{"id":557,"date":"2005-05-08T14:23:26","date_gmt":"2005-05-08T12:23:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=557"},"modified":"2016-03-14T16:47:07","modified_gmt":"2016-03-14T15:47:07","slug":"mehrwertsteuererhohung-grenzenlose-inkompetenz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=557","title":{"rendered":"Mehrwertsteuererh\u00f6hung? Grenzenlose Inkompetenz!"},"content":{"rendered":"<p>Jeden Tag werden wir Zeuge der Inkompetenz unserer Eliten. Das Letzte: die Erw&auml;gung, die Mehrwertsteuer zu erh&ouml;hen und damit das weiter steigende Staatsdefizit zu refinanzieren. Die Mehrwertsteuererh&ouml;hung ist aus mehreren, im folgenden zu erl&auml;uternden Gr&uuml;nden, das falsche Rezept. Was &uuml;berhaupt nicht beachtet wird: Es w&auml;re eine weitere Privilegierung der Exportwirtschaft zu Lasten der Binnenwirtschaft. Das Gegenteil w&auml;re notwendig.<br>\n<!--more--><br>\nIn den n&auml;chsten Tagen werden wir das seit Jahren &uuml;bliche Ritual erleben, dass die Steuersch&auml;tzungen wieder einmal zu hoch lagen. So geht das von Halbjahr zu Halbjahr. Auch im vergangenen Herbst und davor im Fr&uuml;hjahr 2004 legte man den Sch&auml;tzungen h&ouml;here Wachstumsraten und damit h&ouml;here Steuereinnahmen zu Grunde, als dann realisiert werden konnten. Die Verantwortlichen haben nicht gesehen und sie wollen es nicht sehen, dass sie mit ihrer &bdquo;Sparpolitik&ldquo; die Krise versch&auml;rfen und so am Ende nicht nur weniger einnehmen sondern sogar noch mehr f&uuml;r die wachsende Arbeitslosigkeit ausgeben m&uuml;ssen. Statt Konsolidierung des Haushalts wird also das Defizit versch&auml;rft. Unsere Eliten begreifen nicht, dass anders als in einer betriebswirtschaftlichen Betrachtung volkswirtschaftlich betrachtet Sparabsicht und Sparerfolg nicht zusammenfallen m&uuml;ssen. In einer Krise f&uuml;hrt eine noch so &bdquo;ehrenwerte&ldquo; Sparabsicht eines Hans Eichel zum Misserfolg beim Sparen, weil er damit die Krise versch&auml;rft. Das ist &uuml;brigens Denkfehler Nr. 31 in meinem Buch &ldquo;Die Reforml&uuml;ge&rdquo;. Der ganz &uuml;berwiegende Teil der Bev&ouml;lkerung aber auch unserer Eliten unterliegen diesem Denkfehler. Sie glauben, der Staat k&ouml;nne wie ein privater Haushalt oder ein Einzelunternehmen sparen, wenn die Verantwortlichen die feste Absicht dazu haben und die Ausgaben senken. Die einzige Chance in einer Volkswirtschaft wirklich zu sparen w&auml;re, die Konjunktur anzukurbeln &ndash; in anderer Sprache: aus Arbeitslosengeld-Empf&auml;ngern Beitrags- und Steuerzahler zu machen und auch jene Unternehmen, die auf dem Binnenmarkt t&auml;tig sind, besteuerbare Gewinne machen zu lassen, statt viel zu viele in die Insolvenz zu treiben, weil sie ihre Leistungen oder Produkte nicht mehr verkaufen k&ouml;nnen. Diese Zusammenhang haben die allermeisten unsere Meinungsf&uuml;hrer nicht begriffen. Und wenn es dann wieder und wieder, im Halbjahres-Zyklus der Steuersch&auml;tzungen, nicht klappt mit ihren einzelwirtschaftlich gepr&auml;gten Sparversuchen, dann sinnen sie wie jetzt auf andere L&ouml;sungen zur Finanzierung des Staatsdefizits. So wird im Hintergrund, zum Beispiel von der Opposition und dem Bundeswirtschafts- und Arbeitsminister schon seit l&auml;ngerem erwogen, die Mehrwertsteuer zu erh&ouml;hen. Das w&auml;re aber in mehrerer Hinsicht ein weiterer Schritt in die falsche Richtung: <\/p><ol>\n<li>Die Mehrwertsteuererh&ouml;hung trifft in besonderer Weise jene Familien und Einzelpersonen, die geringe Einkommen und damit wenig Kaufkraft zur Verf&uuml;gung, ihre gesamten Einnahmen f&uuml;r den laufenden Konsum verbrauchen und unter den heutigen Bedingungen kein Geld zum Sparen &uuml;brig haben. Mit der Erh&ouml;hung der Mehrwertsteuer w&uuml;rde der reale Wert ihres Budgets vermindert, sie k&ouml;nnten entsprechend weniger Waren kaufen. Das ist Gift f&uuml;r die ohnehin total schw&auml;chelnde Binnenkonjunktur. Der in den NachDenkSeiten schon &ouml;fter zitierte Chef&ouml;konom von Goldman Sachs, Jim O&rsquo;Neill, hat die Schieflage seiner deutschen Kollegen in einem ZEIT-Interview vom vergangenen August anschaulich beschrieben: zu seinem gro&szlig;en Erstaunen musste er bei einem Treffen mit seinen deutschen Fachkollegen feststellen, dass sie trotz erkennbarer Binnennachfrageschw&auml;che ernsthaft diskutierten, man solle die Unternehmenssteuern senken und dies mit h&ouml;heren Steuern f&uuml;r die Masse der Verbraucher finanzieren. Tats&auml;chlich w&uuml;rde dies die Massenkaufkraft weiter einschr&auml;nken, ohne bei den Unternehmen und hohen Einkommen den notwendigen Impuls zu Investitionen und anderen h&ouml;heren Ausgaben auszul&ouml;sen. <strong>Fazit: Die Erh&ouml;hung der Mehrwertsteuer w&auml;re konjunkturpolitisch ein weiteres Abw&uuml;rgen der Binnennachfrage.<\/strong><\/li>\n<li>Die Erh&ouml;hung der Mehrwertsteuer verschiebt tendenziell die fiskalische Belastung zu Gunsten der Exportwirtschaft und zu Lasten der vor allem den Binnenmarkt beliefernden Produzenten und Dienstleister. Die Exportwirtschaft ist aber bisher schon extrem gut gestellt. Sie profitiert von der vergleichsweise niedrigen Entwicklung der Kosten und Preise in Deutschland; die realen Lohnst&uuml;ckkosten sind im Vergleich zu anderen L&auml;ndern um 7% (DIW Wochenbericht 14\/2004) gefallen. Vor allem aber: die Mehrwertsteuererh&ouml;hung tangiert die Exportwirtschaft &uuml;berhaupt nicht, denn sie wird mit dieser Steuer nicht belastet. Beim Export wird die Mehrweitsteuer abgerechnet. Eine Mehrwertsteuererh&ouml;hung hat also tendenziell zur Folge, dass die boomende Exportwirtschaft weiter gef&ouml;rdert und die ohnehin zu schwache Binnenwirtschaft zus&auml;tzlich belastet wird. Das ist genau das Gegenteil dessen, was wir brauchen. Generell gilt auch: jede Verschiebung der Steuerbelastung in Richtung Mehrwertsteuer f&uuml;hrt dazu, dass die Exportwirtschaft f&uuml;r die Leistungen der Allgemeinheit, vor allem also der Gemeinden, der L&auml;nder und des Bundes, keine dem &bdquo;Mehrwert&ldquo; entsprechende Steuern mehr zahlt. Gerade auch die Exportwirtschaft nutzt ja die Infrastruktur und die Ausbildungsleistungen unseres Landes in besonderem Ma&szlig;e. Wenn sie tendenziell f&uuml;r diese Leistungen weniger herangezogen wird, dann bedeutet das eine Fehlsteuerung zu Lasten der Binnenwirtschaft. Die marktwirtschaftlich gesteuerte Produktion ist dann keinesfalls optimal.<\/li>\n<li>Je h&ouml;her die Mehrwertsteuer, umso gr&ouml;&szlig;er ist der Anreiz f&uuml;r Schwarzarbeit. Seltsamerweise wird dieses Argument, das sonst immer bem&uuml;ht wird, wenn z. B. die H&ouml;he der Lohnnebenkosten beklagt wird, von den Verantwortlichen im Falle der Diskussion um eine Mehrwertsteuererh&ouml;hung nicht in die Debatte eingef&uuml;hrt.<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeden Tag werden wir Zeuge der Inkompetenz unserer Eliten. Das Letzte: die Erw&auml;gung, die Mehrwertsteuer zu erh&ouml;hen und damit das weiter steigende Staatsdefizit zu refinanzieren. Die Mehrwertsteuererh&ouml;hung ist aus mehreren, im folgenden zu erl&auml;uternden Gr&uuml;nden, das falsche Rezept. 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