{"id":55442,"date":"2019-10-08T09:13:28","date_gmt":"2019-10-08T07:13:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55442"},"modified":"2019-10-08T10:44:49","modified_gmt":"2019-10-08T08:44:49","slug":"was-will-die-protestbewegung-in-hongkong-erreichen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55442","title":{"rendered":"Was will die Protestbewegung in Hongkong erreichen?"},"content":{"rendered":"<p>Um die Antwort gleich vorwegzunehmen: Ich wei&szlig; es nicht, aber, noch schlimmer:  die Protestler, die t&auml;glich auf die Stra&szlig;e gehen, wissen es selber nicht. Im dem &Uuml;bergabevertrag von 1997 wurde zwischen der ehemaligen Kolonialmacht Gro&szlig;britannien und der Volksrepublik China unter der Formel &bdquo;Ein Land, zwei Systeme&ldquo;, vereinbart, dass China die Hoheit &uuml;ber Hongkong zwar zur&uuml;ckerhalten sollte, das kapitalistische System aber wie gehabt noch weitere 50 Jahre, bis 2047, bestehen bleibt.  Beide Seiten hatten wohl ihre eigenen Vorstellungen davon, wie die Zeit bis 2047 genutzt werden sollte. Wir sind jetzt in der Halbzeit angelangt, die Seiten werden gewechselt, die Spieler neu aufgestellt. Wird es eine Verl&auml;ngerung geben oder wird das Spiel 2047 entschieden sein? Von <strong>Marco Wenzel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nChina glaubte wohl, bis dahin die Bev&ouml;lkerung von Hongkong von den Vorteilen des wirtschaftlichen Sozialismus, wie er seit Deng Xiao Pings Zeiten in China Einzug gehalten hatte, soweit &uuml;berzeugen zu k&ouml;nnen, dass die endg&uuml;ltige &Uuml;bergabe 2047 reibungslos ablaufen w&uuml;rde. Und Gro&szlig;britannien hatte mit Sicherheit die Hoffnung, dass sie ihrerseits die Hongkonger bis dahin soweit von ihrem neoliberalen System &uuml;berzeugen k&ouml;nnten, dass sie sich der &Uuml;bergabe an China entgegenstellen w&uuml;rden und sich so M&ouml;glichkeiten f&uuml;r Verhandlungen &uuml;ber neue Bedingungen er&ouml;ffnen w&uuml;rden.<br>\n50 Jahre sind zwei Generationen. Viel Zeit, um die Menschen zu beeinflussen. <\/p><p><strong>Der Beginn der Proteste<\/strong><\/p><p>Die Gem&uuml;ter erhitzten sich bekanntlich im Juni, f&uuml;nf Jahre nach der Regenschirmrevolution von 2014, erneut, diesmal &uuml;ber die geplante Erweiterung des Auslieferungsabkommens f&uuml;r Straft&auml;ter aus Hongkong nach Festlandchina, Macau und Taiwan. <\/p><p><em>Lesen Sie dazu: &ldquo;<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54247\">Massenproteste in Hong Kong &ndash; zwei Dokumente zur Debatte<\/a>&ldquo;.<\/em><\/p><p>Nun kann man sich die Frage stellen, ob die Regierung von Hongkong, deren Regierungschefin Carrie Lam direkt der chinesischen F&uuml;hrung unterstellt ist, den Fall der Ermordung der schwangeren Frau Pan Xiaoying durch ihre Freund Chen Anfang 2018 in Taiwan zum willkommenen Anlass nahm, das bestehende Auslieferungsgesetz auf China zu erweitern oder ob sie es unbedarft getan hatte, um Gerechtigkeit walten zu lassen. Die Folgen hatte sie jedoch nicht vorhergesehen. <\/p><p>Jede Menge Leute bef&uuml;rchteten nun pl&ouml;tzlich, auf Grund eines Auslieferungsgesuchs von China nach dorthin abgeschoben zu werden und in die H&auml;nde chinesischen Justiz zu fallen. Und das h&auml;tte nicht nur gew&ouml;hnliche Kriminelle und Mafiosi aus Hongkong, sondern auch Wirtschaftskriminelle, Steuerhinterzieher und andere Leute, die vor der Justiz aus China nach Hongkong geflohen waren, betroffen. Aber es gibt auch chinakritische Aktivisten in Hongkong, die sich vor einer Auslieferung aus rein politischen Gr&uuml;nden f&uuml;rchteten. <\/p><p>Erste Demonstrationen gegen das geplante Gesetz formierten sich auf den Stra&szlig;en Hongkongs und die Regierung versuchte, die Situation zu beruhigen. Angebote an die Protestierenden, die Auslieferung f&uuml;r Straftaten, auf denen mindestens drei Jahre Gef&auml;ngnis stand, auf sieben Jahre zu erh&ouml;hen und danach, in einem zweiten Kompromiss, politische und religi&ouml;se Gr&uuml;nde f&uuml;r eine Auslieferung auszuschlie&szlig;en, wurden abgelehnt und so beschloss die Regierung von Hongkong nach Absprache mit Peking zuerst, das Projekt auf Eis zu legen und sp&auml;ter, nach erneuten Protesten, es ganz zu annullieren. Damit w&auml;re die Sache eigentlich erledigt gewesen, wenn nicht mittlerweile eine Protestbewegung entstanden w&auml;re, die nun behauptete, jetzt sei es zu sp&auml;t und neue Forderungen, darunter auch die Forderung nach R&uuml;cktritt von Carrie Lam, stellte.<\/p><p>Aus der Forderung &bdquo;kein Auslieferungsabkommen mit China&ldquo; war pl&ouml;tzlich der Slogan &bdquo;Liberate Hongkong, the revolution of our times&ldquo;, also &bdquo;Befreit Hongkong, die Revolution unserer Zeit&ldquo; geworden.  Der M&ouml;rder Chen ist mittlerweile &uuml;brigens wieder auf freiem Fu&szlig;. Er verb&uuml;&szlig;te nur eine kurze Freiheitsstrafe in einem Hongkonger Gef&auml;ngnis, weil er Rechnungen mit der Kreditkarte der Ermordeten bezahlt hatte. Wegen des Mordes selber kann er in Hongkong nicht belangt werden, da er die Tat in Taiwan ver&uuml;bt hatte. <\/p><p><strong>5 Forderungen und keine weniger<\/strong><\/p><p>So lautet inzwischen die Parole der Protestbewegung, die bei jedem Aufmarsch &uuml;ber Megafon skandiert wird. Bevor nicht alle f&uuml;nf Forderungen erf&uuml;llt sind, wollen sie nicht aufh&ouml;ren zu protestieren, so haben sie es sich geschworen. Viele Sympathisanten der Bewegung zeigen die flache Hand mit den f&uuml;nf Fingern, legen ihre Hand an die Fensterscheiben vorbeifahrender Busse und Metros zum Zeichen der Solidarit&auml;t. <\/p><p>Die Protestbewegung hat also f&uuml;nf Forderungen aufgestellt. Die Forderung nach bezahlbaren Wohnungen, das dringendste Problem in Hongkong, geh&ouml;rt nicht dazu. Wir wollen uns hier diese f&uuml;nf Forderungen genauer ansehen. Die <strong>erste Forderung<\/strong> nach <strong>R&uuml;cknahme des Auslieferungsgesetzes<\/strong> ist erf&uuml;llt. <\/p><p>Die <strong>zweite Forderung<\/strong> lautet: <strong>R&uuml;cktritt von Regierungschefin Carrie Lam und freie Wahlen.<\/strong> Den R&uuml;cktritt haben die Menschen bis jetzt noch f&uuml;r jeden Regierungschef in den vergangenen 22 Jahren gefordert. Lam war jedoch bisher der einzige Chief Executive, der sich beim Volk von Hongkong offen entschuldigt hat. Was die R&uuml;cknahme des Gesetzes &uuml;ber die Auslieferung anbelangt, hat sie die Forderungen der Protestbewegung sogar erf&uuml;llt. Durch wen sollte man sie ersetzen? Keine Vorschl&auml;ge der Gegenseite, nur die Forderung nach R&uuml;cktritt.  <\/p><p>Was die Forderung nach freien Wahlen anbelangt, so ist die Frage zu stellen, wie diese Wahlen denn aussehen sollen und welche Parteien dabei antreten d&uuml;rfen. So wie es zurzeit aussieht, gibt es jede Menge Bestrebungen von au&szlig;en, Hongkong von China loszul&ouml;sen. Hongkong aber geh&ouml;rt rechtlich gesehen zu China, auch wenn es ihnen f&uuml;r eine lange Zeit mit Gewalt weggenommen worden war. China wird keinesfalls zulassen, dass jetzt &uuml;ber &bdquo;freie Wahlen&ldquo; Parteien, teils vom Ausland finanziert, die Regierungsgewalt in Hongkong &uuml;bernehmen, die aktiv die Losl&ouml;sung von China vorantreiben. Man kann beobachten, wie die USA &uuml;ber alle m&ouml;glichen Organisationen &uuml;berall auf der Welt Einfluss auf die Zusammensetzung von Regierungen nehmen, und &uuml;ber die Unterst&uuml;tzung und Finanzierung von Oppositionen in den verschiedenen L&auml;ndern Regierungen st&uuml;rzen, die ihnen nicht gefallen und daf&uuml;r Regierungen einsetzen, die ihnen zu Diensten sind. All dies stets unter dem Deckmantel von Freiheit und Demokratie. Man m&uuml;sste schon sehr blau&auml;ugig sein, zu glauben, dass China das Spiel nicht durchschaut hat. China wird nicht zulassen, dass die nationale Souver&auml;nit&auml;t in Frage gestellt wird. Wenn die Opposition es also ehrlich meint, dann muss sie auch ihre Karten auf den Tisch legen und in Verhandlungen mit Carrie Lam und ihrer Regierung treten, um &uuml;ber das Wie und Wann dieser Forderung zu beraten.<\/p><p>Die <strong>dritte Forderung<\/strong> besteht darin, dass die <strong>Unruhen nicht mehr als Aufstand (riot) bezeichnet<\/strong> werden d&uuml;rfen. Gesetzlich gesehen stehen auf der Beteiligung an einem Aufstand h&ouml;here Strafen als bei der Teilnahme an Unruhen. Wenn Friedensbruch in Verbindung mit einer Straftat gemeinsam von mehreren Personen begangen wird, so ist das ein Aufstand. Diese Definition wurde nicht von der Regierung in Hongkong erfunden, sondern vom britischen Recht &uuml;bernommen. Die Polizei und auch Frau Lam haben erkl&auml;rt, dass die Bezeichnung nicht auf friedliche Demonstranten angewandt wird, sondern nur auf Personen, die bei den Demonstrationen Straftaten begehen. Diese Erkl&auml;rung ist aus rechtlicher Sicht eindeutig richtig. Und, mal Hand aufs Herz: Wer, der die Bilder der Unruhen in Hongkong besonders seit dem 1. Oktober gesehen hat, wer w&uuml;rde das nicht als Aufstand bezeichnen wollen?<br>\nDie <strong>vierte Forderung<\/strong> verlangt eine <strong>unabh&auml;ngige Untersuchung &uuml;ber die Vorgehensweise der Polizei<\/strong>, der die Protestbewegung unangemessene Gewaltanwendung vorwirft. Die Abteilung f&uuml;r Beschwerden bei der Polizei hat angek&uuml;ndigt, eine solche Untersuchung auch vornehmen zu wollen, allerdings ist es nat&uuml;rlich nicht das, was die Protestler wollen. Die Meinungen &uuml;ber das Vorgehen der Polizei gehen meilenweit auseinander, je nachdem, ob man die Regierungsseite oder die Protestler befragt. Je nachdem, wie der geforderte Untersuchungsrat zusammengesetzt sein wird, wird auch der Ausgang der Untersuchung ausfallen. Hier w&auml;re ein Dialog &uuml;ber die Zusammensetzung der Untersuchungskommission dringend notwendig, nur: Es gibt alleine die Forderung, aber keine Ansprechpartner, mit denen man dar&uuml;ber reden k&ouml;nnte.<\/p><p>Anstatt zu verlangen, dass die Regierung eine unabh&auml;ngige Kommission einberuft, k&ouml;nnten die Hongkonger aber auch eine unabh&auml;ngige Kommission ganz allein einrichten &ndash; ohne die lokale Regierung. Eine Gruppe von Juristen k&ouml;nnte die Untersuchung f&uuml;hren, eventuell sogar ausl&auml;ndische Experten hinzuziehen. Finanzieren k&ouml;nnte man die Untersuchung &uuml;ber Crowdfunding. <\/p><p>Die <strong>f&uuml;nfte Forderung<\/strong> ist die nach <strong>sofortiger Freilassung aller Verhafteten<\/strong> im Zuge der Proteste. Nun mal ganz ehrlich, das geht nicht. Die meisten der Betroffenen wurden wegen Straftaten wie Brandstiftung, Sachbesch&auml;digung, K&ouml;rperverletzung usw. verhaftet. Sie einfach so ohne Bestrafung wieder auf freien Fu&szlig; zu setzen, verst&ouml;&szlig;t zudem gegen die Verfassung. Alle Menschen sind nach der Verfassung gleich vor dem Gesetz und die Strafverfolgung muss frei von jeglicher Beeinflussung der Beh&ouml;rden von au&szlig;en sein. <\/p><p>Es sieht danach aus, als ob die Forderungen bewusst so gew&auml;hlt worden sind, dass sie nicht umgesetzt werden k&ouml;nnen. Und die Anf&uuml;hrer der Bewegung treten nicht hervor, sie verk&uuml;nden blo&szlig;, sie w&uuml;rden so lange weiter protestieren, bis die Forderungen erf&uuml;llt sind: Schaut, wie ihr damit klarkommt.  <\/p><p>L&auml;ngst hat sich die Protestbewegung aber auch zum Teil verselbstst&auml;ndigt. Die Randalierer haben Spa&szlig; an den t&auml;glichen Randalen, an den Schl&auml;gereien. Sie f&uuml;hlen sich unangreifbar, als die Herren der Stadt. Die Polizei erwischt nur wenige von ihnen. Die Masse der Bev&ouml;lkerung, das muss hier auch einmal gesagt werden, steht ihnen eher wohlwollend gegen&uuml;ber und wird sie im Zweifelsfall vor jedem Zugriff sch&uuml;tzen. Wer kann sie jetzt wieder stoppen? &bdquo;Befreit Hongkong&ldquo; und &bdquo;Hongkong leistet Widerstand&ldquo; h&ouml;rt sich gut an, aber es hei&szlig;t nichts Konkretes. <\/p><p>Auch wenn die Bewegung keine Anf&uuml;hrer hat, die offen in Erscheinung treten, so gibt es doch gen&uuml;gend Anzeichen daf&uuml;r, dass sie gesteuert wird. Sie soll, so hei&szlig;t es, basisdemokratisch sein und sich &uuml;ber Internet-Apps wie Telegram abstimmen. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Es gibt auch Netzwerker im Netzwerk und die stimmen sich schon untereinander ab. Nach offizieller Lesart entstand die Bewegung aus dem Nichts. Die Situation aber eskalierte schnell und war gut organisiert. Das deutet darauf hin, dass es Vordenker gab, die das minuti&ouml;s geplant und organisiert hatten. Von einem Tag auf den anderen waren pl&ouml;tzlich hunderttausende Menschen auf der Stra&szlig;e, um gegen ein Gesetz zu protestieren, von dem die allermeisten kaum selber jemals betroffen sein w&uuml;rden. Schlie&szlig;lich muss nur eine kleine Minderheit von Menschen in Hongkong ihre Verhaftung und Auslieferung nach China bef&uuml;rchten, zumal wenn daf&uuml;r auf die zur Last gelegten Straftaten mehr als 7 Jahre Gef&auml;ngnis stehen m&uuml;ssen. <\/p><p><strong>Zeitliche Verbindung zum Handelskonflikt mit den USA<\/strong><\/p><p>Am 9. Juni 2019 begannen die Proteste gegen das Auslieferungsgesetz, das am 12. Juni verabschiedet werden sollte. Am 10. Mai 2019 setzten die USA die Erh&ouml;hung der Z&ouml;lle auf chinesische G&uuml;ter im Wert von 200 Milliarden Dollar von 10 auf 25 Prozent in Kraft. China k&uuml;ndigte wiederum &bdquo;notwendige Gegenma&szlig;nahmen&ldquo; an. Als Gegenreaktion erh&ouml;ht die Volksrepublik China zum 1. Juni 2019 die Z&ouml;lle auf US-amerikanische G&uuml;ter im Wert von 60 Milliarden Dollar. Je nach Produkt gelten dann Z&ouml;lle von 10, 20 oder 25 Prozent. <\/p><p>Sollte es purer Zufall sein, dass beide Ereignisse sich praktisch &uuml;berschnitten haben? Kaum. Ein gr&ouml;&szlig;erer Teil des chinesischen Imports und Exports l&auml;uft &uuml;ber Hongkong, seinen Hafen und sein Finanzzentrum, Chinas Tor zur &bdquo;kapitalistischen Welt&ldquo;. Da trifft es sich doch wunderbar, wenn diese Kreise ein wenig gest&ouml;rt werden. <\/p><p>Titelbild: Jimmy Siu\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um die Antwort gleich vorwegzunehmen: Ich wei&szlig; es nicht, aber, noch schlimmer: die Protestler, die t&auml;glich auf die Stra&szlig;e gehen, wissen es selber nicht. 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