{"id":55922,"date":"2019-10-28T11:08:27","date_gmt":"2019-10-28T10:08:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55922"},"modified":"2019-10-29T07:22:21","modified_gmt":"2019-10-29T06:22:21","slug":"die-gelbwesten-werden-ein-jahr-alt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55922","title":{"rendered":"Die Gelbwesten werden ein Jahr alt"},"content":{"rendered":"<p>Die franz&ouml;sische Protestbewegung der Gelbwesten hat viele Menschen gepackt und zum aktiven Engagement animiert. Das ist positiv zu bewerten. Auf der anderen Seite behindern organisatorische Defizite und das Fehlen einer theoretischen Grundlage den Erfolg der sozialen Bewegung. Von <strong>Marco Wenzel<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9510\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-55922-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191028_Die_Gelbwesten_werden_ein_Jahr_alt_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191028_Die_Gelbwesten_werden_ein_Jahr_alt_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191028_Die_Gelbwesten_werden_ein_Jahr_alt_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191028_Die_Gelbwesten_werden_ein_Jahr_alt_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=55922-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191028_Die_Gelbwesten_werden_ein_Jahr_alt_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"191028_Die_Gelbwesten_werden_ein_Jahr_alt_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Vorgeschichte<\/strong><\/p><p>Der Vorg&auml;nger des franz&ouml;sischen Pr&auml;sidenten Emmanuel Macron, der Sozialdemokrat Fran&ccedil;ois Hollande, wollte in Frankreich ein Arbeitsrecht nach Schr&ouml;der&lsquo;schem Vorbild durchsetzen, eine Art franz&ouml;sische Agenda 2010. Es sollte das &bdquo;Herzst&uuml;ck&ldquo; seiner Pr&auml;sidentschaft werden, so er selber. Dagegen protestierten die franz&ouml;sischen Arbeiter von M&auml;rz bis Juni 2016 jede Nacht in den &bdquo;nuits debout&ldquo;.  Die traditionellen Parteien der Arbeiterschaft, insbesondere die Sozialdemokratie in &bdquo;Regierungsverantwortung&ldquo;, betrieben eine neoliberale Politik gegen ihre eigene Klientel. <\/p><p>War Hollande 2012 noch mit 51% der Stimmen Pr&auml;sident Frankreichs geworden, so bekam sein sozialdemokratischer Nachfolge-Kandidat bei den Pr&auml;sidentschaftswahlen 2017, Hamon, gerade noch 6% der Stimmen. Hollande war gar nicht erst wieder angetreten, wohlwissend, dass die Wahlen f&uuml;r ihn ein Fiasko werden w&uuml;rden. Die Sozialdemokraten versanken bei der anschlie&szlig;enden Parlamentswahl mit 7% der Stimmen in der Bedeutungslosigkeit. Der neoliberale Bewerber Macron erreichte bei der Stichwahl im Mai 2017 mit seiner neugegr&uuml;ndeten Partei LREM 66% der Stimmen und &uuml;bernahm die Nachfolge von Hollande. <\/p><p>Aber Macron war weit davon entfernt, die Austerit&auml;tspolitik von Hollande r&uuml;ckg&auml;ngig zu machen. Im Gegenteil. Und so gingen die Proteste der Arbeiterschaft auch unter Macron weiter, haupts&auml;chlich von den Gewerkschaften in den Betrieben getragen. Anfang 2018 begann ein dreimonatiger Streik der Eisenbahner gegen eine geplante Bahnreform. Die Regierung blieb hart, der Streik verlor mit der Zeit an Kraft und endete erfolglos. Auch im Gesundheitswesen kam und kommt es immer wieder zu Arbeitsk&auml;mpfen gegen die schlechten Arbeitsbedingungen und L&ouml;hne. Unmut gegen Rentenk&uuml;rzungen und eine Hochschulreform heizten die Gem&uuml;ter in Frankreich weiter an, derweil die Regierung Macron immer arroganter wurde und auf Repression setzte. Die Gelbwestenbewegung entstand also keineswegs urpl&ouml;tzlich wie aus dem Nichts.<\/p><p><strong>Beginn der Gelbwestenbewegung<\/strong><\/p><p>Nachdem Eric Drouet, ein franz&ouml;sischer Fernfahrer, zusammen mit Freunden beschlossen hatte, zu einer Versammlung von Autofahrern auf der Pariser Ringstra&szlig;e 2 aufzurufen, um gegen die Erh&ouml;hung der Kraftstoffsteuern zu protestieren, begannen am Samstag, 17. November letzten Jahres die Proteste der Gelbwesten. Die Protestler zogen sich gelbe Warnwesten an und blockierten Verkehrskreisel und Mautstellen an den Autobahnen, um auf ihre Forderungen gegen die geplante Benzinpreiserh&ouml;hung aufmerksam zu machen. Die Proteste waren &uuml;ber ganz Frankreich verteilt, die Organisation der Aktionen geschah &uuml;ber die sozialen Medien. Nach &ouml;ffentlichen Angaben nahmen am ersten Protesttag &uuml;ber 300.000 Menschen an den landesweiten Protestaktionen teil. An den folgenden drei Samstagen waren es jeweils noch um die 150.000 &uuml;ber ganz Frankreich verteilt. <\/p><p>Am 4. Dezember k&uuml;ndigte Frankreichs Pr&auml;sident Macron die R&uuml;cknahme der geplanten Benzinpreiserh&ouml;hungen an und am 12. Dezember versprach er in einer Fernsehsendung die Erh&ouml;hung des Mindestlohnes um monatlich 100&euro; sowie Verbesserungen bei den Renten unter 2000&euro;.<\/p><p>Damit h&auml;tte das Thema erledigt sein k&ouml;nnen. Die Forderungen der Gelbwesten waren erf&uuml;llt. Man h&auml;tte die Sektkorken knallen lassen und die Bewegung aufl&ouml;sen k&ouml;nnen. Denn mehr gaben die Strukturen eigentlich auch nicht her.  <\/p><p><strong>Eine neue Dynamik<\/strong><\/p><p>Aber die Bewegung hatte bereits eine eigene Dynamik entwickelt. Zwar nahm die Regierung die geplante Erh&ouml;hung der Steuern auf Treibstoffe zur&uuml;ck, trotzdem gingen die Proteste weiter.  Denn die Erh&ouml;hung der Treibstoffpreise waren nur der Tropfen, der das Fass zum &Uuml;berlaufen gebracht hatte. Eigentliche Ursache der Proteste war die ungerechte Sozialpolitik der franz&ouml;sischen Regierung, der neoliberale Kurs, der die Reichen bevorzugt und die Armen immer &auml;rmer macht, die Arbeiterschaft an den Abgrund dr&auml;ngt und die demokratischen Prozesse zur Makulatur werden l&auml;sst.<\/p><p>Nachdem die Bewegung Ende November acht SprecherInnen, darunter Eric Drouet und Priscillia Ludosky ernannt hatte, tauchte Mitte Dezember ein Forderungskatalog mit einer Liste von 42 Forderungen der Gelbwesten an die Regierung auf. Die Forderungen waren mittels Umfragen in Online-Gruppen, die f&uuml;r die Mobilisierung und Organisierung der Proteste der Gelben Westen bedeutsam waren, entstanden. Die Fragen waren von den AdministratorInnen erstellt worden. Es ist schwer einzusch&auml;tzen, wie repr&auml;sentativ diese Forderungsliste ist und wer genau f&uuml;r die Endredaktion verantwortlich war.  Es ist jedoch der einzige Forderungskatalog, der existiert, ja man kann sagen, fast das einzige wichtige Dokument der Gelbwesten, das &uuml;berhaupt existiert. <\/p><p>Die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/181206_Forderungen-der-Gelbwesten.pdf\">dort aufgef&uuml;hrten Forderungen<\/a> sind fast ausnahmslos solche, die eigentlich jeder Linke und auch jeder Gewerkschafter sofort unterschreiben k&ouml;nnte.  Es sind soziale Forderungen nach Erh&ouml;hung des Mindestlohnes, Erh&ouml;hung der Renten, Wiedereinf&uuml;hrung der Verm&ouml;gensteuer sowie f&uuml;r mehr direkte Demokratie und Teilhabe des Volkes an den politischen Entscheidungen, z.b. &uuml;ber Referenden.<\/p><p>Es fanden danach noch verschiedene Delegiertenkonferenzen der Bewegung statt, wie die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=48777\">NachDenkSeiten berichteten<\/a>,  es kam aber nie zur Bildung von festen Strukturen. Es wurde Wert darauf gelegt, dass die Bewegung horizontale Strukturen habe. Schon bald kam es zu inneren Streitereien unter den SprecherInnen, manche gaben auf und schieden aus, andere wie die Krankenpflegerin Ingrid Levavasseur versuchten, eine Partei zu gr&uuml;nden, um an den anstehenden Europawahlen teilzunehmen. Die Bewegung ist bis heute ohne gew&auml;hlte F&uuml;hrung und ohne feste Strukturen und ist damit auch kein wahrer Ansprechpartner f&uuml;r Verhandlungen mit der Regierung. Denn wie sollten eventuell getroffene Vereinbarungen umgesetzt werden? Wer w&uuml;rde sich an Vereinbarungen halten, wenn auf Seite der Gelbwesten niemand ein echtes Verhandlungsmandat hat?<\/p><p>Seit Mitte Dezember 2018 nahm die Zahl der Teilnehmer an den Kundgebungen st&auml;ndig ab, erreichte am 12. Januar 2019 nochmals einen neuen H&ouml;hepunkt mit etwa 80.000 Teilnehmern und liegt zurzeit st&auml;ndig unter 10.000 frankreichweit. Die Bewegung zeigt deutliche Erm&uuml;dungserscheinungen, trotzdem gehen aber bis heute noch an jedem Samstag tausende Menschen <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52771\">auf die Stra&szlig;e<\/a>. <\/p><p><strong>Neue Formen des Protestes<\/strong><\/p><p>Es ist verst&auml;ndlich, dass viele Menschen, nach allen negativen Erfahrungen und Entt&auml;uschungen mit der repr&auml;sentativen Demokratie und dem Verrat fast aller politischen Parteien an ihren W&auml;hlern und Programmen, der Politik nicht mehr trauen und neue, andere Formen des Protestes suchen, die ausschlie&szlig;lich von der Basis ausgehen. Auch die wenig erfolgreichen Arbeitsk&auml;mpfe in der j&uuml;ngsten Vergangenheit lie&szlig;en die Menschen nach anderen Formen des Widerstandes suchen. <\/p><p>Hier zeigt sich der Doppelcharakter dieser neuen Protestform: Einerseits eine Art Basisdemokratie, ohne feste Strukturen, &uuml;ber soziale Medien miteinander verbunden &ndash;  andererseits dadurch aber auch ohne eine F&uuml;hrung, die die Koordinierung &uuml;bernehmen, eine Strategie des Vorgehens erarbeiten k&ouml;nnte, die Forderungen konkretisieren und nach Priorit&auml;ten einordnen k&ouml;nnte und ein Ansprechpartner f&uuml;r Verhandlungen sein m&uuml;sste. <\/p><p>Und hier bei&szlig;t sich die Katze in den Schwanz. Denn ohne eine koordinierte Vorgehensweise ist jede Bewegung kopflos und leicht auseinander zu dividieren. Es muss einen Dialog, eine R&uuml;ckkopplung geben zwischen F&uuml;hrung und Basis: Gew&auml;hlte F&uuml;hrer m&uuml;ssen die Bewegung leiten und die Strategie vorgeben, die Basis muss aber auch Einfluss auf die Entscheidungen der F&uuml;hrung und auf die gestellten Forderungen haben. Die Basis muss Vertrauen in die F&uuml;hrung haben und die F&uuml;hrung muss sich auf die Gefolgschaft ihrer Basis bei angek&uuml;ndigten Aktionen verlassen k&ouml;nnen.  &bdquo;H&auml;uptlinge und Indianer&ldquo; sollten zusammen k&auml;mpfen, jeder auf seinem Platz. Sowohl horizontal, was die Entscheidungsfindung, als auch vertikal, was die Durchf&uuml;hrung der Aktionen anbelangt.<\/p><p>Nat&uuml;rlich m&uuml;ssen neue Bewegungen einen realen Demokratisierungsprozess von unten anstreben.  Dazu m&uuml;ssen alte Formen der &uuml;berwiegend vertikalen Organisationsstrukturen aufgebrochen werden. Die sozialen Medien k&ouml;nnen hierf&uuml;r hilfreich sein, erlauben sie doch eine schnellere und einfachere Kommunikation. Damit kann einerseits schneller auf Ver&auml;nderungen im Verlauf der Ereignisse reagiert werden und es k&ouml;nnen auch neue alternative Wege der Partizipation geschaffen werden.  Der Suchprozess nach neuen demokratischen Lebensformen und nach anderen sozialen und demokratischen Bewegungsstrukturen, auch im Widerstand gegen die Staatsmacht, ist aber noch nicht abgeschlossen. Noch ist der Stein der Weisen nicht gefunden. Und er wird auch nur in der konkreten t&auml;glichen Praxis, in der Aktion selbst gefunden werden k&ouml;nnen, nicht a priori in der Theorie. <\/p><p>Es reicht jedenfalls nicht aus, eine Bewegung &uuml;ber soziale Netze ins Leben zu rufen, Abstimmungen &uuml;ber das Internet zu machen und anschlie&szlig;end mehr oder weniger anonym zu Aktionen aufzurufen. Abstimmungen &uuml;bers Internet sind auch undemokratisch, wenn nicht die Berechtigung des Einzelnen zur Abstimmung und seine Loyalit&auml;t zur Bewegung und ihren Zielen gepr&uuml;ft werden kann. Wenn die einzige Bedingung, an einer Abstimmung teilnehmen zu k&ouml;nnen, der Besitz eines Smartphones ist, dann kann das nichts werden. Der Gegner hat auch Smartphones und kann damit die Abstimmung beeinflussen. Zudem kann er die Diskussionen auf den Plattformen ausspionieren und beeinflussen.  <\/p><p><strong>Die Gelbwesten heute<\/strong><\/p><p>Sp&auml;testens nach sechs Wochen, gegen Jahresende 2018, h&auml;tten die Kundgebungen aufh&ouml;ren m&uuml;ssen und es h&auml;tte zu Verhandlungen kommen m&uuml;ssen. Es h&auml;tte, nachdem man seine St&auml;rke bereits gezeigt hatte, eine Pause geben m&uuml;ssen, eine Zeit des Nachdenkens &uuml;ber die weitere Strategie. Insbesondere nachdem der neue Forderungskatalog aufgestellt worden war, hatte die Bewegung ja eine g&auml;nzlich neue Dimension bekommen. 42 Forderungen, &bdquo;quer durch den politischen Gem&uuml;segarten&ldquo; sprengen den Rahmen jeder Bewegung. Da braucht man andere Strukturen zur Durchsetzung als f&uuml;r 2-3 Forderungen zu einem einzelnen Thema. <\/p><p>Nat&uuml;rlich h&auml;tten sp&auml;testens jetzt auch Verhandlungsf&uuml;hrerInnen gew&auml;hlt und mandatiert werden m&uuml;ssen. Verhandlungsf&uuml;hrerInnen, die die Menschenmengen im R&uuml;cken wissen und jederzeit die M&ouml;glichkeit haben, die Aktionen zu reaktivieren, sie gegebenenfalls sogar zu versch&auml;rfen und zielgerichtet auf bestimmte Aktionen ausrichten zu k&ouml;nnen, sollten die Verhandlungen mit der Regierung nicht zu befriedigenden Ergebnissen f&uuml;hren. Und nat&uuml;rlich h&auml;tten Mechanismen der Kontrolle der Massen &uuml;ber die Verhandlungsf&uuml;hrerInnen gefunden werden m&uuml;ssen.  Eine Bewegung jedoch, die f&uuml;hrerlos jede Woche unkoordinierte Protestkundgebungen durchf&uuml;hrt, wird sich mit der Zeit totlaufen. Das wei&szlig; auch die Regierung Macron und wird es aussitzen. <\/p><p>Es wird zudem auch kaum jemand erwarten k&ouml;nnen, dass die Regierung sagt: OK, wir erf&uuml;llen alle eure Forderungen, so wie ihr sie uns aufgeschrieben habt, geht nach Hause. Es m&uuml;ssen Kompromisse gefunden werden, keine faulen Kompromisse, und es wird nicht jeder immer zufrieden sein mit den ausgehandelten Ergebnissen. Und nat&uuml;rlich kann man auch sp&auml;ter neue, weitergehende Forderungen stellen, je nach Kr&auml;fteverh&auml;ltnis neue Aktionen planen und neue Allianzen schmieden. Aber zumindest Zwischenergebnisse m&uuml;ssen her, auf denen man aufbauen kann. <\/p><p>Ohne koordinierte F&uuml;hrung und vor allem ohne die Teilhabe von Organisationen der Arbeiterschaft, vor allem der Gewerkschaften, die einen Streik, wenn n&ouml;tig auch einen unbefristeten Generalstreik ausrufen und somit die Republik wirklich lahmlegen k&ouml;nnten, ist die Bewegung der Gelbwesten zum Scheitern verurteilt. Nur Verkehrskreisel lahmzulegen, reicht nicht aus, solche Aktionen sind bestenfalls unterst&uuml;tzende Ma&szlig;nahmen bei einem Streik.  Und wenn sich ihre Strategie nicht &auml;ndert, wenn sie sich nicht neu aufstellen, so erleben wir gerade das letzte Aufb&auml;umen der Gelbwesten und damit eine weitere Niederlage der werkt&auml;tigen Bev&ouml;lkerung in einem gerechten Kampf, geschuldet einer falschen Kampfstrategie. Und wie alle Niederlagen wird auch diese erneute Niederlage erst einmal den Kampfgeist tr&uuml;ben. Wieder einmal wird der Neoliberalismus triumphieren und die Menschen werden die falschen Schl&uuml;sse aus ihrer Niederlage ziehen, n&auml;mlich dass der gemeinsame Kampf f&uuml;r eine bessere Organisation der Gesellschaft, f&uuml;r eine gerechte Verteilung des geschaffenen Reichtums nicht erfolgreich war, dass Anpassung und Vermarktung seiner selbst im st&auml;ndigen Konkurrenzkampf um die Gunst der Herrschenden erfolgsversprechender ist als aufreibende Stra&szlig;enk&auml;mpfe, die zu nichts f&uuml;hren. <\/p><p>Und noch eine Lehre k&ouml;nnen wir aus dem bevorstehenden Scheitern der Gelbwesten ziehen: Eine Bewegung ohne Ideologie und ohne Klassenanalyse ist zum Scheitern verurteilt. Man kann keinen erfolgreichen Kampf f&uuml;r soziale Ziele mit einem bunt zusammengew&uuml;rfelten Haufen von Menschen f&uuml;hren, denen nichts anderes gemein ist als das Aufbegehren gegen die herrschenden Zust&auml;nde, die aber keine gemeinsame Vision davon haben, wie man eine bessere Alternative zukunftsf&auml;hig entwickeln soll.<\/p><p>Es gibt zwar bei den Gelbwesten ein gewisses Beharren in der Regelm&auml;&szlig;igkeit der Protestkundgebungen,  aber es wird ohne organisierte Strukturen, auch wenn das manchem Gelbwestler nicht gefallen mag, keine ideologische und keine politische L&ouml;sung des Konfliktes geben.  Es gibt zwar Kundgebungen, aber ohne dass die Organisatoren vor Ort sichtbar w&auml;ren, ohne einen Ordnungsdienst und ohne einen Dialog mit der Regierung. Das kann auf Dauer nicht gutgehen. <\/p><p>Zwar entstand im Lauf der Zeit bei den Aktionen in allen gesellschaftlichen Bereichen eine Polarisierung, die einen Geist aufst&auml;ndischen Handelns geschaffen hat und der dabei ist, sich in allen Teilen der Gesellschaft auszubreiten. Es begann eine Suche nach neuen demokratischen Lebensformen, nach einer anderen sozialen und demokratischen Gesellschaftsform. Diese Suche hat viele Menschen gepackt und zum aktiven Engagement animiert. Das ist positiv zu bewerten.<\/p><p>Heute jedoch, nach fast einem Jahr, ist die &uuml;berwiegende Meinung, dass der Bewegung die Puste ausgeht, dass man sagt: Ok &ndash; es sei vorbei, Macron habe gewonnen.<\/p><p>Titelbild: Mo Wu \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die franz&ouml;sische Protestbewegung der Gelbwesten hat viele Menschen gepackt und zum aktiven Engagement animiert. Das ist positiv zu bewerten. 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