{"id":561,"date":"2005-05-09T14:29:35","date_gmt":"2005-05-09T12:29:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=561"},"modified":"2016-03-14T16:44:51","modified_gmt":"2016-03-14T15:44:51","slug":"bundesprasident-kohlers-begabung-zur-freiheit-der-vereinfachung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=561","title":{"rendered":"Bundespr\u00e4sident K\u00f6hlers \u201eBegabung zur Freiheit\u201c der Vereinfachung"},"content":{"rendered":"<p>In seiner Rede zum 60. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs kehrt Horst K&ouml;hler die von Richard von Weizs&auml;cker am 8. Mai 1985 zurecht ger&uuml;ckte Reihenfolge von Ursachen und Folgen dieses Krieges wieder um. Weil er nicht nach Anfang und Ausgang von Unrecht fragt, ist es f&uuml;r ihn nur &bdquo;gerecht gegen alle V&ouml;lker&ldquo;, wenn wir &bdquo;um alle Opfer&ldquo; gleicherma&szlig;en trauern.<br>\nUm &uuml;ber den &bdquo;Ruin der Jahre 1933 bis 1945 hinauszukommen&ldquo;, m&uuml;ssten wir nur &bdquo;unser Land in seiner ganzen Geschichte&ldquo; sehen und erkennen &bdquo;an wie viel Gutes wir ankn&uuml;pfen konnten&ldquo;. So einfach kann man &uuml;ber den Nationalsozialismus hinweg kommen.<br>\nWie man allerdings am Tag der Befreiung Deutschlands durch andere V&ouml;lker, den Deutschen eine &bdquo;eigene Begabung zur Freiheit&ldquo; attestieren kann, das grenzt an Hochmut.<br>\n<!--more--><br>\nK&ouml;hler setzt mit seiner Erinnerungsrede nicht am Anfang jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg f&uuml;hrte, an, sondern am Ende dieses Krieges. Er beschreibt dessen Opfer und Leid vor allem auch durch Flucht, Vertreibung und Unfreiheit danach. Er hat weder viel &uuml;ber den Nationalsozialismus gesagt, noch &uuml;ber die Beispiellosigkeit seiner Verbrechen, noch &uuml;ber die Verstrickung der Deutschen in Krieg und Gewalt.<br>\nSp&auml;testens seit der verungl&uuml;ckten Rede des damaligen Bundestagspr&auml;sidenten Philipp Jenninger im Jahre 1988 anl&auml;sslich des 50. Jahrestages der Novemberpogrome wei&szlig; man, wie missverst&auml;ndlich Sprache sein kann und wie sensibel man damit umgehen muss. Man kann die beiden Erinnerungsreden gewiss nicht miteinander vergleichen, schon deshalb nicht, weil Jenninger das rhetorische Mittel der Zeitzeugenaussage verwandte und K&ouml;hler die R&uuml;ckschau aus heutiger Sicht w&auml;hlte. Aber war es besonders sensibel, wenn K&ouml;hler distanzierend vom &bdquo;sogenannten Dritten Reich&ldquo; sprach, oder vom Ungl&uuml;ck das ein abstraktes &bdquo;Deutschland&ldquo; &uuml;ber die Welt gebracht hat(und eben nicht Deutsche). Er redete davon, dass &bdquo;wir Verachtung gegen&uuml;ber denen f&uuml;hlen, die durch diese Verbrechen an der Menschheit schuldig geworden sind und unser Land entehrten.&ldquo; Wer sind eigentlich diejenigen, &bdquo;die schuldig geworden sind&ldquo;?<br>\nWar es etwa nicht die ganz &uuml;berwiegende Mehrheit aller Deutschen, die mitmachten, die ihr Gewissen ablenkten, die wegschauten, die schwiegen?<br>\nNein, es geht nicht um Kollektivschuld, dazu hat von Weizs&auml;cker das Richtige gesagt. Wer aber wirklich Lehren aus dem Nationalsozialismus ziehen will, darf nicht so reden als handle es sich dabei um ein l&auml;ngst abgeschlossenes Kapitel deutscher Geschichte, dem &bdquo;sogenannten Dritten Reich&ldquo; eben, er kann nicht so tun, als handle es sich um ein &bdquo;Deutschland&ldquo; von damals und einem Deutschland von heute, als einem anderen Land. Wenn man durch Erinnerung lernen will, dann darf man nicht durch eine inneren Distanzierung in der Sprache und eine Abstrahierung der Schuldzuweisung die Fehler, Vers&auml;umnisse und Verstrickungen der &uuml;berwiegenden Mehrheit der Deutschen des damaligen Deutschlands einfach ausblenden. <\/p><p>Weil K&ouml;hler das Ende des Krieges und nicht seine Ursachen zur Ausgangsperspektive nahm, konnte er wie nach einer schrecklichen Naturkatastrophe um &bdquo;alle Opfer&ldquo; in gleicher Weise trauern. Dabei achtete er tunlichst darauf, dass er jedem Opfer der Gewalt, die von Deutschland ausging, immer auch ein Opfer der Gewalt entgegenh&auml;lt, die auf Deutschland &bdquo;zur&uuml;ckschlug&ldquo;. Was f&uuml;r eine historische Vereinfachung?<br>\nK&ouml;hler meint damit &bdquo;gerecht gegen alle V&ouml;lker&ldquo; zu sein , &bdquo;auch gegen unser eigenes&ldquo;.<br>\nMan kann jemand, dessen Familie selbst fl&uuml;chten musste, pers&ouml;nlich nachempfinden, dass er jedes einzelne Opfer und jedes einzelne Leid aus Sicht des jeweils Betroffenen beklagt. Aber man soll und man darf &ndash; schon gar als Staatsoberhaupt der Deutschen &ndash; nicht so tun, als h&auml;tten Ungerechtigkeit und Gewalt keinen Anfang und keinen Ausgangsort gehabt. <\/p><p>K&ouml;hler hat es abgelehnt, einen &bdquo;Schlussstrich&ldquo; unter die deutsche Nazi-Vergangenheit zu ziehen. Vor allem die nachr&uuml;ckende Generation m&uuml;sse &bdquo;die Erinnerung an das Geschehene wach halten und weitergeben&ldquo;. &bdquo;Wir m&uuml;ssen diese Lehren weiter beherzigen&ldquo;.<br>\nNach K&ouml;hlers Meinung haben wir heute Lebenden seit der Nachkriegszeit mit ein bisschen Hilfe von au&szlig;en diese Lehren ausreichend und t&uuml;chtig gezogen. Die grundlegenden politischen Entscheidungen der Nachkriegszeit, so urteilt K&ouml;hler: &bdquo;Alle diese Entscheidungen waren richtig&ldquo;. Wir h&auml;tten &bdquo;geistige Weite wiedergewonnen und seien wieder eine &bdquo;geachtete Kulturnation&ldquo; geworden. Und selbst der aus Deutschland kommende Papst muss als positives Beispiel daf&uuml;r herhalten, &bdquo;wie unser Land heute wahrgenommen wird&ldquo;.<br>\nKurz: Wir waren wer und wir sind endlich wieder wer und wir haben &bdquo;heute guten Grund, stolz auf unser Land zu sein&ldquo;. Stolz auf unser Land sein, an einem Tag sechzig Jahre nach dem Krieg und Terror durch unser Land endlich ein Ende fanden? <\/p><p>Der &bdquo;Ruin der Jahre 1933 bis 1945&ldquo; war, so k&ouml;nnte man heraush&ouml;ren, keine historisch einmalige Epoche von Gewalt und V&ouml;lkermord f&uuml;r die Deutsche und Deutschland verantwortlich waren, sondern eben nur ein zw&ouml;lf Jahre andauernder einmaliger Ausrutscher in &bdquo;unserer ganzen Geschichte&ldquo;. In dieser &bdquo;ganzen Geschichte&ldquo; k&ouml;nnten wir schlie&szlig;lich an &bdquo;viel Gutes ankn&uuml;pfen&ldquo;. Wer einen Teil unserer Geschichte verdr&auml;ngen will, &bdquo;der vers&uuml;ndigt sich an Deutschland&ldquo;. Da hat der Bundespr&auml;sident Recht. In seiner Rede zur Befreiung vom Nationalsozialismus, hat er selbst gerade diesen Teil unserer Geschichte weitgehend verdr&auml;ngt. Wie k&ouml;nnte er sonst an einem Tag, an dem vor 60 Jahren Deutschland aus extremster Unfreiheit von anderen V&ouml;lkern unter gr&ouml;&szlig;ten Opfern befreit worden ist, die &bdquo;Gewissheit&ldquo; verk&uuml;nden, &bdquo;dass wir Deutsche den Weg zu unserer freien und demokratischen Gesellschaft aus eigener Begabung zur Freiheit gegangen sind.&ldquo; <\/p><p>Den Gedenktag an die Befreiung der Deutschen unter die &Uuml;berschrift einer deutschen &bdquo;Begabung zur Freiheit&ldquo; zu stellen, kann man nicht mehr damit entschuldigen, dass der Bundespr&auml;sident Mut machen will, das grenzt an Hochmut. <\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.bundespraesident.de\/-,2.623709\/Begabung-zur-Freiheit-Rede-von.htm\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.bundespraesident.de\/-,2.623709\/Begabung-zur-Freiheit-Rede-von.htm\">Rede des Bundespr&auml;sidenten &raquo;<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In seiner Rede zum 60. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs kehrt Horst K&ouml;hler die von Richard von Weizs&auml;cker am 8. Mai 1985 zurecht ger&uuml;ckte Reihenfolge von Ursachen und Folgen dieses Krieges wieder um. 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