{"id":55558,"date":"2019-10-12T11:45:20","date_gmt":"2019-10-12T09:45:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55558"},"modified":"2019-10-12T12:20:14","modified_gmt":"2019-10-12T10:20:14","slug":"kirchliche-offensive-gegen-atomwaffen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55558","title":{"rendered":"Kirchliche Offensive gegen Atomwaffen"},"content":{"rendered":"<p>Papst Franziskus besucht im Rahmen seiner Japanreise im November Hiroshima und Nagasaki. Symboltr&auml;chtig will er von den 1945 mit Atombomben zerst&ouml;rten St&auml;dten aus auf die weltweite Vernichtung von Nuklearwaffen dr&auml;ngen. Gerade erst hat Kardinal Pietro Parolin vor der UN-Generalversammlung zum Stopp von Kernwaffentests aufgerufen. Die katholische Friedenskommission Justitia et Pax fordert eine &bdquo;vorbehaltlose und umfassende &Auml;chtung von Atomwaffen&ldquo; als Einstieg in die nukleare Abr&uuml;stung. Den ersten Schritt soll der Westen gehen. Die deutschen Medien verschweigen diese wichtigen Friedensinitiativen. Von <strong>R&uuml;diger G&ouml;bel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nMit deutlichen Worten ruft der Vatikan alle Staaten der Welt auf, den Atomwaffenteststoppvertrag (Comprehensive Nuclear-Test-Ban Treaty &ndash; CTBT) aus dem Jahr 1996 endlich umzusetzen. &bdquo;Mehr als zwei Jahrzehnte sind eine zu lange Wartezeit&ldquo;, sagte Kardinalstaatssekret&auml;r Pietro Parolin w&auml;hrend der UN-Vollversammlung in New York anl&auml;sslich des Internationalen Tages zur Beseitigung von Atomwaffen. Wie das Onlineportal <a href=\"https:\/\/www.vaticannews.va\/it\/vaticano\/news\/2019-09\/paroli-troppi-ritardi-su-disarmo-nucleare-minaccia-intollerabile.html\">&bdquo;Vatican News&ldquo; berichtet<\/a>, machte der zweite Mann des Vatikans deutlich, dass es um weit mehr geht als den Teststopp. &bdquo;Das Verbot von Atomversuchen, nukleare Nichtverbreitung und nukleare Abr&uuml;stung sind eng miteinander verbunden und m&uuml;ssen unter wirksamer internationaler Kontrolle so schnell wie m&ouml;glich erreicht werden&ldquo;, so Kardinal Parolin.<\/p><p>Angesichts der derzeitigen Bedrohungen des Friedens, die sich aus der &bdquo;nuklearen Proliferation&ldquo; und der &bdquo;gro&szlig;en Modernisierung der Arsenale von Atomwaffen&ldquo; einiger Staaten ergeben, die &bdquo;im Widerspruch zu den Grundprinzipien des CTBT&ldquo; stehen und die internationale Sicherheit untergraben&rdquo;, sei ein Inkrafttreten des Vertrages umso dringender. Die diplomatisch formulierte Note darf als direkte Adresse an die USA zu verstehen sein, die f&uuml;r die Aufstockung und Modernisierung ihres Atomwaffenarsenals bis zum Jahr 2040 insgesamt eine Billion US-Dollar einplanen.<\/p><p><strong>Gegen ein neues Wettr&uuml;sten<\/strong><\/p><p>Der von der UN-Abr&uuml;stungskonferenz ausgearbeitete und von der Vollversammlung der Vereinten Nationen vor 23 Jahren angenommene CTBT-Vertrag verbietet jede Art von Atomtests, ob f&uuml;r zivile oder milit&auml;rische Zwecke. Damit das Abkommen in Kraft treten kann, muss es noch von &Auml;gypten, China, Indien, Iran, Israel, Nordkorea, Pakistan und den USA ratifiziert werden. Kardinal Parolin forderte die L&auml;nder, die das Inkrafttreten des Vertrages blockieren, direkt auf, &bdquo;die Gelegenheit zu nutzen, Weisheit, mutige F&uuml;hrung und Engagement f&uuml;r den Frieden und das Gemeinwohl aller zu zeigen&ldquo;.<\/p><p>Ein neues Wettr&uuml;sten, nicht nur ein nukleares, bedeute erhebliche Kosten f&uuml;r die V&ouml;lker der Welt, so dass die &bdquo;wahren Priorit&auml;ten&ldquo; wie etwa der Kampf gegen die Armut oder die Durchf&uuml;hrung von Bildungs- und Umweltprojekten in den Hintergrund treten, gab der vatikanische Staatssekret&auml;r zu bedenken. Noch dazu sei die nukleare Abschreckung illusorisch. Atomwaffen b&ouml;ten ein &bdquo;falsches Sicherheitsgef&uuml;hl&ldquo; und k&ouml;nnten keine stabile und sichere Welt schaffen. &bdquo;Dauerhafter Frieden und internationale Sicherheit k&ouml;nnen nicht auf einer gegenseitig gesicherten Zerst&ouml;rung oder auf der Gefahr der Vernichtung beruhen&rdquo;, so Kardinal Parolin.<\/p><p>Die weitere nukleare Eskalation sei &bdquo;moralisch inakzeptabel&ldquo; und m&uuml;sse durch eine &bdquo;Ethik der Verantwortung&rdquo; ersetzt werden, die &bdquo;ein Klima des Vertrauens schafft, das den multilateralen Dialog durch konsequente Zusammenarbeit zwischen allen Mitgliedern der internationalen Gemeinschaft st&auml;rkt&ldquo;. In einer Zeit zunehmender Spannungen w&uuml;rde das Inkrafttreten des CTBT eine &bdquo;wesentliche Ma&szlig;nahme zur Vertrauensbildung&ldquo; darstellen.<\/p><p><strong>Die Medien Schweigen zum Vatikan-Vorsto&szlig;<\/strong><\/p><p>Eingang in die Berichterstattung deutscher Medien hat die Generalkritik an Atomwaffen bisher nicht gefunden. Dabei hat sich auch die katholische Kirche in Deutschland zu Wort gemeldet. So fordert der Trierer Bischof Stephan Ackermann eine &bdquo;vorbehaltlose und umfassende &Auml;chtung&ldquo; von Atomwaffen. Er steht der Friedenskommission Justitia et Pax vor, einer Einrichtung der Deutschen Bischofskonferenz, die den UN-Atomwaffenverbotsantrag unterst&uuml;tzt, den die Bundesregierung partout nicht unterzeichnen will.<\/p><p>In einem Gastbeitrag f&uuml;r die in W&uuml;rzburg erscheinende Wochenzeitung &bdquo;Die Tagespost&ldquo; schrieb nun Bischof Ackermann, die sogenannte nukleare Abschreckungstheorie sei nicht aufgegangen. Sie habe sich durch die Erfahrung der vergangenen Jahrzehnte als T&auml;uschung entpuppt. Zwar sei die Welt bisher von einem Atomkrieg verschont geblieben, doch zu einer umfassenden Abr&uuml;stung sei es nicht gekommen. Konventionelle Kriege oder andere bewaffnete Konflikte h&auml;tten zudem nicht wirksam verhindert werden k&ouml;nnen. Sie b&auml;rgen vielmehr die Gefahr, nuklear zu eskalieren. Es gebe deshalb keine guten Gr&uuml;nde, die den Besitz oder gar den Einsatz von Atomwaffen rechtfertigten.<\/p><p>Mit Sorge sehe er die &bdquo;Krise der internationalen Diplomatie&ldquo;, so Bischof Ackermann, die einen vorl&auml;ufigen H&ouml;hepunkt in der Aufk&uuml;ndigung des INF-Abr&uuml;stungsvertrags durch US-Pr&auml;sident Donald Trump und des russischen Staatschefs Wladimir Putin gefunden habe. Man m&uuml;sse bef&uuml;rchten, dass die Zahl der Atomwaffen weiter zunehmen werde und das Risiko f&uuml;r deren Einsatz steige. Die R&uuml;stungsindustrie arbeite an einer Miniaturisierung von Atomwaffen und wolle deren Zielgenauigkeit erh&ouml;hen und ihre Wirkkraft begrenzen, doch dies sei &bdquo;reine Augenwischerei&ldquo;, so Bischof Ackermann. Tats&auml;chlich sei die Sprengkraft solcher Atomwaffen nur wenig geringer als die der Atombomben von Hiroshima und Nagasaki.<\/p><p><strong>Atomwaffen: Weder Besitz noch Einsatz ist zu rechtfertigen<\/strong><\/p><p>Die katholische deutsche Friedenskommission Justitia et Pax hatte im Juni das Grundlagenpapier <a href=\"http:\/\/www.justitia-et-pax.de\/jp\/publikationen\/pdf\/guf_137.pdf\">&bdquo;Die &Auml;chtung von Atomwaffen als Beginn nuklearer Abr&uuml;stung&ldquo;<\/a> vorgelegt. Vor dem Hintergrund der katholischen Friedenslehre und der Haltung der katholischen Kirche zu Atomwaffen sei weder deren Besitz noch ihr Einsatz ethisch oder politisch zu rechtfertigen, hei&szlig;t es darin. Mit der Erkl&auml;rung schlie&szlig;t sie sich der Meinung von Papst Franziskus an, wonach das Konzept atomarer Abschreckung zur Friedenssicherung nicht l&auml;nger verantwortet werden k&ouml;nne. Dieses sei nach der kirchlichen Lehre nur insoweit moralisch vertretbar, als es strikt der Kriegsverh&uuml;tung diene und wenn Regierungen &bdquo;erkennbar darauf hinarbeiten, es zu &uuml;berwinden&ldquo;, hei&szlig;t es darin. Die m&auml;chtigsten Atomwaffenstaaten USA und Russland lie&szlig;en jedoch derzeit keinen ernsthaften Willen erkennen, von der Abschreckungsstrategie abzur&uuml;cken. Sie setzten vielmehr darauf, einen Atomkrieg f&uuml;hren, begrenzen und gewinnen zu k&ouml;nnen.<\/p><p>Angesichts der &bdquo;Krise der internationalen Politik&ldquo; seien anstelle von weiterer Aufr&uuml;stung intensive Anstrengungen notwendig, um das herrschende Misstrauen durch Dialog und Zusammenarbeit abzubauen. &bdquo;Vertrauen ist die Grundlage von Friedenspolitik und der Schl&uuml;ssel zur nuklearen Abr&uuml;stung und R&uuml;stungskontrolle&ldquo;, so Justitia et Pax. &bdquo;Das erste, grundlegende und dringendste Erfordernis der internationalen Politik besteht gegenw&auml;rtig darin, alles zu unternehmen, um Klima und Atmosph&auml;re in den internationalen Beziehungen zu verbessern.&ldquo; Das Ziel einer atomwaffenfreien Welt sei nur mit den Atomwaffenstaaten erreichbar, nicht gegen sie. Ein umfassendes Verbot der Atomwaffen, das von den Atomm&auml;chten akzeptiert werde, sei nur erreichbar auf einer Vertrauensbasis zwischen ihnen, &bdquo;die schrittweise durch regelm&auml;&szlig;ige Kontakte und Gespr&auml;che hergestellt werden muss&ldquo;.<\/p><p><strong>Der Westen soll den ersten Schritt machen<\/strong><\/p><p>Zun&auml;chst m&uuml;sse es darum gehen, allgemein die Atomwaffen zu &auml;chten, um dann &uuml;ber R&uuml;stungskontrolle und Abr&uuml;stung zu verhandeln. Justitia et Pax erkl&auml;rt auch ausdr&uuml;cklich, wer den Anfang machen soll: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Der erste Schritt auf diesem Weg sollte von der westlichen Seite ausgehen und mit einer vorbehaltlosen Einladung an Russland und China verbunden sein, sich an einer Wiederbelebung entspannungsorientierter Diplomatie zu beteiligen. Dabei sollten die westlichen Staaten und besonders die USA erkl&auml;rterma&szlig;en auf ihre milit&auml;rische &Uuml;berlegenheit verzichten, um so die in den letzten Jahren erneut sich versch&auml;rfende globale R&uuml;stungsdynamik zu d&auml;mpfen und um bessere Rahmenbedingungen f&uuml;r die Vertrauensbildung sowie multilaterale R&uuml;stungskontroll- und Abr&uuml;stungsgespr&auml;che zu schaffen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Papst Franziskus hatte bereits im November 2017 in einer <a href=\"https:\/\/www.vaticannews.va\/de\/papst\/news\/2017-11\/papst-fordert-voellige-vernichtung-von-atomwaffen.html\">Rede<\/a> auf einer vom Vatikan organisierten Konferenz die Vernichtung der Atomwaffen gefordert und dies in Verbindung gesetzt mit den Fragen von Entwicklung und sozialer Gerechtigkeit. Aufr&uuml;stung gehe auf Kosten der &Auml;rmsten und Benachteiligten in der Welt und setze im Blick auf den Menschen einen v&ouml;llig falschen Fokus, so das Oberhaupt der katholischen Kirche damals.<\/p><p><strong>Friedensaktivisten verurteilt<\/strong><\/p><p>Wie weit der Weg f&uuml;r die Kirche und die Bewegung f&uuml;r die Abschaffung von Atomwaffen noch ist, geht aus einer aktuellen Meldung des evangelischen Pressedienstes epd hervor: Das Landgericht Koblenz hat in einem Berufungsverfahren die Urteile gegen vier Friedensaktivisten best&auml;tigt, die im Jahr 2016 an einer Protestaktion auf dem Luftwaffenst&uuml;tzpunkt B&uuml;chel teilgenommen hatten. Ihnen war es damals gelungen, auf das streng bewachte Milit&auml;rgel&auml;nde zu kommen und die Start- und Landebahn zu blockieren. In B&uuml;chel lagern 20 Atomwaffen der USA, die im Kriegsfall von deutschen Kampfpiloten zu ihren Zielen geflogen werden sollen. Wegen Hausfriedensbruchs sollen die zwei M&auml;nner und zwei Frauen jeweils 30 Tagess&auml;tze zahlen (AZ: 13 Ns 2010 Js 15824\/17). Das Urteil ist noch nicht rechtskr&auml;ftig, angestrebt wird ein Revisionsverfahren und gegebenenfalls eine Verfassungsbeschwerde.<\/p><p>Wie epd berichtet, hatten die Friedensaktivisten vor Gericht Freispr&uuml;che gefordert und sich auf das Recht zum Widerstand berufen, da Deutschland gegen den Atomwaffensperrvertrag versto&szlig;e und die Bundesregierung nichts f&uuml;r den Abzug der Nuklearwaffen unternehme.<\/p><p>Titelbild: vladm \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Papst Franziskus besucht im Rahmen seiner Japanreise im November Hiroshima und Nagasaki. Symboltr&auml;chtig will er von den 1945 mit Atombomben zerst&ouml;rten St&auml;dten aus auf die weltweite Vernichtung von Nuklearwaffen dr&auml;ngen. Gerade erst hat Kardinal Pietro Parolin vor der UN-Generalversammlung zum Stopp von Kernwaffentests aufgerufen. Die katholische Friedenskommission Justitia et Pax fordert eine &bdquo;vorbehaltlose und umfassende<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55558\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":55559,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[170,199],"tags":[1572,2035,1519,2013,2502,1919,525,259,639,1556,2738,2181],"class_list":["post-55558","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-friedenspolitik","category-kirchen-religionen","tag-abruestung","tag-abschreckungsstrategie","tag-atomwaffen","tag-entspannungspolitik","tag-inf-vertrag","tag-lueckenpresse","tag-papst","tag-russland","tag-uno","tag-usa","tag-vatikan","tag-wettruesten"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/shutterstock_760973614.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/55558","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=55558"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/55558\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":55572,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/55558\/revisions\/55572"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/55559"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=55558"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=55558"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=55558"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}