r kritisch halten und sich dankenswerter Weise f&uuml;r Recherche engagieren. Hans Leyendecker, ansonsten ein verdienter Recherchejournalist, schrieb f&uuml;r die S&uuml;ddeutsche Zeitung am 25. April einen ausf&uuml;hrlichen Artikel &uuml;ber die Linkspartei in Nordrhein-Westfalen. (Siehe hier: <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/312\/509443\/text\/\">&sbquo;Die Linke in NRW. &ldquo;Belogen, get&auml;uscht, verleumdet&rdquo;&rsquo;<\/a>). Die Hauptbotschaft dieses Artikels: &bdquo;Die Linken in NRW sind Hort der ganz Linken unter den Linken. Manche Parteistrategen in Berlin f&uuml;rchten gar einen Erfolg dieser Chaos-Truppe.&ldquo; An diesem Artikel mag vieles stimmen. Interessant ist die Sto&szlig;richtung &ndash; die &uuml;brigens der Linie einer innerparteilichen Auseinandersetzung bei der Linkspartei und der Argumentation der SPD-Rechten folgt. Interessant ist auch die Tatsache, dass eine Recherche zum Beispiel &uuml;ber die politische Korruption bei CDU und FDP und ihre Privatisierungspolitik oder &uuml;ber die Machenschaften der Rechten in der SPD mindestens ebenso vernichtende Artikel m&ouml;glich machen w&uuml;rde. Wo bleiben jetzt z.B. die Recherchen und vernichtenden Kommentare zum Anbiedern von Gr&uuml;nen und SPD an die nordrhein-westf&auml;lische FDP?<br>\nDen Kampagnencharakter k&ouml;nnen Sie auch daran erkennen, dass der gleiche Autor Leyendecker f&uuml;nf Tage vorher, am 20.4. einen Artikel in der SZ ver&ouml;ffentlichte, bei dem es unter der &Uuml;berschrift <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/868\/509006\/text\/\">&bdquo;Implosion einer Regierung&ldquo;<\/a> um das vermutliche Straucheln von Ministerpr&auml;sident R&uuml;ttgers und um die Chancen von Hannelore Kraft ging. Schon in diesem Kommentar baute der Autor ziemlich unmotiviert die Hauptbotschaft des Artikels vom 25.4. ein: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Die Linkspartei in NRW ist so von gestern wie kein anderer Landesverband der neuen Partei. Wer sich nicht in der Geschichte der Trotzkisten, Stalinisten, Kommunisten und KBW-Truppen auskennt, versteht die Biographien vieler Kandidaten dieser Partei nicht.<br>\nDie SPD in NRW wird sich von diesen Links-Ewiggestrigen nicht mal tolerieren lassen. Sonst w&auml;re es mit ihr im Lande und mit den neuen Modellen 2013 im Bund vorbei. Das wissen alle Beteiligten.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Nun gut, wir werden sehen.<br>\nAus gutem Grund ist aber anzumerken, dass es mir hier nicht um die Linkspartei und die Koalitionsm&ouml;glichkeiten in NRW geht. Es geht nur darum, sichtbar zu machen, dass sich selbst hochm&ouml;gende Journalisten f&uuml;r Kampagnen hergeben und dass die Existenz von Kampagnenjournalismus alles andere als das Gespinst von Verschw&ouml;rungstheoretikern ist. <\/p><p>Zur Zeit zeichnet sich m&ouml;glicherweise eine Kampagne zur Rechtfertigung der Spekulation auf den Finanzm&auml;rkten ab. Zum Zwecke der Verhinderung einer wirksamen Regulierung wird die Spekulation veredelt. Auch daf&uuml;r geben sich Redaktionen her, im konkreten Fall sogar die Redaktion der Tagesschau. Siehe Anlage 1.<\/p><p>&bdquo;Wichtige Medien wie zum Beispiel die Bild-Zeitung, der &bdquo;Spiegel&ldquo; und reihenweise Fernsehsender sind integraler Teil von strategisch geplanten Kampagnen. Und dennoch fassen die Medienjournalisten den Kampagnenjournalismus mit spitzen Fingern an. Das ist f&uuml;r sie kein herausragendes Thema, obwohl es ein beherrschendes Thema sein m&uuml;sste&ldquo;, so hatte ich in Leipzig formuliert. Es ist schon eigenartig, dass sich die Medienjournalisten &ndash; von r&uuml;hmlichen Ausnahmen abgesehen &ndash; so wenig um diese politisch entscheidenden Vorg&auml;nge k&uuml;mmern.<br>\nDass Medienwissenschaftler die Augen zuhalten, sagt viel &uuml;ber den Zustand auch dieser Wissenschaft. Sie ist offensichtlich wie weite Teile der BWL, der VWL, der Medizin und so weiter abh&auml;ngig von Interessen.   <\/p><p><strong>Anlage 1:<br>\nUrsachen der Euro-Krise<br>\n&ldquo;Die Finanzm&auml;rkte brauchen Spekulanten&rdquo;<\/strong><\/p><p>Die &Ouml;ffentlichkeit schimpft auf die Spekulanten, f&uuml;r viele sind sie die Hauptschuldigen an der Euro-Krise. Frank Dornseifer vom Bundesverband Alternative Investments meint hingegen: Spekulanten sind die Feuermelder. Im Gespr&auml;ch mit tagesschau.de sagt er, die Wetten gegen Griechenland h&auml;tten einen Beitrag zum Hilfspaket geleistet.<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/wirtschaft\/interviewspekulationen100.html\">Tagesschau<\/a><\/p><p>Siehe dazu auch:<\/p><p><strong>&bdquo;Alternatives Investment&ldquo;???:<\/strong><br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.bvai.de\/index.php?id=17\">BAI<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 30. April war ich mit einem Kurzreferat zu Gast bei einem Kongress von Medienwissenschaftlern und Medienjournalisten in Leipzig. Text des Vortrags <a href=\"?p=5448\">siehe hier<\/a>. Thema war: Was Medienjournalismus leisten sollte. Er m&uuml;sste, so mein f&uuml;nfter und wichtigster Punkt, &uuml;ber die Kampagnen aufkl&auml;ren, mit denen mittels Medien versucht wird, gef&auml;llige politische Entscheidungen herbeizuf&uuml;hren. 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