{"id":55887,"date":"2019-10-25T14:16:00","date_gmt":"2019-10-25T12:16:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55887"},"modified":"2019-11-08T10:31:43","modified_gmt":"2019-11-08T09:31:43","slug":"julian-assange-im-gerichtssaal-ein-schatten-seiner-selbst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55887","title":{"rendered":"Julian Assange im Gerichtssaal \u2013 Ein Schatten seiner selbst"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/191023-craig_murray.jpg\" alt=\"Craig Murray\" title=\"Craig Murray\"><\/div><p>Am vergangenen Montag fand vor dem Westminster Magistrates Court in London eine Anh&ouml;rung statt, in der es um das weitere Vorgehen im Fall Assange ging. Es war der erste &ouml;ffentliche Auftritt von Julian Assange seit seiner Verhaftung vor einem halben Jahr. Der britische Historiker, Ex-Botschafter und Menschenrechtsaktivist <strong>Craig Murray<\/strong> war unter den Anwesenden im Gerichtssaal. Er ver&ouml;ffentlichte <a href=\"https:\/\/www.craigmurray.org.uk\/archives\/2019\/10\/assange-case\/\">auf seiner Webseite<\/a> einen bewegenden <a href=\"https:\/\/www.craigmurray.org.uk\/archives\/2019\/10\/assange-in-court\/\">Bericht<\/a> &uuml;ber das, was er im Gerichtssaal sehen und h&ouml;ren musste. Nachfolgend <a href=\"https:\/\/www.craigmurray.org.uk\/archives\/2019\/10\/assange-in-court\/\">aus dem Englischen<\/a> die &Uuml;bersetzung ins Deutsche von <strong>Susanne Hofmann<\/strong> und <strong>Moritz M&uuml;ller<\/strong>, die Craig Murray uns freundlicherweise gestattete.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Julian Assange im Gerichtssaal<\/strong><\/p><p>Ich war zutiefst ersch&uuml;ttert, als ich den gestrigen Vorg&auml;ngen vor dem Westminster Magistrates Court beiwohnte. Jede Entscheidung wurde von einer Richterin, die noch nicht einmal so tat, als w&uuml;rde sie zuh&ouml;ren, gegen die kaum geh&ouml;rten Argumente und Einw&auml;nde des Assange-Rechtsbeistands durchgeboxt.<\/p><p>Bevor ich auf den eklatanten Mangel an fairem Prozedere zur&uuml;ckkomme, muss ich zun&auml;chst auf Julians Zustand eingehen. Ich war zutiefst schockiert &uuml;ber den Gewichtsverlust meines Freundes, &uuml;ber die Geschwindigkeit, mit der sein Haar zur&uuml;ckgegangen ist, und &uuml;ber die Anzeichen vorzeitigen und stark beschleunigten Alterns. Er hinkt merklich, was ich noch nie zuvor gesehen habe. Seit seiner Verhaftung hat er &uuml;ber 15 kg Gewicht verloren.<\/p><p>Aber seine k&ouml;rperliche Erscheinung war nicht so schockierend wie sein geistiger Verfall. Als er gebeten wurde, seinen Namen und sein Geburtsdatum zu nennen, k&auml;mpfte er mehrere Sekunden lang sichtlich, sich an beides zu erinnern. Ich werde zum gegebenen Zeitpunkt auf den wichtigen Inhalt seiner Erkl&auml;rung am Ende des Verfahrens kommen, aber seine Schwierigkeit, sie abzugeben, war sehr offensichtlich; es war ein echter Kampf f&uuml;r ihn, die Worte zu artikulieren und sich auf seinen Gedankengang zu konzentrieren.<\/p><p>Bis gestern war ich immer leicht skeptisch gegen&uuml;ber denen gewesen, die behaupteten, dass Julians Behandlung Folter sei &ndash; sogar <a href=\"https:\/\/medium.com\/@njmelzer\/demasking-the-torture-of-julian-assange-b252ffdcb768\">gegen&uuml;ber Nils Melzer<\/a>, dem UN-Sonderberichterstatter f&uuml;r Folter &ndash; und gegen&uuml;ber denen, die behaupteten, dass er m&ouml;glicherweise einer zerm&uuml;rbenden Drogenbehandlung ausgesetzt sei. Aber weil ich in Usbekistan an den Prozessen gegen mehrere Opfer extremer Folter teilgenommen und mit &Uuml;berlebenden aus Sierra Leone und anderen L&auml;ndern zusammengearbeitet habe, kann ich Ihnen sagen, dass ich gestern meine Meinung vollst&auml;ndig ge&auml;ndert habe. Julian zeigte genau die Symptome eines Folteropfers, das blinzelnd ins Licht der &Ouml;ffentlichkeit gebracht wird, insbesondere in Bezug auf Orientierungslosigkeit, Verwirrung und die echte M&uuml;he, seinen freien Willen durch den Nebel antrainierter Hilflosigkeit zu behaupten.<\/p><p>Ich war noch skeptischer gegen&uuml;ber denen gewesen, die behaupteten &ndash; wie ein leitender Mitarbeiter seines Anwalt-Teams am Sonntagabend mir gegen&uuml;ber &ndash; sie seien besorgt, dass Julian m&ouml;glicherweise nicht bis zum Ende des Auslieferungsverfahrens &uuml;berleben w&uuml;rde. Nun glaube ich nicht nur an diese M&ouml;glichkeit, sondern ich werde auch von diesem Gedanken verfolgt. Jeder, der gestern in diesem Gerichtssaal war, konnte sehen, dass einer der gr&ouml;&szlig;ten Journalisten und wichtigsten Dissidenten unserer Zeit vom Staat vor unseren Augen zu Tode gefoltert wird. Meinen Freund, den redegewandtesten Menschen und schnellsten Denker, den ich je kannte, zu diesem taumelnden und verwirrten Wrack degradiert zu sehen, war unertr&auml;glich. Doch die Vertreter des Staates, insbesondere die gef&uuml;hllose Richterin Vanessa Baraitser, waren nicht nur bereit, sondern begierig, an dieser Hetzjagd teilzunehmen. Sie sagte ihm sogar, seine Anw&auml;lte k&ouml;nnten ihm ja sp&auml;ter erkl&auml;ren, was sich zugetragen habe, wenn er nicht in der Lage sei, das Verfahren zu verfolgen. Die Frage, warum ein Mann, der gerade durch die gegen ihn erhobenen Vorw&uuml;rfe als hochintelligent und kompetent anerkannt wurde, von der Hand des Staates zu einem Menschen gemacht wurde, der nicht in der Lage war, ein Gerichtsverfahren zu verfolgen, beunruhigte sie keine Millisekunde lang.<\/p><p>Die Anklage gegen Julian ist sehr konkret; Verschw&ouml;rung mit Chelsea Manning, um die Irak-Kriegsprotokolle, die Afghanistan-Kriegsprotokolle und die diplomatischen Depeschen des Au&szlig;enministeriums zu ver&ouml;ffentlichen. Die Anschuldigungen haben nichts mit Schweden zu tun, nichts mit Sex und nichts mit den US-Wahlen 2016; eine einfache Klarstellung, die die Mainstream-Medien anscheinend nicht verstehen k&ouml;nnen.<\/p><p>Zweck der gestrigen Anh&ouml;rung war das Fallmanagement, um den Zeitplan f&uuml;r das Auslieferungsverfahren festzulegen. Die Streitfragen waren, dass Julians Verteidigung mehr Zeit f&uuml;r die Vorbereitung ihrer Beweise forderte und dass politische Straftaten ausdr&uuml;cklich vom Auslieferungsvertrag ausgeschlossen wurden. Es sollte daher in den Augen seiner Verteidiger eine Voruntersuchung stattfinden, um festzustellen, ob der Auslieferungsvertrag &uuml;berhaupt Anwendung findet.<\/p><p>Die Gr&uuml;nde, die die Anw&auml;lte von Assange f&uuml;r mehr Zeit zur Vorbereitung anf&uuml;hrten, waren so &uuml;berzeugend wie alarmierend. Sie hatten nur sehr begrenzten Zugang zu ihrem Klienten im Gef&auml;ngnis und durften ihm bis vor einer Woche keine Dokumente &uuml;ber den Fall &uuml;bergeben. Er habe auch nur begrenzten Computerzugang erhalten und alle seine relevanten Aufzeichnungen und Materialien waren von der US-Regierung in der ecuadorianischen Botschaft beschlagnahmt worden; er habe keinen Zugang zu seinem eigenen Material zur Vorbereitung seiner Verteidigung.<\/p><p>Dar&uuml;ber hinaus argumentierte die Verteidigung, dass sie mit der spanischen Justiz in Kontakt st&uuml;nde, und zwar in Bezug auf einen &auml;u&szlig;erst relevanten <a href=\"https:\/\/elpais.com\/elpais\/2019\/10\/09\/inenglish\/1570606428_107946.html\">Rechtsstreit in Madrid<\/a>, welcher entscheidende Beweise liefern w&uuml;rde. Er zeige, dass die CIA die &Uuml;berwachung von Julian in der Botschaft in Auftrag gegeben hatte, und zwar durch eine spanische Firma, UC Global, welche dort f&uuml;r Sicherheit sorgen sollte. Dazu geh&ouml;rte vor allem das <a href=\"https:\/\/elpais.com\/elpais\/2019\/07\/09\/inenglish\/1562663427_224669.html\">Abh&ouml;ren vertraulicher Gespr&auml;che<\/a> zwischen Assange und seinen Anw&auml;lten &uuml;ber seine Verteidigung gegen dieses Auslieferungsverfahren, das seit 2010 in den USA in Vorbereitung war. In jedem normalen Verfahren w&uuml;rde diese Tatsache an sich ausreichen, die Einstellung des Auslieferungsverfahrens zu erreichen. &Uuml;brigens habe ich am Sonntag erfahren, dass das spanische Beweismaterial, das bei dem Gericht eingereicht wurde und das von der CIA in Auftrag gegeben wurde, insbesondere eine hochaufl&ouml;sende Videoaufzeichnung beinhaltet, in der Julian und ich verschiedene Themen besprechen.<\/p><p>Zu den Beweisen vor dem spanischen Gericht geh&ouml;rt auch ein Plan der CIA, Assange zu entf&uuml;hren. Das zeigt die Einstellung der US-Beh&ouml;rden zur Rechtm&auml;&szlig;igkeit in Julians Fall auf und die Art von Behandlung, die er in den Vereinigten Staaten zu erwarten hat. Julians Team erkl&auml;rte, dass das spanische Gerichtsverfahren jetzt im Gange sei und die dort vorgelegten Beweise f&uuml;r Julians Verfahren &auml;u&szlig;erst wichtig w&auml;ren, dass der Prozess in Madrid aber m&ouml;glicherweise nicht rechtzeitig abgeschlossen und die dortigen Beweise nicht vollst&auml;ndig validiert sein w&uuml;rden, um f&uuml;r den aktuell vorgeschlagenen Zeitplan f&uuml;r die Assange-Auslieferungsanh&ouml;rungen verf&uuml;gbar zu sein.<\/p><p>F&uuml;r die Anklage erkl&auml;rte James Lewis QC (Kronanwalt, Anm. MM), dass die Regierung einen Aufschub zur Vorbereitung der Verteidigung entschieden ablehne und sich entschieden gegen jede gesonderte Betrachtung der Frage wende, ob die Anklage eine politische Straftat sei, die durch den Auslieferungsvertrag ausgeschlossen sei. Baraitser griff dieses Stichwort von Lewis auf und erkl&auml;rte kategorisch, dass der Termin f&uuml;r die Auslieferungsanh&ouml;rung, der 25. Februar, nicht ge&auml;ndert werden k&ouml;nne. Sie war offen f&uuml;r &Auml;nderungen der Fristen f&uuml;r die Einreichung von Beweismitteln und Erwiderungen vor diesem Zeitpunkt und verf&uuml;gte eine zehnmin&uuml;tige Unterbrechung zur Vereinbarung dieser Schritte zwischen Anklage und Verteidigung.<\/p><p>Was danach geschah, war sehr erhellend. F&uuml;nf Vertreter der US-Regierung waren anwesend (zun&auml;chst drei, zwei weitere kamen im Laufe der Anh&ouml;rung dazu), die an Schreibtischen hinter den Anw&auml;lten vor Gericht sa&szlig;en. Die Staatsanw&auml;lte steckten sofort mit den US-Vertretern die K&ouml;pfe zusammen und dann gingen sie mit ihnen vor den Gerichtssaal, um zu entscheiden, wie sie auf die vorgeschlagenen Termine reagieren sollen.<\/p><p>Nach der Pause erkl&auml;rte das Verteidigungsteam, sie k&ouml;nnten sich nach ihrer fachlichen Einsch&auml;tzung nicht angemessen vorbereiten, wenn der Verhandlungstermin auf Februar festgelegt werde. Doch auf Baraitsers Anweisung, dies doch zu tun, skizzierten sie dennoch einen vorgeschlagenen Zeitplan f&uuml;r die Beweiserbringung. Als Reaktion darauf eilte Lewis&rsquo; Junior Counsel (Assistent, Anm. MM) nach hinten, um die Amerikaner wieder zu konsultieren, w&auml;hrend Lewis dem Richter doch tats&auml;chlich sagte, dass er &bdquo;Anweisungen von denen hinter uns entgegennehme&rdquo;. Es ist wichtig festzuhalten, dass, als er dies sagte, nicht das B&uuml;ro des britischen Generalstaatsanwalts konsultiert wurde, sondern die US-Botschaft. Lewis erhielt seine amerikanischen Anweisungen und stimmte zu, dass die Verteidigung zwei Monate Zeit haben k&ouml;nnte, um ihre Beweise vorzubereiten (sie hatten gesagt, sie br&auml;uchten mindestens drei), dass aber der Termin im Februar nicht verschoben werden k&ouml;nne. Baraitser stimmte in ihrem Urteil allem zu, was Lewis gesagt hatte.<\/p><p>Zu diesem Zeitpunkt war unklar, warum wir diese Farce durchstehen mussten. Die US-Regierung diktierte Lewis ihre Anweisungen, der diese an Baraitser weitergab, die sie wiederum als ihre rechtliche Entscheidung anordnete. Dieses Schauspiel h&auml;tte genauso gut abgek&uuml;rzt werden k&ouml;nnen, indem die US-Regierung sich einfach auf den Richterstuhl gesetzt h&auml;tte, um den gesamten Prozess zu kontrollieren. Niemand im Gerichtssaal konnte glauben, dass er sich in einem echten Gerichtsverfahren befand oder dass Baraitser auch nur einen Moment lang &uuml;ber die Argumente der Verteidigung nachdachte. Ihr Gesichtsausdruck in den wenigen Momenten, in denen sie die Verteidigung ansah, reichte von Verachtung &uuml;ber Langeweile bis hin zu Sarkasmus. Als sie Lewis ansah, war sie aufmerksam, offen und herzlich.<\/p><p>Die Auslieferung soll offensichtlich nach einem von Washington vorgegebenen Zeitplan durchgepeitscht werden. Was macht das Datum im Februar f&uuml;r die USA so wichtig? Abgesehen von dem Wunsch, dem spanischen Gerichtsverfahren, welches Beweise f&uuml;r die CIA-T&auml;tigkeit bei der Sabotage der Verteidigung liefert, vorzugreifen? Ich w&uuml;rde Ideen dazu willkommen hei&szlig;en.<\/p><p>Baraitser wies den Antrag der Verteidigung auf eine separate vorherige Anh&ouml;rung, um zu pr&uuml;fen, ob der Auslieferungsvertrag &uuml;berhaupt anwendbar ist, zur&uuml;ck, ohne sich die M&uuml;he zu machen, einen Grund daf&uuml;r anzugeben (m&ouml;glicherweise hatte sie sich nicht richtig eingepr&auml;gt, was Lewis ihr aufgetragen hatte). Doch dies ist Artikel 4 des <a href=\"https:\/\/assets.publishing.service.gov.uk\/government\/uploads\/system\/uploads\/attachment_data\/file\/243246\/7146.pdf\">Auslieferungsvertrags zwischen dem Vereinigten K&ouml;nigreich und den USA von 2007<\/a> in vollem Umfang:<\/p><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/191023-Screenshot-942.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Auf den ersten Blick ist das, was Assange vorgeworfen wird, die genaue Definition eines politischen Vergehens &ndash; wenn nicht, was dann? Es f&auml;llt unter keine der Ausnahmen auf der Liste. Es gibt allen Grund zu pr&uuml;fen, ob diese Anklage vom Auslieferungsvertrag ausgeschlossen ist, und zwar vor dem langen und sehr kostspieligen Prozess der Pr&uuml;fung aller Beweise, ob der Vertrag Anwendung finden sollte. Aber Baraitser wies dieses Argument einfach von vornherein zur&uuml;ck.<\/p><p>F&uuml;r den Fall, dass jemand an dem, was hier geschah, gezweifelt haben sollte, stand Lewis dann auf und schlug vor, dass es der Verteidigung nicht erlaubt sein sollte, die Zeit des Gerichts mit vielen Argumenten zu verschwenden. Alle Beweise f&uuml;r die wirkliche Anh&ouml;rung sollten im Voraus schriftlich mitgeteilt werden und eine &ldquo;Guillotine sollte angewendet werden&rdquo; (seine genauen Worte) auf Argumente und Zeugen vor Gericht, um die Verteidigung auf vielleicht f&uuml;nf Stunden zu beschr&auml;nken. Die Verteidigung hatte angedeutet, dass sie mehr als die vorgesehenen f&uuml;nf Tage ben&ouml;tigen w&uuml;rde, um ihren Fall vorzubringen. Lewis konterte, dass die gesamte Anh&ouml;rung in zwei Tagen beendet sein solle. Baraitser sagte, dies sei nicht der richtige Zeitpunkt, um dem zuzustimmen, aber sie werde es in Betracht ziehen, sobald sie die Beweiskonvolute erhalten habe.<\/p><p>(SPOILER: Baraitser wird tun, was Lewis anweist, und die inhaltliche Anh&ouml;rung verk&uuml;rzen).<\/p><p>Baraitser vollendete dann alles, indem sie sagte, dass die Februar-Anh&ouml;rung nicht am vergleichsweise offenen und zug&auml;nglichen Westminster Magistrates Court, wo wir uns befanden, sondern am Belmarsh Magistrates Court, stattfinden solle, der grimmigen Hochsicherheitseinrichtung, die f&uuml;r die vorl&auml;ufige Aburteilung von Terroristen verwendet wird und an das Hochsicherheitsgef&auml;ngnis angeschlossen ist, in dem Assange festgehalten wird. Es gibt selbst im gr&ouml;&szlig;ten Gerichtssaal von Belmarsh nur sechs Pl&auml;tze f&uuml;r die &Ouml;ffentlichkeit, und das Ziel besteht eindeutig darin, der &ouml;ffentlichen Kontrolle zu entgehen und daf&uuml;r zu sorgen, dass Baraitser in der &Ouml;ffentlichkeit nicht wieder einem authentischen Bericht &uuml;ber ihre Verfahrensweise, wie diesem, den Sie gerade lesen, ausgesetzt wird. Ich werde wahrscheinlich nicht an der ordentlichen Anh&ouml;rung in Belmarsh teilnehmen k&ouml;nnen.<\/p><p>Offensichtlich waren die Beh&ouml;rden verunsichert &uuml;ber Hunderte von anst&auml;ndigen Menschen, die gekommen waren, um Julian zu unterst&uuml;tzen. Sie hoffen, dass weitaus weniger Menschen am viel weniger zug&auml;nglichen Belmarsh erscheinen werden. Ich bin mir ziemlich sicher (und erinnern Sie sich, dass ich auf eine lange Karriere als Diplomat zur&uuml;ckblicke), dass die beiden zus&auml;tzlichen amerikanischen Regierungsbeamten, die zur H&auml;lfte der Sitzung angekommen sind, bewaffnete Sicherheitskr&auml;fte waren, die angefordert wurden aus Sorge &uuml;ber die Anzahl von Demonstranten bei einer Anh&ouml;rung, bei der hohe US-Beamte anwesend waren. Der Umzug nach Belmarsh ist m&ouml;glicherweise eine amerikanische Initiative.<\/p><p>Das Verteidigungsteam von Assange wandte sich heftig gegen die Verlegung der Anh&ouml;rung nach Belmarsh, insbesondere mit der Begr&uuml;ndung, dass dort keine Konferenzr&auml;ume f&uuml;r die Konsultation ihres Mandanten zur Verf&uuml;gung stehen und sie im Gef&auml;ngnis nur sehr unzureichenden Zugang zu ihm haben. Baraitser wies ihren Einwand sofort und mit einem sehr deutlichen Grinsen zur&uuml;ck.<\/p><p>Schlie&szlig;lich wandte sich Baraitser an Julian und befahl ihm, sich zu erheben, und fragte ihn, ob er das Verfahren verstanden habe. Er verneinte dies und sagte, dass er nicht denken k&ouml;nne, und gab allen Anschein von Orientierungslosigkeit. Dann schien er eine innere Kraft zu finden, zog sich ein wenig hoch und sagte:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ich verstehe nicht, wie dieser Prozess gerecht sein soll. Diese Supermacht hatte 10 Jahre Zeit, sich auf diesen Fall vorzubereiten, und ich kann nicht einmal auf meine Schriften zugreifen. Es ist sehr schwierig, dort, wo ich bin, etwas zu tun. Diese Leute haben unbegrenzte Ressourcen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Die Anstrengung schien ihn dann zu &uuml;berw&auml;ltigen, seine Stimme wurde leiser und er wirkte zunehmend verwirrt und sprach unzusammenh&auml;ngend. Er sprach davon, dass Informanten und Verleger als Feinde des Volkes bezeichnet werden, dann davon, dass die DNA seiner Kinder gestohlen wurde und dass er bei seinen Treffen mit seinem Psychologen bespitzelt wird. Ich behaupte &uuml;berhaupt nicht, dass Julian sich darin geirrt hat, aber er konnte diese Punkte nicht richtig pr&auml;sentieren oder artikulieren. Er war offensichtlich nicht er selbst, sehr krank, und es war einfach schrecklich schmerzhaft zu beobachten. Baraitser zeigte weder Anteilnahme noch die geringste Sorge. Mit scharfen Worten merkte sie an, dass, wenn er das Geschehen nicht verstehen k&ouml;nne, seine Anw&auml;lte es ihm erkl&auml;ren k&ouml;nnten, und dann rauschte sie ab.<\/p><p>Die ganze Erfahrung war zutiefst ersch&uuml;tternd. Es war sehr deutlich, dass hier keine echte rechtliche Pr&uuml;fung stattfand. Was wir sahen, war eine nackte Machtdemonstration des Staates und ein nacktes Diktat des Verfahrens durch die Amerikaner. Julian war in einem Kasten hinter Panzerglas, und ich und die drei&szlig;ig anderen Mitglieder der &Ouml;ffentlichkeit, die sich hineingequetscht hatten, befanden sich in einem anderen Kasten hinter Panzerglas. Ich wei&szlig; nicht, ob er mich oder seine anderen Freunde vor Gericht sehen konnte oder ob er in der Lage war, jemanden zu erkennen. Er gab keine Hinweise darauf, dass das der Fall war.<\/p><p>In Belmarsh wird er 23 Stunden am Tag in v&ouml;lliger Isolation gehalten. Er hat 45 Minuten Hofgang. Wenn er im Geb&auml;ude bewegt wird, r&auml;umen sie die G&auml;nge, bevor er diese entlanggeht, und alle Zellent&uuml;ren werden verriegelt, um sicherzustellen, dass er au&szlig;erhalb des kurzen und streng &uuml;berwachten Hofgangs keinen Kontakt zu anderen Gefangenen hat. Es gibt keine Rechtfertigung daf&uuml;r, dass dieses unmenschliche Regime, das gegen Top-Terroristen eingesetzt wird, einem Verleger, der ein Untersuchungsh&auml;ftling ist, auferlegt wird.<\/p><p>Ich dokumentiere und protestiere seit Jahren gegen die zunehmend autorit&auml;ren Kr&auml;fte des britischen Staates, aber dass sich der &uuml;belste Amtsmissbrauch so offen und unverhohlen vollziehen k&ouml;nnte, ist immer noch ein Schock. Die Kampagne zur D&auml;monisierung und Entmenschlichung von Julian, die auf einer Regierungs- und Medienl&uuml;ge nach der anderen basiert, hat zu einer Situation gef&uuml;hrt, in der er langsam, &ouml;ffentlich sichtbar get&ouml;tet werden kann und in der er der Ver&ouml;ffentlichung der Wahrheit &uuml;ber Fehlverhalten der Regierung angeklagt ist, w&auml;hrend die &bdquo;liberale&rdquo; Gesellschaft ihm keine Unterst&uuml;tzung gew&auml;hrt.<\/p><p>Wenn Julian nicht bald freigelassen wird, wird er vernichtet. Wenn der Staat dies tun kann, wer ist dann der n&auml;chste?<\/p><p><em><strong>Anm. MM:<\/strong> Dass im Herzen Londons, in der EU, unter den Augen der &Ouml;ffentlichkeit, ein Mensch so gnadenlos misshandelt und seiner Menschenrechte beraubt werden kann, ohne dass eine Welle des Protests von Seiten der Politik oder der Medien aufbrandet, zeigt leider sehr deutlich, in welcher Art von Staat wir leben.<\/em><\/p><p><em>Es wird immer gerne auf Machthaber und nicht genehme Pr&auml;sidenten anderer L&auml;nder gezeigt, aber vor der eigenen Haust&uuml;r zu kehren, ist dann doch zu m&uuml;hsam oder w&uuml;rde die eigenen Pfr&uuml;nde gef&auml;hrden.<\/em><\/p><p><em>Noch ist es hoffentlich nicht zu sp&auml;t &hellip;<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/191023-craig_murray.jpg\" alt=\"Craig Murray\" title=\"Craig Murray\"\/><\/div>\n<p>Am vergangenen Montag fand vor dem Westminster Magistrates Court in London eine Anh&ouml;rung statt, in der es um das weitere Vorgehen im Fall Assange ging. Es war der erste &ouml;ffentliche Auftritt von Julian Assange seit seiner Verhaftung vor einem halben Jahr. Der<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55887\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,198,126,54],"tags":[681,927,2163,2586,469,930,305,1556],"class_list":["post-55887","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles","category-einzelne-politiker-personen-der-zeitgeschichte","category-erosion-der-demokratie","category-gestaltete-pdf","tag-assange-julian","tag-folter","tag-gefaengnis","tag-gewaltenteilung","tag-grossbritannien","tag-justiz","tag-menschenrechte","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/55887","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=55887"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/55887\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":55908,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/55887\/revisions\/55908"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=55887"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=55887"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=55887"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}