{"id":56012,"date":"2019-10-30T09:00:09","date_gmt":"2019-10-30T08:00:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56012"},"modified":"2019-10-30T14:15:30","modified_gmt":"2019-10-30T13:15:30","slug":"buchrezension-die-sprache-des-donald-trump","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56012","title":{"rendered":"Buchrezension \u201eDie Sprache des Donald Trump\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Der bekannte Journalist und Autor <strong>Heiko Flottau<\/strong> hat f&uuml;r die NachDenkSeiten das Buch der franz&ouml;sischen &Uuml;bersetzerin B&eacute;reng&egrave;re Viennots &bdquo;Die Sprache des Donald Trump&ldquo; rezensiert. Eine interessante Besprechung. Ein Zitat: &sbquo;&bdquo;Das von Trump gew&auml;hlte Vokabular ist ausgesucht brutal.&ldquo; Diese Feststellung untermauert die Autorin an zahlreichen Beispielen &hellip; .&lsquo; &ndash; Vorweg will ich anmerken, dass Trump als Repr&auml;sentant der USA die Gewalt in Sprache und Umgang nicht erfunden hat. Mir bleibt die Reaktion Hillary Clintons, als ihr die Vernichtung Gaddafis mitgeteilt wurde, unvergessen. <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=mlz3-OzcExI\">Siehe hier<\/a>. Albrecht M&uuml;ller.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_752\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-56012-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191030_Buchrezension_Die_Sprache_des_Donald_Trump_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191030_Buchrezension_Die_Sprache_des_Donald_Trump_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191030_Buchrezension_Die_Sprache_des_Donald_Trump_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191030_Buchrezension_Die_Sprache_des_Donald_Trump_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=56012-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191030_Buchrezension_Die_Sprache_des_Donald_Trump_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"191030_Buchrezension_Die_Sprache_des_Donald_Trump_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Buchrezension &bdquo;Die Sprache des Donald Trump&ldquo; von Heiko Flottau<\/strong><\/p><p>Wortschatz und Syntax von Donald Trump sind Spiegelbild einer gesellschaftlichen Wirklichkeit, mit der sich die USA nicht gerne auseinandersetzen.<\/p><p>Nein, es waren keine Sprachwissenschaftler, keine Journalisten und auch keine Historiker, welche die tiefste bisher vorliegende Analyse der Sprache des amerikanischen Pr&auml;sidenten Donald Trump vorgelegt haben. Diese so notwendige Expertise kommt aus dem Reich jener, welche die Sprache Trumps zu &uuml;bersetzen haben und sich dabei vor ganz neue Herausforderungen gestellt sehen. Es sind die Dolmetscher und die Dolmetscherinnen, die sich Tag f&uuml;r Tag wundern, welche Sprachbruchstu&#776;cke des amerikanischen Pr&auml;sidenten sie &ndash; etwa ins Franz&ouml;sische oder ins Deutsche &ndash; zu &uuml;bertragen haben.<\/p><p>Nun hat die franz&ouml;sische &Uuml;bersetzerin B&eacute;reng&egrave;re Viennot ein Buch vorgelegt, das mit dem schlichten Titel &bdquo;Die Sprache des Donald Trump&ldquo; daherkommt. Aber die Analyse hat es in sich. Sie reicht von der eher leicht zu erstellenden, von anderen Autoren bereits vorgelegten Deutung des trumpschen Wortschatzes und der trumpschen Syntax bis hin zum gesellschaftlichen und historischen Kontext, in den diese Sprache eingebettet ist.<\/p><p>Und dieser Kontext ist deprimierend. Denn Trump, schreibt die Autorin, sei nicht das gravierendste Problem Amerikas. &bdquo;Als Garant der sittlichen Ordnung und als symbolisches &Uuml;ber-Ich eines ganzen Landes soll ein Pr&auml;sident nicht nur Vorbild sein, sondern auch Richtma&szlig; f&uuml;r die moralische Gesinnung einer Nation. Wenn er nach einem Akt des Hasses seine Emp&ouml;rung ausspricht, erhebt sich hinter ihm ganz Amerika.<\/p><p>Wenn er stattdessen jedoch schweigt, noch schlimmer indirekt sogar zu institutioneller oder privater Gewalt ermutigt, stellt er psychisch gest&ouml;rten B&uuml;rgern, deren niedrige Instinkte bisher durch die Angst vor staatlichen Sanktionen in Schach gehalten worden sind, einen Freibrief aus.&ldquo; Die Autorin zitiert den Wissenschaftler Jacques G&eacute;n&eacute;reux, der schreibe, bei den Menschen sei die Regulierung der Aggressivit&auml;t nicht genetisch, sondern gesellschaftlich reguliert. Fielen die gesellschaftlichen Schranken und Sanktionen weg, die im Allgemeinen gewaltt&auml;tige und antisoziale Verhaltensweisen sanktionierten, dann k&ouml;nne aus r&uuml;der Sprache eine ruchlose Tat werden. Und genau diese Gefahr leitet die Autorin aus der Sprache Donald Trumps ab.<\/p><p>&bdquo;Das von Trump gew&auml;hlte Vokabular ist ausgesucht brutal.&ldquo; Diese Feststellung untermauert die Autorin an zahlreichen Beispielen &ndash; etwa dem, wenn er Nordkorea mit &bdquo;Feuer und Zorn&ldquo; drohe. Trump benutze zudem stets die &bdquo;gleichen hohlen W&ouml;rter&ldquo; wie <em>good, bad, great, incredible, tough<\/em> und entwerfe dadurch das Bild einer Sprache, die durch ihre Entwicklung &uuml;ber Jahrhunderte eigentlich sehr facettenreich sei. Dass &bdquo;derjenige, der als Aush&auml;ngeschild seines Landes und mithin seiner Sprache fungieren soll, den Wortschatz eines Sechstkl&auml;sslers hat&ldquo;, deprimiere sie als Spracharbeiterin au&szlig;erordentlich, schreibt Viennot.<\/p><p>Das gesamte Gewaltpotenzial seiner Sprache offenbare Trump dann, wenn er etwa davon spreche, &bdquo;die Schei&szlig;e aus dem IS herausbomben zu wollen&ldquo; und wenn er &uuml;ber Frauen spreche, die man &bdquo;wie Schei&szlig;e behandeln&ldquo; oder an &bdquo;der Muschi packen&ldquo; solle. &bdquo;Die Gewalt der trumpschen Worte &hellip; &auml;u&szlig;ert sich folgerichtig auch in seinem politischen Handeln&ldquo;, schreibt die Autorin, etwa &bdquo;im &hellip; versuchten Einreiseverbot aus mehrheitlich muslimischen L&auml;ndern oder in seinem Anti-Einwanderungskurs und dem Befehl, Hunderte von Kindern an der mexikanischen Grenze von ihren Eltern zu trennen.&ldquo;<\/p><p>Zur Sprache der Gewalt gesellt sich die Sprache der L&uuml;ge. Laut Washington Post soll Trump, wie die Autorin die Zeitung zitiert, im Jahr 2017 mehr als 2.000-mal gelogen haben. Aber, fragt Viennot, handelt es sich dabei wirklich um L&uuml;gen? &bdquo;Trump, seine Anh&auml;nger und seine Mitarbeiter scheinen in ihrer eigenen Wirklichkeit zu leben. in einer Welt der alternativen Fakten, &hellip;. wo es nicht mehr darum geht, zu verstehen, sondern wie in einer Religionsgemeinschaft zu glauben&ldquo;.<\/p><p>Trump l&uuml;ge nicht, schreibt Viennot. &bdquo;Wer l&uuml;gt, verzerrt bewusst die Wirklichkeit. Trump aber verbreitet seine eigene, fest in seinem Kopf verankerte Wirklichkeit, die von angeblichen Fake-News-Produzenten in Frage gestellt wird. Meiner Meinung nach&ldquo;, schreibt die Autorin weiter, &bdquo;kann man Trump nicht als L&uuml;gner einordnen. In diesem Stadium der Mythomanie sollte eher von einer Form der Realit&auml;tsverweigerung die Rede sein, gegen die er selbst ohne die n&ouml;tige Urteilskraft kaum ankommt.&ldquo; Im &Uuml;brigen sei vielen Mitarbeitern Trumps bekannt, dass dieser in einer Parallelwelt lebe. Viele von diesen Mitarbeitern versuchten, wie sich einer von ihnen in der New York Times ge&auml;u&szlig;ert habe, &bdquo;den gef&auml;hrlichen und\/oder unsinnigen Entscheidungen Trumps entgegenzuarbeiten&ldquo;.<\/p><p>Es ist kaum &uuml;berraschend, dass f&uuml;r einen Mann mit begrenztem Wortschatz und begrenzter Syntax ein Medium wie Twitter eine ideale Kommunikationsbasis darstellt. Twitter, schreibt Viennot, sei ein &bdquo;Medium des Augenblicks, das Millionen Nutzer lesen. Durch die erzwungene K&uuml;rze lassen sich knackige Parolen verbreiten und verk&uuml;rzte Denkprozesse in die passende Form gie&szlig;en&ldquo;. Die Autoren Peter Oborn und Tom Roberts h&auml;tten ein Glossar der trumpschen Twitter-Sprache erarbeitet, in welchem z.B. das Wort <em>Wow<\/em> dreihundert Mal vorkomme, das Wort <em>great<\/em> zusammen mit <em>greatest<\/em> 4.400 Mal, der Satz &bdquo;<em>Ich bedaure<\/em>&ldquo; aber ganz und gar fehle.<\/p><p>Die Vorstellungswelt des amerikanischen Pr&auml;sidenten Donald Trump, die sich in seiner Sprache &auml;u&szlig;ere, beruhe aber nicht nur auf einem pers&ouml;nlichen, individuellen Manko, auf einer pers&ouml;nlichen Schw&auml;che, auf mangelhaftem Denkverm&ouml;gen. Vielmehr sei sie das Spiegelbild eines gesellschaftlichen und historischen Hintergrundes, Spiegel von Trumps, wie die Autorin schreibt, &bdquo;Politik und seines Denkens, in dem das Gewinnstreben r&uuml;cksichtslos jede emphatische Regung zunichtemacht&ldquo;. Trumps Sprache sei auch das Produkt einer Epoche und einer Gesellschaft, in der der viel beschworene &ldquo;amerikanische Traum&ldquo; nur f&uuml;r Wenige Realit&auml;t geworden sei.<\/p><p>Die Autorin schreibt: &bdquo;In den Vereinigten Staaten, die mit dem Blut von Indigenen, Afrikanern und irregeleiteten Pionieren gegr&uuml;ndet wurden, hat sich der nationale Mythos auf Kosten eines Gro&szlig;teils der Bev&ouml;lkerung aus dem Erfolg einer Minderheit gespeist.&ldquo; Nat&uuml;rlich gebe es die gro&szlig;en Karrieren der Rockefellers, Carnegies und Gates&lsquo;, die sich &bdquo;aus dem Nichts hocharbeiten konnten&ldquo;. Die USA seien aber auch, schreibt Viennot, das &bdquo;Land derer, die hoffnungsfroh und hungrig aufgebrochen waren&ldquo;, dann aber &bdquo;weder &Ouml;l noch Gold noch eine eintr&auml;gliche Idee&ldquo; gefunden h&auml;tten.<\/p><p>Amerika sei auch das Land der kleinen Wei&szlig;en, des white trash, der in Reservaten zusammengepferchten &bdquo;Indianer&ldquo;, der Sklaven und ihrer Nachkommen, das Land der schwarzen Opfer der Segregation, der Lynchjustiz und eines bis auf den heutigen Tag unausrottbaren Rassismus.&ldquo; Kurz: Der amerikanische Traum sei an &bdquo;zahllosen Frauen und M&auml;nnern vorbeigerauscht&ldquo;. Trumps Slogan &bdquo;<em>Make America Great again<\/em>&ldquo; sei eine Aufforderung, &bdquo;in eine Vergangenheit einzutauchen, die nie existiert hat&ldquo;, schreibt die Autorin.<\/p><p>Der &bdquo;semantische Gru&#776;ndungsschwindel&ldquo; der USA finde sich in der Unabh&auml;ngigkeitserkl&auml;rung, in der es hei&szlig;t, dass alle Menschen &bdquo;gleich geschaffen wurden, dass sie von ihrem Sch&ouml;pfer mit gewissen unver&auml;u&szlig;erlichen Rechten begabt wurden, worunter sind Leben, Freiheit und das Bestreben nach Gl&uuml;ckseligkeit&ldquo;. Ein sch&ouml;ner Text, schreibt die Autorin. Nur: Dieser Text stamme von einem Sklavenhalter, n&auml;mlich Thomas Jefferson, der mit seinem &ndash; wei&szlig;en &ndash; Volk &bdquo;einen den urspr&uuml;nglichen Besitzern entrissenen Landstrich besiedelte&ldquo;.<\/p><p>Harte Worte, &uuml;ber die in den USA heute in der Tat wenig nachgedacht wird. Deshalb folgert die Autorin, dass Trump kein Unfall der Geschichte sei. &bdquo;Man wird ihn nicht vergessen k&ouml;nnen, wenn jemand anderes an die Macht gekommen sein wird. Seine Pr&auml;gung wird sich nicht nur in einem bestimmten Politikstil oder in den von ihm ernannten Richtern des Supreme Court spiegeln, sondern in der gesamten Gesellschaft, die ihn gemeinschaftlich an die Macht geholt hat.&ldquo;<\/p><p>PS: Wie wenig Trump in der Lage ist, sich zu m&auml;&szlig;igen, zeigen auch seine Worte nach dem Tod des IS-Fu&#776;hrers Abu Bakr al-Bagdadi. In einem Kommentar auf SZ-Online vom 28.10.2019 beklagt Bernd Graff die Wortwahl des Pr&auml;sidenten. Sicher ist al-Bagdadi kein Mensch gewesen, dessen Verbrechen man in irgendeiner Weise besch&ouml;nigen kann. Aber ihn mit Worten wie &bdquo;Hund&ldquo;, &bdquo;wimmern&ldquo;, &bdquo;Feigling&ldquo;, &bdquo;verr&uuml;ckt vor Angst&ldquo;, &bdquo;krank und verdorben&ldquo; verbal ins Grab zu treten, sei geschmacklos und eines amerikanischen Pr&auml;sidenten unw&uuml;rdig, schreibt Graff. Und weiter: &bdquo;Wenn man Zivilisation und Kultur f&uuml;r einen hauchd&uuml;nnen Firnis &uuml;ber einer kaum geb&auml;ndigten, rohen Natur h&auml;lt, kann man in Trumps archaischer Schm&auml;hrhetorik allem Geist, Idealismus und Humanismus beim Abbl&auml;ttern zusehen.&ldquo;<\/p><p><em>B&eacute;reng&egrave;re Viennot: Die Sprache des Donald Trump, Aus dem Franz&ouml;sischen von Nicola Denis, Aufbauverlag Berlin, 2019<\/em><\/p><p>Titelbild: lev radin \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der bekannte Journalist und Autor <strong>Heiko Flottau<\/strong> hat f&uuml;r die NachDenkSeiten das Buch der franz&ouml;sischen &Uuml;bersetzerin B&eacute;reng&egrave;re Viennots &bdquo;Die Sprache des Donald Trump&ldquo; rezensiert. Eine interessante Besprechung. 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