{"id":55423,"date":"2019-10-07T13:08:01","date_gmt":"2019-10-07T11:08:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55423"},"modified":"2019-10-07T14:13:53","modified_gmt":"2019-10-07T12:13:53","slug":"armutszeugnis-im-land-der-ungleichheiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55423","title":{"rendered":"Armutszeugnis: Im Land der Ungleichheiten"},"content":{"rendered":"<p>Regelm&auml;&szlig;ig stellen Studien eine skandal&ouml;se Ungleichheit in Deutschland fest, wie ganz aktuell ein Bericht der Hans-B&ouml;ckler-Stiftung. Ebenso regelm&auml;&szlig;ig werden diese Befunde ignoriert, die Ursachen der Symptome werden vernebelt. Man k&ouml;nnte die Ungerechtigkeiten beseitigen &ndash; doch dagegen gibt es medialen und politischen Widerstand. Von <strong>Tobias Riegel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nEine der dominierenden &bdquo;Erz&auml;hlungen&ldquo; vieler gro&szlig;er Medien ist die von der nur &bdquo;gef&uuml;hlten&ldquo; Ungerechtigkeit: Schlie&szlig;lich gehe es &bdquo;uns&ldquo; gut, die angeblichen Benachteiligungen und gesellschaftlichen Spaltungen existierten nur scheinbar, ansonsten seien es bedauerliche Einzelf&auml;lle oder &bdquo;Fehler&ldquo; innerhalb eines prinzipiell bestens austarierten Systems, richtig? Falsch! Regelm&auml;&szlig;ig wird dieses &bdquo;Gef&uuml;hl&ldquo; der Ungleichheit und Ungerechtigkeit mit Daten unterf&uuml;ttert und dadurch als real bewiesen &ndash; ganz aktuell einmal mehr vom WSI-Report der Hans-B&ouml;ckler-Stiftung, der die Einkommensungleichheit untersucht hat. Der Report, der sich <a href=\"https:\/\/www.boeckler.de\/pdf\/p_wsi_report_53_2019.pdf\">unter diesem Link<\/a> findet, sagt ohne Wenn und Aber: <strong>Die Ungleichheit ist real, sie nimmt zu und sie ist auf einem neuen H&ouml;chststand. Um Abhilfe zu schaffen, m&uuml;ssen die L&ouml;hne und die Steuern rauf.<\/strong><\/p><p>Der <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/einkommen-ungleichheit-laut-studie-auf-neuem-hoechststand.1939.de.html?drn:news_id=1056809\">Stiftungs-Report<\/a> lenkt die Aufmerksamkeit auf ein weiteres fatales gesellschaftliches Ph&auml;nomen, das auch angesichts anderer Studien zu gesellschaftlichen Defiziten auftritt: <strong>Selbst die klare Benennung von skandal&ouml;sen Missst&auml;nden hat oft gar keinen Effekt mehr.<\/strong> Dementsprechend verpufft auch aktuell wieder die Eindeutigkeit des Stiftungs-Reports und der sich aufdr&auml;ngenden Gegenma&szlig;nahmen zur Linderung der Ungerechtigkeiten &ndash; die Informationen m&uuml;nden nicht in die entsprechenden logischen Handlungsweisen. Dieses Ph&auml;nomen haben die NachDenkSeiten k&uuml;rzlich in <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=53931\">diesem Artikel<\/a> am Beispiel Kinderarmut beschrieben und das Prinzip l&auml;sst sich direkt auf die aktuelle Studie der B&ouml;ckler-Stiftung &uuml;bertragen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Darum zeigen sich hier zwei Skandale: zum einen die Kinderarmut, die in der Studie offenbar wird. Zum anderen die ausbleibenden Reaktionen auf die in der Studie belegten Zust&auml;nde. (&hellip;) Und so war auch an diesem Donnerstag kein Aufschrei angesichts der Studie festzustellen, weder in der Politik noch in den Redaktionen &ndash; eher ein m&uuml;des &Auml;chzen dar&uuml;ber, dass man sich nun schon wieder mit diesem regelm&auml;&szlig;ig wiederkehrenden Thema herumschlagen muss. (&hellip;) Fragen nach den Ursachen und dem wirtschaftsliberalen System werden nicht gestellt.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Ungleichheiten &ndash; Armutszeugnis f&uuml;r ein reiches Land<\/strong><\/p><p>Versuchen der Vernebelung zum Trotz &ndash; der <a href=\"https:\/\/www.boeckler.de\/pdf\/p_wsi_report_53_2019.pdf\">Befund der Untersuchung<\/a> macht klar:  Nach 2005 hatte sich der Anstieg der Ungleichheit vorerst abgeschwa&#776;cht. Seit 2010 aber wa&#776;chst die Einkommensungleichheit wieder deutlich und das ungeachtet der guten konjunkturellen Rahmenbedingungen sowie der gu&#776;nstigen Arbeitsmarktlage. Der Report stellt fest:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Seit 2010 steigt die Einkommensungleichheit wieder stetig an. Alle untersuchten Ungleichheitsindizes belegen, dass die Ungleichverteilung der Einkommen im Jahr 2016 u&#776;ber dem Niveau von 2005 liegt. Im innerdeutschen Vergleich steigt die Ungleichheit in Ostdeutschland sta&#776;rker als im Westen des Landes.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Der Bezugspunkt des Jahres 2005 ist wichtig, da es starke mediale und politische Bestrebungen gibt, die dieses Jahr als positive &bdquo;Wende&ldquo; bei der Einkommensungleichheit festschreiben wollen &ndash; ein Befund, der nicht durch die Daten der B&ouml;ckler-Stiftung gedeckt ist. Demnach geht die Einkommensungleichheit nicht zuru&#776;ck. Im Gegenteil: Sie steigt weiter an und immer mehr Menschen sind von Armut betroffen. Der Report bringt es auf den Punkt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Es ist ein Armutszeugnis fu&#776;r Deutschland, dass es selbst unter so stabilen guten konjunkturellen Bedingungen nicht gelingt, die Ungleichheit zu verringern und Armut wirksam zu beka&#776;mpfen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Lohngef&auml;lle: Die Gesellschaft driftet auseinander<\/strong><\/p><p>Ein Kriterium der B&ouml;ckler-Stiftung zur Messung der Ungleichheit ist der <a href=\"https:\/\/www.boeckler.de\/wsi_121278.htm\">Gini-Koeffizient<\/a> der verf&uuml;gbaren &auml;quivalenzgewichteten Haushaltsnettoeinkommen. Trotz einer vor&uuml;bergehenden Verlangsamung der Tendenz nach 2005 entwickelt sich die Gesellschaft nach diesen Werten immer weiter auseinander: <\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/191007-Boeckler.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Mit die sta&#776;rksten Treiber f&uuml;r die anhaltende ungerechte Verteilung des Reichtums sind laut Stiftung wachsende Lohnungleichheiten. Die zunehmende Spreizung der Lo&#776;hne setzt demnach bereits Ende der 1990er Jahre ein. Seitdem gebe es eine wachsende Bevo&#776;lkerungsgruppe am unteren Rand der Verteilung, die den Anschluss an die Lohnsteigerungen der Mitte der Gesellschaft verloren habe. Verst&auml;rkt werde diese Entwicklung durch einen weiteren Trend: steuerpolitische Entlastungen der Reichen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Es ist belegt, dass reiche Haushalte von vielen steuerpolitischen Entscheidungen der letzten Jahre direkt profitiert haben (Bach et al. 2016). Das gilt insbesondere fu&#776;r die Absenkung des Spitzensteuersatzes von noch 53% Ende der 1990er Jahre auf derzeit nur mehr 42%. Auch die Reform der Erbschaftssteuer im Jahr 2016 spielt hier eine Rolle.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Der Stiftungsreport schr&auml;nkt aber auch ein: Zwar sei die deutsche Gesellschaft heute insgesamt ungleicher, als sie es in den 1990er Jahren gewesen sei. Dies treffe aber nicht auf alle Dimensionen sozialer Ungleichheit zu &ndash; so habe sich etwa in der &bdquo;Bildungsdimension&ldquo; die Lage im Verlauf der letzten Jahrzehnte verbessert.  Als Ma&szlig;nahmen gegen die gesellschaftliche Spaltung fordert die B&ouml;ckler-Stiftung unter anderem eine Verringerung des Niedriglohnsektors und eine sta&#776;rkere Besteuerung von Spitzeneinkommen.<\/p><p><strong>Kampagnen verhindern Verbesserung<\/strong><\/p><p>Warum sich solche logischen Konsequenzen &ndash; etwa die Einf&uuml;hrung einer Reichensteuer &ndash; aber nicht einstellen, erkl&auml;rt sich auch aus den Medienkampagnen gegen ausgleichende Ma&szlig;nahmen, die die NachDenkSeiten k&uuml;rzlich etwa <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54403\">in diesem Artikel<\/a>  beschrieben haben. So behauptete etwa das &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.handelsblatt.com\/meinung\/kommentare\/kommentar-die-spd-plant-einen-raubzug-bei-den-reichen-und-denkt-dabei-zu-wenig-nach\/24942074.html?ticket=ST-3130202-dBbi2LfDz9aItBLyD29P-ap1\">Handelsblatt<\/a>&ldquo; k&uuml;rzlich angesichts von SPD-Vorschl&auml;gen f&uuml;r eine Verm&ouml;genssteuer: &bdquo;Die SPD plant einen Raubzug bei den Reichen.&ldquo; Das Blatt f&auml;hrt fort:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Pl&auml;ne zur Verm&ouml;genssteuer der SPD zeigen: Die Partei schaltet in Panikmodus. Das undurchdachte Konzept bringt auch Olaf Scholz in die Bredouille. Eine schn&ouml;de Geldsammelaktion soll nun angeblich helfen, das Klima zu retten, Stra&szlig;en zu bauen und Schulen zu renovieren. Statt einen schwungvollen Zukunftsplan f&uuml;r Deutschland in wirtschaftlich schw&auml;cheren Zeiten zu pr&auml;sentieren, plant man einen Raubzug bei den Reichen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Zur gleichen Debatte schrieb dagegen die <a href=\"https:\/\/www.freiepresse.de\/meinungen\/kommentare\/vermoegensteuer-als-rettungsanker-artikel10597033\">&bdquo;Freie Presse&ldquo;<\/a> aus Chemnitz:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Fest steht aber auch, dass Verm&ouml;gen in Deutschland grotesk ungleich verteilt ist. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander. Die soziale Lunte im noch reichen Deutschland glimmt.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Titelbild: Hyejin Kang \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Regelm&auml;&szlig;ig stellen Studien eine skandal&ouml;se Ungleichheit in Deutschland fest, wie ganz aktuell ein Bericht der Hans-B&ouml;ckler-Stiftung. 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