{"id":55930,"date":"2019-10-28T13:30:42","date_gmt":"2019-10-28T12:30:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55930"},"modified":"2019-10-28T14:56:34","modified_gmt":"2019-10-28T13:56:34","slug":"die-zeitungsverleger-jubeln-aber-die-schoenen-zahlen-sind-nur-huelsen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55930","title":{"rendered":"Die Zeitungsverleger jubeln \u2013 aber die sch\u00f6nen Zahlen sind nur H\u00fclsen."},"content":{"rendered":"<p>Die Parteien haben sich in der Medienlandschaft eingerichtet. Ihre Begeisterung kennt keine Grenzen. Der <a href=\"https:\/\/www.bdzv.de\/nachrichten-und-service\/presse\/pressemitteilungen\/artikel\/detail\/acht-von-zehn-deutschen-lesen-zeitung\/\">Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) jubelt<\/a>:&nbsp;&bdquo;<em>Egal ob Papier oder Pixel: Zeitungen sind immer st&auml;rker ein sowohl gedruckt als auch digital genutztes Produkt. Ihre Gesamtreichweite aus Print und Digital betr&auml;gt 79,4 Prozent. Damit lesen in Deutschland 56,1 Millionen Personen ab 14 Jahren mindestens w&ouml;chentlich Zeitung.<\/em>&ldquo;. Ein Kommentar von <strong>Hermann Zoller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nNat&uuml;rlich ist es erfreulich, wenn viele Menschen Zeitung lesen. Die Totgesagte lebt also noch und zwar als Papier und in Pixeln. Doch der Glanz der Statistik ist tr&uuml;gerisch; sie &uuml;berstrahlt Probleme. Und derer gibt es einige.&nbsp;<br>\n&nbsp;<br>\nDie Presse gilt in der Demokratie zurecht als 5. Gewalt, als Kontrolleur des politischen Geschehens, als Aufkl&auml;rer, als unabh&auml;ngiger Informant, der es den Staatsb&uuml;rgern erleichtern soll, den Durchblick zu bekommen, um sich ein Urteil bilden zu k&ouml;nnen. &ndash; Werden die Zeitungen diesem Anspruch gerecht?<br>\n&nbsp;<br>\nDie NDS haben schon eine lange Liste von Hinweisen ver&ouml;ffentlicht, die belegen, wie Berichterstattung manipulativ eingesetzt wird, gegen den Grundsatz&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/sustainability\/cp-scott-centenary-essay\"><em>Comment is free&hellip;but facts are sacred<\/em><\/a>&nbsp;versto&szlig;en wird. Viele Berichte sind nur das Weiterreichen von Agentur-Material, schlimmer noch nur etwas redigierte Pressemitteilungen von Ministerien, Organisationen und Stiftungen. So werden beispielsweise Gutachten der Bertelsmann-Stiftung als Wahrheiten in die Welt gesetzt; ein Hinterfragen findet nicht statt. Und so k&ouml;nnte man eine lange Liste aufstellen, die belegt, dass hier Leserin und Leser keine journalistische Leistung angeboten wird. Damit erf&uuml;llen die Zeitungen nicht in dem Ma&szlig;e ihre staatsb&uuml;rgerliche Pflicht, wie das nicht nur w&uuml;nschenswert w&auml;re, sondern eigentlich zu fordern ist.&nbsp;Deshalb gibt es von Parteien auch kaum Kritik an den Printmedien; man hat sich wohlig eingerichtet. Die gro&szlig;e Linie wird nicht angezweifelt. Was hier oder da mal kritisch kommentiert wird, das st&ouml;rt nicht wirklich. Kommentare geh&ouml;ren eh nicht zum meistgelesenen Teil einer Zeitung.<br>\n&nbsp;<br>\nDie &bdquo;Verlegerische Verantwortung&ldquo; wird zwar st&auml;ndig betont, aber sie ist l&auml;ngst schon nur noch Mittel zum Zweck: zum Zweck der Gewinngewinnung. Und das hat vielf&auml;ltige Folgen. So ist die dpa, die Deutsche Presseagentur (im Besitz der Verleger), schon l&auml;ngst nicht mehr eine Nachrichtenagentur, sondern &ndash; die Kolleginnen und Kollegen m&ouml;gen mir das verzeihen &ndash; eine Lieferantin von Material, mit dem man mit m&ouml;glichst wenig Arbeitsaufwand, also m&ouml;glichst wenig Redigieren oder gar weiterem Recherchieren, die Seiten f&uuml;llt. Das kann auch nicht wundern, denn die Redaktionen werden seit Jahren ausged&uuml;nnt. Tausende Redakteurspl&auml;tze wurden eingespart, Redaktionen ausged&uuml;nnt, zusammengelegt, Journalisten vor Ort zur Ausnahme. Da wundert es auch nicht, wenn man in vielen Zeitungen dieselben Texte liest. Da werden die Arbeitslosenzahlen der Bundesagentur f&uuml;r Arbeit ebenso unhinterfragt als Jubelmeldungen verbreitet wie die Forderungen nach der Rente mit 70. Je mehr Felder ein Journalist bearbeiten muss, desto weniger wird er sachverst&auml;ndig f&uuml;r Schwerpunkte. Und das kommt auch noch dazu: Wenn man nur die Journalisten einstellt, die die &bdquo;richtige&ldquo; politische Sichtweise haben, dann kommt man auch ganz ohne Anweisungen von oben aus. Der Journalist schreibt ganz frei seine Meinung.<br>\n&nbsp;<br>\nEin Beispiel f&uuml;r die aktuelle Entwicklung sind die &bdquo;Stuttgarter Zeitung&ldquo; und die &bdquo;Stuttgarter Nachrichten&ldquo;: Einst waren sie konkurrierende Bl&auml;tter; heute erscheinen sie im selben Verlag: <em>Verlagsgruppe Stuttgarter Zeitung\/Die Rheinpfalz, Ludwigshafen\/S&uuml;dwest Presse, Ulm<\/em>. Die &bdquo;Nachrichten&ldquo; sind gleichzeitig Mantellieferant f&uuml;r zum Beispiel die &bdquo;Waiblinger Kreiszeitung&ldquo;, die &bdquo;Winnender Zeitung&ldquo;, die &bdquo;Schorndorfer Nachrichten&ldquo; und die &bdquo;Backnanger Zeitung&ldquo;. &bdquo;Nachrichten&ldquo; und &bdquo;Zeitung&ldquo; werden inzwischen von einer Redaktion hergestellt. Die Inhalte der beiden Zeitungen stimmen in einem hohen Ma&szlig;e &uuml;berein. Und inzwischen arbeiten viele Redakteure f&uuml;r die Printausgabe und die elektronische; sind nicht nur mit Bleistift und Papier unterwegs, sondern auch mit Fotoapparat und Kamera, schreiben nicht nur eine Reportage, sondern machen auch noch das Interview f&uuml;r den Bildschirm. Das kann alles nicht ohne Folgen bleiben auf den Inhalt. Von dem einst proklamierten politischen Ziel der publizistischen Vielfalt ist da nichts mehr zu lesen.<br>\n&nbsp;<br>\nWer sich &uuml;ber den aktuellen Stand der Pressekonzentration informieren m&ouml;chte, der findet <a href=\"https:\/\/www.ard-werbung.de\/fileadmin\/user_upload\/media-perspektiven\/Basisdaten\/Basisdaten_2018_Internet_mit_Verknuepfung.pdf\">hier eine ergiebige Quelle<\/a>.<br>\n&nbsp;<br>\nUnd das geh&ouml;rt auch zum Thema: Der Zeitungsverlegerverband &ndash; ebenso wie der Verband der Zeitschriftenverleger &ndash; jammern zum Steineerweichen, wenn es bei Tarifverhandlungen um h&ouml;here Geh&auml;lter, bessere Honorare, mehr Freizeit geht. Da ist von den Jubelmeldungen nichts mehr zu h&ouml;ren; da steht eher der publizistische Weltuntergang vor der T&uuml;r.<br>\n&nbsp;<br>\nZusammengefasst l&auml;sst sich feststellen: Unsere Medienlandschaft wird nur noch bedingt den Anforderungen, die die Demokratie an sie stellt, gerecht. Die gedruckten Medien sind weitgehend in einem politischen Gleichklang (von Ausnahmen selbstverst&auml;ndlich abgesehen). Die &ouml;ffentlich-rechtlichen Medien wirken kaum konkurrierend, eher verst&auml;rkend. Die weitere Entwicklung, die immer mehr durch die technische Entwicklung gepr&auml;gt werden wird, und damit noch mehr M&ouml;glichkeiten zur publizistischen Konzentration und noch mehr Mittel zur Manipulation er&ouml;ffnen wird, bedarf dringend der kritischen Betrachtung. Es ist nahezu absurd, dass das Politikfeld &bdquo;Medienpolitik&ldquo; auf der politischen B&uuml;hne so gut wie nicht mehr auftaucht. Auch der aktuelle Streit um die H&ouml;he der Rundfunkgeb&uuml;hr geht am Kern der Problematik vorbei. <\/p><p>Das Problem ist heute brennender als vor Jahrzehnten, da noch heftig &uuml;ber die Pressekonzentration und &uuml;ber Redaktionsstatute gestritten und einiges sogar erreicht wurde.&nbsp;Es geht um nicht mehr und nicht weniger als die Substanz der Demokratie. &ndash; Demokratien sterben mit einem Knall oder mit einem Wimmern. Doch das leise Dahinsiechen einer Demokratie ist allt&auml;glicher &ndash; und gef&auml;hrlicher &hellip; Das haben Steven Levitsky und Daniel Ziblatt in ihrem Buch &bdquo;Wie Demokratien sterben&ldquo; warnend geschildert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Parteien haben sich in der Medienlandschaft eingerichtet. Ihre Begeisterung kennt keine Grenzen. 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