{"id":56054,"date":"2019-11-02T11:45:14","date_gmt":"2019-11-02T10:45:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56054"},"modified":"2019-11-04T07:50:11","modified_gmt":"2019-11-04T06:50:11","slug":"zur-lage-in-kaschmir-teil-zwei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56054","title":{"rendered":"Zur Lage in Kaschmir &#8211; Teil Zwei"},"content":{"rendered":"<p>Seit rund zwei Monaten herrscht ein neuer Ausnahmezustand in der Region Kaschmir. Wie <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54013\">in diesem Artikel<\/a> zum Thema bereits vorhergesagt wurde, nahm das &ouml;ffentliche Interesse an der Situation im Krisenherd nach einigen Schlagzeilen massiv ab. Nicht nur aus diesem Grund ist ein weiterer Blick auf den Konflikt notwendig. Von <strong>Emran Feroz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n&ldquo;Was ist eigentlich in Kaschmir los?&rdquo; Der erste Versuch, diese Frage zu beantworten, l&auml;sst sich <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54013\">in diesem Artikel<\/a> lesen, zumindest auf lokaler Ebene. Aus diesem Grund wird im Folgenden auch nicht abermals auf alle Einzelheiten, die zur aktuellen Eskalation beigetragen haben, eingegangen. Folgendes sollte allerdings weiterhin klar sein: Im indischen Teil der Region Kaschmir (konkret Jammu, Kaschmir und Ladakh) findet durch die rechtsextreme Regierung Narendra Modis eine massive Entrechtung statt, deren Konsequenzen nicht nur die regionale, sondern auch die globale Politik beeinflussen k&ouml;nnten. <\/p><p>Dies wurde vor wenigen Tagen abermals deutlich, als der pakistanische Premierminister Imran Khan vor der UN-Generalversammlung in New York eine <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2019\/09\/27\/world\/asia\/khan-modi-united-nations.html\">feurige Rede<\/a> hielt, in der er sich mit den Menschen in Kaschmir solidarisierte. W&auml;hrenddessen verlor sein indischer Amtskollege Narendra Modi kein Wort &uuml;ber jenen Konflikt, den er gegenw&auml;rtig eskalieren l&auml;sst. Khan warnte nicht nur vor einem m&ouml;glichen Blutbad, sondern betonte in emotionaler Manier auch, dass ein bewaffneter Widerstand der Menschen in Kaschmir nachvollziehbar sei und er auf dieselbe Art und Weise reagieren w&uuml;rde, wenn er sich in ebenjener Situation befinden w&uuml;rde. <\/p><p>Imran Khan, einst Playboy und Cricket-Star, ist ein charismatischer Mann. Seine Rede kam auf der Weltb&uuml;hne, allen voran bei mehrheitlich muslimischen Staaten, gut an. Hinzu kommt, dass Khan bereits seit Beginn der Kaschmir-Eskalation im August als Stimme der Vernunft erschien &ndash; zumindest neben dem lauten, aggressiven Modi. Doch ganz so einfach ist die Situation dann doch nicht, was die Konstellation regionaler und globaler Verb&uuml;ndeter Indiens und Pakistans deutlich macht. <\/p><p><strong>Geopolitische Machtspiele sind vorprogrammiert<\/strong><\/p><p>Zu Modis ideologischen Verb&uuml;ndeten geh&ouml;ren mittlerweile die USA und Israel. Erst vor wenigen Wochen besuchte Modi die Staaten, in der die Gemeinsamkeiten zwischen Neu-Delhi und Washington deutlich wurden. <a href=\"https:\/\/www.bbc.com\/news\/world-us-canada-49788492\">Modi und Trump zelebrierten ihre Partnerschaft<\/a> und ihren &bdquo;Kampf gegen den Terror&ldquo;, der nat&uuml;rlich auch in Kaschmir fortgef&uuml;hrt wird. Die beiden Staatschefs gelten als Produkte des neuen, rechten Zeitgeistes und umso weniger ist es &uuml;berraschend, dass Modi mittlerweile als eine Art Trump S&uuml;dasiens gilt. W&auml;hrenddessen sind im Laufe der Amtszeit Modis auch die Kontakte zur Regierung Benjamin Netanjahus intensiver geworden. In den letzten Jahren gab es nicht nur <a href=\"https:\/\/www.ndtv.com\/entertainment\/benjamin-netanyahus-bollywood-selfie-with-amitabh-bachchan-aishwarya-and-other-stars-1802012\">Propagandatrips, an denen auch Bollywoodsternchen<\/a> teilnahmen, sondern auch eine sehr konkrete Zusammenarbeit, etwa in Form von <a href=\"https:\/\/www.middleeastmonitor.com\/20190712-israel-arms-company-signs-100m-missile-deal-with-india-army\/\">R&uuml;stungsdeals<\/a>. W&auml;hrenddessen sind sich immer mehr Stimmen darin einig, dass die Situation in <a href=\"https:\/\/972mag.com\/kashmir-india-israel-palestine-occupation\/142735\/\">Kaschmir jener in Pal&auml;stina<\/a> gar nicht un&auml;hnlich ist.<\/p><p>Auf der anderen Seite ist allerdings klar, dass die USA auch zu den wichtigsten Geldgebern Pakistans geh&ouml;ren. Seit Beginn des &bdquo;War on Terror&ldquo; erhielt Pakistan Milliarden  Dollar aus Washington. Aufgrund des Krieges im Nachbarland Afghanistan war f&uuml;r die Amerikaner der pakistanische Verb&uuml;ndete besonders wichtig. Vor allem der Sicherheitsapparat des Landes, eine Art Staat im Staat mit dem ber&uuml;hmt-ber&uuml;chtigten Geheimdienst ISI an der Spitze, profitiert von den Geldern enorm.<\/p><p>Ein weiterer Akteur, der in Pakistan weitaus pr&auml;senter ist als die USA, ist China. Die pakistanische Wirtschaft ist von den Chinesen n&auml;mlich abh&auml;ngig geworden. Peking hat in den letzten Jahren in zahlreiche Projekte (im Gesamten als China-Pakistan Economic Corridor bezeichnet) investiert. Insgesamt spricht man von einem <a href=\"https:\/\/www.thehindu.com\/news\/international\/xi-jinping-visit-to-pakistan-preview\/article7114980.ece\">Investitionsvolumen zwischen 46 und 65 Milliarden US-Dollar<\/a>. Manch einer k&ouml;nnte demnach behaupten, dass weite Teile Pakistans de facto China geh&ouml;ren und Khans Vorg&auml;nger das Land mehr oder weniger verkauft haben. Auch Indien ist ein wichtiger Handelspartner Chinas, doch im Fall von Pakistan geht die Beziehung weit &uuml;ber jene eines Partners hinaus, was auch &bdquo;on the ground&ldquo; deutlich wird. <\/p><p>In Regionen wie der Provinz Belutschistan, die seit Jahrzehnten als Unruheherd gilt, wird offen von einer <a href=\"https:\/\/www.business-standard.com\/article\/news-ani\/cpec-turning-balochistan-into-chinese-colony-says-baloch-leader-118112500493_1.html\">chinesischen Kolonialisierung<\/a> gesprochen. In der Provinz befindet sich unter anderem die Hafenstadt Gwadar, in der aufgrund deren geostrategischer Bedeutung Milliarden seitens Peking hineingepumpt wurden. All dies geschah nicht von heute auf morgen und war von stetiger Unruhe begleitet. Das Volk der Belutschen wird seit Jahrzehnten vom pakistanischen Staat unterdr&uuml;ckt. Separatistische Gruppierungen, haupts&auml;chlich marxistisch angehaucht, greifen immer wieder chinesische Stationen an und begehen Terroranschl&auml;ge. <\/p><p>&Auml;hnlich problematisch ist die Lage auch in den Nachbarprovinzen Khyber Pakhtunkhwa und FATA, den paschtunischen Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan. Auch hier zieht es das pakistanische Milit&auml;r samt Geheimdienst vor, die lokalen Paschtunen zu unterdr&uuml;cken und jeglichen Aufstand zu zerschlagen, selbst wenn dieser in friedlicher Form stattfindet, wie es in den letzten Monaten der Fall war. Derartige Umst&auml;nde machen deutlich, warum Imran Khans Worte im Kontext von Kaschmir f&uuml;r viele Menschen im eigenen Land unglaubw&uuml;rdig erscheinen. <\/p><p><strong>Lokale Interessen unterscheiden sich stets von geopolitischen Interessen<\/strong><\/p><p>In dieser Hinsicht ist auch die Rolle eines weiteren Staates in der Region, n&auml;mlich Afghanistans, zu beachten. Die Kabuler Regierung gilt als enger Verb&uuml;ndeter Indiens. Dies hat eine gewisse Tradition, denn fast alle afghanischen Zentralregierungen der letzten vierzig Jahre pflegten eine Freundschaft mit Indien und eine Feindschaft mit Pakistan. Zum gleichen Zeitpunkt hatten alle aufst&auml;ndischen Gruppierungen &ndash; ob nun Mudschaheddin in den 1980ern oder die Taliban bis heute &ndash; aufgrund der Abh&auml;ngigkeit zum Nachbarstaat ein enges, wenn auch nicht immer freundliches Verh&auml;ltnis zu ebenjenen. Zeitgleich war der afghanisch-paschtunische Nationalismus, der die erw&auml;hnten Grenzprovinzen als illegal annektiert betrachtet, stets ein Dorn im Auge Islamabads. Jener Nationalismus keimte bereits fr&uuml;h in den ersten Tagen der afghanischen Republik in den 1970ern, als der erste Pr&auml;sident des Landes, Mohammad Daoud Khan, mit dem Finger in die Wunde griff und Pakistans belutschische und paschtunische Regionen als Teile Afghanistans bezeichnete. Die Kabuler Regierungen, die seit 2001 an der Macht sind, pflegen diesen Nationalismus weiterhin. Als im vergangenen Jahr Pakistans Paschtunen lautstark demonstrierten, mischte sich Pr&auml;sident Ashraf Ghani sogar mittels Twitter ein und dr&uuml;ckte seine Solidarit&auml;t aus. Ein Akt, der von pakistanischen Offiziellen als skandal&ouml;se Intervention betrachtet wurde. Den rebellischen Paschtunen, die sich dem gewaltfreien Protest verschrieben haben, wird sp&auml;testens seitdem in regelm&auml;&szlig;igen Abst&auml;nden vorgeworfen, <a href=\"https:\/\/taz.de\/Massenproteste-in-Pakistan\/!5494714\/\">Agenten des indischen oder afghanischen Geheimdienstes<\/a> zu sein. In der innerafghanischen Debatte wird selbiges allerdings auch den aufst&auml;ndischen Kaschmiris vorgeworfen. Der Unterschied ist lediglich, dass sie als pakistanische Agenten bezeichnet werden.<\/p><p>Am wahrscheinlichsten ist wohl, dass niemand niemandes Agent ist. Viel mehr besteht die Tatsache, dass ein lokales Bestreben &ndash; etwa die Autonomie oder Unabh&auml;ngigkeit der Kaschmiris, Belutschen oder Paschtunen &ndash; f&uuml;r einen Akteur zum Vorteil sein kann, und f&uuml;r den anderen eben nicht. Indien hat die Situation in Kaschmir zum Eskalieren gebracht. Der Widerstand der lokalen Bev&ouml;lkerung ist nachvollziehbar und war vorauszusehen. &Auml;hnliches ist auch in den paschtunischen Stammesgebieten der Fall. Beide Eskalationen haben Profiteure, und denen geht es nicht nur meistens, sondern immer nur um die eigenen Machtinteressen und weniger um das Schicksal der betroffenen Menschen.<\/p><p>Titelbild: HACK_CG  \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit rund zwei Monaten herrscht ein neuer Ausnahmezustand in der Region Kaschmir. 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