{"id":55633,"date":"2019-10-16T10:48:22","date_gmt":"2019-10-16T08:48:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55633"},"modified":"2022-03-06T10:43:21","modified_gmt":"2022-03-06T09:43:21","slug":"stifter-und-schenker-wie-der-kommerz-das-klassenzimmer-kapert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55633","title":{"rendered":"Stifter und Schenker. Wie der Kommerz das Klassenzimmer kapert."},"content":{"rendered":"<p>Von wegen Dichter und Denker. Was Kinder in Deutschlands Schulen zu lernen haben, wird immer st&auml;rker von den Marketingabteilungen der Industrie bestimmt. Daimler, Allianz und VW sind in Deutschlands Lehranstalten l&auml;ngst mehr als nur ein gern gesehener Gast. Sie richten Feste und  Wettbewerbe aus, finanzieren Labore, offerieren Lehrerfortbildungen, machen Klassenfahrten m&ouml;glich &ndash; und helfen so, die Schandflecke eines kaputtgesparten Bildungssystems zu kaschieren. Obendrein sorgen sie mit massenhaft Unterrichtsmaterial zum Nulltarif daf&uuml;r, dass der Nachwuchs seine Rolle als braver Staatsb&uuml;rger und willf&auml;hriger Konsument ein&uuml;bt. <strong>Tim Engartner<\/strong>, Didaktikprofessor  an der Frankfurter Goethe-Universit&auml;t, hat die Angebote auf ihre inhaltliche und p&auml;dagogische Qualit&auml;t gepr&uuml;ft. Sein Urteil: Nicht das Kindes- und Gemeinwohl z&auml;hlen, sondern der Eigennutz der Unternehmen. Mit ihm sprach <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<br>\n<!--more--><\/p><div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/Engartner3.jpg\" alt=\"Tim Engartner\" title=\"Tim Engartner\"><small style=\"display: block;text-align:center\">Quelle: Privat<\/small><\/div><p>Tim Engartner, Jahrgang 1976, ist Professor f&uuml;r Didaktik der Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt politische Bildung an der Goethe-Universit&auml;t Frankfurt (Main). Er forscht unter anderem zur &Ouml;konomisierung von Bildung. Gemeinsam mit sieben weiteren Autoren hat er im Juni 2019 das Buch &bdquo;Was ist gute &ouml;konomische Bildung? Leitfaden f&uuml;r den sozio&ouml;konomischen Unterricht&ldquo; im Wochenschau Verlag ver&ouml;ffentlicht. 2016 erschien seine Monographie &bdquo;Staat im Ausverkauf. Privatisierung in Deutschland&ldquo; im Campus Verlag.   <\/p><p><strong>Herr Engartner, Sie haben in <a href=\"https:\/\/www.otto-brenner-stiftung.de\/wissenschaftsportal\/informationsseiten-zu-studien\/wie-dax-unternehmen-schule-machen\/\">einer Studie f&uuml;r die Otto Brenner Stiftung<\/a> den Einfluss der 30 im Deutschen Aktienindex DAX gelisteten Konzerne auf die Unterrichtsinhalte an allgemeinbildenden Schulen untersucht. Der Titel Ihres Arbeitsheftes lautet &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.otto-brenner-stiftung.de\/fileadmin\/user_data\/stiftung\/02_Wissenschaftsportal\/03_Publikationen\/AH100_Lobbyismus_Schule.pdf\">Wie DAX-Unternehmen Schule machen.<\/a>&ldquo; Zun&auml;chst einmal die Frage: Was haben Daimler, RWE, Bayer und Co. &uuml;berhaupt an deutschen Lehranstalten zu suchen?<\/strong><\/p><p>Viele Unternehmen bedienen das unstillbare Verlangen bei Eltern-, Lehrer- und Sch&uuml;lerschaft nach Praxisbezug des in der Schule vermittelten Wissens. Sie nutzen dieses Verlangen, indem sie sich allein 8,4 Millionen Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;lern an allgemeinbildenden Schulen pr&auml;sentieren. Dabei setzen die Unternehmen nahezu ausschlie&szlig;lich auf branchenaffine Inhalte &ndash; und nicht notwendigerweise auf curricular verankerte Methoden, Themen und Kompetenzen. Warum aber sollen sich Kinder mit dem Design, der Aerodynamik und der Produktionstechnik von Automobilen auseinandersetzen? Wieso sollten die verschiedenen M&ouml;glichkeiten der privaten Altersvorsorge f&uuml;r Jugendliche interessant oder relevant sein? Welcher Bildungsanspruch wird verfolgt, wenn &bdquo;Unternehmergeist&ldquo; in die Schulen getragen wird, um mehr junge Menschen in die berufliche Selbst&auml;ndigkeit zu f&uuml;hren? <\/p><p><strong>Warum stellen sich gro&szlig;e Teile der Politik diese Fragen nicht?<\/strong><\/p><p>Offenbar verkennen viele Politikerinnen und Politiker, dass es sich bei der Schule um einen Erfahrungs-, Schutz- und Sozialisationsraum handelt. Dieser sollte in besonderer Weise gegen externe Einfl&uuml;sse gesch&uuml;tzt werden. Die hierzulande herrschende Schulpflicht ist meines Erachtens eine doppelte. Sie verpflichtet nicht nur Kinder, die Schule zu besuchen, sondern auch den Staat, darauf zu achten, wer, was, wie im Unterricht lehrt. Dies ist in der Bildungspolitik in Vergessenheit geraten. Stattdessen teilt man offenkundig die von Unternehmen, Verb&auml;nden, Banken, Industrie- und Handelskammern propagierte Einsch&auml;tzung, wonach Lehrkr&auml;fte zu selten den Blick &uuml;ber die Schultore hinweg und hinter die Werkstore richten w&uuml;rden. <\/p><p><strong>Also sind die Vorg&auml;nge nichts, was die Politik nur so hinnimmt, etwa in der Hoffnung, mit dem Engagement der Wirtschaft k&ouml;nnte die allgemeine Mangelausstattung der Schulen kaschiert oder irgendwie kompensiert werden? Sie meinen, dahinter steht ein ausdr&uuml;ckliches politisches Einverst&auml;ndnis?<\/strong><\/p><p>Wir erleben hier zumindest eine str&auml;fliche Unterlassung der Sorgfaltspflicht von &bdquo;Vater Staat&ldquo; gegen&uuml;ber privatwirtschaftlichen Initiativen, die in den &bdquo;Schonraum Schule&ldquo; vordringen. Aber es geht noch weiter. Mitunter w&uuml;rdigen Schulministerinnen und -minister derartige Kooperationen mit offiziellen Gru&szlig;worten oder versehen betreffende Unterrichtsmaterialien mit einem Geleitwort. Das hei&szlig;t: Man l&auml;sst die Externen nicht nur machen, was sie wollen, sondern verleiht ihnen auch noch bildungspolitische Kredibilit&auml;t.<\/p><p><strong>Auf welcher rechtlichen Grundlage k&ouml;nnen und d&uuml;rfen Unternehmen eigentlich in Schulen ein- und ausgehen?<\/strong><\/p><p>Zwar ist Werbung an Schulen in den meisten Bundesl&auml;ndern verboten. Die entsprechenden Gesetze lassen aber zu viele Interpretationsspielr&auml;ume. So etwa d&uuml;rfen Schulen in Nordrhein-Westfalen zur Erf&uuml;llung ihrer Aufgaben f&uuml;r den Schultr&auml;ger Zuwendungen von Dritten entgegennehmen und auf deren Leistungen in geeigneter Weise hinweisen, sofern diese Hinweise mit dem Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule vereinbar sind und die Werbewirkung hinter den schulischen Nutzen zur&uuml;cktritt. Die Entscheidung trifft die Schulleiterin oder der Schulleiter mit Zustimmung der Schulkonferenz und des Schultr&auml;gers. Wenn aber nicht profilierte Konsumforscher oder Medienpsychologen dar&uuml;ber befinden, ob Werbung mit dem Erziehungs- und Bildungsauftrag der Schule vereinbar ist, stehen die Einfallstore f&uuml;r Werbung weit offen &ndash; insbesondere aufgrund der chronischen Unterfinanzierung hiesiger Bildungseinrichtungen. <\/p><p><strong>Kommen wir zu den Befunden Ihrer Studie. Wie genau machen die DAX-Konzerne Schule?<\/strong><\/p><p>Sie operieren dabei auf einem weiten Feld. Das reicht vom Sponsoring des Sportfests &uuml;ber die Finanzierung von Computerr&auml;umen, die Auslobung von Sch&uuml;lerwettbewerben und die Bezuschussung von Klassenfahrten bis hin zur Unterbreitung von Lehrerfort- und -weiterbildungen. Eigentlich gibt es nichts, was es nicht gibt. Das allein ist schon ziemlich bedenklich. <\/p><p><strong>Sie haben sich im Speziellen mit den Schulmaterialien befasst, die Lehrern im Internet als Handhabe f&uuml;r ihren Unterricht offeriert werden. Warum?<\/strong><\/p><p>Weil diese Angebote unter den vielf&auml;ltigen Aktivit&auml;ten der Wirtschaftsakteure die pr&auml;gendste Beeinflussung der Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler darstellen, das hei&szlig;t letztlich der wohl wirksamste T&uuml;r&ouml;ffner f&uuml;r Lobbyismus an Schulen sind. Wobei man sagen muss, dass diese Materialien h&auml;ufig mit den anderen genannten Aktivit&auml;ten gepaart werden. Dabei zeigt sich, dass die Akteure nicht einmal vor den Grundschulen Halt machen. Von 30 DAX-Unternehmen adressieren 17 mit speziellen Angeboten explizit auch Grundschulkinder. Einige wenige wenden sich sogar an Kinderg&auml;rten, also werden sogar schon die Kleinsten der Kleinen teilweise mit Werbebotschaften behelligt. <\/p><p><strong>Dahinter steckt gewiss Kalk&uuml;l &hellip;<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich. Eine auf Schulmarketing spezialisierte Agentur bewirbt die Initiativen ganz ungeschminkt damit, dass sich die &bdquo;Produkt- und Geschmacksvorlieben&ldquo; der Kinder &bdquo;h&auml;ufig &uuml;ber Jahrzehnte halten&ldquo;. Der Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer der Otto Brenner Stiftung, Jupp Legrand, hat das Vorgehen im Vorwort zu meiner Studie sehr treffend eingeordnet: Der &bdquo;Schonraum Schule&ldquo; werde zum Marktplatz und die Lerninhalte verl&ouml;ren ihre demokratische Legitimation, schreibt er. Vielfach st&uuml;nde nicht die W&uuml;rde des Menschen im Mittelpunkt, sondern die Freiheit des Marktes und der Eigennutz der Unternehmen. <\/p><p><strong>Nun sind ja sicherlich nicht alle der dargebotenen Inhalte ein plumper Aufruf dazu, S&uuml;&szlig;igkeiten oder Klamotten zu kaufen. Von welcher p&auml;dagogisch-didaktischen Qualit&auml;t sind die Materialien, die zumindest seri&ouml;s anmuten?<\/strong><\/p><p>Es gibt durchaus &uuml;berzeugende Bildungsangebote von Unternehmen. Zum Beispiel f&auml;hrt der Volkswagen-Konzern ein sehr lobenswertes Programm zur Integration Gefl&uuml;chteter. Insgesamt bleibt aber der weit &uuml;berwiegende Teil didaktisch, p&auml;dagogisch und inhaltlich hinter den Anspr&uuml;chen zur&uuml;ck, die sich mit dem Allgemeinbildungsauftrag von Schule in Verbindung bringen lassen. So gibt es beispielsweise ein &Uuml;berangebot an Materialien zur Energiewirtschaft. Das erscheint zun&auml;chst einmal erfreulich angesichts der Klimadebatte und der Bewegung Fridays For Future. Aber es darf auch nicht sein, dass das Thema im Unterricht andere Inhalte immer mehr verdr&auml;ngt. Wenn daf&uuml;r Gedichtsinterpretationen im Deutsch-, die Gau&szlig;sche Summenformel im Mathematik- oder die Photosynthese im Biologieunterricht nicht mehr behandelt werden, dann erw&auml;chst dem Land der Dichter und Denker ein Problem. Denn dann &uuml;bernehmen die Stifter und Schenker die Deutungshoheit dar&uuml;ber, was wir heute wissen m&uuml;ssen &ndash; und was nicht mehr. <\/p><p><strong>Schwer vorstellbar ist zudem, dass etwa der Energieriese RWE im Klassenzimmer mit gr&ouml;&szlig;ter Leidenschaft f&uuml;rs Energiesparen eintritt.<\/strong><\/p><p>Umgekehrt sagt RWE aber auch nicht, verpulvert Strom bis zum Abwinken. Oft geht es bei diesen Initiativen darum, das Image aufzupolieren, sprich: sich im Wege des Branding in den Kinderk&ouml;pfen als Marke festzusetzen. Wenn dann eines Tages die Entscheidung ansteht, f&uuml;r welchen Energieversorger man sich entscheidet, dann ist RWE vielleicht deshalb die erste Wahl, weil man die Marke aus Schulzeiten kennt. Aber es stimmt auch, dass die Rolle der Braunkohle in den RWE-Materialien unterbelichtet bleibt und den regenerativen Energietr&auml;gern nicht die ihnen geb&uuml;hrende Bedeutung beigemessen wird. <\/p><p><strong>Immerhin wissen Lehrkraft und Sch&uuml;ler in diesem Fall, mit wem sie es zu tun haben. Liegen die Dinge immer so klar auf der Hand?<\/strong><\/p><p>Es geht auch subtiler. Ein wesentlicher Trend ist darin zu sehen, dass sich immer mehr Unternehmen in Initiativen wie der &bdquo;Wissensfabrik&ldquo;, &bdquo;Unternehmergeist in die Schulen&ldquo; oder &bdquo;Schule Wirtschaft&ldquo; zusammentun. Damit wird dann schnell &bdquo;unsichtbar&ldquo;, wer sich mit welchen Interessen hinter welchen Fassaden sammelt. Schon jetzt hat die Offenheit der Schulen gegen&uuml;ber unternehmerischen Einfl&uuml;ssen zu einer als tektonisch zu bezeichnenden Verschiebung der Akteurskonstellationen im &ouml;ffentlichen Bildungssektor gef&uuml;hrt. Das Verst&auml;ndnis von Schule als neutraler und &uuml;ber einen Zeitraum von wenigstens zehn Jahren obligatorischer Bildungsinstanz hat sich gravierend ver&auml;ndert: Immer h&auml;ufiger prallen Gewinn- und Gemeinwohlorientierung aufeinander. <\/p><p><strong>Gibt es niemanden, der &uuml;ber die G&uuml;te dieser Unterrichtsmaterialien wacht?<\/strong><\/p><p>Leider nicht systematisch, obwohl es bei aller Sinnhaftigkeit au&szlig;erschulischer Kooperationen vor dem Hintergrund der damit erm&ouml;glichten inhaltlichen Einflussnahme einer systematischen Pr&uuml;fung dieser Aktivit&auml;ten bed&uuml;rfte. &Auml;hnlich wie es bei Schulb&uuml;chern in nahezu allen Bundesl&auml;ndern der Fall ist, sollten auch Angebote privater Initiativen schul-, kultus- oder bildungsministerielle Pr&uuml;fungen durchlaufen m&uuml;ssen &ndash; und zwar bestenfalls nicht auf Landes-, sondern auf Bundesebene. <\/p><p><strong>Werbung und Marketing sind das eine. Welche anderen Motive verbinden die Akteure mit ihrer &bdquo;Bildungsoffensive&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Es geht im Wesentlichen um vier Motive: die positive Wahrnehmung des Unternehmens, die Pr&auml;gung von Vor- und Einstellungen bei Kindern und Jugendlichen, die Rekrutierung von Mitarbeitern in der Zukunft und schlie&szlig;lich die klassische Werbung f&uuml;r Produkte und Dienstleistungen. <\/p><p><strong>Welche Rolle spielt die &uuml;bergreifende ideologische Indoktrination, also die Erziehung zum Konformismus, dazu, ein angepasster, unkritischer Konsument zu werden, der dem Kapitalismus uneingeschr&auml;nkt die Stange h&auml;lt?<\/strong><\/p><p>Das schlie&szlig;t an den zweiten der vier genannten Punkte an. Der zentrale Orientierungspunkt der Materialien, die auf &ouml;konomische Bildung zielen, ist selbstredend die kapitalistische Wirtschaftsordnung. Die Unternehmen und arbeitgebernahen Initiativen sind sehr darauf bedacht, ein positives Bild der Sozialen Marktwirtschaft zu kreieren, wissen die Verantwortlichen doch, dass nahezu drei Viertel der Bundesb&uuml;rger die wirtschaftlichen Verh&auml;ltnisse im Land als ungerecht wahrnehmen. So wird immer wieder das Aufstiegsversprechen und das Leistungsprinzip hochgehalten, w&auml;hrend umgekehrt Aspekte wie Mitbestimmung, Arbeitsk&auml;mpfe, Arbeitnehmerrechte oder die Ungleichverteilung von L&ouml;hnen, Einkommen und Verm&ouml;gen ausgeblendet werden. Agenda-Setting geschieht hier gezielt mittels der Auslassung von Inhalten. <\/p><p><strong>Wie stehen Sie in diesem Zusammenhang zu den Bestrebungen, fl&auml;chendeckend ein Schulfach Wirtschaft zu etablieren? In Nordrhein-Westfalen und Baden-W&uuml;rttemberg gibt es das bereits, in Hessen laufen dazu Planungen.<\/strong><\/p><p>Ich bin ein entschiedener Gegner dieses Vorhabens. Die Separierung &ouml;konomischer Inhalte von politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklungen f&uuml;hrt zu einer &Ouml;konomisierung der &ouml;konomischen Bildung. Dahinter steht das Bestreben, Kinder und Jugendliche mit einem miniaturisierten BWL-Wissen zu Kapitalanlegern reifen zu lassen, statt sie daf&uuml;r zu sensibilisieren, dass sich &ouml;konomische Prozesse historisch begr&uuml;nden, politisch gestalten und kulturell pr&auml;gen lassen. Dazu kommt, dass mit der Ausweitung der Stundentafeln f&uuml;r das Unterrichtsfach &bdquo;Wirtschaft&ldquo; andere F&auml;cher zur&uuml;ckgedr&auml;ngt werden. Erfahrungsgem&auml;&szlig; trifft es dabei insbesondere die politische und soziologische Bildung. Aber k&ouml;nnen wir uns in Zeiten wie diesen wirklich weniger politische Bildung leisten? <\/p><p><strong>Wo bleibt bei all dem das, was man unter klassischer Bildung versteht? Auf der Strecke?<\/strong><\/p><p>Vielfach ja. Die Vorg&auml;nge markieren eine radikale Abkehr vom humboldtschen Bildungsideal, das auf Aufkl&auml;rung mittels kritisch-reflektorischen Denkens setzt. Dieses affirmative &ndash; es lie&szlig;e sich auch sagen: arbeitgeberkompatible &ndash; Bildungsverst&auml;ndnis will dahin, dass die Menschen die Gesellschaft so hinnehmen, wie sie vorgefunden wird. Das aber bedeutet die Totalabsage an jede gesellschaftliche Entwicklung, die den Feind des Guten im Besseren erkennt.<\/p><p><strong>Welche Ausma&szlig;e hat inzwischen das schulische Engagement von Wirtschaft und Industrie angenommen?<\/strong><\/p><p>L&auml;ngst ist das einstige Nischen- zu einem Massenph&auml;nomen geworden. 20 der 30 DAX-Unternehmen bieten Unterrichtsmaterialien an, rund 800.000 kostenfreie Lehr- und Lernmaterialien sind online verf&uuml;gbar. Die Zahl der Initiativen, Interessenvereinigungen und Ideengeber im Feld des schulischen Lobbyismus w&auml;chst stetig. Soll die &bdquo;Bildungsrepublik&ldquo; Deutschland nicht weiter Schaden nehmen, braucht es ein konzertiertes &ndash; will hei&szlig;en, bundesweites &ndash; Zusammenwirken der Schul-, Kultus- und Bildungsministerien, um dem Lobbyismus an Schulen mittels Unterrichtsmaterialien entgegenzuwirken. Wenigstens in Gestalt einer f&uuml;r Schulb&uuml;cher &uuml;blichen Pr&uuml;fstelle. Andernfalls laufen wir insbesondere im Zeitalter der Digitalisierung Gefahr, dass die Institution Schule sich endg&uuml;ltig vom p&auml;dagogischen &bdquo;Schonraum&ldquo; zum unternehmerischen Lobbyparkett wandelt.<\/p><p><strong>Sie sprachen von einem Massenph&auml;nomen: Durchschauen Schulen und Lehrer die Methoden sowie die dahinter lauernden Gefahren nicht?<\/strong><\/p><p>Erstens erliegen viele Lehrkr&auml;fte dem Irrglauben, sie k&ouml;nnten auf dem Wege des Unterrichtsgespr&auml;chs die tendenzi&ouml;sen Inhalte dieser Angebote quasi reparieren. Das ist str&auml;flich naiv, weil das geschriebene Wort das gesprochene Wort vielfach &uuml;berlagert und die Materialien f&uuml;r die Hausaufgaben oder bei der Vorbereitung auf eine Klassenarbeit verst&auml;rkt verinnerlicht werden. Zweitens wurden viele Lehrkr&auml;fte gar nicht dazu ausgebildet, zu erkennen, was die Qualit&auml;tskriterien von Lernmaterial sind. Und drittens geht der Trend dahin, dass sich Schulleitungen im Wettstreit um Profilbildungen sogar damit schm&uuml;cken, &uuml;ber Praxiskontakte in die Wirtschaft zu verf&uuml;gen. <\/p><p><strong>Welche Rolle spielt die chronische Unterfinanzierung des Bildungs- und Schulsystems?<\/strong><\/p><p>Leider eine ganz entscheidende. Die Misere wird sichtbar an sanierungsbed&uuml;rftigen Geb&auml;uden, an sinkenden Schulbuchetats, an Beschr&auml;nkungen der Lern- und Lehrmittelfreiheit sowie an gedeckelten Kopierkontingenten. Unter diesen Bedingungen nehmen Schulen jede Hilfe von au&szlig;en dankbar an. Da kann man es keinem Schulleiter und keiner Schulleiterin ver&uuml;beln, wenn ein Energieunternehmen den Sportplatz der Schule sponsert. <\/p><p><strong>Bei dem, wie sie die Vorg&auml;nge sehen, ist anzunehmen, dass Sie der beschworenen Digitalisierung der Schulen, wie sie mit dem Digitalpakt Schule angestrebt wird, kaum mit Euphorie begegnen, oder?<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich muss die Digitalisierung der Lebenswelten sich in der Schule widerspiegeln. Die &uuml;berm&auml;&szlig;ige Akzentuierung des digitalen Wandels halte ich aber f&uuml;r eine Fehlentwicklung, denn es gibt zahlreiche weitere Baustellen: Der grassierende Lehrermangel muss behoben werden, um die Betreuungsrelationen zu verbessern. Wir brauchen mehr Schulsozialarbeiter und -psychologen, eine bessere Betreuung minderj&auml;hriger Gefl&uuml;chteter und auch die Inklusion von Kindern mit Behinderungen muss endlich vorangetrieben werden. Das alles ist nach meinem Verst&auml;ndnis priorit&auml;r zu der Frage, ob man mit digitalen oder analogen Medien arbeitet &ndash; zumal ich bef&uuml;rchte, dass sich hinter dem Digitalpakt nicht nur kommerzielle Interessen von Apple, Google und Microsoft verbergen, sondern perspektivisch neue technikbasierte Lernformate etabliert werden sollen, um Lehrpersonal einzusparen.  <\/p><p><strong>Haben Sie Hoffnung, dass sich der Vorsto&szlig; der Wirtschaft in die Schulen noch aufhalten l&auml;sst?<\/strong><\/p><p>Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt &ndash; und gelegentlich entdeckt man einen Silberstreif am Horizont. Wenn Initiativen wie &bdquo;My Finance Coach&ldquo; in Rheinland-Pfalz oder das &bdquo;Network for Teaching Entrepreneurship&ldquo; in Hessen von den dortigen Kultusministerien verboten wurden, stimmt das zuversichtlich. Aber es blieb in der Vergangenheit beim Verbot skandaltr&auml;chtiger Einzelf&auml;lle. Wenn aber Materialien den p&auml;dagogischen und didaktischen Anforderungen in einem bestimmten Bundesland nicht gen&uuml;gen, darf dies in den &uuml;brigen Bundesl&auml;ndern nicht anders gehandhabt werden. Und wenn schon keine bundesweit agierende Pr&uuml;fstelle f&uuml;r Unterrichtsmaterialien eingesetzt wird, braucht es zumindest einen l&auml;nder&uuml;bergreifenden Zusammenschluss der Schul-, Kultus- und Bildungsministerien, um Vereinbarungen bez&uuml;glich der Zul&auml;ssigkeit beziehungsweise Unzul&auml;ssigkeit von Lehr- und Lernmaterialien zu treffen. Dies gilt insbesondere auch mit Blick auf hiesige datenschutzrechtliche Bestimmungen, die US-amerikanische Digitalunternehmen immer wieder verletzen. Eine Vertiefung l&auml;nder&uuml;bergreifender Absprachen w&auml;re auch deshalb geboten, weil sich privatwirtschaftliche Interessenvereinigungen intensiver denn je darum bem&uuml;hen, ihre Positionen nicht nur in Lehr- und Lernmaterialien Eingang finden zu lassen, sondern diese auch in den Stundentafeln abzubilden. <\/p><p>Titelbild: Gerhard Mester<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/f64eb6327e054672a38c48aff63cc3c7\" alt=\"\" title=\"\" width=\"1\" height=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von wegen Dichter und Denker. Was Kinder in Deutschlands Schulen zu lernen haben, wird immer st&auml;rker von den Marketingabteilungen der Industrie bestimmt. Daimler, Allianz und VW sind in Deutschlands Lehranstalten l&auml;ngst mehr als nur ein gern gesehener Gast. 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