{"id":55661,"date":"2019-10-17T12:03:15","date_gmt":"2019-10-17T10:03:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55661"},"modified":"2019-10-17T14:13:10","modified_gmt":"2019-10-17T12:13:10","slug":"der-feuerfeste-praesident-evo-morales-und-die-bedeutung-seiner-wiederwahl-fuer-den-bestand-der-sozialen-rechte-in-lateinamerika","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55661","title":{"rendered":"Der \u201efeuerfeste Pr\u00e4sident\u201c Evo Morales und die Bedeutung seiner Wiederwahl f\u00fcr den Bestand der sozialen Rechte in Lateinamerika"},"content":{"rendered":"<p>Am kommenden 20. Oktober finden in Bolivien allgemeine Wahlen statt. Gew&auml;hlt werden f&uuml;r die Regierungsperiode 2020-2025 der Pr&auml;sident, der Vizepr&auml;sident sowie 130 Abgeordnete und 36 Senatoren. Ein Bericht von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAn der Pr&auml;sidentschaftskampagne beteiligen sich 9 Kandidaten, davon 3 Hauptakteure &ndash; der amtierende Pr&auml;sident Evo Morales, sein Vorg&auml;nger Carlos Mesa und Oscar Ortiz &ndash; und 6 aussichtslose Bewerber, darunter der aus Korea stammende, rechtsradikale Pastor und Gr&uuml;nder von 70 presbyterianischen Kirchen, <a href=\"https:\/\/www.infobae.com\/america\/america-latina\/2019\/08\/31\/chi-hyun-chung-el-coreano-fundador-de-70-iglesias-presbitereanas-que-quiere-ser-presidente-de-bolivia\/\">Chi Hyun Chung<\/a>.<\/p><p>Wegen seiner umstrittenen Rolle bei den j&uuml;ngsten Amazonas-Br&auml;nden hat der zur dritten Wiederwahl angetretene bolivianische Pr&auml;sident einiges von seiner Popularit&auml;t eingeb&uuml;&szlig;t. Mit 40 Prozent der W&auml;hlerintentionen gilt Morales dennoch als <a href=\"https:\/\/www.elpais.com.uy\/mundo\/evo-morales-favorito-dia-difusion-encuestas-bolivia.html\">klarer Favorit<\/a>, der die Wahl bereits in der ersten Runde entscheiden k&ouml;nnte und nach Sch&auml;tzungen selbst konservativer Meinungsforschungsinstitute seinen Herausforderer Carlos Mesa in einer eventuellen Stichwahl am 15. Dezember 2019 mit deutlichem Vorsprung besiegen w&uuml;rde.<\/p><p>Im neuen bolivianischen Wahlregister sind 7,3 Millionen Wahlberechtigte, 12,5 Prozent mehr als 2016, erfasst. Der Anteil der Unentschlossenen, beziehungsweise der W&auml;hler mit voraussichtlicher Abgabe von ung&uuml;ltigen Wahlzetteln, lag eine Woche vor der Wahl bei rund 20 Prozent, womit ihre Umstimmung eine Voraussetzung f&uuml;r Morales&lsquo; Wahlsieg w&auml;re.<\/p><p><strong>Referendum, Verleumdungen und Popularit&auml;tsverlust<\/strong><\/p><p>Evo Morales wurde am 22. Januar 2006 zum ersten Mal als Regierungschef vereidigt und verk&ouml;rpert seitdem die l&auml;ngste Pr&auml;sidentschaft in der politischen Geschichte Boliviens. Nach seinem ersten Mandat, das er mit 54 Prozent der Stimmen erk&auml;mpft hatte, siegte er 2009 mit 64 Prozent und zu seiner zweiten Wiederwahl, im Jahr 2014, mit 61 Prozent der Stimmen.<\/p><p>Morales strebte jedoch schon 2016 eine vierte Amtszeit bis 2025 an, wenn das Land seine 200-j&auml;hrige Unabh&auml;ngigkeitsfeier begehen wird. Zur Begr&uuml;ndung der Ambition des Pr&auml;sidenten erkl&auml;rte sein langj&auml;hriger Weggef&auml;hrte, Regierungs-Chefstratege und Vize, &Aacute;lvaro Garc&iacute;a Linera, damals mit zugleich <a href=\"https:\/\/www.infobae.com\/america\/america-latina\/2019\/08\/07\/evo-morales-prometio-dejar-el-poder-en-2025-pero-la-oposicion-no-le-cree-y-recuerda-sus-anteriores-promesas-incumplidas\/\">dramatischer und poetisch anmutender Warnung<\/a>, &bdquo;wenn er nicht unterst&uuml;tzt wird, kehren die Gringos, die Landesverr&auml;ter und M&ouml;rder zur&uuml;ck, und dann ist Schluss mit unserem Traum. Tr&auml;nen werden flie&szlig;en, die Sonne wird sich verstecken, der Mond wird sich verdunkeln und alles unter uns wird von Traurigkeit geschluckt werden&rdquo;.<\/p><p>Die Opposition hatte zun&auml;chst zum Wahlboykott mit massiver Stimmen-Annullierung aufgerufen, &auml;nderte jedoch ihre Taktik und klagte ein Referendum ein. Davor hatte Linera in einer l&auml;ndlichen Gemeinde gewarnt. Unter Berufung auf die Verfassung des Plurinationalen Staates Bolivien aus dem Jahr 2009 beantragte die konservative Opposition &ndash; aber auch namhafte, dezidiert linke, <a href=\"https:\/\/www.bbc.com\/mundo\/noticias\/2016\/02\/160214_mentores_vieja_guardia_evo_morales_referendo_opositores_bm\">ehemalige Verb&uuml;ndete von Morales<\/a> &ndash; die gerichtliche Verhinderung seines Anspruchs. Die Verfassung gab ihnen in formaler Hinsicht Recht. Sie schreibt w&ouml;rtlich vor, dass &bdquo;die Amtszeit der Pr&auml;sidentin bzw. des Pr&auml;sidenten und der Vizepr&auml;sidentin bzw. des Vizepr&auml;sidenten des Staates f&uuml;nf Jahre betr&auml;gt; eine Wiederwahl ist f&uuml;r eine einzige, fortlaufende Amtszeit erlaubt&rdquo;.<\/p><p>Mit 48,7 Prozent gegen 51,3 Prozent der Stimmen unterlagen Evo Morales und &Aacute;lvaro Linera im Referendum vom 21. Februar 2016. Mit Berufung auf Artikel 23 der Interamerikanischen Menschenrechtskonvention &ndash; die Grundrechte auf Wahl und darauf, gew&auml;hlt zu werden &ndash; ignorierte das Hohe Gericht jedoch das Plebiszit-Ergebnis und l&auml;utete eine unerwartete Wende mit der Erm&auml;chtigung vom 28. November 2017 ein, die Morales das Anrecht auf eine dritte Wiederwahl f&uuml;r 2019 einr&auml;umte. Damit setzte ein hohes nationales Gericht mit einer seltenen Entscheidung in Lateinamerika die internationale &uuml;ber die einheimische Rechtsprechung.<\/p><p>Der Rechtsstreit blieb jedoch nicht ohne Folgen. Der Opposition und den mit ihr verb&uuml;ndeten und auch in Bolivien hegemonialen konservativen Medien gelang es vor&uuml;bergehend, die hervorragenden, zudem weltweit gew&uuml;rdigten wirtschafts-, sozial- und au&szlig;enpolitischen <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40693\">Leistungen der Morales-Administration<\/a> mit w&uuml;tenden Attacken und Verleumdungen zu &uuml;berschatten, die Morales&lsquo; Popularit&auml;t Schaden zuf&uuml;gten.<\/p><p><strong>Carlos Mesa &ndash; wie Mauricio Macri &ldquo;ein Mann der USA&rdquo;?<\/strong><\/p><p>Der Historiker, Schriftsteller und einer der einflussreichsten Journalisten seiner Zeit, Carlos Mesa, wurde 2002 zum Vizepr&auml;sidenten in der vom Unternehmer Gonzalo S&aacute;nchez De Lozada gef&uuml;hrten Regierung gew&auml;hlt. Infolge massiver sozialer Proteste gegen den brutalen Einsatz von Milit&auml;rs, der mindestens 60 Menschen das Leben kostete, legte De Lozada am 17. Oktober 2003 sein Amt nieder. Sein Vize Mesa &uuml;bernahm noch am gleichen Tag die Pr&auml;sidentschaft und distanzierte sich von De Lozada. Doch Mesas Regierung &uuml;berlebte ebenfalls kaum eineinhalb Jahre. Nach neuen sozialen Protesten, zu denen der damalige Gewerkschaftsf&uuml;hrer der Coca-Bauern von Chapare, Evo Morales, aufgerufen hatte, trat Mesa am 9. Juni 2005 von seinem Amt zur&uuml;ck.<\/p><p>&Uuml;ber Jahre hinweg herrschte u.a. deshalb zwischen Mesa und Morales ein frostiges Verh&auml;ltnis, das der 2006 gew&auml;hlte, erste indianische Pr&auml;sident Boliviens jedoch mit konzilianter Geste aufl&ouml;ste und Mesa den Ehrenposten des offiziellen Regierungssprechers in der Auseinandersetzung mit Chile &uuml;ber Boliviens Anrecht auf einen Zugang zum Meer &uuml;bertrug. Der Internationale Haager Gerichtshof lehnte schlie&szlig;lich die bolivianische Forderung ab, doch das war nicht Mesas Schuld, sondern schlicht und ergreifend juristisches Pech.<\/p><p>Danach lie&szlig; sich der Historiker als Rivale Evo Morales&lsquo; f&uuml;r die Pr&auml;sidentschaftswahlen 2019 aufstellen und wirft dem amtierenden Staatschef seitdem &bdquo;Korruption, Ungerechtigkeit, Autoritarismus, zu viel Machtmissbrauch und Stagnation der Wirtschaft&ldquo; vor. Ja, laut Mesa pflastere Morales gar &bdquo;den Weg zu einer Diktatur&ldquo;; eine absurde und l&auml;cherliche Unterstellung.<\/p><p>Mesas Vorwurf der angeblich stagnierenden Wirtschaft wurde Mitte 2019 zugleich von drei internationalen Organisationen &ndash; darunter zwei machtvollen Pfeilern des skrupellosen Finanzkapitalismus &ndash; in aller Deutlichkeit revidiert: von der Wirtschaftskommission f&uuml;r Lateinamerika und der Karibik (CEPAL), der Weltbank und dem Internationalen W&auml;hrungsfonds (IWF). In ihrem Bericht &ldquo;Economic Survey of Latin America and the Caribbean 2019&rdquo; <a href=\"http:\/\/www.nu.org.bo\/noticias\/cepal-ratifica-bolivia-como-lider-en-crecimiento-economico-regional-en-2019\/\">prognostizierte die CEPAL<\/a> am vergangenen 31. Juli ein 4-prozentiges Wachstum des bolivianischen Brutto-Inlandsprodukts (BIP), womit die Administration Evo Morales s&auml;mtliche L&auml;nder Lateinamerikas um mehr als das Doppelte abh&auml;ngt und als unbestrittener Rangerster der Wirtschaftsleistung auftritt. Davor hatte die Weltbank in ihren Wirtschaftsprognosen vom Juni letzten Jahres best&auml;tigt, dass Bolivien 2019 um 4,0 Prozent zulegen werde, was auch mit den Projektionen des IWF &uuml;bereinstimmte.<\/p><p>Carlos Mesa nimmt es mit der Wahrheit nicht so genau, noch weniger, wenn es sich um die eigene Vergangenheit handelt. Zum Beispiel um die Korruption. &bdquo;Sollte der Pr&auml;sidentschaftskandidat Carlos Mesa &hellip; heute auf die Anschuldigungen gegen ihn mit der Wahrheit reagieren, w&uuml;rde er jene Bolivianer entt&auml;uschen, die am 20. Oktober f&uuml;r ihn stimmen wollen&ldquo;, ironisierte j&uuml;ngst Rogelio Mayta, Kandidat f&uuml;r das Senatoren-Amt auf Morales&lsquo; Liste der Bewegung zum Sozialismus (MAS). Maytas Satz war eine Anspielung auf Mesas Weigerung, in einer Anklage auszusagen, in der ihm die gesetzwidrige Zuwendung von 1,2 Millionen Dollar zur Finanzierung seiner Vizepr&auml;sidentschafts-Kandidatur im Jahr 2002 vorgeworfen wird. Dar&uuml;ber hinaus soll Mesa &ndash; wie der amtierende argentinische Pr&auml;sident Mauricio Macri &ndash; auch wegen umstrittenen Devisengesch&auml;ften <a href=\"http:\/\/www.resumenlatinoamericano.org\/2019\/08\/11\/bolivia-verdades-ocultas-de-carlos-mesa-candidato-presidencial-de-la-derecha\/\">in den Skandal um die sogenannten Panama-Papers involviert<\/a> sein.<\/p><p>Skepsis macht sich auch in Bolivien breit, wenn es um Mesas politisches Verh&auml;ltnis zu den USA geht.<\/p><p>Evo Morales hat den letzten Botschafter des Wei&szlig;en Hauses im Jahr 2008 ausgewiesen und seinen eigenen in Washington zur&uuml;ckgezogen. Anlass zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen waren vielf&auml;ltige Vorw&uuml;rfe Boliviens, die US-Regierungen torpedierten die innen- und au&szlig;enpolitische Autonomie des Landes und versuchten einen Regime Change herbeizuf&uuml;hren. Nichtsdestotrotz floriert nach offiziellen Angaben der Handel zwischen beiden L&auml;ndern, weshalb die Administration Morales eine eventuelle, jedoch vorsichtige Wiederherstellung diplomatischer Beziehungen signalisiert.<\/p><p>Mit der Begr&uuml;ndung, Bolivien sei ein &bdquo;kleines Land&rdquo;, das sich nach den USA &ndash; der &bdquo;ersten Macht der Welt&rdquo; &ndash; richten m&uuml;sse, forderte Carlos Mesa in seiner Wahlkampagne indes die sofortige Wiederherstellung &bdquo;vollst&auml;ndiger Beziehungen&ldquo;. Regierungskreise und Teile der &Ouml;ffentlichkeit verweisen dabei auf Mesas zwiesp&auml;ltige US-Liaison. Demnach sandte Mesa am 4. Dezember 2003 als damaliger Pr&auml;sident ein offizielles Schreiben an den Parlamentsvorsitzenden Hormando Vaca D&iacute;ez und bat ihn, die &bdquo;Genehmigung und Ratifizierung des Abkommens zwischen der Regierung der Republik Bolivien und der Regierung der Vereinigten Staaten&rdquo; zu pr&uuml;fen, die &uuml;ber die Auslieferung von Staatsb&uuml;rgern der USA an den Internationalen Strafgerichtshof bestimme.<\/p><p>Ein Vermerk auf Wunsch der USA erkl&auml;rte deutlich, &bdquo;alle Staatsangeh&ouml;rigen der USA und Angeh&ouml;rige des Milit&auml;rs, die Funktionen f&uuml;r die USA aus&uuml;ben oder ausge&uuml;bt haben und die nicht die deren Staatsangeh&ouml;rigkeit besitzen und sich auf dem Hoheitsgebiet der Republik Bolivien aufhalten, d&uuml;rfen ohne die ausdr&uuml;ckliche Zustimmung der US-Regierung in keiner Weise zu irgendeinem Zweck &hellip; an den Internationalen Strafgerichtshof &uuml;bergeben oder ausgeliefert werden &hellip; , insbesondere dann nicht, wenn sie Teil des Milit&auml;rpersonals der USA sind&ldquo;.<\/p><p>Die Absicht, in Bolivien stationierten (und eventuell straff&auml;llig gewordenen) US-Truppen die Immunit&auml;t zu genehmigen, l&ouml;ste damals eine lautstarke Protestwelle in Bolivien aus, die Mesa heute noch <a href=\"http:\/\/www.la-epoca.com.bo\/2019\/06\/29\/los-vinculos-de-carlos-de-mesa-con-eeuu\/\">als US-h&ouml;rigen Untertan verd&auml;chtigen<\/a>.<\/p><p><strong>Risse im indianischen Empowerment, die Umarmung der Gro&szlig;grundbesitzer und die Waldbr&auml;nde<\/strong><\/p><p>Mit der neuen Verfassung von 2009 wurde der Name Republik Bolivien in <em>Plurinationaler Staat Bolivien<\/em> ge&auml;ndert. Die Namens&auml;nderung sollte die unterschiedlichen ethnischen Identit&auml;ten widerspiegeln und Boliviens Indigene aufwerten, die immerhin 40,6 Prozent der Bev&ouml;lkerung z&auml;hlen, jedoch &uuml;ber f&uuml;nf Jahrhunderte hinweg als B&uuml;rger zweiter Klasse behandelt wurden.<\/p><p>Unvergesslich ist jene Szene, als Schamanen der Aymara-Ethnie f&uuml;r den frischgew&auml;hlten Evo Morales vor seinem offiziellen Regierungsantritt im Januar 2006 eine Zeremonie auf dem Tiwanaku-Heiligtum westlich von La Paz veranstalteten. In ein traditionelles rotes Gewand gekleidet, musste Morales auf die Akapana-Pyramide steigen, wo die Schamanen w&auml;hrend eines Feuerrituals ihm ein Zepter aush&auml;ndigten, das sein Recht symbolisierte, die vereinigten St&auml;mme Boliviens zu f&uuml;hren.<\/p><p>Nach der Verstaatlichung der reichlich vorhandenen Gasreserven des Landes startete die neue Regierung eine marktfreundliche Wirtschaftspolitik mit Investitionen in soziale Programme, die insgesamt 4 Millionen Ureinwohner Boliviens beg&uuml;nstigte. Sehr rasch konnte die Weltbank zum Beispiel den Zugang indigener Gemeinschaften zu Elektrizit&auml;t, Abwassersystemen und Trinkwasser best&auml;tigen.<\/p><p>Morales berief Frauen, Indigene und Gewerkschaftsf&uuml;hrer in sein Kabinett. Er schloss sich Basisorganisationen an und schmiedete einen sogenannten &ldquo;Einheitspakt&rdquo; mit F&uuml;hrungsfiguren von Anden-, Tiefland- und amazonischen St&auml;mmen. Gemeinsam halfen sie bei der Ausarbeitung der neuen Verfassung, die 2009 von 60 Prozent der Bolivianer in einem Referendum verabschiedet wurde.<\/p><p>Doch im Jahr 2011 kamen die ersten Spannungen mit indigenen Gemeinden auf. Der indianische Pr&auml;sident nutzte das stetig steigende Wirtschaftswachstum und plante eine 300 Kilometer lange Fernstra&szlig;e durch das indigene Territorium am Nationalpark Isiboro, ein amazonisches Naturschutzgebiet mit den Ausma&szlig;en Jamaikas. Die Stra&szlig;e, so argumentierte Morales, w&auml;re notwendig, um die Grundversorgung entfernt lebender St&auml;mme sicherzustellen. Doch die Indigenen und Umweltgruppen reagierten mit Emp&ouml;rung auf das Projekt. Sie warfen Morales vor, die Stra&szlig;e werde den Drogenhandel, den illegalen Holzeinschlag und andere unerw&uuml;nschte Aktivit&auml;ten beg&uuml;nstigen.<\/p><p>&Uuml;ber einen Monat lang protestierten Demonstranten friedlich in der Hauptstadt La Paz, doch die Polizei reagierte mit unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;iger Gewalt und trieb die Proteste mit Tr&auml;nengas und Gummigeschossen auseinander. Im September 2011 gab Morales den umweltsch&auml;digenden Plan auf, doch die Beziehungen zu einzelnen indigenen Gemeinden waren bereits angeschlagen. Zwei relevante indigene Verb&auml;nde &ndash; die Cidob und der Nationalrat von Ayllus und Markas del Qullasuyu (Conamaq) &ndash; k&uuml;ndigten den Einheitspakt. Seitdem weiteten sich die Risse und Spaltungen aus, die auch der politische Druck der Regierungspartei MAS nicht verhindern konnte.<\/p><p>Im Wahljahr 2019 leistete sich Evo Morales allerdings eine zweite Konfrontation mit Boliviens indigenen Gemeinden. Zuerst verabschiedete er das Gesetz Nr. 741 &ndash; das Waldrodungen auf dem Gebiet von landwirtschaftlichen Betrieben genehmigt &ndash; und im Juli erlie&szlig; er das Dekret 3973, das &bdquo;kontrollierte Br&auml;nde&rdquo; in den Regierungsbezirken Beni und Santa Cruz legalisierte. Mit diesem Dekret wurden 41.235.487 Hektar als &bdquo;dauerhaftes Waldproduktionsland&ldquo; freigegeben, von denen 28.190.265 f&uuml;r &bdquo;uneingeschr&auml;nkte&ldquo; Nutzung ausgewiesen sind. Die Folge: Die Gro&szlig;grundbesitzer expandierten ihre exportorientierten Mega-Plantagen und Rinderfarmen um mehr als 2 Millionen Hektar. Im August und September legten in Santa Cruz und dem amazonischen Beni die Brandrodungen mehrere Millionen Hektar Regenwald in Schutt und Asche.<\/p><p>Indigene und Umweltsch&uuml;tzer machten Morales f&uuml;r <a href=\"https:\/\/brujuladigital.net\/politica\/ambientalistas-e-indigenas-apuntan-a-evo-morales-como-responsable-de-los-incendios-forestales-\">die Katastrophe<\/a> &ndash; die zweitgr&ouml;&szlig;te nach den Br&auml;nden im benachbarten Brasilien &ndash; verantwortlich. Die Koordination der indigenen Organisationen des Amazonasbeckens (Coica) erkl&auml;rte die Pr&auml;sidenten Boliviens und Brasiliens &ndash; Evo Morales und Jair Bolsonaro &ndash; f&uuml;r <em>personae non gratae<\/em> und machte sie f&uuml;r den &bdquo;Umweltgenozid&ldquo; im Amazonas verantwortlich. Sie wies darauf hin, dass es beiden an Willen mangele und sie nicht in der Lage gewesen w&auml;ren, indigene V&ouml;lker, Flora und Fauna vor Waldbr&auml;nden zu sch&uuml;tzen.<\/p><p>In einem Offenen Brief &ndash; der gemeinsam mit der Menschenrechtskommission der indigenen V&ouml;lker und der Nationalen Organisation der indigenen V&ouml;lker des kolumbianischen Amazonas unterzeichnet wurde &ndash; rief Coica beide Staats- und Regierungschefs zur Verantwortung. Sie forderte au&szlig;erdem die Hohe Kommissarin f&uuml;r Menschenrechte und den Sonderberichterstatter f&uuml;r die Rechte indigener V&ouml;lker bei den Vereinten Nationen dazu auf, &bdquo;&uuml;ber die Notwendigkeit unverz&uuml;glicher Ma&szlig;nahmen der internationalen Gemeinschaft zur Bew&auml;ltigung des &ouml;kologischen Notfalls zu entscheiden und Ma&szlig;nahmen mit internationaler Verbindlichkeit zu formulieren, um (solche Katastrophen) in Zukunft zu verhindern&ldquo;.<\/p><p>Den Hintergrund bildet Morales&lsquo; politische Umarmung der reichen wei&szlig;en Farmer des Agronegocio, die bis vor wenigen Jahren noch mit einer separatistischen Kampagne drohten, Santa Cruz und den bolivianischen Nordosten vom Rest des Landes abzutrennen. Da ihre Agrarexporte &ndash; Soja, Reis, Quinoa und Rindfleisch, vor allem nach China &ndash; fortlaufend expandieren und zu &Uuml;bersch&uuml;ssen in der Au&szlig;enhandelsbilanz f&uuml;hren, bedeuten Morales&lsquo; Gesetzesinitiativen im Wahljahr ein Geschenk auf Gegenseitigkeit, sprich: der Stimmensicherung.<\/p><p><strong>Bilanz<\/strong><\/p><p>Zwischen 2006 und 2019 ist das bolivianische BIP von 9.000 Millionen US-Dollar auf rund 40.000 Millionen US-Dollar angestiegen, wurde das Pro-Kopf-Einkommen mit 3.000 US-Dollar verdreifacht, die Armut von 59,9 Prozent auf 35 Prozent nahezu halbiert.<\/p><p>Gegen den Strom der weltweiten neoliberalen Privatisierungswelle baute die Morales-Administration den staatlichen Wirtschaftssektor in strategischen Bereichen, wie Bergbau und Energie, st&auml;ndig aus, erzielte damit milliardenschwere Einkommen, kontrolliert derzeit rund 37 Prozent der bolivianischen Wirtschaft und investiert die &Uuml;bersch&uuml;sse in Sozialprogramme und den stetigen Abbau der Armut. In 13 Regierungsjahren erh&ouml;hte Bolivien die &ouml;ffentlichen Investitionen um das Zehnfache, verringerte das Handelsbilanzdefizit und hielt die Inflation auf einem Niedrigststand &ndash; eine Marschroute nationaler Entwicklung und sozialer Umverteilung, die die Wahlen in Mexiko beeinflusste und den bevorstehenden Wahlgang vom 27. Oktober in Uruguay und Argentinien ungemein motiviert.<\/p><p>Die Evo-Morales-Administration setzte von Anbeginn auf die Expansion der Erd&ouml;l- und Gasf&ouml;rderung und neuerdings auf den Aufbau der Lithium-Industrie und die Ausweitung der Landwirtschaft. Dass letzteres Ziel, vor allem nach den gigantischen Waldbr&auml;nden, rigoros &uuml;berdacht werden muss, ist nun auch der bolivianischen Regierung bewusst, die nicht etwa &bdquo;ein doppeltes Spiel in der Umweltpolitik betreibt&ldquo; &ndash; wie es in zynischen Titeln, zum Beispiel des <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/global-development\/poverty-matters\/2011\/jul\/04\/bolivia-evo-morales-hypocrisy-environment\">Londoner <em>Guardian<\/em><\/a> hei&szlig;t &ndash; sondern ihre bisherige Umweltpolitik bar jeder Naivit&auml;t und energischer gegen&uuml;ber dem gefr&auml;&szlig;igen Agrobusiness verteidigen muss.<\/p><p>Die in Deutschland von bolivianischen Wissenschaftlern erarbeitete Studie &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.hu-berlin.de\/en\/press-portal\/nachrichten-en\/may-2019\/nr-19528\">A pivotal year for Bolivian conservation policy<\/a>&ldquo; verweist zwar auf Widerspr&uuml;che in der bisherigen Umweltpolitik der drei Regierungsperioden von Evo Morales, erw&auml;hnt in ihrer kritischen Bewertung allerdings die F&uuml;hrungsrolle Boliviens in Umweltfragen, insbesondere wegen der rechtlichen Absicherung von Naturrechten und seiner entscheidenden Beteiligung an der Formulierung internationaler Verpflichtungen wie dem Pariser Klimaschutzabkommen.<\/p><p>Nach Angaben des Lateinamerikanischen Strategischen Zentrums f&uuml;r Geopolitik (CELAG) genie&szlig;t Evo Morales ein positives Image bei 54 Prozent der Bolivianer. Selbst diejenigen, die nicht f&uuml;r seine Wiederwahl stimmen w&uuml;rden, glauben, dass er die Wahlen am 20. Oktober gewinnen wird. Sein dreizehnj&auml;hriges Mandat, das sich weltweiter Anerkennung und Popularit&auml;t erfreut, habe seinen Ruf sowohl als &bdquo;Macher&ldquo; als auch als Feuerwehrmann gefestigt, bescheinigte ihm die <a href=\"https:\/\/www.pagina12.com.ar\/217174-evo-un-presidente-a-prueba-de-incendios\">argentinische Tageszeitung Pagina12<\/a>.<\/p><p>Titelbild: Shutterstock \/ Patricio-Murphy <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am kommenden 20. Oktober finden in Bolivien allgemeine Wahlen statt. Gew&auml;hlt werden f&uuml;r die Regierungsperiode 2020-2025 der Pr&auml;sident, der Vizepr&auml;sident sowie 130 Abgeordnete und 36 Senatoren. Ein Bericht von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":55662,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[20,190,30],"tags":[2714,881,2186,2196,1440,2751,1507,1556,2128,402,1347],"class_list":["post-55661","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-landerberichte","category-wahlen","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-amazonien","tag-armut","tag-bolivien","tag-indigene-voelker","tag-internationaler-strafgerichtshof","tag-mesa-carlos","tag-morales-evo","tag-usa","tag-verfassung","tag-wachstum","tag-wahlkampf"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/shutterstock_1401238202.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/55661","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=55661"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/55661\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":55665,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/55661\/revisions\/55665"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/55662"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=55661"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=55661"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=55661"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}