{"id":5541,"date":"2010-05-17T06:20:10","date_gmt":"2010-05-17T04:20:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5541"},"modified":"2014-03-05T12:17:55","modified_gmt":"2014-03-05T11:17:55","slug":"studiengebuehren-sind-sozial-gerecht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5541","title":{"rendered":"\u00bbStudiengeb\u00fchren sind sozial gerecht\u00ab?"},"content":{"rendered":"<p>Schwarz-Gelb in NRW ist abgew&auml;hlt, und es gibt eine Mehrheit f&uuml;r die Abschaffung der Studiengeb&uuml;hren. Sowohl SPD und Gr&uuml;ne als auch die Linkspartei hatten erkl&auml;rt, diese abschaffen zu wollen. P&uuml;nktlich nach der Wahl beginnen sich nun die Geb&uuml;hrenbef&uuml;rworterInnen mit alten Argumenten zu positionieren. Gerade dieser Tage haben neun ProfessorInnen der Ruhr Universit&auml;t Bochum wieder einmal die These vertreten dass der <a href=\"?p=5516#h13\">&bdquo;Verzicht auf Studiengeb&uuml;hren sozial ungerecht&ldquo;<\/a> sei. Wer die Gerechtigkeit von Studiengeb&uuml;hren behauptet l&ouml;st die Betrachtung jedoch aus dem gesellschaftlichen Kontext. Wir ver&ouml;ffentlichen dazu einen  Beitrag von Sonja Staack aus dem Jahr 2009 aus dem Sammelband herausgegeben von Klemens Himpele und Torsten Bultmann: Studiengeb&uuml;hren in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Die Debatte um Putzfrauen und Zahnarzts&ouml;hne oder wie Finanzierungsmodelle aus dem gesellschaftlichen Kontext gel&ouml;st werden<\/strong><\/p><p>Seien wir doch mal ehrlich: Wir wissen doch, wer an der Hochschule landet. Zum Beispiel der Sohn des Zahnarztes, der selbstverst&auml;ndlich auf dem Gymnasium war, und nun Medizin studiert. Wie der Papa. Und sauteuer: Vor allem f&uuml;r den Staat, denn der finanziert ja die Hochschulen. Die Tochter einer Putzfrau wird sich dagegen kaum hierhin verirren. Sie hat sich schon das Abi nicht zugetraut &ndash; und es h&auml;tte ihr ja auch niemand bei den Hausaufgaben geholfen. Nach dem Realschulabschluss will sie so schnell wie m&ouml;glich Geld verdienen, denn ihre Mutter kann sie in ihrem Lebensunterhalt kaum unterst&uuml;tzen. Der Lohn f&uuml;rs Putzen ist schon klein, und dann werden ja auch noch die Steuern abgezogen. Aus denen werden dann die Hochschule und die Vorlesungen f&uuml;r unseren Zahnarztsohn bezahlt. Das kann doch nicht gerecht sein! Unser Luxus-Student muss endlich zur Kasse gebeten werden. Studiengeb&uuml;hren m&uuml;ssen her.<\/p><p><strong>Geb&uuml;hren als soziales Reformprogramm<\/strong><\/p><p>So argumentiert doch niemand? Von wegen! Diese Sichtweise hat die Diskussion um Studiengeb&uuml;hren in den letzten zehn Jahren nicht unerheblich beeinflusst. Im Herbst 1999 meldete sich der damalige nieders&auml;chsische Wissenschaftsminister Thomas Oppermann (SPD) entsprechend zu Wort. Ein Jahr vorher hatten SPD und Gr&uuml;ne im Koalitionsvertrag vereinbart, Studiengeb&uuml;hren bundesweit zu verbieten. Eine schreiende Ungerechtigkeit, wie uns die kleine Erz&auml;hlung zu lehren versucht. Noch nicht &uuml;berzeugt? Zur Sicherheit erkl&auml;ren wir es noch mal in den Worten Oppermanns: &raquo;Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass Kinder aus unteren Einkommensgruppen seltener studieren als Kinder beg&uuml;terter Eltern. Der Facharbeiter finanziert also mit seinen Steuern das Medizinstudium des Chefarztsohnes. Das ist ungerecht. Deswegen brauchen wir sozial gestaffelte Studiengeb&uuml;hren, die Einkommen unter 83.000 Mark im Jahr je Familie freistell[en]. Das ist sozial gerechte Umverteilung von oben nach unten.&laquo; [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<\/p><p>Ein bisschen verwirrend ist das schon &ndash; wurden die Studiengeb&uuml;hren nicht in den 70er Jahren gerade im Namen der sozialen Gerechtigkeit abgeschafft? Und nun soll es pl&ouml;tzlich genau umgekehrt sein? Thomas Oppermann meint: &raquo;Ja. Ich glaube sogar, dass mein Konzept f&uuml;r Studiengeb&uuml;hren eine Gerechtigkeitsl&uuml;cke schlie&szlig;t.&laquo; Damit hat der SPD-Minister nicht nur die Juso-Hochschulgruppen sowie auch au&szlig;erhalb seiner Partei nahezu s&auml;mtliche Studierendenvertretungen gegen sich aufgebracht. Er hat auch kr&auml;ftig dabei geholfen, die Debatte um Studiengeb&uuml;hren wieder salonf&auml;hig zu machen. Nicht als konservativen Kahlschlag und elit&auml;re Abschottung, sondern als sozialdemokratisches Reformprogramm. Wer wei&szlig;, ob Studiengeb&uuml;hren ohne diesen Schwenk bis heute irgendwo mehrheitsf&auml;hig h&auml;tten werden k&ouml;nnen. Dabei l&auml;sst seine kleine Geschichte allzu viele Fragen offen: Wie kann es eigentlich sein, dass das Steueraufkommen vor allem aus den Portemonnaies von FacharbeiterInnen kommt? Warum hat rot-gr&uuml;n den Spitzensteuersatz gesenkt und damit den Chefarzt entlastet, wenn der nun pl&ouml;tzlich zu viel Geld f&uuml;r seinen studierenden Sohn &uuml;brig hat? Und ist es eigentlich sozial gerecht, dass nur studiert, wer beg&uuml;terte Eltern hat? Die Erz&auml;hlungen von Zahnarzts&ouml;hnen und Putzfrauen sind vor allem emotional mitrei&szlig;end &ndash; f&uuml;r die inhaltliche Auseinandersetzung sind sie eher hinderlich, weil sie Fragen der Studienfinanzierung aus dem gesellschaftlichen Zusammenhang rei&szlig;en.<\/p><p><strong>Hochschul&ouml;ffnung &ndash; kein Thema mehr?<\/strong><\/p><p>Von 100 Akademikerkindern landen 83 an der Hochschule, von den Nichtakademikerkindern sind es gerade mal 23. [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] F&uuml;r Jugendliche aus einkommensschwachen Elternh&auml;usern wird es im Bildungssystem von Jahr zu Jahr enger, die soziale Zusammensetzung der Studierenden wird bereits seit den 80er Jahren kontinuierlich immer einseitiger. L&auml;sst sich auch diese Gerechtigkeitsl&uuml;cke mit Studiengeb&uuml;hren schlie&szlig;en? Wohl kaum. Studiengeb&uuml;hren schrecken vom Studium ab. Das erkl&auml;rt sich eigentlich von selbst, wurde nun aber auch durch eine vom Bundesministerium f&uuml;r Bildung und Forschung gef&ouml;rderte Studie best&auml;tigt. [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] Demnach wurden im Jahr 2006 bis zu 18.000 Menschen durch Studiengeb&uuml;hren vom Studium abgehalten. Zu diesem Zeitpunkt hatten erst zwei Bundesl&auml;nder (NRW und Niedersachsen) Studiengeb&uuml;hren eingef&uuml;hrt. Die Abschreckungswirkung der Geb&uuml;hren ist bei Frauen gr&ouml;&szlig;er als bei M&auml;nnern, und junge Menschen aus den sogenannten &rsaquo;bildungsfernen Schichten&lsaquo; sind besonders betroffen.<\/p><p>Thomas Oppermann m&ouml;chte, dass die FacharbeiterInnen nicht das Studium der Chefarzts&ouml;hne bezahlen. Aber haben wir denn die Forderung schon aufgegeben, dass auch die FacharbeiterInnen bzw. deren Kinder selbst an die Hochschulen kommen? Universit&auml;ten wie Fachhochschulen sind &ouml;ffentliche Einrichtungen und sollten als solche allen jungen Menschen offen stehen. Wenn wir von Gerechtigkeitsl&uuml;cken reden, d&uuml;rfen wir die soziale Selektion beim Hochschulzugang nicht ausblenden. Alles andere ist eine bildungspolitische Bankrotterkl&auml;rung. Man darf sich auch den Spa&szlig; erlauben, die Chefarztsohnlogik konsequent zu Ende zu denken: Wenn Studierende Privilegierte sind, die dem Steuers&auml;ckel nicht zur Last fallen sollen, dann sollten sie ihr Studium doch auch kostendeckend finanzieren. Das w&uuml;rde f&uuml;r jedes Fach unterschiedlich hohe Studiengeb&uuml;hren bedeuten &ndash; ein Medizinstudium ist nun mal teurer als Jura. Im Schnitt d&uuml;rfte man locker bei f&uuml;nfstelligen Semesterbeitr&auml;gen landen. Das w&auml;re konsequent. Aber wer w&uuml;rde dann noch studieren k&ouml;nnen? Der Zugang zu den Chefetagen w&auml;re dauerhaft f&uuml;r die Kinder ihrer jetzigen BesitzerInnen reserviert.<\/p><p><strong>Umverteilen &ndash; aber wie?<\/strong><\/p><p>Man k&ouml;nnte doch einfach alle von den Geb&uuml;hren befreien, die sie nicht zahlen k&ouml;nnen &ndash; so w&uuml;rde nicht nur Thomas Oppermann einwenden. Klar, k&ouml;nnte man. Aber wo genau ist die Grenze? Oppermann selbst spricht in dem oben genannten Interview von einer Befreiung von 45 Prozent aller Studierenden. Wenn man hiervon mal ausginge, m&uuml;ssten bei steigenden Studiengeb&uuml;hren recht fix fast alle Studierenden von der Zahlung befreit sein. Macht das Sinn? Jedenfalls ist es offenbar unrealistisch, denn die bisherige Erfahrung mit den eingef&uuml;hrten Geb&uuml;hren sieht anders aus. Wer sie nicht zahlen kann, wird eben nicht von der Zahlung befreit. Stattdessen bieten die Bundesl&auml;nder Darlehen an, die erst nach dem Abschluss zur&uuml;ckbezahlt werden m&uuml;ssen. Soll hei&szlig;en: Wer nicht zahlen kann, kann sp&auml;ter zahlen. Erlassen wird dabei kein einziger Cent &ndash; und nat&uuml;rlich fallen auch noch Zinsen an. Die M&auml;r von der Umverteilung zerplatzt mit fadem Beigeschmack. Weit beliebter als Sozialklauseln ist es, &rsaquo;besonders begabte&lsaquo; Studierende von den Geb&uuml;hren zu befreien. So kommen StipendiatInnen an vielen Hochschulen noch in den Genuss eines geb&uuml;hrenfreien Studiums. Offenbar klappt es doch besser, sich von Geb&uuml;hren befreien zu lassen, weil man Geld hat, als weil man kein Geld hat.<\/p><p>Im Ergebnis starten AbsolventInnen aus finanzschwachen Elternh&auml;usern mit einem erheblichen Schuldenberg ins Berufsleben &ndash; neben den BAf&ouml;G-Schulden wird dieser nun auch noch durch die Geb&uuml;hrendarlehen aufgeh&auml;uft. Auch wenn diese Modelle gebetsm&uuml;hlenartig als &rsaquo;sozial abgefederte&lsaquo; Geb&uuml;hren gepriesen werden: Gerade Jugendliche aus finanzschw&auml;cheren Familien lassen sich aus Angst vor der Verschuldung leicht vom Studium abschrecken. Studiengeb&uuml;hren verteilen au&szlig;erdem nicht nur finanziell um. Sie verteilen auch die Studierenden neu an die verschiedenen Hochschulen. Bisher unterscheiden sich die Geb&uuml;hrens&auml;tze vor allem nach Bundesland und Hochschulart. Indem das Studium geb&uuml;hrenpflichtig wird, wird es allerdings auch nach dem Angebot-Nachfrage-Prinzip neu geordnet. In Anbetracht der allgegenw&auml;rtigen Forderung nach einer st&auml;rkeren Hochschulautonomie werden diese absehbar zunehmend selbst &uuml;ber die H&ouml;he der Geb&uuml;hren entscheiden k&ouml;nnen. Hierbei werden neben Elite-Einrichtungen auch &rsaquo;Aldi-Hochschulen&lsaquo; entstehen, an denen geringere Studienkosten mit geringeren Berufschancen einhergehen. So k&ouml;nnten gute berufliche Perspektiven doch noch k&auml;uflich werden. Muss das wirklich so kommen? Nat&uuml;rlich nicht. Aber derzeit deutet alles darauf hin.<\/p><p>Theoretisch k&ouml;nnte man nat&uuml;rlich auch eine einheitliche Geb&uuml;hrenh&ouml;he per Gesetz festlegen. So w&auml;ren jedenfalls der Hierarchisierung der Hochschullandschaft Schranken gesetzt. Dazu k&ouml;nnte man noch die Idee aufgreifen, dass die Geb&uuml;hren erst nach dem Studium f&auml;llig werden: Dann verdienen die AbsolventInnen Geld und k&ouml;nnten doch ruhig etwas davon abgeben. Und wenn man schon dabei ist, ein sozial gerechteres Studiengeb&uuml;hrenmodell zu entwickeln, k&ouml;nnte man auch gleich eine soziale Staffelung einf&uuml;hren: Nicht nur zahlen oder nicht zahlen w&auml;re dann die Frage, sondern wer mehr verdient, m&uuml;sste auch mehr abgeben. De facto w&auml;re man dann bei einer AkademikerInnen-Steuer gelandet, die der Einfachheit halber auch gleich das Finanzamt anstelle der Hochschulen einziehen k&ouml;nnte. Ach ja, eines w&auml;re da noch: Wer ohne Studium genauso viel Geld verdient, weil er zum Beispiel einen Betrieb geerbt hat, sollte nat&uuml;rlich dieselben Steuern zahlen. Immerhin ist er ja offenbar genauso privilegiert. Und ausgerechnet Bildungsabschl&uuml;sse steuerrechtlich zu benachteiligen klingt ja auch eher befremdlich, wo doch das lebenslange Lernen gerade in aller Munde ist. Hei&szlig;t also: Steuers&auml;tze f&uuml;r Vielverdiener rauf und davon die Hochschulen besser finanzieren. Man kann es drehen und wenden wie man will: Wer wirklich die Wohlhabenden st&auml;rker zur Hochschulfinanzierung heranziehen will, sollte nicht nach Studiengeb&uuml;hren, sondern nach einer Steuerreform rufen.<\/p><p><strong>Was hei&szlig;t hier eigentlich (ge)recht?<\/strong><\/p><p>Bildung ist ein Menschenrecht. Und jeder hat das Recht auf eine freie Berufswahl. [<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] Was genau hei&szlig;t das? Sicherlich, man darf niemandem grunds&auml;tzlich verbieten, eine Hochschule zu besuchen. Aber reicht schon die formale M&ouml;glichkeit, ein Studium aufzunehmen, um das Recht auf Bildung zu verwirklichen? Wenn jeder das gleiche Eintrittsgeld f&uuml;r die Hochschulen bezahlt, unabh&auml;ngig vom famili&auml;ren Hintergrund, Staatsangeh&ouml;rigkeit und Geschlecht, ist das dann schon gerecht? Oder geh&ouml;rt es auch dazu, diejenigen aktiv zu unterst&uuml;tzen, die ihr Recht auf Bildung sonst nicht verwirklichen k&ouml;nnten? Die Freiheit von Studiengeb&uuml;hren ist hierbei nur die Spitze des Eisbergs. Damit wirklich alle studieren k&ouml;nnen, m&uuml;ssen auch ihre Lebenshaltungskosten abgesichert sein. 17 Prozent der StudienabbrecherInnen bezeichnen finanzielle Problemlagen als ausschlaggebenden Grund f&uuml;r ihre Studienaufgabe. Sie kommen &uuml;berdurchschnittlich aus Elternh&auml;usern der unteren und mittleren sozialen Schicht. F&uuml;r 52 Prozent der AbbrecherInnen haben finanzielle Problemlagen immerhin ein &rsaquo;wesentliches Motiv&lsaquo; gebildet. [<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] &rsaquo;Sozial gerecht&lsaquo; w&auml;re demnach vor allem eine umfassende BAf&ouml;G-Reform, die daf&uuml;r sorgt, dass man von der F&ouml;rderung tats&auml;chlich leben kann. 2006 finanzierte gerade mal 1 Prozent der Studierenden den Lebensunterhalt vollst&auml;ndig aus dem BAf&ouml;G, 15 Prozent lebten &uuml;berwiegend von der F&ouml;rderung. [<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>] Die wesentlichen S&auml;ulen der Studienfinanzierung bilden dagegen Eltern und Erwerbst&auml;tigkeit.<\/p><p>Vielfach ist in der &ouml;ffentlichen Debatte zu h&ouml;ren, Studiengeb&uuml;hren k&ouml;nne man ruhig einf&uuml;hren &ndash; wenn denn im Gegenzuge das Stipendienwesen ausgebaut werde. Mal abgesehen davon, dass ein entsprechender Ausbau bisher beim besten Willen nicht zu erkennen ist: Der Rechtsanspruch auf ein geb&uuml;hrenfreies Studium und F&ouml;rderung nach BAf&ouml;G w&uuml;rde durch eine unsichere Chance auf ein Stipendium abgel&ouml;st. Man k&ouml;nnte durchaus Gl&uuml;ck haben und ein Stipendium erwischen, das einem mehr Geld einbringt als das BAf&ouml;G. Man k&ouml;nnte aber auch Pech haben, und die Stipendien sind gerade alle. Das Recht auf ein finanziell abgesichertes Studium w&auml;re zusammengeschrumpft auf das Recht, sich auf ein Stipendium zu bewerben. Mit der reinen Hochschulzugangsberechtigung k&auml;me man nicht mehr weit, denn wer der Auswahlkommission nicht gef&auml;llt, f&auml;llt halt durch. Das abgesicherte Studium g&auml;be es nur noch f&uuml;r die Elite &ndash; und &rsaquo;solange der Vorrat reicht&lsaquo;. Mit einem einklagbaren Recht auf Hochschulbildung hat das wenig zu tun.<\/p><p><strong>Perspektiven der Studienfinanzierung<\/strong><\/p><p>Der Beweis, dass Studiengeb&uuml;hren die Hochschulen gerechter machen, ist gr&uuml;ndlich misslungen. Was bleibt ist die Frage, wie sich die tats&auml;chlich vorhandenen Gerechtigkeitsl&uuml;cken wirksam bek&auml;mpfen lassen. Dabei ist klar: Um gerade Jugendlichen aus finanzschwachen Elternh&auml;usern den Hochschulzugang zu erm&ouml;glichen und die Zahl der Studienabbr&uuml;che zu reduzieren, kommt man um eine bessere soziale Absicherung der Studierenden nicht herum. Das BAf&ouml;G muss also h&ouml;her werden, und es muss mehr Studierenden zur Verf&uuml;gung stehen. Bereits von der 1968er-Generation formuliert wurde au&szlig;erdem die Forderung, die Studienf&ouml;rderung elternunabh&auml;ngig auszuzahlen. Der hiermit erhobene Anspruch an eine finanzielle Unabh&auml;ngigkeit und damit auch kulturelle Emanzipation der Studierenden von ihrer Elterngeneration wurde bis heute nicht eingel&ouml;st. F&uuml;r den Gro&szlig;teil der Studierenden ist das Studium weiter an Bedingungen und Erwartungen der Eltern gekn&uuml;pft. &Uuml;ber die Forderung eines elternunabh&auml;ngigen BAf&ouml;G noch hinaus geht das Konzept des Studienhonorars, welches eine Anerkennung des Studiums als gesellschaftlich relevante Arbeit und damit einen angemessenen Lohn fordert. Damit w&uuml;rde die Bedarfsabh&auml;ngigkeit des BAf&ouml;G vollst&auml;ndig aufgel&ouml;st und auch das eigene Verm&ouml;gen f&uuml;r die &ouml;ffentliche Studienfinanzierung irrelevant.<\/p><p>Man sollte dabei nicht aus den Augen verlieren: Der formulierte Anspruch, Modelle der Studienfinanzierung nicht aus ihrem gesellschaftlichen Kontext zu l&ouml;sen, muss nat&uuml;rlich auch hier gelten. Wer die Bedarfsorientierung aufhebt, verteilt das Geld zu gleichen Ma&szlig;en an alle Studierenden, statt gezielt diejenigen zu f&ouml;rdern, die die Unterst&uuml;tzung am dringendsten brauchen. Das macht nur dann Sinn, wenn Wohlhabende gleichzeitig steuerlich entsprechend mehr belastet werden. Eine elternunabh&auml;ngige Studienfinanzierung muss mit der Verankerung neuer Familienkonzepte einhergehen. Wie die Studienfinanzierung sollte hierbei auch die Kinderbetreuung als &ouml;ffentlich zu finanzierende Aufgabe angesehen werden. Das Unterhaltsrecht m&uuml;sste neu geordnet werden. Wer seine studierenden Kinder nicht mehr finanziert, sollte f&uuml;r das damit gesparte Verm&ouml;gen sp&auml;ter eine deutlich h&ouml;here Erbschaftssteuer zahlen. Nur als Paket kann eine solche Reform eine Umverteilung von unten nach oben verhindern und tats&auml;chlich diejenigen besser stellen, die aus finanzschw&auml;cheren Familien kommen. Einen Schritt in diese Richtung k&ouml;nnte das Mitte der 1990er Jahre vom Deutschen Studentenwerk vorgeschlagene &rsaquo;Drei-K&ouml;rbe-Modell&lsaquo; bilden, in dem eine elternunabh&auml;ngige Sockelf&ouml;rderung f&uuml;r alle Studierenden durch eine Zusammenf&uuml;hrung von Kindergeld und Kinderfreibetrag finanziert werden sollte &ndash; zus&auml;tzlich war eine bedarfsorientierte Aufbauf&ouml;rderung vorgesehen. [<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] Da von den steuerlichen Freibetr&auml;gen heute vor allem Eltern mit hohem Einkommen profitieren, w&auml;re hiermit eine Umverteilung von oben nach unten verbunden gewesen. F&uuml;r ein solches Modell h&auml;tte es fast schon einmal eine Mehrheit im deutschen Bundestag gegeben. Durch ein Machtwort des damaligen Kanzlers Gerhard Schr&ouml;der wurde die Debatte Anfang 2000 allerdings abgew&uuml;rgt und eine entsprechende Gesetzesinitiative zur&uuml;ck gezogen.<\/p><p>F&uuml;r eine soziale &Ouml;ffnung der Hochschulen wird auch eine umfassende Strukturreform der Ausbildungsf&ouml;rderung nicht ausreichen. Um mehr Studienpl&auml;tze zu schaffen, ist eine bessere Ausfinanzierung der &ouml;ffentlichen Hochschulen notwendig. In der Theorie sind sich inzwischen fast alle einig, dass dies auf der Tagesordnung steht: Schon alleine f&uuml;r den Arbeitsmarkt von morgen werden wir mehr AkademikerInnen brauchen. Doch mit dem Hochschulpakt 2020 werden Bund und L&auml;nder allenfalls die jetzige Studienquote halten k&ouml;nnen &ndash; von quantitativem und qualitativem Ausbau fehlt jede Spur. Zu einem Hochschulausbau geh&ouml;rt auch ihre &Ouml;ffnung f&uuml;r nichttraditionelle Studierende, die kein Abitur, daf&uuml;r aber eine entsprechende berufliche Vorbildung vorweisen k&ouml;nnen &ndash; in kaum einem Land sind die Hochschulen f&uuml;r sie so verschlossen wie bei uns. Um die Sonntagsreden vom lebenslangen Lernen Realit&auml;t werden zu lassen, m&uuml;ssten au&szlig;erdem alle Besch&auml;ftigten die M&ouml;glichkeit haben, ihre Berufst&auml;tigkeit zu Weiterbildungszwecken zu unterbrechen, sich an den Hochschulen und anderswo fortzubilden und beruflich neu zu orientieren. Heute nehmen dies fast ausschlie&szlig;lich Besserverdienende wahr. Gerechtigkeitsl&uuml;cken gibt es in unserem Bildungssystem mehr als genug. Keine davon l&auml;sst sich mit Studiengeb&uuml;hren l&ouml;sen, viele jedoch versch&auml;rfen.<\/p><p><em><strong>Sonja Staack<\/strong> ist Mitglied des erweiterten Bundesvorstands des BdWi sowie im Vorstand von ver.di Berlin.<br>\nDieser Beitrag ist im Original erschienen in: Klemens Himpele und Torsten Bultmann (Hrsg.): Studiengeb&uuml;hren in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung. 10 Jahre Aktionsb&uuml;ndnis gegen Studiengeb&uuml;hren (ABS): R&uuml;ckblick und Ausblick, Marburg 2009. Weitere Informationen zum Buch sind hier zu finden: <a href=\"http:\/\/www.bdwi.de\/verlag\/gesamtkatalog\/1771954.html\">www.bdwi.de<\/a><\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] &raquo;&rsaquo;Studiengeb&uuml;hren schlie&szlig;en Gerechtigkeitsl&uuml;cke&lsaquo;. Niedersachsens Wissenschaftsminister Oppermann (SPD) will Studenten zur Kasse bitten &ndash; Kritik an &rsaquo;Denkverboten&lsaquo;. Interview mit Thomas Oppermann&laquo;, in: DIE WELT, 18. Oktober 1999, 4.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Bundesministerium f&uuml;r Bildung und Forschung (Hg.), 2007: Die wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden in der Bundesrepublik Deutschland 2006. 18. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks, durchgef&uuml;hrt durch HIS Hochschul-Informations-System &ndash; Ausgew&auml;hlte Ergebnisse, Bonn\/Berlin, 3.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Heine, Christoph \/ Quast, Heiko \/ Spangenberg, Heike, 2008: Studiengeb&uuml;hren aus der Sicht von Studienberechtigten. Finanzierung und Auswirkungen auf Studienpl&auml;ne und &ndash;strategien, HIS Forum Hochschulen 15, Hannover.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Allgemeine Erkl&auml;rung der Menschenrechte, Beschluss der UN-Generalversammlung vom 10.12.1948, Artikel 26 (1) Satz 3 bzw. Artikel 23 (1) Satz 1.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Heublein, Ulrich \/ Spangenberg, Heike \/ Sommer, Dieter, 2002: Ursachen des Studienabbruchs, Analyse 2002, HIS Hochschul-Informations-System, Hochschulplanung Band 163, Hannover.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] 18. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks, a. a. O.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] Deutsches Studentenwerk (Hg.), 1995: Das Drei-Stufen-Modell des Deutschen Studentenwerks. F&uuml;r eine Ausbildungsf&ouml;rderung im Rahmen eines einheitlichen Familienlastenausgleichs, Bonn.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schwarz-Gelb in NRW ist abgew&auml;hlt, und es gibt eine Mehrheit f&uuml;r die Abschaffung der Studiengeb&uuml;hren. Sowohl SPD und Gr&uuml;ne als auch die Linkspartei hatten erkl&auml;rt, diese abschaffen zu wollen. P&uuml;nktlich nach der Wahl beginnen sich nun die Geb&uuml;hrenbef&uuml;rworterInnen mit alten Argumenten zu positionieren. Gerade dieser Tage haben neun ProfessorInnen der Ruhr Universit&auml;t Bochum wieder einmal<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5541\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[17,146,137],"tags":[409,860,408,488,234],"class_list":["post-5541","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hochschulen-und-wissenschaft","category-soziale-gerechtigkeit","category-steuern-und-abgaben","tag-bildungschancen","tag-oppermann-thomas","tag-soziale-herkunft","tag-steuererhoehungen","tag-studiengebuehren"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5541","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5541"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5541\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5544,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5541\/revisions\/5544"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5541"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5541"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5541"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}