{"id":56060,"date":"2019-11-03T11:45:38","date_gmt":"2019-11-03T10:45:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56060"},"modified":"2019-11-03T14:14:59","modified_gmt":"2019-11-03T13:14:59","slug":"berliner-nachtleben-nachdenken-ueber-hedonismus-und-gemeinschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56060","title":{"rendered":"Berliner Nachtleben &#8211; Nachdenken \u00fcber Hedonismus und Gemeinschaft"},"content":{"rendered":"<p>In Berlin-Friedrichshain ist Feiern angesagt. Die Mittelschicht konsumiert. Die Migranten r&auml;umen auf. Beobachtungen auf einer Durchreise von <strong>Ulrich Heyden<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nIn Berlin-Friedrichshain lebt mein Freund Peter. Alle paar Jahre besuche ich ihn. Der Bezirk mit seinen in der Gr&uuml;nderzeit gebauten B&uuml;rger-H&auml;usern ist sehr sch&ouml;n. Die Stra&szlig;en sind nicht breit, aber die B&uuml;rgersteige. Auf denen wachsen gro&szlig;e B&auml;ume. Die H&auml;user haben gemauerte Balkons. Man findet Treppenh&auml;user aus Holz mit Messingbeschl&auml;gen und T&uuml;ren im Original Art-d&eacute;co-Stil.<\/p><p>Friedrichhain war zu DDR-Zeiten ein Arbeiterbezirk. Doch nach der Wende sind viele H&auml;user von Wessis &uuml;bernommen worden. Die Mieten stiegen und ein gro&szlig;er Teil der Arbeiter und Arbeiterinnen, der Rentner und Rentnerinnen zog in billigere Bezirke. Studenten und Leute aus der Mittelschicht zogen zu.<\/p><p>Vor drei Jahren, als ich das letzte Mal bei Peter war, fiel mir eine starke Ver&auml;nderung auf. In vielen Stra&szlig;enz&uuml;gen hatten neue Kneipen, italienische Restaurants, Pizzerias und Boutiquen der mittleren Preisklasse aufgemacht. Jedes Wochenende str&ouml;men vom S-Bahnhof Warschauer Stra&szlig;e Massen von jungen Leuten mit einem Ziel nach Friedrichshain: Einen sch&ouml;nen Abend zu verbringen.<\/p><p>Vor kurzem war ich wieder bei Peter zu Besuch. Der Strom der Wochenend-Touristen ist noch gr&ouml;&szlig;er geworden.<\/p><p>Freitagabend. In der U-Bahn sind zu dieser Zeit &uuml;berwiegend junge Leute unterwegs. Fast jeder Zweite h&auml;lt eine Bierflasche in der Hand. Auf manchen Gehwegen taucht man unvermittelt in eine Wolke von frischgequalmtem Dope ein.<\/p><p>Nein, es sind nicht unbedingt arme Leute, die vor allem an den Wochenenden durch Friedrichshain ziehen. Das Vergn&uuml;gen ist nicht umsonst. Viele, so scheint mir, sind gut ausgebildet. Die Jugendlichen kommen aus verschiedenen L&auml;ndern. Auf der Stra&szlig;e, in den Caf&eacute;s und Restaurants unterhalten sie sich auf Englisch. Ich h&ouml;re kein Russisch, Franz&ouml;sisch oder Spanisch. Immer nur Englisch mit verschiedenen Akzenten.<\/p><p>War Ost-Berlin nicht mal von den Russen befreit, oder wie es heute hei&szlig;t, &bdquo;besetzt worden&ldquo;? Hat man sie denn alle vertrieben? Oder haben sie nur keine Lust auf laute Gespr&auml;che auf der Stra&szlig;e?<\/p><p>Abends sieht man in Friedrichshain einiges, was einen zum Nachdenken bringt. Auf einem Zebrastreifen liegt ein E-Scooter. Offenbar hat ihn jemand, nachdem die Mietzeit abgelaufen war, liegengelassen.<\/p><p>Vor einer Pizzeria in der Revaler Stra&szlig;e sind mehrere moderne Miet-Fahrr&auml;der mit Elektromotor an eine Autot&uuml;r gekippt. Niemand erbarmt sich des Autos. Die technischen Wunderwerke mit E-Motor, die ein neues, &ouml;kologisches Zeitalter einl&auml;uten sollen, sind ihren Benutzern offenbar nicht mehr wert als ein Kaugummi, das man nach Gebrauch irgendwohin spuckt.<\/p><p>Am Ausgang der S-Bahn Warschauer Stra&szlig;e steht ein junger Mann mit Gitarre und singt einen Song von Bon Jovi. Schnell hat sich eine Fan-Schar um den Gitarristen versammelt. Ein Mann mit langen Haaren in einem schwarzen Anzug mit aufgedruckten gr&uuml;nen Haschisch-Bl&auml;ttern steht in der ersten Reihe. Er hat eine Bierflasche in der Hand und guckt zufrieden.<\/p><p>Der Refrain des Liedes wird von allen begeistert mitgesungen. &bdquo;It&rsquo;s my life. It&rsquo;s now or never. I ain&rsquo;t gonna live forever. I just want to live while I&rsquo;m alive.&rdquo;<\/p><p>Der Song ist gut. Der Mann mit Gitarre sieht sympathisch aus. Aber angesichts der von Vielen hier demonstrierten Haltung, mir ist alles egal, Hauptsache, ich habe Spa&szlig;, klingt das Lied irgendwie dumm.<\/p><p><strong>Die Bedrohung von Deutschland schafft Ordnung<\/strong><\/p><p>Um im Bezirk Friedrichhain zu schlafen, muss man nachts das Fenster schlie&szlig;en. Gefeiert wird rund um die Uhr.<\/p><p>Wenn sich am Sonnabendmorgen die Obdachlose um die Ecke von ihrer Matratze erhebt und freundlich l&auml;chelnd die Augen reibt, laufen vor den Kneipen schon Fernseher mit einer wichtigen Fu&szlig;ball-Live-&Uuml;bertragung.<\/p><p>Ein Sonnabendmorgen in Friedrichshain bietet mindestens so viel Stoff zum Nachdenken wie ein Freitagabend. Ungl&auml;ubig beobachte ich einen Mann mit gr&uuml;ner Signal-Weste, der die &uuml;berall verstreut umherliegenden Miet-E-Scooter aufsammelt und fein s&auml;uberlich in Dreier-Gruppen und Vierer-Gruppen aufstellt.<\/p><p>Ich komme mit dem Mann ins Gespr&auml;ch. Er kommt aus Algerien. Sein Job ist es, die verstreuten Scooter einzusammeln. Sogar aus Kan&auml;len fische er sie auf, erz&auml;hlt der Mann. Die weggeworfenen Roller sendeten Signale, die sein Peilger&auml;t empfange, erkl&auml;rt er mir mit Stolz.<\/p><p>Ich komme ins Gr&uuml;beln. Ein Migrant, der vermutlich seine Familie in der Heimat zur&uuml;cklassen musste, schafft Ordnung in der Abenteuerstube f&uuml;r Jugendliche, die Spa&szlig; und noch mehr Spa&szlig; haben wollen?<\/p><p>F&uuml;r seine Arbeit bekommt der Mann &ndash; der von rechten Hetzern als Bedrohung Deutschlands hingestellt wird &ndash; wahrscheinlich nur ein paar Euro. Ist er daf&uuml;r nach Europa gekommen? Wahrscheinlich nicht.<\/p><p>Mein Freund &ndash; der wie ich Hass auf Ausl&auml;nder verabscheut &ndash; hatte mir schon angek&uuml;ndigt, dass wir am Sonnabend unbedingt zum Boxhagener Platz auf den Markt gehen m&uuml;ssen.<\/p><p>Der Platz ist wundersch&ouml;n. Auf dem quadratisch angelegten Areal stehen viele B&auml;ume. Man blickt auf H&auml;user mit interessanten Fassaden. Die Verkaufszelte und St&auml;nde hat man in einem Viereck aufgestellt.<\/p><p>Ich komme in gute Stimmung. Es wird Essbares, Handgemachtes und Duftendes aus ganz Europa verkauft, Wurst aus Portugal und Th&uuml;ringen, &Ouml;ko-Gem&uuml;se aus Brandenburg, spanische Empanadas, Cappuccino, eingeschenkt von einer jungen Italienerin.<\/p><p>Die Verk&auml;uferInnen kommen aus ganz Europa. Sie l&auml;cheln, bieten freundlich etwas an &hellip; und flirten. Der Platz ist friedlich, nicht laut. Man h&ouml;rt nur das Schnattern der Stimmen, ein Scharren, wenn Plastikboxen mit Gem&uuml;se verschoben werden und das Klappern von Kinderwagen.<\/p><p>Meine Begeisterung ist mir wohl ins Gesicht geschrieben. Peter beugt sich zu mir und sagt mit leiser Stimme, &bdquo;ja, es ist sch&ouml;n hier, aber die Preise sind sehr hoch. Normale Leute kaufen hier nicht.&ldquo;<\/p><p><strong>Sind die Russen doch noch nicht abgezogen?<\/strong><\/p><p>Doch kaum sind wir um die n&auml;chste Ecke, h&uuml;pft mein Herz schon wieder vor Freude. Ich sehe einen gelb gestrichenen Bottich auf R&auml;dern. Was ist das? Sind die Russen doch noch nicht abgezogen? Diese gelben Bottiche &ndash; mit der roten Aufschrift &bdquo;Kwas&ldquo; &ndash; sieht man doch sonst nur in Russland. Vor dem Bottich steht ein b&auml;rtiger Mann mit Sch&uuml;rze, der das russische Sommergetr&auml;nk &bdquo;Kwas&ldquo; verkauft. Das Getr&auml;nk aus Brot, Wasser und Zucker habe er selbst gebraut, erz&auml;hlt er.<\/p><p>Doch das ist noch nicht alles. Die einzige Warteschlange auf diesem aufregenden Markt sehe ich vor dem Stand mit der Aufschrift &bdquo;Russisch-ukrainische K&uuml;che&ldquo;. Dort werden Pelmeni und Wareniki verkauft, hei&szlig;e Teigtaschen mit salziger oder s&uuml;&szlig;er F&uuml;llung.<\/p><p>Der Koch, ein hagerer Mann mittleren Alters mit schwarzem Zopf, f&auml;llt durch sein rotes T-Shirt auf, das ein riesiges Sowjet-Emblem ziert. Als ich ihn frage, woher er komme, meint er, &bdquo;aus Dnjeprodserschinsk&ldquo;. Das ist eine Stadt in der Ost-Ukraine, die unter Kontrolle von Kiew steht und 2016 in &bdquo;Kamjanske&ldquo; umbenannt wurde. Mit Stolz in der Stimme und einem L&auml;cheln sagt der Koch, in Dnjeprodserschinsk sei Leonid Breschnjew geboren worden.<\/p><p>Das ist nun wirklich zu viel. Ist denn hier &ndash; mitten in Berlin &ndash; sowjetische Propaganda erlaubt? Hat man denn noch nicht begriffen, dass sich die Ukraine gerade von allen kommunistischen Namen befreit hat?<\/p><p>Etwas unverfroren frage ich zwei M&auml;nner mittleren Alters, die um einen kleinen Tisch sitzen und Wareniki essen: &bdquo;Warum ist die gr&ouml;&szlig;te Schlange hier auf dem Markt gerade vor einem russischen Stand?&ldquo;. Der &auml;ltere der Beiden antwortet: &bdquo;Warum? Weil in unserem Bezirk viele Linke wohnen. Wir sind f&uuml;r die Verst&auml;ndigung mit Russland.&ldquo;<\/p><p>Wir verlassen den Markt mit Leckereien aus Portugal und in Vorfreude auf das Fr&uuml;hst&uuml;ck.<\/p><p>Trotz allem, meine Reise nach Berlin war kein Reinfall. Man muss nur die Augen aufhalten. &Uuml;berall findet man etwas, an das man sich sp&auml;ter immer wieder gerne erinnert.<\/p><p>Titelbild: Ulrich Heyden<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/730a6c5939fd47dfbed06c11dbf9119e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Berlin-Friedrichshain ist Feiern angesagt. Die Mittelschicht konsumiert. Die Migranten r&auml;umen auf. 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