{"id":55972,"date":"2019-10-29T10:02:06","date_gmt":"2019-10-29T09:02:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55972"},"modified":"2019-10-29T10:58:38","modified_gmt":"2019-10-29T09:58:38","slug":"der-ausnahmezustand-in-chile-der-kampf-um-eine-zukunft-die-hinter-der-vergangenheit-liegt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55972","title":{"rendered":"Der Ausnahmezustand in Chile. Der Kampf um eine Zukunft, die hinter der Vergangenheit liegt"},"content":{"rendered":"<p>Am 26. Oktober 2019 demonstrierten alleine in der Hauptstadt Santiago de Chile &uuml;ber eine Million Menschen gegen das, was die Milit&auml;r-Diktatur etabliert hat und was die (parlamentarische) Demokratie in den folgenden 30 Jahren unangetastet lie&szlig;. Nun hat der Pr&auml;sident Sebastian Pi&ntilde;era sein gesamtes Kabinett zum R&uuml;cktritt aufgefordert. Ein Beitrag, der nicht nur die letzten 30 Jahre Demokratie in Chile reflektiert, sondern auch daran erinnert, welche Ideen und K&auml;mpfe unter der 17 Jahre w&auml;hrenden Milit&auml;rdiktatur begraben liegen. Von <strong>Wolf Wetzel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Lesen Sie dazu auch: Frederico F&uuml;llgraf &ndash; &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55892\">Chile &ndash; Der Fl&auml;chenbrand im neoliberalen Paradies, seine Ursachen und die Folgen<\/a>&ldquo;.<\/em><\/p><p>W&auml;hrend ich Auto fahre, h&ouml;re ich manchmal Musik, ohne wirklich zuzuh&ouml;ren. Ich schalte den CD-Player an und es erklingt das Lied: <em>El Pueblo unido, jam&aacute;s ser&aacute; vencido<\/em>. Ein Lied aus den 70er Jahren: <em>Ein vereintes Volk wird niemals besiegt<\/em>. Die chilenische Musikgruppe, die dieses St&uuml;ck komponierte, hat den schwer aussprechbaren Namen: <em>Quilapay&uacute;n<\/em>.<\/p><p>Die Kl&auml;nge dringen an mein Ohr und pl&ouml;tzlich sind sie ganz nahe und bringen Wehmut und Traurigkeit mit. Das hat auch etwas damit zu tun, dass es seit Tagen viele Nachrichten aus Chile gibt, die Regierung den Ausnahmezustand verh&auml;ngt hat und zum ersten Mal &ndash; nach dem Ende der Milit&auml;rdiktatur &ndash; Soldaten auf der Stra&szlig;e patrouillieren.<\/p><p><em>Quilapay&uacute;n<\/em> war eine der gro&szlig;artigsten Musikgruppen der 1970er Jahre. Jenseits des Pops, des Rocks gab es nicht viel. Und politische Bands waren ganz selten und wenn es sie gab, wurden sie von deutschen Medien, von den &Ouml;ffentlich-Rechtlichen stummgeschaltet. Man spielte sie einfach nicht. Es gab ein Verbot, das es offiziell nat&uuml;rlich nicht gab. Dazu geh&ouml;rte auch <em>Ton Steine und Scherben<\/em>, die Band der 1970er Jahre, wenn man politisch, antikapitalistisch und militant unterwegs war.<\/p><p>Die Gruppe <em>Quilapay&uacute;n<\/em> erkannte man von weitem: Sie trugen lange schwarze Ponchos und dunkle B&auml;rte. Sie war damals noch mehr als heute etwas Besonderes: Es war eine chilenische Gruppe, die der <em>Unidad Popular<\/em> nahestand, die den Kampf gegen imperiale Abh&auml;ngigkeiten und die Herrschaft der Oligarchie unterst&uuml;tzte und musikalisch begleitete.<\/p><p>Im letzten Jahr der gew&auml;hlten Regierung unter Salvador Allende komponierten sie das Lied: <em>El pueblo unido<\/em>. Es war ein musikalischer Aufruf, allen Putschger&uuml;chten, allen Sanktionen, allen Formen des Wirtschaftskrieges zum Trotz zusammenzuhalten, damit Chile nicht wieder in die H&auml;nde derer f&auml;llt, die den Reichtum dieses Landes unter einer Minderheit aufteilen.<\/p><p>Es ist ein pathetisches, aufr&uuml;hrerisches Lied:<\/p><table>\n<tr>\n<td>\nEl pueblo unido jam&aacute;s ser&aacute; vencido!<br>\nEl pueblo unido jam&aacute;s ser&aacute; vencido!\n<\/td>\n<td>\nDas vereinte Volk wird nie besiegt!<br>\nDas vereinte Volk wird nie besiegt!\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\nDe pie cantar, que vamos a triunfar,<br>\navanzan ya banderas de unidad<br>\ny t&uacute; vendr&aacute;s marchando junto a mi<br>\ny as&iacute; ver&aacute;s tu canto y tu bandera al florecer.<br>\nLa luz de un rojo amanecer<br>\nanuncia ya la vida que vendr&aacute;,\n<\/td>\n<td>\nAufstehen und singen, dass wir siegen werden!<br>\nVorw&auml;rts mit den Fahnen der Einheit!<br>\nUnd du kommst und marschierst mit mir.<br>\nSo wirst du dein Lied und deine Fahne erbl&uuml;hen sehen!<br>\nDas Licht eines roten Tagesanbruchs k&uuml;ndigt schon<br>\ndas Leben, das kommen wird, an.\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\nDe pie marchar, que el pueblo va a triunfar;<br>\nser&aacute; mejor la vida que vendr&aacute;,<br>\nA conquistar nuestra felicidad<br>\ny en su clamor mil voces de combate se alzaran;<br>\ndir&aacute;n canci&oacute;n de libertad.<br>\nCon decisi&oacute;n la patria vencer&aacute;.\n<\/td>\n<td>\nAufstehen und k&auml;mpfen, das Volk wird siegen!<br>\nDas Leben, das kommen wird, wird besser sein.<br>\nErobern wir uns unser Gl&uuml;ck!<br>\nIn einem Aufschrei werden sich tausend Stimmen f&uuml;r den Kampf erheben,<br>\ndas Lied der Freiheit anstimmen und mit Entschlossenheit das Vaterland zum Siege f&uuml;hren.\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\nY ahora el pueblo que se alza en la lucha<br>\ncon voz de gigante gritando; adelante!<br>\n(&hellip;)\n<\/td>\n<td>\nUnd nun erhebt sich das Volk zum Kampf<br>\nund schreit mit der Stimme eines Riesen: &ldquo;Vorw&auml;rts!&rdquo;<br>\n(&hellip;)\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/table><blockquote><p>\n&bdquo;Wenige Tage vor dem blutigen Putsch, der am 11. September stattfindet, singt Quilapay&uacute;n das Lied auf einer Massendemonstration f&uuml;r die Regierung Allende. Am Tag des Putsches selbst ist die Gruppe auf einer Europatournee in Frankreich, sie kann nicht zur&uuml;ckkehren. Ihre Mitglieder leben bis 1988 im Exil. Sie ziehen von Solidarit&auml;tsveranstaltung zu Solidarit&auml;tsveranstaltung. Das Konzert in Hannover am 19. Mai 1974 ist das bekannteste dieser unerm&uuml;dlichen Tournee, dank der Live-LP &bdquo;Solidarit&auml;t mit Chile&ldquo;. Beteiligt ist eine zweite Gruppe des Nueva Canci&oacute;n Chilena, die 1967 gegr&uuml;ndete Gruppe Inti-Illimani, Genauso wie Quilapay&uacute;n sind sie auf Europatournee, als Pinochet putscht.&ldquo; (Magazin Mitbestimmung, Ausgabe 11\/2016)\n<\/p><\/blockquote><p>Ganz ber&uuml;hmt und f&uuml;r uns zu h&ouml;ren, war sie nach dem Milit&auml;rputsch in Chile 1973. Dieser l&ouml;ste in Deutschland eine ungeahnt gro&szlig;e Solidarit&auml;tsbewegung aus, die sich durchaus mit den Anti-Vietnam-Protesten vergleichen l&auml;sst. Es gab in Folge des Milit&auml;rputsches, als Reaktion auf die Verfolgung der Opposition gro&szlig;e Demonstrationen, viele Veranstaltungen in Deutschland.<\/p><p>Ich kann mich noch an eine der eindrucksvollsten Veranstaltungen in Frankfurt erinnern. Sie fand in der Universit&auml;t statt, im legend&auml;ren H&ouml;rsaal VI, in den vielleicht 1.000 Zuh&ouml;rerInnen passten, wenn man die Pl&auml;tze auf\/vor der B&uuml;hne und in den G&auml;ngen dazunahm. In meiner Erinnerung war es nicht viel sp&auml;ter als der Milit&auml;rputsch 1973. Man wusste sehr schnell, dass dieser Putsch die vollste Unterst&uuml;tzung der US-Regierung hatte, aber auch die Unterst&uuml;tzung b&uuml;rgerlicher Parteien in Deutschland.<\/p><p>Am nachhaltigsten blieb mir eine kleine, zierliche Frau in Erinnerung, die f&uuml;r die MIR (Movimiento de Izquierda Revolucionaria) sprach. Die MIR war eine revolution&auml;re Organisation, die den Spagat wagte, einerseits die &bdquo;Volksfrontregierung&ldquo; f&uuml;r ihre z&ouml;gerliche, legalistische und zur&uuml;ckweichende Haltung zu kritisieren und gleichzeitig die Leibgarde f&uuml;r den sozialistischen Pr&auml;sidenten Salvador Allende zu stellen.<\/p><p>Debray und Allende haben diesen Widerspruch, den man auch Dialektik nennen kann, sehr fr&uuml;h auf den Punkt gebracht: &bdquo;<em>Was den Wahlsieg erm&ouml;glicht hat, ist auch das, was seine Verwandlung in den Sieg schlechthin bremst.<\/em>&ldquo; (Der chilenische Weg, Luchterhand 1972). Nach dem Milit&auml;rputsch pr&auml;zisierte R&eacute;gis Debray, ein enger Vertrauter und Weggef&auml;hrte von Salvador Allende, diese paradoxe Herausforderung: Man muss sich <em>reformistisch<\/em> verhalten, &bdquo;um von einem staatlichen Kommandoposten aus die Klassenk&auml;mpfe in eine sich steigernde Dynamik zu versetzen.&ldquo; Man muss sich <em>revolution&auml;r<\/em> verhalten, &bdquo;um von derselben Dynamik nicht &uuml;berholt und zerst&uuml;ckelt zu werden.&ldquo; (Der chilenische Filter, Die Schlacht um Chile, LAIKA-Verlag, 2011, S. 113)<\/p><p>An der kleinen zierlichen Frau war noch etwas Besonderes. Sie hatte einen versteiften linken Arm, den sie angewinkelt am K&ouml;rper hielt und eine unheimlich klare Stimme, die alle &bdquo;Gebrechlichkeiten&ldquo; in den Schatten stellte. Sicherlich wird sie auch die Entwicklungen nach dem Putsch geschildert haben. Ich habe den Wortlaut ihres Beitrages nicht mehr in Erinnerung, nur den immer wieder einsetzenden Applaus, der darauf schlie&szlig;en l&auml;sst, dass sie auch dar&uuml;ber gesprochen hatte, wie man weiterk&auml;mpft, wie man der Diktatur nicht das letzte Wort &uuml;berl&auml;sst. Und dann trat in meiner Erinnerung noch die besagte Gruppe Quilapay&uacute;n auf.<\/p><p>Als ich das Lied <em>El pueblo unido<\/em> im Auto h&ouml;rte, vermischten sich Kl&auml;nge und Erinnerungen mit den aktuellen Nachrichten und Bildern aus Chile. Ausl&ouml;ser der aktuellen Proteste sind angek&uuml;ndigte Fahrpreiserh&ouml;hungen. Massive Polizeieins&auml;tze erstickten die Proteste nicht, sondern best&auml;rkten sie und verteilten sie im ganzen Land. Die konservative Regierung unter Pi&ntilde;era verh&auml;lt sich dabei ganz international: Auf der einen Seite fabuliert sie von einem &bdquo;<em>Krieg gegen einen m&auml;chtigen Feind<\/em>&ldquo;, um damit den Ausnahmezustand zu rechtfertigen. Gleichzeitig ist sie noch realit&auml;tsnah genug, um zu begreifen, dass es um keinen Krieg gegen einen mysteri&ouml;sen Feind geht, sondern um eine Regierungspolitik, die sich fortgesetzt um mehr Armut und Ausbeutung sorgt, und dabei auch bereit ist, Krieg gegen die eigene Bev&ouml;lkerung zu f&uuml;hren.<\/p><p>Also schafft sie beides: Zum einen geht sie sogar mit Schusswaffen gegen die protestierenden Menschen vor, und verspricht gleichzeitig, die angedrohten Fahrpreiserh&ouml;hungen zur&uuml;ckzunehmen, was nach internationalen Standards nur bedeutet, sie dann durchzusetzen, wenn sich die Lage beruhigt hat.<\/p><p>Aber das tut sie nicht. Im Gegenteil. Der Widerstand weitet sich &uuml;bers ganze Land aus. So haben die Arbeiter der gr&ouml;&szlig;ten Kupfermine der Welt, Chuqicamata in der N&auml;he von Calama, angek&uuml;ndigt, in den Streik zu treten. Sie folgen damit einem Aufruf zahlreicher Gewerkschaften zum Generalstreik in der n&auml;chsten Woche. Gleichzeitig rufen verschiedene Mapuche-Organisationen in einer gemeinsamen Erkl&auml;rung zur Solidarit&auml;t mit den Protesten auf:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir solidarisieren uns mit den Studenten, Arbeitern, Familien und sozialen Organisationen, die spontan beschlossen haben, ihre Emp&ouml;rung auf dem gesamten Staatsgebiet zum Ausdruck zu bringen. Wir rufen zum Aufbau einer neuen Gesellschaft auf; wir Mapuche haben bereits unsere Ziele dargelegt.&ldquo; (amerika21.de vom 24.10.2019)\n<\/p><\/blockquote><p>Ebenso hat die Hafenarbeiter-Gewerkschaft Chiles zu einem landesweiten Generalstreik aufgerufen. In ihrem Kommuniqu&eacute; hei&szlig;t es: &bdquo;Obwohl das Epizentrum des Sozialprotestes jetzt der Preisanstieg des Metro-Tickets in der Hauptstadt ist, k&ouml;nnen wir nur unterstreichen, dass <em>diese angesammelte Wut heute durch die Ablehnung der endlosen sozialen, wirtschaftlichen und arbeitsrechtlichen Ungerechtigkeiten zum Ausdruck kommt<\/em>, die die hart arbeitenden Menschen treffen&ldquo;. Der Regierung wird vorgeworfen, &bdquo;ihre politische Verantwortung zu verbergen, indem sie weiterhin diejenigen finanziert, die aus den &ouml;ffentlichen Verkehrsmitteln Profit ziehen&ldquo; und zu polizeilicher Repression greifen, die &bdquo;<em>an die dunkle Zeit in der Geschichte unseres Landes<\/em>&ldquo; erinnere. (s.o.)<\/p><p><strong>Endlose soziale Ungerechtigkeiten<\/strong><\/p><p>Man k&ouml;nnte meinen, dass mit dem Ende der Milit&auml;rdiktatur 1990 alles, vieles besser wurde. Doch nachdem &bdquo;<em>die Demokratie in Blut gebadet<\/em>&ldquo; wurde, wie es der Diktator Pinochet durchaus systemanalytisch formuliert hatte, kehrte vor allem der Kapitalismus zur&uuml;ck, dessen Widerspruch im Blut ertr&auml;nkt wurde. Was mit der Diktatur als milit&auml;rischem Begleitschutz eingef&uuml;hrt wurde, war jener <em>Neoliberalismus<\/em>, der um einige Jahre sp&auml;ter auch in Europa Einzug gefunden hat:<\/p><ul>\n<li>weniger &bdquo;Regulierung&ldquo;, also Begrenzungen privatkapitalistischer Macht<\/li>\n<li>weniger &bdquo;Sozialstaat&ldquo;, also Schutz vor absoluter Armut<\/li>\n<li>weniger &bdquo;Staat&ldquo;, also mehr Kapitalismus sans phrase<\/li>\n<li>mehr &bdquo;Eigeninitiative&ldquo;, also mehr Egomanie und Selbstausbeutung<\/li>\n<li>also kurzum monstr&ouml;ser Reichtum f&uuml;r ganz Wenige und ganz viel Armut mit (und ohne) Arbeit.<\/li>\n<\/ul><p>Was heute in Chile das Fass zum &Uuml;berlaufen gebracht hat, beschreibt Andr&eacute;s Figueroa Cornejo so:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Es ist eine Ordnung, die seit der Milit&auml;rdiktatur als Polizei- und volksfeindlicher Staat aufgebaut worden ist; ein Fest der kapitalistischen Konzentration und Herrschaft der gro&szlig;en Wirtschaftskonzerne, die den Wettbewerb brutal zerst&ouml;ren, Preise aufdr&uuml;cken und die kleinen und mittelst&auml;ndischen Betriebe in der Wertsch&ouml;pfungskette unterordnen, entsprechend der Projektion ihrer Profitraten. Chile, gro&szlig;er Exporteur, Finanzplatz eines gro&szlig;en Teils S&uuml;damerikas, geschlagen vom Extraktivismus und seinen sch&auml;dlichen Folgen f&uuml;r die Gemeinden und die Natur.&ldquo; (amerika21.de vom 25. 10.2019)\n<\/p><\/blockquote><p>Das klingt hart und &uuml;bertrieben. Schlie&szlig;lich wurde doch 1990 die Diktatur beendet. Schlie&szlig;lich leben doch die Menschen in Chile seit fast 30 Jahren in einer (parlamentarischen) Demokratie. Auf welche Weise hat also dennoch die Diktatur &uuml;berdauert?<\/p><p>Ein sehr eindrucksvolles Beispiel ist das Rentensystem, das die demokratische Grundidee in sich tr&auml;gt, dass die Menschen im Alter nicht in Hunger leben sollen. Genau dieses Rentensystem geh&ouml;rte zu einer der wichtigsten Angriffsziele der Diktatur unter Pinochet. Bis dahin war der Rentenfond in &ouml;ffentlicher Hand. Nun wurde dieses milliardenschwere Verm&ouml;gen privatisiert und in die H&auml;nde von Banken und Versicherungen gelegt, damit diese damit straffrei spekulieren k&ouml;nnen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die privaten Pensionsfonds sind eine Erfindung des in Chicago unter Milton Friedman ausgebildeten, ultraliberalen Jos&eacute; Pi&ntilde;era, Bruder des amtierenden Pr&auml;sidenten und Multimilliard&auml;rs Sebasti&aacute;n Pi&ntilde;era und ehemaliger Arbeitsminister von General Augusto Pinochet. In dessen Auftrag zerschlug Jos&eacute; Pi&ntilde;era Anfang der 1980er Jahre die seit Jahrzehnten in Kraft befindlichen chilenischen Arbeitsschutzrechte und das solidarische staatliche Rentensystem.&ldquo; (Frederico F&uuml;llgraf)\n<\/p><\/blockquote><p><em>Lesen Sie dazu auch: Frederico F&uuml;llgraf &ndash; <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=37922\">Millionen protestieren gegen Pinochets Rentensystem und fordern R&uuml;cktritt von Michelle Bachelets Wirtschaftsminister<\/a>.<\/em><\/p><p><strong>Wie sieht die Bilanz nach fast 40 Jahren aus?<\/strong><\/p><p>An dem System der privaten Rentenfonds wurde nichts ge&auml;ndert. Man &uuml;bernahm es, als h&auml;tte es die Diktatur nie gegeben. Lediglich ganz unten, gegen den Fall ins Bodenlose, hat man eine d&uuml;nne Decke eingezogen. Seit 2008 existiert ein &bdquo;System Solidarischer Pensionen&ldquo; (&bdquo;Sistema de Pensiones Solidarias&ldquo;), das eine minimale Alters-Grundrente (&bdquo;Pensi&oacute;n B&aacute;sica Solidaria de Vejez&ldquo;) in gegenw&auml;rtiger H&ouml;he von umgerechnet 140 Euro an 1,35 Millionen in Armut lebender Chileninnen und Chilenen zahlt.&ldquo; (s.o.)<\/p><p>W&auml;hrend sich das Verm&ouml;gen der Superreichen in Chile auf 500 Milliarden US-Dollar auft&uuml;rmt, hat das Ministerium f&uuml;r soziale Entwicklung und Renten-Aufsicht festgehalten, was f&uuml;r den Rest &uuml;brigbleibt: &bdquo;<em>90,7 Prozent der Rentner im Lande erhalten eine Rente von weniger als 146.000 Pesos (umgerechnet 185 Euro).<\/em>&ldquo; (s.o.)<\/p><p>Seit f&uuml;nf Jahren k&auml;mpft ein B&uuml;ndnis mit dem Namen <a href=\"http:\/\/www.nomasafp.cl\/inicio\/\">No M&aacute;s AFP<\/a> (Schluss mit den AFP) gegen dieses kriminelle System, das sechs Finanzkonzerne unter sich aufteilen, ein Konsortium, das die B&uuml;rgerbewegung als &bdquo;kriminelle Vereinigung&ldquo; bezeichnet. Noch im Wahlkampf 2017 versprach &bdquo;der seit M&auml;rz 2018 zum zweiten Mal amtierende Pr&auml;sident Sebastian Pi&ntilde;era, er werde die Renten der Chilenen &bdquo;verbessern&ldquo;. Nichts ist seitdem geschehen, vielmehr entriss Pi&ntilde;era die Rentenpolitik seinem Finanz- und Sozialressort und erkl&auml;rte sie zur &bdquo;exklusiven Sache des Staatschefs&ldquo;. Der Erkl&auml;rung folgte, wie bei so manchen anderen brenzligen Fragen mit Dringlichkeitscharakter, dr&ouml;hnendes Schweigen; zum Nachteil der Rentner.&ldquo; (s.o.)<\/p><p><strong>Mit Wahlen, den Spielregeln des Kapitalismus zum Sozialismus?<\/strong><\/p><p>Die <em>Unidad Popular<\/em>, ein Parteienb&uuml;ndnis aus Sozialisten, Kommunisten, Sozialdemokraten und kleinen linken Parteien, ist 1970 durch Wahlen und mit den Stimmen der Christdemokratischen Partei an die Regierung gekommen. Allendes Botschaft an den Kongress vom 21. Mai 1971 lautete:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Unsere Aufgabe besteht darin, als Chiles Weg zum Sozialismus ein neues Staats-, Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell, das den Menschen, seine Bed&uuml;rfnisse und seine Forderungen in den Mittelpunkt stellt, zu definieren und in die Praxis umzusetzen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Gegen wen sich das Programm richtete, war im Regierungsprogramm der Unidad Popular vom 17. Dezember 1969 deutlich formuliert: &bdquo;<em>Beendigung der Herrschaft der Imperialisten, der Monopole und der Oligarchie der Gro&szlig;grundbesitzer und der Beginn des Aufbaus des Sozialismus in Chile.<\/em>&ldquo;<\/p><p>Tats&auml;chlich sah das Programm der Unidad Popular genau die Schritte vor, die diese Ank&uuml;ndigung in die Praxis umsetzen sollten. Ein Programm, das heute so utopisch klingt, dass man sich die Augen reiben muss:<\/p><ul>\n<li><em>Verstaatlichung der Banken und Finanzgesellschaften<\/em><\/li>\n<li><em>Verstaatlichung des Kupfers, zum gr&ouml;&szlig;ten Teil im Besitz US-amerikanischer Firmen<\/em><\/li>\n<li><em>Intensivierung der Agrarreform<\/em><\/li>\n<li><em>&Uuml;berf&uuml;hrung des vorherigen Privatbesitzes enteigneter Firmen in Kollektiveigentum<\/em><\/li>\n<li><em>Die Anhebung der L&ouml;hne und Geh&auml;lter<\/em><\/li>\n<li><em>Die Mieten d&uuml;rfen nur zehn Prozent des Familieneinkommens ausmachen<\/em><\/li>\n<li><em>Ein staatliches Rentensystem, in das alle einzahlen, also auch Unternehmer und Selbstst&auml;ndige<\/em><\/li>\n<\/ul><p>Davon ist vieles, viel zu viel (im Augen der Besitzenden) umgesetzt worden: Kinder bis 15 Jahre erhielten unentgeltlich einen halben Liter Milch, die L&ouml;hne der Arbeiter und Angestellten wurden entsprechend der Inflationsrate erh&ouml;ht, die Mindestl&ouml;hne verdoppelt. Preise f&uuml;r Strom und Haushaltsgas sowie die Transporttarife wurden eingefroren. Gleichzeitig wurde ein Programm zum Bau von 100.000 Wohnungen in Angriff genommen. Es begann die kostenlose Behandlung in Krankenh&auml;usern und Polikliniken.<\/p><p>Auch die Agrarreform, ein Kernst&uuml;ck jeder gesellschaftlichen Transformation in Lateinamerika, verdiente seinen Namen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;In zwei Jahren wurde soviel Land enteignet wie unter der DC-Regierung in sechs, d.h.: &bdquo;Zwischen dem 4. September 1970 und dem 31. M&auml;rz 1972 wurden genau 2.193 Latifundien mit einer Gesamtfl&auml;che von 3,5 Mio. Hektar (das entspricht 22.269 Gro&szlig;grundbesitzerfamilien) enteignet.&ldquo; (Maricheweu! Zehnmal werden wir siegen, Olaf Kaltmeier, 2004, S.134)\n<\/p><\/blockquote><p>D<strong>er Kampf um eine Zukunft, die hinter der Vergangenheit liegt<\/strong><\/p><p><em>&bdquo;Es geht nicht um 30 Pesos, sondern um 30 Jahre&ldquo; (Parole 2019)<\/em><\/p><p>Am 25. Oktober 2019 gingen alleine in der Hauptstadt Santiago de Chile &uuml;ber eine Million Menschen auf die Stra&szlig;e. L&auml;ngst geht es nicht mehr um Ticketpreise f&uuml;r die U-Bahn. Die Proteste richten sich gegen zu geringe L&ouml;hne und Renten, gegen hohe Studiengeb&uuml;hren und Lebenshaltungskosten. &bdquo;In einer ersten Reaktion erkl&auml;rte Pr&auml;sident Sebasti&aacute;n Pi&ntilde;era: &sbquo;<em>Wir alle haben die Botschaft vernommen.<\/em>&lsquo; Weiter schrieb er auf Twitter: &sbquo;<em>Wir alle haben uns ver&auml;ndert. Mit Einigkeit und Gottes Hilfe werden wir den Weg zu einem besseren Chile f&uuml;r alle gehen.<\/em>&lsquo; Konkrete Ma&szlig;nahmen nannte er aber nicht.&ldquo; (dw.com vom 26.10.2019)<\/p><p>Der Multimilliard&auml;r Sebasti&aacute;n Pi&ntilde;era, der laut <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Forbes_Magazine\"><em>Forbes Magazine<\/em><\/a> ein Verm&ouml;gen 2017 von 2,7 Milliarden US-Dollar besitzt, hat nichts Besseres zu tun, auch noch Gott in all das hineinzuziehen. Ohne Gott hat er nun sein gesamtes Kabinett aufgefordert, zur&uuml;ckzutreten. Auf die Idee, dass der Chef einer Wirtschaftspolitik zur&uuml;cktritt, die ihn zu einem der reichsten Menschen auf diesem Erdball gemacht hat, kommt er ganz und gar nicht.<\/p><p>Wenn man die Forderungen in den heute gef&uuml;hrten K&auml;mpfen mit dem vergleicht, was in den 1970er Jahren gefordert und zu einem beachtlichen Teil umgesetzt wurde, dann erahnt man, wie bescheiden das ist, wof&uuml;r heute &uuml;ber 19 Menschen ums Leben gekommen sind, wof&uuml;r heute der Ausnahmezustand und eine n&auml;chtliche Ausgangssperre verh&auml;ngt wurden.<\/p><p>Wenn also die Regierungen (in Chile und anderswo) und auch jene, die bald an die Regierung kommen wollen, uns erz&auml;hlen, dass die letzten 50 Jahre viel Wohlstand und Fortschritt gebracht haben, dann sollte man wissen, dass an diesem Fazit ganz viel Blut klebt.<br>\nTitelbild: vladm\/shutterstock.com und Redfish<\/p><p><strong>Quellen\/Literaturhinweise:<\/strong><\/p><ul>\n<li><em><a href=\"http:\/\/www.quilapayun.com\/\">El pueblo unido jam&aacute;s ser&aacute; vencido<\/a><\/em><\/li>\n<li><em>Chile: &ldquo;Renten reichen kaum f&uuml;r die Leichenbestattung&rdquo; &ndash; Selbstt&ouml;tungen der Pension&auml;re auf H&ouml;chststand<\/em>, Frederico F&uuml;llgraf, NDS vom 19. Oktober 2019<\/li>\n<li><em>Die Schlacht um Chile<\/em>, Bibliothek des Widerstandes, LAIKA Verlag, 2011<\/li>\n<li><em>MIR &ndash;Die revolution&auml;re Linke Chiles<\/em>, Bibliothek des Widerstandes, LAIKA Verlag, 2011<\/li>\n<li><em>Chile &ndash; Der Fl&auml;chenbrand im neoliberalen Paradies, seine Ursachen und die Folgen<\/em>, Frederico F&uuml;llgraf, NDS vom 26. Oktober 2019<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 26. Oktober 2019 demonstrierten alleine in der Hauptstadt Santiago de Chile &uuml;ber eine Million Menschen gegen das, was die Milit&auml;r-Diktatur etabliert hat und was die (parlamentarische) Demokratie in den folgenden 30 Jahren unangetastet lie&szlig;. Nun hat der Pr&auml;sident Sebastian Pi&ntilde;era sein gesamtes Kabinett zum R&uuml;cktritt aufgefordert. 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