{"id":55763,"date":"2019-10-23T09:10:00","date_gmt":"2019-10-23T07:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55763"},"modified":"2019-10-23T11:51:23","modified_gmt":"2019-10-23T09:51:23","slug":"der-fisch-stinkt-vom-kopf-her-auszug-aus-dem-buch-abgefahren-warum-wir-eine-neue-bahnpolitik-brauchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55763","title":{"rendered":"Der Fisch stinkt vom Kopf her \u2026 Auszug aus dem Buch \u201eAbgefahren. Warum wir eine neue Bahnpolitik brauchen.\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Vor einer Woche und p&uuml;nktlich zur Frankfurter Buchmesse erschien das Buch &bdquo;Abgefahren. Warum wir eine neue Bahnpolitik brauchen&ldquo;. Verfasser sind Bernhard Knierim und Winfried Wolf, beides ausgewiesene Verkehrsexperten und Freunde der Schiene &ndash; aber eben auch engagierte Kritiker des Bahnkonzerns. Was dort vorgeht, geht uns alle an, weil wir darunter leiden und weil wir daf&uuml;r zahlen. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nIn sechzehn Kapiteln auf knapp 300 Seiten wird das breite Panorama der Krise des Schienenverkehrs im Allgemeinen und der Deutschen Bahn AG im Besonderen ausgebreitet und faktenreich untersetzt. Behandelt werden au&szlig;er Themen, die gewisserma&szlig;en zum Standard geh&ouml;ren, wie &bdquo;marode Infrastruktur&ldquo;, &bdquo;Kleinstaaterei im Schienennahverkehr&ldquo; oder &bdquo;Gef&auml;hrdung der sprichw&ouml;rtlichen Sicherheit im Schienenverkehr&ldquo;, auch Aspekte, die in anderen aktuellen Ver&ouml;ffentlichungen kaum umf&auml;nglich behandelt werden wie &bdquo;Bahnimmobilien. Oder: Was hat die Bahnreform von 1994 mit der Mietenexplosion 2019 zu tun&ldquo;, &bdquo;Auf dem R&uuml;cken der Bahnbesch&auml;ftigten&ldquo; und &bdquo;Die Deutsche Bahn als Politikum: Auslandsengagements der DB im Interesse der deutschen Au&szlig;enpolitik&ldquo;. <\/p><p>Hervorzuheben ist auch: Nach jedem der 16 Kapitel gibt es einen erg&auml;nzenden, meist zweiseitigen Kommentar von 16 Personen, die in einem engen Zusammenhang stehen mit dem jeweils zuvor behandelten Thema, also etwa Claus Weselsky beim Thema &bdquo;Besch&auml;ftigte&ldquo;, die B&uuml;rgerinitiative &bdquo;Prellbock Altona&ldquo; beim Thema Gro&szlig;projekte, der PRO-BAHN-Landesvorsitzende Thomas Kraft beim Thema  &bdquo;Flickenteppich Nahverkehr&ldquo; oder Tom Adler beim Thema &bdquo;Stuttgart21&ldquo;.<\/p><p>In den letzten Wochen hat sich die Krise der DB zugespitzt. Bekannt wurde, dass Gelder in H&ouml;he von rund einer dreiviertel Milliarde Euro &bdquo;unter der Hand&ldquo; in Beratervertr&auml;ge geflossen sind, die im daf&uuml;r allein berechtigten Gremium, dem Aufsichtsrat, nicht beschlossen wurden. Unter anderem erhielt der Ex-Ministerpr&auml;sident von NRW, J&uuml;rgen R&uuml;ttgers, Geld von der Bahn f&uuml;r &bdquo;Beratung&ldquo;, faktisch eine Vergoldung seines weitgehenden Abschieds aus der Politik. In diesem Zusammenhang  geht die Deutsche Bahn AG nun nicht prim&auml;r gegen diese unglaublichen Praktiken zur Verschleuderung von Steuergeldern vor. Nein, sie sucht &bdquo;undichte Stellen&ldquo;, die daf&uuml;r verantwortlich sind, dass dieser Skandal an die &Ouml;ffentlichkeit gelangte &ndash; und konzentriert sich dabei auf das einzige Mitglied der GDL im Bahnaufsichtsrat, der aus diesem Gremium herausgekegelt werden soll.<\/p><p>Die Buch-Autoren Knierim und Wolf sind der Auffassung, dass das System hat. Das gesamte Spitzenpersonal der DB sei inzwischen durchsetzt von Menschen, denen die Schiene absolut gleichg&uuml;ltig ist und die die DB als Selbstbedienungsladen begreifen &ndash; und die an der Bahnspitze eine Politik betreiben, die zur weiteren Zersetzung und Zerst&ouml;rung der Bahn beitragen muss. Unter anderem deshalb, weil sie selbst mit den Interessen der Autobranche und der Luftfahrt verbunden sind. Nachfolgend das Kapitel 16 &bdquo;Der Fisch stinkt vom Kopf her &ndash; Oder: Notwendig ist ein umfassender Neuanfang&ldquo; (f&uuml;r die NachDenkSeiten deutlich gek&uuml;rzt und an wenigen Stellen aktualisiert).<\/p><p>Angaben zum Buch: Bernard Knierim \/ Winfried Wolf, Abgefahren. Warum wir eine neue Bahnpolitik brauchen, Verlag PapyRossa K&ouml;ln, Oktober 2019, 292 Seiten, 17,90 Euro.<\/p><p><strong>Der Fisch stinkt vom Kopf her &ndash; Warum bei der Deutschen Bahn ein Gro&szlig;reinemachen ansteht<\/strong><\/p><p><em>Bernhard Knierim und Winfried Wolf <\/em><\/p><p>Mitte Oktober kam es zu einem neuen Eklat bei der DB. Der Bundesvorsitzende der GDL, Claus Weselsky, gab bekannt, dass es im Bahnkonzern Bestrebungen gibt, den einzigen Vertreter der GDL im Bahnaufsichtsrat, Mario Reiss, aus diesem Amt zu dr&auml;ngen. Vorausgegangen ist ein handfester politischer Skandal: Die Deutsche Bahn AG hat in den vergangenen Jahren &bdquo;Beratervertr&auml;ge&ldquo; mit Ex-Top-Managern, aber auch mit Politikern, abgeschlossen, bei denen es erstens so gut wie keine nachweisbare Gegenleistung gibt, die zweitens stark den Geruch der verdeckten, ungerechtfertigten Gehaltserh&ouml;hung oder der geheimen Aufstockung beim &bdquo;Goldenen Handschlag&ldquo; haben und die drittens im Aufsichtsrat nicht beschlossen (sondern nur von einem einzelnen Vorstand entschieden) wurden. Es geht dabei in der Summe, so Claus Weselsky, um einen Betrag in H&ouml;he von 700 Millionen Euro. Der GDL-Chef fordert in diesem Zusammenhang das Ausscheiden des Bahnvorstands Berthold Huber. Wobei sich nat&uuml;rlich auch fragen l&auml;sst: Wie k&ouml;nnen Vertr&auml;ge in dieser H&ouml;he beschlossen worden sein, ohne dass Richard Lutz, der bis zum 31. Dezember 2018 Finanzchef war (im Zeitraum Februar 2017 bis Ende 2018 in Personalunion mit seiner Funktion als Bahnchef) davon Kenntnis hatte? Politisch spannend ist, dass auch der Ex-CDU-MP J&uuml;rgen R&uuml;ttgers als &ndash; sehr gut bezahlter! &ndash; DB-&bdquo;Berater&ldquo; auf der DB-Payroll stand (oder noch steht).<\/p><p>Die Offensive der GDL findet unsere volle Unterst&uuml;tzung. Wir betonen erg&auml;nzend: Es handelt sich hier nicht um Ausrutscher, nicht um eine einmalige Aff&auml;re. Die Sache hat System. Und das System ist in der Zusammensetzung der F&uuml;hrungskader der Deutschen Bahn AG zu suchen.    <\/p><p>Schildert man in einer gr&ouml;&szlig;eren &Ouml;ffentlichkeit die irrationalen, unwirtschaftlichen und kontraproduktiven Entscheidungen der Deutschen Bahn (beim Tarifsystem, bei Gro&szlig;projekten wie Stuttgart 21, beim Fahren auf Verschlei&szlig;, bei der Einstellung der Nachtz&uuml;ge), dann sind die meisten, die das h&ouml;ren, schlicht und einfach fassungslos. Und immer wieder werden die Fragen gestellt: Warum machen die das? Sind Ignoranz, Naivit&auml;t oder b&ouml;se Absicht verantwortlich? Die Antwort lautet: Naivit&auml;t spielt kaum eine Rolle. Ignoranz ist weit verbreitet. Vorherrschend sind Verantwortungslosigkeit und Wurstigkeit. Das hat mit dem konkreten Personal an der Spitze der Bahn zu tun. Die Top-Etage der Deutschen Bahn AG ist durchsetzt mit F&uuml;hrungskr&auml;ften, die beim Thema Mobilit&auml;t nur den Blick durch die Windschutzscheibe einer teuren Limousine kennen.<\/p><p><strong>Das Management der DB AG<\/strong><\/p><p>Beginnen wir ganz oben, dort wo der Fisch zu stinken beginnt. Die drei Bahnchefs, die die Deutsche Bahn AG in den ersten mehr als zwei Jahrzehnten ihrer Existenz pr&auml;gten, waren Heinz D&uuml;rr, Hartmut Mehdorn und R&uuml;diger Grube. Bezieht man den Zeitraum 1990 bis 1993 als diejenige Periode, in der die Bahnprivatisierung intensiv vorbereitet und umgesetzt wurde, mit ein, dann dominierten diese Herren das Eisenbahngeschehen in Deutschland &uuml;ber ein Vierteljahrhundert hinweg &ndash; im Zeitraum 1990 bis 2017. Mit einer kurzen, zweij&auml;hrigen Unterbrechung, in der &ndash; 1997 bis 1999 &ndash; der Bahnchef Johannes Ludewig hie&szlig;. D&uuml;rr, Mehdorn und Grube hatten alle drei vor ihrem Amtsantritt nie etwas mit Eisenbahn zu tun. Sie hatten alle drei den wichtigsten Teil ihrer beruflichen Karriere in der Kaderschmiede des Daimler-Konzerns absolviert. Alle drei hatten sie im Daimler- DASA-Airbus-Imperium den entscheidenden Teil ihrer Pr&auml;gung in der Wirtschaftswelt erhalten. D&uuml;rr hatte Mehdorn als seinen Nachfolger vorgeschlagen. Mehdorn hatte Grube als Nachfolger ins Spiel gebracht. Grube war bei Daimler-DASA Mehdorns B&uuml;roleiter gewesen. Man kann das Ganze als die Daimler-DB-Dynastie bezeichnen.<\/p><p>Doch im Einzelnen: Heinz D&uuml;rr war ab 1991 Bundesbahnchef, von 1994 bis 1997 Chef der neuen Deutschen Bahn AG und anschlie&szlig;end 1997\/98 Aufsichtsratschef der DB. Er war vor seinem Antritt als Bundesbahnchef f&uuml;nf Jahre lang Daimler-Vorstand. Er war und ist ma&szlig;geblicher Eigent&uuml;mer des weltweit f&uuml;hrenden Autozulieferers D&uuml;rr AG. Er war der &bdquo;Erfinder&ldquo; des desastr&ouml;sen Projekts Stuttgart 21. <\/p><p>Hartmut Mehdorn nahm ab 1989 f&uuml;hrende Positionen bei Airbus und DASA ein. Damals war Daimler Gro&szlig;aktion&auml;r bei Airbus; DASA war eine Daimler-Gesellschaft und ging sp&auml;ter in EADS\/Airbus auf. 1992 bis 1995 war Mehdorn Vorstandsmitglied der Daimler-Tochter DASA. Er galt l&auml;ngere Zeit als Kandidat f&uuml;r den Top-Job bei Daimler.  Als diese Karriere durch den Aufstieg von J&uuml;rgen Schrempp an die Daimler-Spitze verbaut war, wechselte er f&uuml;r kurze Zeit an die Spitze der Heidelberger Druckmaschinen. Mehdorn wurde dann 1999 von seinem Duzfreund, dem Bundeskanzler Gerhard Schr&ouml;der, als Bahnchef berufen. Mehdorn war derjenige, der das Projekt Stuttgart 21, das sein Vorg&auml;nger im Amt, Johannes Ludewig, gestoppt hatte, reaktivierte.<\/p><p>R&uuml;diger Grube war 1990 bis 1992 B&uuml;roleiter von Mehdorn in der DASA-Gesch&auml;ftsf&uuml;hrung. Von 1996 bis 2009 nahm Grube im Daimler-Konzern f&uuml;hrende Positionen ein. In seiner Bahnchef-Amtszeit trat er bis zur Fukushima-Reaktor-Katastrophe vehement f&uuml;r die Verl&auml;ngerung der Atomkraftwerke-Laufzeiten ein. Kanzlerin Angela Merkel berief Grube am 25. April 2009 zum neuen Bahnchef. Er stand bis Januar 2017 an der Spitze der Deutschen Bahn. Grube war nach Mehdorn der wesentliche Treiber bei der fatalen Global-player-Strategie. Und er war der Stuttgart-21-Exekutor. <\/p><p>Grube erhielt trotz seines eigenm&auml;chtigen Ausscheidens als Bahnchef am 30. Januar 2017 einen hochkar&auml;tig-goldenen Handschlag in H&ouml;he von 2,3 Millionen Euro. Es gibt gute Gr&uuml;nde, ihm Untreue gegen&uuml;ber seinem langj&auml;hrigen Arbeitgeber DB vorzuwerfen. Allzu krass in Konflikt zu DB-Interessen stehend sind die Engagements, die Grube sofort nach seinem Weggang bei der Bahn &uuml;bernahm: bei der Investmentgesellschaft Lazard, bei dem Tunnelbauer Herrenknecht, bei dem Lkw-Spediteur Schockem&ouml;hle, beim Bahntechnik-Konzern Bombardier Transportation.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<\/p><p>Im M&auml;rz 2017 wurde bekannt, dass Grube ab dem 21. Juni 2017 den Aufsichtsratsvorsitz der Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) &uuml;bernimmt. Bereits dieses Engagement ist problematisch. <\/p><p>&Auml;hnlich wie es an der Spitze der Bahn aussah (und roch), sieht es an der Spitze des Aufsichtsrats (AR) aus: G&uuml;nther Sa&szlig;mannshausen war der erste Aufsichtsratsvorsitzende der DB AG (in dieser Position 1994 bis 1997). Er spielte eine wichtige Rolle bei der Vorbereitung und Umsetzung Bahnreform, also bei der formellen Privatisierung der DB. Sa&szlig;mannshausen stammt aus dem &Ouml;lgesch&auml;ft. Er war Preussag-Chef und u.a. Mitglied in den Aufsichtsr&auml;ten von VW, Continental und Deutsche Shell. Auf ihn folgte in dieser Position 1997, wie bereits erw&auml;hnt, Heinz D&uuml;rr. D&uuml;rrs Nachfolger war Dieter Vogel (1999-2001), der als Ex-Thyssen-Mann eng mit der Transrapid-Technologie verbunden war. Die Deutsche Bahn unterst&uuml;tzte dann in der &Auml;ra Mehdorn den Einsatz des Transrapid, obgleich dieses teure Magnetbahn-System direkt mit der Schiene konkurrierte. Auf Vogel folgte an der AR-Spitze Michael Frenzel (2001-2005), erneut ein Top-Mann von Preussag\/Tui, damals auch Betreiber der Billig-Airline Tuifly. Frenzel war dann 2006 bis Juli 2018 einfaches Mitglied im Aufsichtsrat der DB AG. Seit 2012 ist Frenzel Pr&auml;sident des Bundesverbandes der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW). In dieser Position ist er vor allem ein Lobbyist f&uuml;r Autoverkehr und Flugverkehr.[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] 2005 wurde Werner M&uuml;ller Aufsichtsratsvorsitzender. Er war damals gleichzeitig Chef der Ruhrkohle AG-Stiftung. Die Ruhrkohle (RAG) ist einer der wichtigsten Kunden im Schieneng&uuml;terverkehr der DB AG; das Unternehmen hat ein Interesse an niedrigen Frachttarifen, was wiederum f&uuml;r die DB gewinnreduzierend ist. Auf M&uuml;ller folgte 2010 bis 2018 Utz-Hellmuth Felcht. Felcht nimmt seit 2007 und bis heute bei dem Finanzinvestor One Equity Partners (OEP) eine f&uuml;hrende Position ein. OEP ist mit der zweitgr&ouml;&szlig;ten Bankengruppe in den USA, JP Morgan Chase &amp; Co, verbunden. Der Name OEP fiel immer wieder mal, wenn es zu neuen Anl&auml;ufen zur Privatisierung der Deutschen Bahn kam oder wenn gro&szlig;e Tochtergesellschaften der Deutschen Bahn teilprivatisiert werden sollten, wie dies 2015\/2016 geplant war.<\/p><p>Seit April 2018 ist der CDU-Politiker und Staatssekret&auml;r Michael Odenwald Vorsitzender des DB-Aufsichtsrats. Der Mann engagierte sich bislang vor allem f&uuml;r das Wohlergehen der Luftfahrt &ndash; derjenigen Form von Mobilit&auml;t, die in besonderem Ma&szlig; zur Klimaerw&auml;rmung beitr&auml;gt. Odenwald war bis April 2018 Aufsichtsratschef bei Fraport, und er ist weiter Mitglied im Aufsichtsrat von Fraport, dem gr&ouml;&szlig;ten deutschen Airport, der zugleich im internationalen Luftverkehrsgesch&auml;ft engagiert ist. <\/p><p>Es klingt nat&uuml;rlich ein bisschen nach Verschw&ouml;rungstheorie oder besser Verschw&ouml;rungspraxis, wenn eine Kontinuit&auml;t mit den Interessen der Autolobby nahestehenden Top-Bahn-Personen von D&uuml;rr bis Grube und &uuml;ber alle DB-Aufsichtsratschefs hinweg behauptet wird. Und wenn dabei einigerma&szlig;en auff&auml;llig Bahnchef Johannes Ludewig ausgeklammert wird. Wie passt dann dieser Top-Bahn-Mann in das &bdquo;Schema&ldquo;? Tats&auml;chlich bildet Ludewig in der beschriebenen Serie einen interessanten Sonderfall. Er war in den Jahren 1997 und 1998 der von Kanzler Helmut Kohl eingesetzte Bahnchef. Einiges spricht daf&uuml;r, dass Ludewig als Kohl-Vertrauter damit einen Versorgungsposten erhielt. Ludewig war keine Lichtgestalt in diesem Amt. Beispielsweise unterst&uuml;tzte er weiter, wie zuvor D&uuml;rr, die Magnetbahn-Technologie. Doch in einigen Punkten engagierte er sich offensichtlich aus &Uuml;berzeugung f&uuml;r Bahn-Interessen: So stellte er Stuttgart 21 auf den Pr&uuml;fstand und sprach sich schlie&szlig;lich Anfang 1999 gegen die Fortf&uuml;hrung des Projekts aus. Er startete eine P&uuml;nktlichkeitsoffensive und kn&uuml;pfte die Boni der Manager an das Erreichen dieses Ziels. Die Leidenschaftlichkeit und Konsequenz, mit der er die P&uuml;nktlichkeitsoffensive betrieb (&bdquo;Der Satz &sbquo;P&uuml;nktlich wie die Eisenbahn&lsquo; muss wieder zum Markenzeichen der Bahn werden&ldquo;), trieb die Mehrheit der F&uuml;hrungskr&auml;fte, die Einkommenseinbu&szlig;en bef&uuml;rchteten, auf die Barrikaden. Die Abl&ouml;sung von Ludewig als Bahnchef wurde vor allem von Gerhard Schr&ouml;der betrieben. Schr&ouml;der war bis Herbst 1998 als nieders&auml;chsischer Ministerpr&auml;sident und Mitglied im VW-Aufsichtsrat eng mit dem gr&ouml;&szlig;ten deutschen Autohersteller verbunden; ab September 1998 stand er der ersten rot-gr&uuml;nen Bundesregierung vor und lie&szlig; sich gerne als &bdquo;Autokanzler&ldquo; titulieren. Nach Ludewigs Weggang und mit Mehdorns Antritt als neuer Bahnchef wurde als eine der ersten Ma&szlig;nahmen die Koppelung Bahnp&uuml;nktlichkeit und Boni aufgegeben. Bald darauf wurde das Projekt Stuttgart 21 wieder auf die Schiene gesetzt. Insgesamt gesehen erscheint die Kurzzeit&auml;ra Ludewig eher als eine Ausnahme, mit der die hier beschriebene Regel best&auml;tigt wird, wonach auf den Top-Sesseln im Bahnkonzern immer mehr die Herren mit den Auto- und Luftfahrtinteressen Platz nahmen. <\/p><p>Dazu passt, dass es auch unterhalb der Top-Ebene im Vorstand und Aufsichtsrat der Deutschen Bahn eine gro&szlig;e Zahl von F&uuml;hrungskr&auml;ften gab und gibt, die auch auf diesem Level die Durchsetzung des Bahnkonzerns mit Auto- und Luftfahrtinteressen dokumentieren. Wir beschr&auml;nken uns auf drei exemplarische Beispiele.<\/p><p><strong><em>Christoph Franz.<\/em><\/strong> In der &Auml;ra Mehdorn fiel vor allem der gro&szlig;e Einfluss von Ex-Lufthansa-Leuten ins Auge. Diese waren ma&szlig;geblich f&uuml;r das 2002 neue und dann gescheiterte Bahnpreissystem verantwortlich, das sich am Ticket-System der Airlines ausrichtete. Damit verbunden war die Abschaffung der BahnCard50. Franz war ab 1990 bei der Lufthansa, zuletzt in h&ouml;heren Manager-Positionen t&auml;tig. 1994 wechselte er zur Deutschen Bahn, wo er bald Mitglied im Konzernvorstand und Chef der Fernverkehrssparte wurde. Nach dem Scheitern dieser Bahnpreisreform ging Franz zur Schweizer Fluggesellschaft Swiss, die er bald unter die weiten Fl&uuml;gel des Lufthansa-Kranichs f&uuml;hrte. 2011 wurde Franz Lufthansa-Chef. Diese Position hatte er dann bis 2014 inne. Sein beruflicher Werdegang endete dort, wo er begann. Die Deutsche Bahn war in der Karriere von Franz faktisch eine Zwischenstation &ndash; jedoch mit ausgesprochen negativer Wirkung f&uuml;r  die Bahn.<\/p><p><em><strong>J&uuml;rgen Gro&szlig;mann.<\/strong><\/em> Der Milliard&auml;r war bis Sommer 2018 ein langj&auml;hriges und einflussreiches Mitglied im Bahnaufsichtsrat. Gro&szlig;mann geh&ouml;rt laut Forbes zu den hundert reichsten Personen in Deutschland. Er war 2007 bis 2012 Chef des Energiekonzerns RWE. Er initiierte 2010 den &bdquo;Energiepolitischen Appell&ldquo;, der f&uuml;r eine Verl&auml;ngerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke warb und wurde dabei von Bahnchef R&uuml;diger Grube engagiert unterst&uuml;tzt. Gro&szlig;mann geh&ouml;rt zum Kreis der &bdquo;FroGS&ldquo;, der &bdquo;Friends of Gerhard Schr&ouml;der&ldquo;. Er kaufte 1993 f&uuml;r zwei DM das damals marode Unternehmen Georgsmarienh&uuml;tte (GM-H&uuml;tte) auf und formte das Unternehmen zu einem verschachtelten Gro&szlig;konzern mit rund 50 einzelnen, von der GM-Holding kontrollierten Unternehmen. Die Unternehmen der GM-Holding sind in den Bereichen Stahl, Maschinenbau, Autozulieferung und &ndash; vor allem &ndash; Bahntechnik engagiert. Mit der Bochumer Verein Verkehrstechnik GmbH und der Bahntechnik Brand-Erbisdorf GmbH ist die GM-H&uuml;tte nach Eigendarstellung &bdquo;der f&uuml;hrende Radsatzhersteller in Europa&ldquo;. Wichtigster Kunde in dem Bereich Radsatzherstellung war laut GM-H&uuml;tte-Angaben die DB AG. Die Interessenskonflikte zwischen Gro&szlig;mann als Unternehmer und Gro&szlig;mann als Kontrolleur der DB waren also ausgesprochen vielf&auml;ltig.<\/p><p><em><strong>Antje Neubauer.<\/strong><\/em> Die PR-Fachfrau war in den Jahren 2006 bis Sommer 2019 f&uuml;r die DB t&auml;tig, zuletzt als Marketingleiterin und PR-Chefin.[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] Sie arbeitete zuvor f&uuml;r den RWE-Konzern. Neubauer sagte von sich: &bdquo;Bevor ich 2006 zur Bahn ging, hatte ich keinerlei Bahn-Bezug. Ich kann mich nicht entsinnen, mit meinen Eltern je Zug gefahren zu sein.&ldquo; Noch 2019 betonte Antje Neubauer: &bdquo;Ich bin ein Autofan!&ldquo;[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] 2017 entstand unter der &Auml;gide von Antje Neubauer und anl&auml;sslich der Er&ouml;ffnung der Hochgeschwindigkeitsstrecke Berlin &ndash; M&uuml;nchen bei der DB ein ausgesprochen aufwendig gedrehter 90-Sekunden-DB-Werbefilm mit dem Formel-I-Weltmeister Nico Rosberg, in dem der ICE gegen das Flugzeug und gegen ein (von Rosberg ziemlich sportlich gefahrenes) Auto gewinnt. Am PR-Film-Ende l&auml;sst Rosberg auf der Dachterrasse eines Luxushotels die Champagner-Korken knallen. Die Fachzeitschrift &bdquo;Horizont&ldquo; (vom 20. Oktober 2017) stellte die berechtigte Frage: &bdquo;Ob die Konsumenten Rosbergs Einsatz f&uuml;r den Bahnkonzern [&hellip;] als glaubw&uuml;rdig empfinden, wird sich herausstellen. Schlie&szlig;lich steht er wie kaum ein zweiter in Deutschland f&uuml;r schnelle Autos und war regelm&auml;&szlig;ig f&uuml;r seinen langj&auml;hrigen Arbeitgeber Mercedes-Benz im Werbeeinsatz.&ldquo;<\/p><p>Und wie sieht die aktuelle F&uuml;hrungscrew im Bahnkonzern aus? Wo ist der noch relativ neue Bahnchef Richard Lutz zu verorten? Lutz wird in der Regel als netter Junge beschrieben. Im &Uuml;brigen, so der &uuml;berwiegende Tenor der Berichte, sei Lutz farblos; ein unbeschriebenes Blatt. Lutz ist Betriebswirtschaftler. Er kam 1994 zur neu gegr&uuml;ndeten Deutschen Bahn AG. Er pr&auml;sentierte sich dort als &uuml;berzeugter Privatisierer. 2011, als er im Bahnkonzern &bdquo;nur&ldquo; der f&uuml;r die Finanzen verantwortliche Vorstand war, machte er deutlich, dass die Bahnprivatisierung f&uuml;r das Top-Personal dieses Unternehmens immer zentrales Thema und f&uuml;r ihn eine Herzensangelegenheit ist. Er f&uuml;hrte in der &bdquo;B&ouml;rsen-Zeitung&ldquo; (vom 11.2.2011) aus: &bdquo;Im September [2011] werden wir wieder vier Stationen (mit Roadshows; d. Red.) haben: In Tokio, in Peking, Hongkong und Singapur besuchen wir Staatsfonds und Pensionsfonds. Das machen wir seit 2002. Vor allem in Japan [&hellip;] fragen uns die Anleger immer wieder, wann wir endlich an die B&ouml;rse gehen.&ldquo; Zu diesem Zeitpunkt behaupteten die ma&szlig;geblichen Politiker der damaligen schwarz-gelben Bundesregierung und der damalige Bahnchef Grube, ein Bahnb&ouml;rsengang oder eine Privatisierung der DB AG st&uuml;nden &bdquo;nicht auf der Tagesordnung&ldquo;. Lutz konnte damals Gegenteiliges vortragen, da ihn niemand als k&uuml;nftigen Bahnchef auf dem Schirm hatte. Die Hybrid-Anleihe in H&ouml;he von 2 Milliarden Euro, die die DB im Oktober 2019 aufnahm, ist einerseits aus DB-Sicht kontraproduktiv, weil weit teurer als eine normale Anleihe (<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55544\">siehe Jens Berger auf NDS<\/a>). Sie f&uuml;hrt andererseits dazu, dass Finanzinvestoren bei der DB indirekt Einfluss gewinnen. Nur wenige Wochen nach seinem Amtsantritt als Bahnchef wurde Lutz im April 2017 auf der Bilanzpressekonferenz mit der Frage konfrontiert, wie er  beim Projekt Stuttgart 21 zu verfahren gedenke. Er antwortete, er sei &bdquo;finster entschlossen&ldquo;, Stuttgart 21 fertig zu bauen.[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] Das war eine typische Freud&lsquo;sche Fehlleistung: Lutz wei&szlig; nat&uuml;rlich, dass das Projekt kontraproduktiv ist. Er f&uuml;hrte im April 2018 im Verkehrsausschuss des Bundestages auch aus, dass das Projekt der DB dauerhaft Verluste einbringen w&uuml;rde. Doch er ist eben Teil der bahnzerst&ouml;rerischen DB-F&uuml;hrungskr&auml;fte-Crew, die sich politischen Vorgaben und nicht den Fahrg&auml;sten oder dem Schienenverkehr prim&auml;r verpflichtet f&uuml;hlt. <\/p><p>Die Volksweisheit lautet: Wie der Herr, so&acute;s G&lsquo;scherr. So auch im Fall des aktuellen Bahnvorstands. Lutz zur Seite steht &ndash; und an Lutz&acute; Stuhl s&auml;gt &ndash; Ronald Pofalla. Dieser ist ein Mann, der seine Entschlossenheit, &ouml;ffentliche Gelder zu veruntreuen, sehr fr&uuml;h dadurch dokumentierte, dass er als Bundestagsabgeordneter in den Jahren 2006 bis 2009 aus Mitteln f&uuml;r den MdB-B&uuml;robedarf Montblanc-Luxusschreibger&auml;te im Wert von 14.722,32 Euro orderte.[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>] Pofalla war lange Zeit Kanzleramtschef und unter Bundeskanzlerin Angela Merkel f&uuml;rs Grobe verantwortlich. Im Vorfeld der DB-Aufsichtsratssitzung am 5. M&auml;rz 2013, auf der eine neue Kostensteigerung f&uuml;r Stuttgart 21 beschlossen werden sollte und auf der die Zustimmung einzelner AR-Mitglieder als unsicher galt, schlug Pofallas Stunde. Er bearbeitete einzelne Aufsichtsr&auml;te &ndash; und konnte am Ende alle R&auml;te (mit der Ausnahme des GDL-Vertreters) f&uuml;r die Zustimmung zur S21-Kostenerh&ouml;hung gewinnen. Gegen Pofalla wurde in dieser Sache mehrfach Anklage wegen Untreue erhoben. Sein Einzug in den Vorstand der Deutschen Bahn im August 2015 wurde allerorten als Belohnung f&uuml;r seine Nibelungentreue gegen&uuml;ber der Kanzlerin interpretiert. Mit Eisenbahn hatte Pofalla nie etwas zu tun. In seiner CDU-Stammregion hatte er sich vielmehr als wackerer Promoter des hoch defizit&auml;ren Regionalflughafens Weeze hervorgetan, w&auml;hrend gleichzeitig Schienenstrecken in der betreffenden Region stillgelegt wurden. Als Verantwortlicher f&uuml;r die Bahn-Infrastruktur versagte Pofalla im Sommer 2017 bei dem Tunneleinbruch in Rastatt komplett. Das Handelsblatt monierte, Pofalla sei &bdquo;abgetaucht&ldquo;, um in bew&auml;hrter Weise die Angelegenheit &bdquo;auszusitzen&ldquo;.[<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>]<\/p><p>Seit dem 1. Januar 2019 ist Alexander Doll Finanzvorstand. Er &uuml;bt diese Funktion in Personalunion mit dem Job des Logistik-Verantwortlichen im Vorstand, den er seit Herbst 2017 innehat, aus. Als Finanzvorstand l&ouml;ste Doll Richard Lutz ab. Alexander Doll hat damit, von der &Ouml;ffentlichkeit weitgehend unbemerkt, eine enorme Machtf&uuml;lle auf sich konzentriert. Das ist erstaunlich f&uuml;r einen absoluten Newcomer &ndash; und aufschlussreich f&uuml;r einen Mann mit dieser h&ouml;chst spezifischen Vita: Als Doll im November 2017 zur Deutschen Bahn stie&szlig; &ndash; damals im Vorstand zun&auml;chst nur verantwortlich f&uuml;r die Gesch&auml;ftsfelder DB Cargo und DB Schenker &ndash; verwies Bahnchef Lutz in einem Brief an die &bdquo;lieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter&ldquo; darauf, dass Doll in seiner fr&uuml;heren Zeit als Banker &bdquo;uns als DB bei mehreren Projekten beraten&ldquo; hat. Das ist h&ouml;chst zur&uuml;ckhaltend formuliert. Alexander Doll ist Bankkaufmann mit viel Erfahrung im internationalen Investmentbanking. Es ist kaum n&ouml;tig zu betonen, dass er mit Eisenbahn nie etwas zu tun hatte. Doll war im Zeitraum 2001 bis 2009 in f&uuml;hrenden Positionen bei der Schweizer Bank UBS t&auml;tig. In dieser Funktion f&auml;delte er den Aufkauf des US-Logistikers Bax Global durch die Deutsche Bahn AG ein. Damit wollte Mehdorn den ersten gro&szlig;en Schritt als global player unternehmen. Das Ganze war ein Fehlschlag f&uuml;r die DB. Der Bahnkonzern musste das US-Gesch&auml;ft aufgeben. Doch es war ein gutes Gesch&auml;ft f&uuml;r UBS. Doll war sodann in den Jahren 2005 bis 2008, erneut als Top-Banker bei UBS, engagiert beim damals geplanten B&ouml;rsengang der Deutschen Bahn. Auch in diesem Fall war der damalige Bahnchef Hartmut Mehdorn sein Auftraggeber. Auch dieses Projekt war ein Fehlschlag f&uuml;r die DB. Und ein ausgezeichnetes Gesch&auml;ft f&uuml;r UBS. Im Fr&uuml;hjahr 2009 wechselte Alexander Doll dann zur Investmentbank Lazard. Er nahm dort im Zeitraum Mai 2009 bis Dezember 2012 die Position eines &bdquo;Managing Director of Financial Advisory Business Germany&ldquo; ein. In dieser Funktion organisierte er 2010 &ndash; in der Zeit mit R&uuml;diger Grube als Bahnchef &ndash; den bislang gr&ouml;&szlig;ten Auslandseinkauf der Deutschen Bahn AG &uuml;berhaupt, die &Uuml;bernahme des britischen Bus- und Schienenverkehrsbetreibers Arriva. Grube ist, wie beschrieben, heute f&uuml;r Lazard aktiv. 2018 wurde beschlossen, dass Arriva wieder verkauft wird. Wer ist damit im Bahnvorstand beauftragt? Richtig: Alexander Doll. Im Herbst 2019 zeichnet sich ab, dass die DB nicht einmal das Geld zur&uuml;ckbekommt, das 2010 f&uuml;r Arriva bezahlt wurde. Das w&auml;re dann ein Fehlschlag f&uuml;r die DB. Und wieder einmal ein Gesch&auml;ft f&uuml;r diejenigen Banker, die den neuen Arriva-Deal abwickeln. Wer wird dies sein? UBS? Lazard? Oder Barclay? F&uuml;r die letztgenannte Bank war Doll 2012 bis 2017 aktiv &ndash; in der Zeit, bevor er zur DB kam. Die zitierte Hybrid-Anleihe wiederum kommt die DB teuer zu stehen; sie zahlt hier einige Dutzend Millionen Euro mehr als im Fall einer normalen Anleihe. Das Ganze ist zugleich ein gutes Gesch&auml;ft f&uuml;r die beteiligten Banken.<\/p><p>Grunds&auml;tzlich muss die Frage gestellt werden: Was k&ouml;nnte die Motivation f&uuml;r den 47-j&auml;hrigen Alexander Doll gewesen sein, 2017 trotz &bdquo;deutlicher Einkommenseinbu&szlig;en&ldquo; zur DB zu wechseln? Er gilt  als &bdquo;einer der bekanntesten Investmentbanker Deutschlands&ldquo; und vertrat  bis zu seinem Wechsel zur DB in nicht gek&uuml;ndigter Position die Gro&szlig;bank Barclays in Deutschland. &bdquo;Doll gilt als Dealmaker&ldquo;, schreibt das &bdquo;Finanz-Magazin&ldquo; vom 10. November 2017. Und mit &bdquo;Deals&ldquo; bei der Deutschen Bahn AG d&uuml;rften in erster Linie neue Versuche einer Teilprivatisierung gemeint sein &ndash; oder die Ausgliederung beispielsweise des Schieneng&uuml;terverkehrs. Der Verantwortliche bei DB Cargo hei&szlig;t im &Uuml;brigen seit November 2017 Roland Bosch. Ihn qualifizierten f&uuml;r diesen Job die Tatsachen, dass er Betriebswirtschaftler ist, dass er im fr&uuml;heren Berufsleben f&uuml;r eine Beratungsfirma, die Boston Consulting Group, t&auml;tig war und dass er von 2002 bis 2010 als F&uuml;hrungskraft f&uuml;r den Bahn-Konkurrenten und gr&ouml;&szlig;ten Lkw- und Bushersteller Europas, den Daimler-Konzern, arbeitete.<\/p><p>Die Deutsche Bahn AG erlebt aktuell ihre gr&ouml;&szlig;te Krise. Der Konzern ist faktisch &uuml;berschuldet. Die Infrastruktur marode. Die Bahn-Oberen haben aktuell das unverdiente Gl&uuml;ck, dass im Rahmen der zugespitzten Klimadebatte neue Milliarden in den Konzern flie&szlig;en. Damit wird jedoch diese Krise nur &uuml;bert&uuml;ncht. Der Vorstand und die Mehrheit der F&uuml;hrungskr&auml;fte im Konzern Deutsche Bahn sind so zusammengesetzt, dass sie nicht in der Lage sein werden, die Krise des Konzerns zu bew&auml;ltigen. Ja, sie haben daran schlicht kein Interesse. Diesen Bahn-Oberen sind die Interessen der Fahrg&auml;ste und der Bahnbesch&auml;ftigten mehr oder weniger gleichg&uuml;ltig sind. Sie bringen dies nicht selten offen zum Ausdruck. So als der damalige Bahnchef Mehdorn erkl&auml;rte: &bdquo;Bei Strecken, auf denen ich mit dem Zug l&auml;nger als drei Stunden unterwegs bin, nehme ich den Flieger. Denn lange Bahnreisen sind eine Tortur.&ldquo;[<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>] Oder wenn Ulrich Homburg, bis 2015 DB-Verantwortlicher f&uuml;r den Fernverkehr, offen bekannte, nie Nachtzug gefahren zu sein &ndash; aber den Nachtzug dann einfach einstellte. Homburg wurde im &Uuml;brigen in besonderer Weise bei den eingangs erw&auml;hnten &bdquo;Beratervertr&auml;gen&ldquo; bedacht. Oder wenn Grube und Lutz vom &bdquo;Autonomen Fahren&ldquo; schw&auml;rmen und sich f&uuml;r die neue Offensive der Autoindustrie in Form von floatenden Stadtautos engagieren.<\/p><p>Viele der Top-Verantwortlichen im Bahn-Konzern vertreten, wie aufgezeigt, Interessen, die in Widerspruch zu einer gedeihlichen Entwicklung der Schiene stehen. Und alle betreiben sie eine Politik, die kontraproduktiv f&uuml;r den &ouml;ffentlichen Verkehr im Allgemeinen und den auf Schienen im Besonderen ist. Es gibt damit in Deutschland &ndash; und im &Uuml;brigen zugleich in Europa &ndash; Indizien f&uuml;r einen vergleichbaren, gef&auml;hrlichen Prozess, wie wir ihn in den USA mit dem Niedergang des schienengebundenen, &ouml;ffentlichen Verkehrs im Zeitraum 1930 bis 1960 erlebt hatten. F&uuml;r die USA gilt als belegt, dass f&uuml;r die Zerst&ouml;rung des &ouml;ffentlichen Verkehrs in den US-St&auml;dten eine Verschw&ouml;rungspraxis verantwortlich war, die von den Autokonzernen General Motors, Ford, Chrysler im Verbund mit dem Reifenhersteller Firestone organisiert wurde, ein vor der &Ouml;ffentlichkeit geheim gehaltenes Komplott, dessen Wirken nachtr&auml;glich in einem Ausschuss des US-Senat im Jahr 1974 mit dem &bdquo;Snell-Report&ldquo; dokumentiert wurde.[<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>]<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Im Juli 2017 wurde publik, dass Grube als Chairman f&uuml;r das deutsche Investmentbanking der Verm&ouml;gensverwaltungs- und Finanzberatungsgesellschaft Lazard &bdquo;gewonnen&ldquo; wurde. Die &bdquo;S&uuml;ddeutsche Zeitung&ldquo;: &bdquo;Als Grube als Bahnchef eine Teilprivatisierung der T&ouml;chter Schenker und Arriva pr&uuml;fen lie&szlig;, bekam Lazard den Auftrag.&ldquo; Was f&uuml;r die SZ ein &bdquo;bisschen Geschm&auml;ckle&ldquo; hat. (SZ 14.7.2017). Seit Sommer 2017 arbeitet Grube als Berater f&uuml;r die Firma Herrenknecht, weltweit gr&ouml;&szlig;ter Hersteller von Tunnelbohrmaschinen. Die Deutsche Bahn ist Deutschlands gr&ouml;&szlig;ter Auftraggeber im Tunnelbau. Stuttgart 21 ist das gr&ouml;&szlig;te Tunnelbau-Projekt im Land &uuml;berhaupt. Ein wesentlicher Auftragnehmer beim S21-Gro&szlig;projekt ist Herrenknecht. Ein knappes Jahr vor seinem Weggang bei der DB, im April 2016, lie&szlig; Grube verf&uuml;gen, dass die DB-Speditionstochter Schenker &bdquo;Lang-Lkws&ldquo;, auch &bdquo;Giga-Liner&ldquo; genannt, einsetzen kann, obgleich diese den Schieneng&uuml;terverkehr substanziell bedrohen. Es war damals die Lkw-Spedition Schockem&ouml;hle, die sich in diesem Bereich besonders engagierte. Grube ist seit Sommer 2017 Beiratsvorsitzender bei der Lkw-Speditionsfirma Paul Schockem&ouml;hle. Beim Gro&szlig;auftrag f&uuml;r die neueste ICE-Generation (ICE 4) ist Bombardier Transportation nach Siemens der entscheidende Lieferant. Der Zuschlag erfolgte zu Grube-Zeiten. Im Sommer 2019 wurde bekannt: Grube wird Aufsichtsratsvorsitzender von Bombardier Transportation.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Der Verband tritt ein f&uuml;r einen generellen &bdquo;Aus- und Neubau der Fernstra&szlig;en&ldquo;. Er fordert &bdquo;die Luftverkehrssteuer ad acta zu legen&ldquo;, &bdquo;Nachtflugverbote und Flugverbote in Tagesrandzeiten [&hellip;] zu verhindern&ldquo; und &bdquo;die gro&szlig;en Flughafendrehkreuze bedarfsgerecht&ldquo; auszubauen. <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Neubauer k&uuml;ndigte ihren Job Anfang 2019. Sie war noch bis September 2019 f&uuml;r die DB aktiv. Im Oktober &uuml;bernahm J&uuml;rgen Kornmann ihren Job. Kornmann war 1998 bis 2007 f&uuml;r VW aktiv, u.a. als Markensprecher f&uuml;r Vertrieb, Marketing, Elektronische Medien und IT. Nach: Zeit online vom 22. Februar 2019.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Ich bin ein Autofan, Interview mit Antje Neubauer in: Unterwegs, Oktober 2018 (turi2 edition #7).<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Siehe W. Wolf, abgrundtief + bodenlos. Stuttgart 21, sein absehbares Scheitern und die Kultur des Widerstands, 3. Auflage M&auml;rz 2019, S. 176.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Montblanc-Aff&auml;re &ndash; Pofalla griff bei Luxusf&uuml;llern am meisten zu, in: Berliner Morgenpost vom 24. August 2016.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] Handelsblatt vom 30. August 2017; siehe ausf&uuml;hrlich Winfried Wolf, abgrundtief + bodenlos. Stuttgart 21, sein absehbares Scheitern und die Kultur des Widerstands,  K&ouml;ln, a.a.O., S. 324.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] S&auml;chsische Zeitung vom 14. Januar 2003.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] Im Jahr 1974 wurde in der f&uuml;r den US-Senat verfassten Studie von Bradford C. Snell umfassend dokumentiert, wie General Motors, Standard Oil und der Reifenhersteller Firestone die radikale Umstrukturierung des Transportsektors &uuml;ber mehr als drei Jahrzehnte hinweg mit krimineller Energie vorangetrieben hatten. Danach wurden nach der Weltwirtschaftskrise, in den 1930er Jahren, in Millionenst&auml;dten wie Baltimore, Philadelphia, New York, St. Louis und Los Angeles die Unternehmen mit schienengebundenen Verkehrsmitteln, die jahrzehntelang gut funktioniert hatten, aufgekauft, der Schienen-Transport abgebaut bzw. auf Busverkehr umstrukturiert. Zu diesem Zweck gr&uuml;ndeten General Motors, Standard Oil of California (also Rockefeller) und der f&uuml;hrende Reifenhersteller Firestone, die Holding National City Lines. Bis 1950 kaufte diese Gesellschaft Stadt f&uuml;r Stadt elektrische Verkehrssysteme auf und wandelte sie in Busgesellschaften um. Dieser tiefgreifende Umbau des nordamerikanischen Verkehrssektors wurde noch dadurch beg&uuml;nstigt, dass General Motors zu diesem Zeitpunkt in den USA 70 Prozent aller Autobusse und 80 Prozent aller Lokomotiven herstellte und somit die Transportarten, die eine Alternative zum privaten Stra&szlig;enverkehr bildeten, kontrollierte. Siehe ausf&uuml;hrlich bei: Winfried Wolf, Verkehr. Umwelt. Klima. Die Globalisierung des Tempowahns, Wien 2009, Seite 136ff  und: Wikipedia: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gro%C3%9Fer_Amerikanischer_Stra%C3%9Fenbahnskandal\">de.wikipedia.org\/wiki\/Gro%C3%9Fer_Amerikanischer_Stra%C3%9Fenbahnskandal<\/a>. Auch: <a href=\"http:\/\/www.wikireal.org\/w\/images\/1\/17\/Thesen-Papier_WS11_-_Autoindustrie%2C_Snell-Report.pdf\">wikireal.org\/w\/images\/1\/17\/Thesen-Papier_WS11_-_Autoindustrie%2C_Snell-Report.pdf<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einer Woche und p&uuml;nktlich zur Frankfurter Buchmesse erschien das Buch &bdquo;Abgefahren. Warum wir eine neue Bahnpolitik brauchen&ldquo;. Verfasser sind Bernhard Knierim und Winfried Wolf, beides ausgewiesene Verkehrsexperten und Freunde der Schiene &ndash; aber eben auch engagierte Kritiker des Bahnkonzerns. Was dort vorgeht, geht uns alle an, weil wir darunter leiden und weil wir daf&uuml;r<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55763\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[127,28,208,74,73],"tags":[270,1502,2428,268,1071,597,2429,2385,596,1463,274,2445,411,2479],"class_list":["post-55763","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-lobbyismus-und-politische-korruption","category-privatisierung","category-rezensionen","category-stuttgart-21","category-verkehrspolitik","tag-boersengang","tag-daimlermercedes","tag-duerr-heinz","tag-deutsche-bahn","tag-gdl","tag-grube-ruediger","tag-ludewig-johannes","tag-lutz-richard","tag-mehdorn-hartmut","tag-pofalla-ronald","tag-ruettgers-juergen","tag-schienenverkehr","tag-schroeder-gerhard","tag-wolf-winfried"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/55763","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=55763"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/55763\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":55808,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/55763\/revisions\/55808"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=55763"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=55763"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=55763"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}