{"id":55583,"date":"2019-10-14T09:59:09","date_gmt":"2019-10-14T07:59:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55583"},"modified":"2019-10-25T11:16:06","modified_gmt":"2019-10-25T09:16:06","slug":"der-terroranschlag-in-halle-wenn-die-demokratie-ab-lebt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55583","title":{"rendered":"Der Terroranschlag in Halle: Wenn die Demokratie (ab-)lebt"},"content":{"rendered":"<p>In der Debatte nach den Anschl&auml;gen von Halle dominieren zwei Elemente: zum einen eine &bdquo;Einzelt&auml;ter-Theorie&ldquo;, die sich jedem Wirklichkeitsbezug verweigert. Zum anderen eine Bereitschaft, die Systematik rechtsextremer Strategien und Ideologen zu verleugnen, f&uuml;r die mit der Stille der Aufkl&auml;rung im L&uuml;bcke-Fall ein t&ouml;dlicher  Beweis geliefert wurde. Von <strong>Wolf Wetzel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAm 9. Oktober 2019 wurde ein Mann, der sich &ndash; mit Kampfanzug, Helm und integrierter Kamera ausger&uuml;stet &ndash; &bdquo;im Krieg befindet&ldquo;, daran gehindert, in einer Synagoge in Halle ein Massaker anzurichten. Dort hielten sich zu dem Zeitpunkt mehr als 50 Menschen auf und feierten das wichtigste j&uuml;dische Fest, Jom Kippur.<\/p><p>Es war die Sicherheitsmechanik der T&uuml;r, die ihm den Zugang verwehrte. Geistig stand diese T&uuml;r schon lange offen &ndash; nicht nur dem Attent&auml;ter.<\/p><p>Nachdem er sein erstes Ziel verfehlte, ermordete er laut Polizeiangaben vor der Synagoge und in einem nahen D&ouml;ner-Imbiss zwei Menschen und verletzte mindestens weitere zwei Personen.<\/p><p>Bundesjustizministerin Christine Lambrecht geht von einem rechtsextremen, antisemitischen <em>Einzelt&auml;ter<\/em> in Halle aus. Bundeskanzlerin Angela Merkel &auml;u&szlig;erte sich beim Gewerkschaftstag der IG Metall in N&uuml;rnberg zu dem Anschlag: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ich bin wie Millionen Menschen in Deutschland schockiert und bedr&uuml;ckt von dem Verbrechen, das gestern in Halle ver&uuml;bt worden ist.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>&bdquo;Bundespr&auml;sident Frank-Walter Steinmeier besucht die Synagoge in Halle und legt vor der Au&szlig;enmauer ein Blumenbukett ab. Mit dabei: seine Frau und Sachsen-Anhalts Ministerpr&auml;sident Reiner Haseloff. &bdquo;<em>Einen solchen feigen Anschlag zu verurteilen, das reicht nicht<\/em>&ldquo;, sagt Steinmeier. Es m&uuml;sse klar sein, dass der Staat Verantwortung f&uuml;r j&uuml;disches Leben in Deutschland &uuml;bernehme. &bdquo;<em>Die Geschichte mahnt uns, die Gegenwart fordert uns<\/em>&ldquo;.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ich bin es leid, immer wieder entsetzt und ersch&uuml;ttert sein zu m&uuml;ssen. Wann h&ouml;rt das auf?&ldquo; (Bundesau&szlig;enminister Heiko Maas\/SPD, per twitter)\n<\/p><\/blockquote><p>Fast k&ouml;nnte man mit Heiko Maas g&auml;hnen. Wie oft waren Regierungsmitglieder &bdquo;entsetzt&ldquo;, &bdquo;ersch&uuml;ttert&ldquo; und sonst was und wollten Anschlag um Anschlag Zeichen gegen Neonazismus und Rassismus setzen.<\/p><p>Es kommt nicht oft vor, dass ein Kommentar aus den &bdquo;Leitmedien&ldquo; die sich unheimlich ersch&uuml;ttert und entsetzt zeigenden Politiker nicht eskortiert, sondern in ihrer Trauer entlarvt, wie dies nun ein Beitrag aus der &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.fr.de\/meinung\/rechter-terror-halle-deutsche-blindheit-13101424.html\">Frankfurter Rundschau<\/a>&ldquo; tut. In diesem Kommentar werden zwei zentrale Bausteine des Diskurses der Mitte auf- und angegriffen. Genau jene Bausteine, &uuml;ber die postfaschistische Parteien nur noch ein Brett legen m&uuml;ssen, um an die Macht zu gelangen.<\/p><p>Zum einen geh&ouml;rt dazu die geradezu selbstm&ouml;rderische Bereitschaft, die Systematik neofaschistischer Strategien und Ideologen zu verleugnen, die mit der Stille der Aufkl&auml;rung im L&uuml;bcke-Fall einen t&ouml;dlichen Beweis liefert. Verschwei&szlig;t ist diese Verleugnung und Verharmlosung mit der &bdquo;Einzelt&auml;ter-Theorie&ldquo;, die sich jedem Wirklichkeitsbezug verweigert.<\/p><p><strong>Die deutsche Blindheit<\/strong><\/p><p>Ausz&uuml;ge aus diesem <a href=\"https:\/\/www.fr.de\/meinung\/rechter-terror-halle-deutsche-blindheit-13101424.html\">Kommentar<\/a> lauten: &bdquo;Man kann die Unf&auml;higkeit (oder gar den Unwillen?), sich der m&ouml;rderischen Gegenwart von militantem Antisemitismus und Naziterror zu stellen, an zwei Zitaten ablesen. Bundespr&auml;sident Steinmeier sagte in Leipzig, ein Angriff auf eine vollbesetzte Synagoge in Deutschland sei f&uuml;r ihn &bdquo;<em>unvorstellbar<\/em>&ldquo; gewesen. Man m&ouml;chte das Staatsoberhaupt bei allem Respekt fragen, ob es die letzten Jahre hinter dem Mond gelebt hat. <\/p><p>Hat Steinmeier die Aufm&auml;rsche vom Sommer 2014 vergessen, auf denen &bdquo;<em>Jude, Jude, feiges Schwein<\/em>&ldquo; skandiert wurde? Wei&szlig; er nichts vom Anschlag auf das j&uuml;dische Altenheim in M&uuml;nchen 1970, von den Terrorattacken auf die Synagogen von Pittsburgh und Poway? Liest er die Berichte &uuml;ber Waffenfunde in der rechten Szene nicht, kennt er nicht einmal die basalen Fakten zum NSU? (&hellip;) <\/p><p>Und noch ein Wort, das am Tag des Anschlags leider wieder sehr beliebt war, beweist, dass Medien, Sicherheitsorgane und Gesellschaft weit davon entfernt sind, die aktuelle Bedrohung &uuml;berhaupt nur zu begreifen. Es lautet: Einzelt&auml;ter.<\/p><p>Einzelt&auml;ter, das klingt aus zwei Gr&uuml;nden beruhigend: Erstens hat einer, der vereinzelt mordet, keine Organisation im R&uuml;cken, zweitens k&ouml;nnen Polizei und Geheimdienste nun einmal nicht jeden Vereinzelten auf dem Schirm haben.&ldquo; Der Artikel stellt au&szlig;erdem fest:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Dabei war der M&ouml;rder von Halle ebenso wenig ein Einzelt&auml;ter wie der hessische Neonazi, der mutma&szlig;lich den Regierungspr&auml;sidenten Walter L&uuml;bcke erschossen hat. Selbst wenn der Mann sich seine Waffen allein besorgt hat: Er ist offensichtlich Teil des v&ouml;lkischen Diskurses von &bdquo;Gro&szlig;em Austausch&ldquo;, &bdquo;&Uuml;berfremdung&ldquo;, &bdquo;Volkstod&ldquo; und &bdquo;Soros-Verschw&ouml;rung&ldquo;, der in Zeiten des gesellschaftlichen Rechtsrucks nicht mehr nur in der klassischen Neonazi-Szene gepflegt wird, sondern auch von manchem AfD-Politiker in die Talkshows getragen wird und sich &uuml;ber Webforen und Imageboards l&auml;ngst transnational organisiert. (&hellip;) Es gibt noch so eine Floskel, die man nach rechten Anschl&auml;gen oft lesen muss. Sie lautet &bdquo;Wehret den Anf&auml;ngen&ldquo;. Solange Deutschland sich 2019 der Illusion hingibt, es gelte nur, irgendwelchen Anf&auml;ngen zu wehren, hat dieser wichtige Kampf noch nicht einmal begonnen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>&bdquo;Wer warnen will, den straft man mit Verachtung. Die Dummheit wurde zur Epidemie.&ldquo; (Erich K&auml;stner, 1930)<\/strong><\/p><p>Wir leben nicht in den 30er Jahren, in der Weimarer Republik, in einer Zeit, in der der Faschismus in aller Ruhe und mit viel Unterst&uuml;tzung gro&szlig; werden konnte, bis jene, die die (b&uuml;rgerliche) Demokratie zur Farce verkommen lie&szlig;en, diejenigen an die Macht brachten, die die Demokratie von Anfang an f&uuml;r einen Bus hielten, aus dem man aussteigt, wenn man am Ziel angekommen ist.<\/p><p>So wenig die politischen, kapitalistischen und imperialen Konstellationen in der Weimarer Republik mit denen der Gegenwart zu vergleichen sind, so be&auml;ngstigend nahe kommen sich jene, die das &bdquo;System&ldquo; &uuml;berwinden wollen und jene, die es mit Regierungsmacht von innen her preisgeben. <\/p><p>In der Tat werden Neonazismus und Antisemitismus verharmlost. Aber nicht minder schwer wiegt der Umstand, dass jene, die sich unter dem &bdquo;Konsens der Demokraten&ldquo; versammeln, ihr eigenes Tun bzw. Nicht-Tun verharmlosen.<\/p><p>Dazu geh&ouml;rt der geradezu automatisierte Ruf nach mehr Polizei, nach mehr Geheimdienst, nach noch mehr Befugnissen f&uuml;r beide. Dieser Ruf ist nicht nur besinnungslos, er t&auml;uscht mutwillig vor, dass mit diesem Mehr an Verfolgungsorganen der Kampf gegen Neonazismus und Antisemitismus gewonnen werden k&ouml;nnte. Ich will das Gegenteil zur Diskussion stellen: <em>Mit mehr Polizei und Geheimdienst (samt weiterer Machtbefugnissen) wird der Kampf gegen Neonazismus und Antisemitismus nicht leichter, sondern deutlich erschwert<\/em>.<\/p><p>Provokativ und informativ sollte man die Frage stellen: Will man mit diesen Forderungen mehr &bdquo;NSU 2.0&ldquo;, mehr &bdquo;Andreas Temme&ldquo;, mehr &bdquo;Pannen&ldquo;, mehr &bdquo;falsche F&auml;hrten&ldquo;, mehr &bdquo;Beh&ouml;rdenversagen&ldquo;, mehr &bdquo;Sabotage der Aufkl&auml;rung&ldquo;, einen h&ouml;heren Staatsanteil am neonazistischen Untergrund?<\/p><p><strong>Muss ein Kampf gegen Neonazismus zuerst <em>in<\/em> den staatlichen Institutionen beginnen?<\/strong><\/p><p>Warum kommt von keiner Seite die Forderung, dass ein Kampf gegen Neonazismus und Antisemitismus zuerst <em>in<\/em> den staatlichen Institutionen beginnen m&uuml;sste?<\/p><p>Um diese Position zu begr&uuml;nden, muss man nicht weit ausholen, sondern der Frage nachgehen: Blieb der neonazistische Untergrund zehn Jahre unentdeckt, die Mordserie des NSU unaufhaltsam, weil es zu wenig Polizei und Geheimdienst, zu wenige Befugnisse dieser Verfolgungsbeh&ouml;rden gab?<\/p><p>Greifen wir einige Stationen im NSU-Komplex heraus, die hoffentlich die hier formulierte Gegenposition belegen.<\/p><p>1998 untersuchte die Polizei in Jena Garagen, die von jenen angemietet wurden, die u.a. dem sp&auml;teren NSU angeh&ouml;rt haben. Dort wurden Sprengstoff, Rohrbomben und neonazistisches Propagandamaterial gefunden. Alles zusammen h&auml;tte nach bestehender Rechtslage ausgereicht, einen vorl&auml;ufigen Haftbefehl zu erlassen und die anwesenden Neonazis festzunehmen. Man kann f&uuml;r dieses polizeiliche Vorgehen (also Gehenlassen) viele Gr&uuml;nde finden &ndash; auf jeden Fall fehlte es weder an Polizei noch an Befugnissen.<\/p><p>2002 hatte der Geheimdienst eine hei&szlig;e Spur zu den drei untergetauchten NSU-Mitgliedern. Die Eltern von Uwe B&ouml;hnhardt wollten sie unbedingt sehen. Der &bdquo;Verfassungsschutz&ldquo; &uuml;berwachte jeden Schritt und wusste selbst um ein Handy, das den Eltern in den Briefkasten gelegt wurde, um es f&uuml;r dieses Treffen in Chemnitz zu nutzen. Die untergetauchten Neonazis machten das Familientreffen und der Geheimdienst l&ouml;ste sich in Luft auf. Es kam zu insgesamt drei Treffen. Mehr Geheimdienst hie&szlig;e in diesem Fall, dass noch mehr Geld daf&uuml;r ausgegeben wird, &bdquo;hei&szlig;en Spuren&ldquo; nicht nachzugehen bzw. diese zu verwischen.<\/p><p>In K&ouml;ln wurde 2004 ein Bombenanschlag auf ein t&uuml;rkisches Gesch&auml;ft ver&uuml;bt. Die Polizei stufte zuerst und zurecht diesen Anschlag als terroristisches Verbrechen ein. Doch nur einen Tag sp&auml;ter intervenierte der damalige Bundesinnenminister Otto Schily mit dem Erfolg, dass diese Einstufung zur&uuml;ckgenommen wurde. Fortan wurden die Familienangeh&ouml;rigen zu den Hauptverd&auml;chtigen.<\/p><p>Mehr Polizei, noch mehr Befugnisse h&auml;tten nicht verhindern k&ouml;nnen, dass Staatsinteressen ins Spiel gebracht werden, die mit dem Polizeigrundsatz &bdquo;Ermittlungen in alle Richtungen&ldquo; nicht das Geringste zu tun haben.<\/p><p>Im Jahr 2006 ver&uuml;bte laut Gericht der NSU einen Mordanschlag in Kassel. Um die Mittagszeit wurde in einem gut besuchten Internetcaf&eacute; der Besitzer Halit Yozgat mit zwei Sch&uuml;ssen hingerichtet. In besagtem Internetcaf&eacute; befand sich auch der Verfassungsschutzmitarbeiter Andreas Temme. Dieser &bdquo;f&uuml;hrte&ldquo; u.a. den Neonazi Benjamin G&auml;rtner als V-Mann, der zum NSU-Netzwerk geh&ouml;rte.<\/p><p>Die Polizei bekam trotz Verschleierungen heraus, dass Andreas Temme zur Tatzeit anwesend war und wollte u.a. die von ihm gef&uuml;hrten Neonazis vernehmen. Dieser Ermittlungsschritt wurde schlie&szlig;lich von h&ouml;chster Stelle unterbunden, indem der damalige hessische Innenminister Volker Bouffier eine Vernehmung aus Gr&uuml;nden des &bdquo;Staatswohles&ldquo; untersagte.<\/p><p>Mehr Geheimdienst, mehr &bdquo;Verfassungsschutz&ldquo; w&uuml;rde also bedeuten, dass eine Aufkl&auml;rung noch weniger m&ouml;glich ist, dass die ermittelnde Polizei vor einer noch h&ouml;heren Mauer des Schweigens st&uuml;nde.<\/p><p>Dass die Anwesenheit\/Verwicklung eines Geheimdienstmitarbeiters dazu f&uuml;hrt, dass selbst ein Mord nicht aufgekl&auml;rt werden kann, hat der SOKO-Chef Gerhard Hoffman im NSU-Bundestagsuntersuchungsausschuss in Berlin im Juni 2012 unmissverst&auml;ndlich zur Sprache gebracht. Aus dem Ged&auml;chtnis gibt Mely Kiyak folgenden Dialog zwischen Mitgliedern des Untersuchungsausschusses (UA) und dem SOKO-Chef Gerhard Hoffmann (GH) wieder:<\/p><blockquote><p>\n&raquo;GH: Innenminister Bouffier hat damals entschieden: Die Quellen von Herrn T. k&ouml;nnen nicht vernommen werden. Als Minister war er f&uuml;r den Verfassungsschutz verantwortlich.<\/p>\n<p>UA: Er war doch auch Ihr Minister! Ist Ihnen das nicht komisch vorgekommen? Jedes Mal, wenn gegen V-M&auml;nner ermittelt wurde, kam einer vom Landesamt f&uuml;r Verfassungsschutz vorbei, stoppt die Ermittlung mit der Begr&uuml;ndung, der Schutz des Landes Hessen ist in Gefahr. Aus den Akten geht eine Bemerkung hervor, die meint, dass man erst eine Leiche neben einem Verfassungssch&uuml;tzer finden m&uuml;sse, damit man Auskunft bekommt. Richtig?<\/p>\n<p>GH: Selbst dann nicht &hellip;<\/p>\n<p>UA: Bitte?<\/p>\n<p>GH: Es hei&szlig;t, selbst wenn man eine Leiche neben einem Verfassungssch&uuml;tzer findet, bekommt man keine Auskunft.&ldquo; (FR vom 30.6.2012)\n<\/p><\/blockquote><p>In Heilbronn wurde 2007 ein Mordanschlag auf Polizisten ver&uuml;bt, bei dem Mich&egrave;le Kiesewetter get&ouml;tet wurde, ihr Kollege schwer verletzt &uuml;berlebte. Dem Gerichtsurteil zufolge haben die beiden m&auml;nnlichen Mitglieder des NSU diese Tat &ndash; alleine &ndash; ausgef&uuml;hrt. Im Gegensatz zu allen anderen NSU-Tatorten gab es zahlreiche Zeugenaussagen, die unter anderem zu insgesamt vierzehn Phantombildern von m&ouml;glichen Attent&auml;tern f&uuml;hrten. Der Traum eines jeden ermittelnden Polizisten. Dass damit nicht gefahndet wurde, lag nicht an den Polizisten, sondern an der zust&auml;ndigen Staatsanwaltschaft, die dies untersagte.<\/p><p>Dass auch und gerade hier weder mehr Polizisten noch mehr Befugnisse geholfen h&auml;tten, ist offensichtlich. Zum einen geht es um politische Einflussnahmen, die das Justizministerium &uuml;ber die ihm unterstellte Staatsanwaltschaft aus&uuml;ben, wodurch gegebenenfalls eine Aufkl&auml;rung gesteuert werden kann. Zum anderen zeigt der Fall Heilbronn, dass es am allerwenigsten um mehr Polizei gehen kann, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass sich im Umfeld der ermordeten Mich&egrave;le Kiesewetter mehrere Polizeikollegen bewegten, die Mitglieder im Ku-Klux-Klan (KKK) waren.<\/p><p><strong>Noch mehr Polizei, noch mehr Korpsgeist<\/strong><\/p><p>Ganz ohne Frage setzt polizeiliches Vorgehen im NSU-Komplex oftmals eine mutma&szlig;lich rassistische Bereitschaft voraus, etwas zu &bdquo;<em>D&ouml;ner-Morden<\/em>&ldquo; zu machen, was erkennbar einen mutma&szlig;lich rassistischen und neonazistischen Hintergrund hat. Genauso ma&szlig;gebend waren (und sind) aber auch Weisungen und Vorgaben von oben (von der Staatsanwaltschaft, vonseiten der Polizeif&uuml;hrung, vom jeweiligen Innenministerium als oberste Dienstbeh&ouml;rde von Polizei und Geheimdienst), denen man blind folgt\/e. <\/p><p>Wie massiv diese politischen Einstellungen das erm&ouml;glicht haben, was den zehnj&auml;hrigen neonazistischen Untergrund (NSU) miterm&ouml;glichte, die Aufkl&auml;rung bis heute verunm&ouml;glicht, kann man an Zahlen festmachen. Von den hunderten Polizisten, die am NSU-Fall mitgewirkt haben, gibt es genau einen Polizisten, der das Vorgehen nicht mit seinen Berufserfahrungen und seinem &bdquo;Eid&ldquo; vereinbaren konnte und dies &ouml;ffentlich machte.<\/p><p>Mario Melzer war &uuml;ber 20 Jahre beim LKA und als Zielfahnder in der SOKO Rechtsextremismus in Th&uuml;ringen t&auml;tig, also mit den polizeilichen Ermittlungs- und Fahndungsm&ouml;glichkeiten bestens vertraut. Dieses fachliche und praktische Wissen f&uuml;hrte ihn mit Blick auf das polizeiliche Ermittlungsergebnis, das die t&ouml;dlichen Ereignisse in Eisenach 2011 f&uuml;r &bdquo;einvernehmlichen Selbstmord&ldquo; h&auml;lt, zu folgender Bewertung:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wer an die offizielle Version glaubt, glaubt auch an die Zahnfee.&ldquo; (Man kann fast alles aufkl&auml;ren &ndash; man muss nur d&uuml;rfen, Stern Nr. 14\/2016)\n<\/p><\/blockquote><p>Es gibt ganz wenige polizeiliche Ermittler, die ihr Wissen, ihre Erfahrungen und ihre Ermittlungsergebnisse gegen alle &bdquo;&auml;u&szlig;eren Einfl&uuml;sse&ldquo; verteidigen. Denn sie spielen allesamt dann keine Rolle, wenn man Sanktionen entgehen will. Es gibt also weitaus mehr Ermittler, die es besser gewusst haben &hellip; und nun der &ldquo;offiziellen&rdquo; Version ihren Segen geben, indem sie schweigen bzw. gar nicht erst geh&ouml;rt werden.<\/p><p>Was man braucht, um Sanktionsdrohungen und Belohnungen zu widerstehen, sagte Mario Melzer ziemlich klar: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Anders als andere habe ich nichts zu verlieren. Keine Familie, keine Schulden und sp&auml;testens seit meinen ersten Aussagen auch keine Karriere mehr.&rdquo; (Stern Nr. 14\/2016)\n<\/p><\/blockquote><p>Diese Beispiele lie&szlig;en sich alleine im NSU-Kontext um zahlreiche weitere erg&auml;nzen. Sie machen einen Satz von Theodor W. Adorno wieder und wieder aktuell, den er bereits vor 60 Jahren formuliert hat:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ich betrachte das Nachleben des Nationalsozialismus <strong>in<\/strong> der Demokratie als potentiell bedrohlicher denn das Nachleben faschistischer Tendenzen <strong>gegen<\/strong> die Demokratie.&ldquo; (Theodor W. Adorno, Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit, 1959)\n<\/p><\/blockquote><p>Soviel zum &bdquo;Unvorstellbaren&ldquo; und einem Bundespr&auml;sidenten, der mit dieser Haltung nun wirklich nicht alleine ist.<\/p><p><strong>Demokratie (ab-)leben &ndash; bl&auml;ssliche Zeichen gegen rechts<\/strong><\/p><p>Nach einem Anschlag wie in Halle wird nat&uuml;rlich nicht nur das gefordert, was man immer und zu jeder Gelegenheit fordert: Mehr Polizei, mehr Geheimdienst, mehr Befugnisse. Man rundet gew&ouml;hnlich dieses Repressionsangebot mit dem Hinweis ab, dass man selbstverst&auml;ndlich auch <em>politisch<\/em> gegen Neonazismus und Antisemitismus vorgehen werde. Dabei wird gerne und lobend auf das &bdquo;zivilgesellschaftliche Engagement&ldquo; verwiesen, das sich in Initiativen diesen neofaschistischen Entwicklungen entgegenstellt.<\/p><p>Dumm und verr&auml;terisch nur, dass der Anschlag in Halle nach einer Entscheidung der Gro&szlig;en Koalition ver&uuml;bt wurde, in der die Mittel f&uuml;r genau dieses &bdquo;zivilgesellschaftliche Engagement&ldquo; gek&uuml;rzt werden sollen. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) &bdquo;k&uuml;ndigte bereits im Juli an, die F&ouml;rderung von zivilgesellschaftlichen Programmen gegen Rechts bis 2020 umzustellen. Nun wird deutlich, was diese Umstellung bedeuten wird: Das Programm &bdquo;<em>Demokratie leben!<\/em>&ldquo;, ein bundesweiter F&ouml;rdertopf f&uuml;r zahlreiche zivilgesellschaftliche Projekte, wird laut Informationen des Deutschlandfunkes im n&auml;chsten Jahr <em>voraussichtlich mit acht Millionen Euro weniger<\/em> auskommen m&uuml;ssen.&ldquo; (Weniger Geld gegen Rechts. Demokratie leben! Der Bund k&uuml;rzt zivilgesellschaftlichen Projekten die Mittel. Ausgerechnet jetzt, freitag.de vom 8.10.2019)<\/p><p>Es geht um l&auml;cherliche acht Millionen Euro, die damit &bdquo;eingespart&ldquo; werden sollen. Zahlreiche Initiativen haben dagegen protestiert. Und wer wei&szlig;, wie solche Proteste auf Regierungsebene behandelt werden, der darf davon ausgehen, dass sich an der Entscheidung nichts ge&auml;ndert h&auml;tte.<\/p><p>Doch nun fuhr der Anschlag in Halle in diese stille Abwicklung dieser mehr als bescheidenen finanziellen Unterst&uuml;tzung. Mit einem Mal ist nun doch genug politischer Wille und Geld da:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Nach Anschlag in Halle: Mehr Geld f&uuml;r Programme gegen Rechtsextremismus&ldquo; (ARD-Nachrichten vom 11.10.2019)\n<\/p><\/blockquote><p>Es muss wohl den &bdquo;besonderen Umst&auml;nden&ldquo; zu verdanken sein, dass der Bundesfinanzminister Olaf Scholz doch noch Geld gefunden hat, das &bdquo;er&ldquo; bis dahin partout nicht hatte. Damit soll an dem &bdquo;Demokratieprogramm&ldquo; der Bundesregierung im kommenden Jahr doch nicht weiter gespart werden. <\/p><p>Wer auf diese Weise unter Beweis stellt, was es mit Kampf gegen Neonazismus und Antisemitismus auf sich hat, der ist so glaubw&uuml;rdig wie der von der Gro&szlig;en Koalition ausgerufene Kampf gegen den &bdquo;Rechtspopulismus&ldquo;.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Hinweise:<\/strong><\/p><ul>\n<li>Weniger Geld gegen Rechts. Demokratie leben! Der Bund k&uuml;rzt zivilgesellschaftlichen Projekten die Mittel. Ausgerechnet jetzt, freitag.de vom 8.10.2019<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52437\">Gro&szlig;e Koalition in AfD-Fashion<\/a>, NachDenkSeiten vom 11. Juni 2019<\/li>\n<li>Die Beitragsserie zum NSU-VS-Komplex auf den NachDenkSeiten <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45074\">findet sich hier<\/a>.<\/li>\n<\/ul><p>Titelbild: Mario Hoesel \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Debatte nach den Anschl&auml;gen von Halle dominieren zwei Elemente: zum einen eine &bdquo;Einzelt&auml;ter-Theorie&ldquo;, die sich jedem Wirklichkeitsbezug verweigert. Zum anderen eine Bereitschaft, die Systematik rechtsextremer Strategien und Ideologen zu verleugnen, f&uuml;r die mit der Stille der Aufkl&auml;rung im L&uuml;bcke-Fall ein t&ouml;dlicher Beweis geliefert wurde. 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