{"id":56127,"date":"2019-11-05T10:25:55","date_gmt":"2019-11-05T09:25:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56127"},"modified":"2019-11-08T17:47:58","modified_gmt":"2019-11-08T16:47:58","slug":"recoleta-chiles-sozialistische-stadt-oase","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56127","title":{"rendered":"Recoleta, Chiles sozialistische Stadt-Oase"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eindr&uuml;cke von B&uuml;rgermeister Daniel Jadues Kampf gegen die neoliberale W&uuml;ste der Hauptstadt Santiago.<\/strong> Daniel Jadue empf&auml;ngt mich gegen halb zehn morgens in seinem B&uuml;ro im 6. Stockwerk des Rathauses von Recoleta, in Norden der Hauptstadt gelegen. Es ist Ende August 2019, keiner von uns konnte sich vor knapp zweieinhalb Monaten den Ausbruch der Massenproteste lebhaft vorstellen. Ein Bericht von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_580\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-56127-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191106-Recoleta-Chiles-sozialistische-Stadt-Oase-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191106-Recoleta-Chiles-sozialistische-Stadt-Oase-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191106-Recoleta-Chiles-sozialistische-Stadt-Oase-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191106-Recoleta-Chiles-sozialistische-Stadt-Oase-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=56127-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191106-Recoleta-Chiles-sozialistische-Stadt-Oase-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"191106-Recoleta-Chiles-sozialistische-Stadt-Oase-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Von den zahlreichen Fenstern, die seinen gro&szlig;en Schreibtisch umranden, haben B&uuml;rgermeister und Besucher einen nahezu kompletten Rundblick auf die 7-Millionen-Metropole am Fu&szlig; der Anden, insbesondere auf den San-Cristobal-H&uuml;gel, der die geografische Grenze zwischen dem Zentrum Santiagos und den Regierungsbezirken Providencia, Recoleta und &ndash; weiter nord&ouml;stlich gelegen &ndash; auf Las Condes bildet.<\/p><p>Recoleta ist einer der 35 kommunalen Regierungsbezirke Santiago de Chiles mit ca. 170.000 Einwohnern. Er grenzt im Westen an das b&uuml;rgerlich-boh&eacute;me und touristisch attraktive Viertel Bellavista mit seinen vielf&auml;ltigen Kneipen, Restaurants und kulturellem Angebot, zu denen jedoch die benachbarten Bewohner Recoletas, zumeist proletarischer Herkunft, keinen finanziellen Zugang haben. Im S&uuml;den grenzt Recoleta wiederum an den Bezirk Patronato, einstige Bazar-Hochburg der <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=43975\">pal&auml;stinensischen Diaspora am Fu&szlig; der Anden<\/a>, die mit ihren 350.000 Nachkommen heute als gr&ouml;&szlig;te pal&auml;stinensische Gemeinde au&szlig;erhalb des Nahen Ostens gilt.<\/p><p>Daniel Jadues Gro&szlig;vater war einer jener tausender pal&auml;stinensischer Einwanderer, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Chiles H&auml;fen von Bord gingen und seitdem samt ihrer Nachfahren als &bdquo;Turcos&ldquo; (T&uuml;rken) bezeichnet wurden &ndash; eine hirnrissige Zuordnung s&uuml;damerikanischer Einwanderungsbeh&ouml;rden, weil emigrierende Syrer, Libanesen und Pal&auml;stinenser mit P&auml;ssen des damals Nahost okkupierenden Osmanischen Reiches ausgestattet waren. Jedenfalls sind T&uuml;rken unter Chile-Pal&auml;stinensern nicht gerade beliebt.<\/p><p>Bevor Jadue &uuml;berhaupt in die genuin chilenische Politik eintrat und Mitglied der Kommunistischen Partei wurde, widmete sich der einstige Student der Architektur und Soziologie als Vorsitzender der Pal&auml;stinensischen Studentenvereinigung Chiles dem Kampf gegen die israelische Besatzungspolitik in Gaza und dem Westjordanland. 2013 reiste der inzwischen diplomierte Architekt und Soziologe ins Heimatland seiner Vorfahren und erlebte auf unmittelbare und dramatische Weise den Alltag unter israelischer Milit&auml;rbesatzung. Er f&uuml;hrte dar&uuml;ber Tagebuch und schrieb nach seiner R&uuml;ckkehr das 2014 erschienene Buch &bdquo;Palestina, Cr&oacute;nica de un as&eacute;dio (Pal&auml;stina, Chronik einer Dem&uuml;tigung), von dem er mir sein letztes freies Autorenexemplar schenkte. Als ich um sein Autogramm bat, antwortete er: &bdquo;Erst nachdem Du das Buch gelesen hast!&ldquo; &ndash; und lachte.<\/p><p>Der 55 Jahre alte &ldquo;Kommunist, Atheist, Pal&auml;stinenser und Freimaurer&rdquo; &ndash; wie er sich gern scherzhaft vorstellt &ndash; ist seit 2012 als B&uuml;rgermeister im Amt und wurde 2016 mit 56 Prozent der Stimmen wiedergew&auml;hlt. Seitdem f&uuml;hrt Jadue eine ger&auml;uschlose, aber vielbeachtete regelrechte Revolution in der chilenischen Stadtverwaltung durch, die Gegenstand des nachstehenden Interviews ist. Wie die satirische Wochenzeitschrift The Clinic j&uuml;ngst kommentierte, richten sich die Augen in Chile auf Jadue. Er wei&szlig; es, obwohl er kontert, er sei nicht ehrgeizig.<\/p><p>Doch der Titel dieses Artikels birgt eine ironische Pointe, die sich der Leserin und dem Leser nicht sofort offenbart. Es ist das Spiel mit dem Wort <strong>Oase<\/strong>.<\/p><p>Wie in der Ausgabe der <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55892\">NachDenkSeiten vom vergangenen 26. Oktober<\/a> berichtet, hatte Pr&auml;sident Sebasti&aacute;n Pi&ntilde;era am 17. Oktober der Londoner Financial Times ein Interview gegeben, in dem er voller Stolz behauptete, Chile sei eine &bdquo;Oase&ldquo; inmitten eines wirtschaftlich und sozial maroden Kontinents. Keine 24 Stunden sp&auml;ter brach am 18. Oktober ein Volkssturm los, der Pi&ntilde;eras Worte und das weltweite Credo von Chile als neoliberalem Musterland in Rauch aufl&ouml;ste. Die Proteste halten an.<\/p><p>Doch innerhalb Chiles &ndash; und zwar wenige U-Bahnstationen von Pi&ntilde;eras Regierungspalast La Moneda entfernt &ndash; gibt es tats&auml;chlich eine Oase im Herzen des radikal-liberalen Santiago de Chile: die Stadtverwaltung Recoleta von B&uuml;rgermeister <strong>Daniel Jadue<\/strong>, um die sich dieses Interview dreht.<\/p><p><strong>Herr Jadue, seit Dezember 2012 sind Sie B&uuml;rgermeister des Bezirks Recoleta. In welchem Zustand befand sich die &ouml;ffentliche Verwaltung, als Sie Ihr erstes Mandat antraten?<\/strong><\/p><p>Sehr komplexe Zusammenh&auml;nge und Zust&auml;nde fand ich vor. Das Erste, was der Leser wissen sollte, ist, dass Recoleta seit Ende des Pinochet-Regimes &uuml;ber 12 Jahre lang von der extremen Rechten regiert wurde. Als wir nach dem ersten Wahlsieg der Mitte-Links-Koalition hier die Amtsgesch&auml;fte &uuml;bernahmen, fanden wir ein desolates &ouml;ffentliches Bildungssystem vor, in dem &uuml;ber 2.000 Sch&uuml;ler immatrikuliert waren und viele neue Sch&uuml;ler erwartet wurden. Doch anstatt neue Schulen zu bauen, waren von unseren Vorg&auml;ngern zwei Schulen geschlossen worden.<\/p><p>Nicht anders im maroden Gesundheitssystem. Eine l&auml;cherliche Anzahl von 11 &Auml;rzten behandelte angeblich eine Bev&ouml;lkerung von damals 130.000 &ndash; heute sind es 170.000 &ndash; Einwohner. Es fehlten s&auml;mtliche Medikamente usw. Sehr gravierend fanden wir im &Uuml;berbau eine &ldquo;Kultur der Korruption&rdquo; vor, also eine von systematischer Korruption durchsetzte &ouml;ffentliche Verwaltung. Der Bezirksbeauftragte f&uuml;r &ouml;ffentliche Bauauftr&auml;ge war z.B. wegen Veruntreuung verurteilt und verhaftet worden. Zu jener &ldquo;Kultur&rdquo; geh&ouml;rten ausgemachte Aufpreise, Bestechungen, geheime Handlungskommissionen usw.<\/p><p>Doch damit nicht genug: Die Bezirksverwaltung war mit 5 Milliarden Pesos (damals umgerechnet circa 12 Millionen Euro) f&uuml;r chilenische Verh&auml;ltnisse hochverschuldet, hatte aber gleichzeitig s&auml;mtliche Archiv-Unterlagen verschwinden lassen. Es gab keine Investitionen und das soziale Gef&uuml;ge, insbesondere die Strukturen des Gemeinschaftslebens, waren vollkommen zerst&ouml;rt. Das f&uuml;hrte dazu, dass im Jahr 2012 mindestens 60 Prozent der Bev&ouml;lkerung das Vertrauen in die Verwaltung und ihre Politiker verloren hatten und eine Wende forderten.<\/p><p>Sieben Jahre sp&auml;ter erleben wir nun ein bedeutendes Anwachsen der &ouml;ffentlichen und privaten Investitionen sowie der Einkommen. Wir haben die Zahl der immatrikulierten Sch&uuml;ler verdoppelt und die Zahl der festen und mobilen &Auml;rzte mit 44 auf das Vierfache erh&ouml;ht; &Auml;rzte, die also nicht nur station&auml;r, sondern als Gemeinde&auml;rzte Hausbesuche machen. Wir haben mittlerweile 40 Prozent der &ouml;ffentlichen Schulden abgezahlt und geh&ouml;ren zu den f&uuml;nf am meisten transparenten 346 chilenischen Kommunalverwaltungen.<\/p><p><strong>Gute Nachrichten! Seit mindestens drei Jahren ist ihre Verwaltung aber auch f&uuml;r Innovationen, oder genauer gesagt: f&uuml;r einschneidende soziale Initiativen, bekannt, mit denen Recoleta als eine Art Oase in der W&uuml;ste neoliberaler Stadtpolitik bezeichnet wird. Eines dieser Projekte &ndash; die &ouml;ffentliche Immobilienagentur &ndash; scheint offenbar sogar in Berlin auf Interesse gesto&szlig;en zu sein.<\/strong><\/p><p>Richtig. Wir haben eine Reihe von Initiativen auf lokaler Ebene ergriffen, die sich nach wenigen Jahren als Modell &ouml;ffentlicher Politik landesweiter Nachahmung erfreuen. So die Volks-Apotheke &ndash; die von mehr als 140 St&auml;dten kopiert wird &ndash; die Volks-Augenklinik, die Volks-Buchhandlung, die Offene Universit&auml;t von Recoleta, das Gesundheitsprogramm auf Bezirksebene, die &ouml;ffentliche Immobilienagentur und so weiter &ndash; alles zusammen ein gewaltiges B&uuml;ndel sozialer Ma&szlig;nahmen und Projekte, die die Lebensqualit&auml;t der Bewohner in entscheidender Weise und von jedem erkennbar positiv ver&auml;ndert haben, jedoch in der Art niemals zuvor erprobt wurden.<\/p><p>Dazu geh&ouml;rt ganz bestimmt auch der Ausbau der Gr&uuml;nfl&auml;chen als Freizeit- und Erholungsraum der Bev&ouml;lkerung, was wiederum damit m&ouml;glich wurde, dass die &ouml;ffentlichen und privaten Investitionen in Recoleta in den vergangenen Jahren um das 14-Fache erh&ouml;ht werden konnten. Das ist aber l&auml;ngst nicht ausreichend, denn wir haben Kommunen, in denen die &ouml;ffentlichen Jahres-Pro-Kopf-Investitionen kaum 200 Dollar erreichen, wo wir nat&uuml;rlich m&auml;chtig nachholen m&uuml;ssen.<\/p><p><strong>Das ist beeindruckend. Erz&auml;hlen Sie uns doch, wie Sie auf die Idee der &ouml;ffentlichen Immobilienagentur kamen und wie diese funktioniert.<\/strong><\/p><p><em>[Auf einen Tisch mit dem Architekturmodell Recoletas zugehend, erkl&auml;rt der B&uuml;rgermeister:]<\/em><\/p><p>Es handelt sich in der Tat um das erste Experiment zur Finanzierung von sozialem Wohnungsbau in der Geschichte Chiles. Und in der Tat! Vor wenigen Tagen las ich, dass man in Berlin eine Initiative zur Entprivatisierung des Immobilienhandels vorgeschlagen hat, der die Mietpreise unter Kontrolle bringen soll. Und das ist genau richtig. Es gibt offenbar eine internationale Bewegung zur Neu-Kommunalisierung der &ouml;ffentlichen Dienstleistungen.<\/p><p>Sagen wir es so: In Recoleta begannen wir die Welt etwas anders zu betrachten und zu beurteilen, denn wir leben in einem Land, in dem der Staat entmachtet wurde. Er soll so wenig Mittel wie nur m&ouml;glich ausgeben, sei es f&uuml;r Gesundheit, Bildung, Altersvorsorge &ndash; f&uuml;r nichts.<\/p><p>Da haben wir gesagt, damit machen wir Schluss. Der Staat muss eine viel aktivere Rolle spielen, er muss gewagter auftreten, den Markt regulieren, und sich nicht umgekehrt von ihm regulieren lassen, wie es leider weltweit &uuml;blich geworden ist. Mit anderen Worten: Wir haben hier auf lokaler Ebene erfolgreiche soziale Experimente entworfen, die ein Bild davon sind, wie wir uns unser Land in der Zukunft vorstellen.<\/p><p>Im Jahr 2015 starteten wir das Projekt der Volksapotheke &ndash; also staatlich gef&ouml;rderte Apotheken mit Medikamenten zu viel geringeren Preisen als die des privaten Apotheken-Kartells, das Chile beherrscht &ndash; und kurze Zeit danach machten wir uns Gedanken dar&uuml;ber, wie wir in den Markt eingreifen und als Staat auf Kommunalebene Wohnraum zu erschwinglichen Preisen bereitstellen k&ouml;nnen. So begann das Projekt der &ouml;ffentlichen Immobilienagentur.<\/p><p>Dem gingen lange Verhandlungen auf Regierungsebene voraus, bis es 2017 der Regierung von Pr&auml;sidentin Michelle Bachelet durch das nationale Haushaltsgesetz gelang, eine Regelung im Parlament zu verabschieden, die die Pl&auml;ne von gemeinn&uuml;tzigen Institutionen und Gemeinden erleichtern sollte, damit diese Wohnungsbauf&ouml;rderung beantragen konnten. Da unsere Verwaltung sich schon lange davor um die Konzession f&uuml;r ein Gel&auml;ndes f&uuml;r diesen Wohnungsbau bem&uuml;ht und ein entsprechendes Projekt entwickelt hatte, waren wir erstaunlicherweise die einzigen, die sich bewarben, als das Ministerium den Wettbewerb ausschrieb.<\/p><p>Doch die Agentur bem&uuml;ht sich auch um Wohnraumvermietung. Auf diese Weise k&ouml;nnen die am st&auml;rksten von Verarmung betroffenen Bewohner von Recoleta kleine Kommunalwohnungen &ndash; Schlafzimmer, Bad, K&uuml;che und ein Wohnzimmer &ndash; zu einem Preis mieten, der 25 Prozent ihres Einkommens nicht &uuml;bersteigt.<\/p><p><strong>Wenn wir nun diese k&uuml;hnen Initiativen in Recoleta auf das beherrschende &ouml;konomische, stadtplanerische und gesellschaftspolitische Umfeld von Santiago mit seinen 7 Millionen Einwohnern beziehen &ndash; eine Stadt, die in verschiedenen wissenschaftlichen Studien als &bdquo;neoliberaler Moloch&ldquo; bezeichnet wird &ndash; welche &Uuml;berlebenschance hat Ihre Sozialpolitik vis-a-vis mit der Hauptstadt?<\/strong><\/p><p>Ja, das m&uuml;ssen wir etwas abstrakter erkl&auml;ren &hellip;<\/p><p>St&auml;dte sind immer der formale Ausdruck derjenigen, die sie erbauen. Da komme ich auf das &bdquo;Modell&ldquo; der Apartheid. Da hei&szlig;t: eine Nation, zwei Systeme. Und was haben wir im Neoliberalismus? Nationen mit zwei Systemen, also denjenigen, die Geld haben, und den anderen, die keines haben.<\/p><p>Beispiel: Ein Kranker mit Geld geht in eine Privatklinik, um sich behandeln zu lassen, doch derjenige, der kein Geld hat, wird in ein &ouml;ffentliches Krankenhaus eingeliefert, in dessen Korridoren er in der Warteschlange krepiert &ndash; das ist das soziale Rasterbild Chiles. Oder anders: Es gibt Geld f&uuml;r die Ausbildung der Reichen, jedoch nicht f&uuml;r die Grund- und Hochschulbildung der Minderbemittelten. Wenn Sie Geld haben, k&ouml;nnen Sie reisen und sich erholen. Haben Sie keins, m&uuml;ssen Sie leider weiter 10 Stunden t&auml;glich schuften und sich ausbeuten lassen.<\/p><p>Das hat mit der Bewertung der Arbeit im Neoliberalismus zu tun: Eine Minderheit wird f&uuml;r wenig Leistung &uuml;berbezahlt, die Mehrheit der Werkt&auml;tigen umgekehrt f&uuml;r Mehrarbeit unterbezahlt. Damit es Gewinne gibt, m&uuml;ssen viele Menschen unter dem Preis bezahlt werden, den ihre Arbeit wert ist.<\/p><p>In der Stadtplanung haben wir das gleiche &ldquo;Drehbuch&ldquo;. Damit eine Stadt wie Las Condes (Anm. d. A.: teurer Wohnbezirk und Gesch&auml;ftsviertel Santiagos) existieren kann, muss es einen Bezirk wie Recoleta geben. Damit es in Las Condes gartenumrankte Villen, begr&uuml;nte Trottoirs und sonst all diese Augenpracht gibt, muss es einen Bezirk wie unser &ldquo;sch&auml;biges&ldquo; Recoleta geben, mit seinen besch&auml;digten Stra&szlig;en, kaputten Fu&szlig;wegen, ohne Gr&uuml;nanlagen und sonstige Annehmlichkeiten. Weil nicht investiert wird, genauer: wurde. In einem Satz: Das herrschende Wirtschaftsmodell f&ouml;rdert die Ungleichheit und deshalb herrschen in ein und derselben Stadt solche Kontraste.<\/p><p><strong>Wie wirken sich diese Gegens&auml;tze auf das Verhalten des Individuums gegen&uuml;ber der Gemeinschaft aus? Es gibt mehrfache Hinweise in der Fachliteratur und im investigativen Journalismus, wonach der wilde Neoliberalismus in Chile einen nahezu narzisstischen Individualismus gef&ouml;rdert und Gemeinschaftssinn sowie Solidarit&auml;tsempfinden zerr&uuml;ttet habe &hellip;<\/strong><\/p><p>Mit katastrophalen Auswirkungen. Das neoliberale System wirkte hier mit aller Gewalt. Es sperrt die Menschen in ihren Wohnungen, in die privatisierte Anonymit&auml;t ein. Das ist eine der Folgen der Milit&auml;rdiktatur, die das Misstrauen gegen&uuml;ber dem eigenen Nachbarn verbreitet hat. Doch dar&uuml;ber hinaus dr&uuml;ckt sich diese Individualisierung in einem zweigeteilten Zustand aus, in dem Reichtum und Armut zwar koexistieren, aber nicht miteinander kommunizieren.<\/p><p>Recoleta ist ein gutes Beispiel daf&uuml;r. Hier gab es vor unserer Amts&uuml;bernahme im Jahr 2012 im Umkreis von 16,5 km2 weder einen Augenarzt mit Optikerladen, noch gab es eine Buchhandlung. Es gab sage und schreibe zwei Apotheken f&uuml;r die Versorgung von damals 130.000 Einwohnern, doch diese Drogerien forderten unerschwingliche Preise. <\/p><p>Was hat das mit dem Neoliberalismus zu tun? Sehr viel.<\/p><p>Wenn eine Stadt in ihrer Infrastruktur und mit ihrem Dienstleistungsangebot derart ruiniert ist, wirkt sich das auf Kommunikation und Zusammenleben seiner Bewohner aus, die sich nicht mehr mit ihren Nachbarn unterhalten k&ouml;nnen, sondern dauernd anstrengende und teure Fahrten nach fernliegenden Bezirken unternehmen m&uuml;ssen, um sich behandeln zu lassen usw.; teure und teils zweieinhalb Stunden lange Hin- und R&uuml;ckreisen, die &uuml;brigens auch die Mehrheit der berufst&auml;tigen Bev&ouml;lkerung Chiles t&auml;glich auf sich nehmen muss. Selbstverst&auml;ndlich darf das Individuum diese Anreisezeit nicht von der Arbeitszeit, sondern muss sie von seiner Freizeit abziehen. Was in Chile zigtausende Familienkrisen und Zerr&uuml;ttungen mit grassierenden Krankheiten &ndash; wie Depressionen &ndash; zur Folge hat, weil eine Stadt wie Santiago die Menschen kaputtmacht.<\/p><p><strong>Wodurch unterscheidet sich nun eine Administration linker Parteien &ndash; in Ihrem Fall, der Kommunistischen Partei Chiles &ndash; von den traditionellen Verwaltungen der Konservativen?<\/strong><\/p><p>Also, ich nehme fast an, dass in einer Kommunalverwaltung mit den Dimensionen S&atilde;o Paulos &ndash; mit 18 Millionen Einwohnern, mehr als die gesamte Bev&ouml;lkerung Chiles &ndash; der B&uuml;rgermeister, anders als hier in Recoleta, den pers&ouml;nlichen Kontakt zur Bev&ouml;lkerung verliert, womit die Beziehungen sozusagen von den Medien &bdquo;vermittelt&ldquo; werden, die aber die Gefahr in sich bergen, dass die meisten Medien nicht objektiv berichten, sondern bestimmte Klasseninteressen vertreten. Die Folge ist also eine &bdquo;Kontaktst&ouml;rung&ldquo; zwischen Regierenden und ihrer sozialen Basis, die zu fatalen Entfremdungen f&uuml;hren kann.<\/p><p>Ich will aber einen anderen Aspekt ansprechen, der f&uuml;r mich von zentraler Bedeutung ist. F&uuml;r die lateinamerikanische Linke an der Macht waren Verpflichtungen wie Effizienz, Transparenz und Ehrlichkeit niemals ein Thema. Die Linke ging stets zu lax damit um. Das hat mit der Tradition der politischen Kultur zu tun, das hat die Rechte der Linken vererbt, weil die Institutionen davon durchdrungen sind. Das muss die Linke aber rigoros &uuml;berdenken und korrigieren, denn seit Jahren ist es zur Mode der scheinheiligen Rechten geworden, die Linke als &bdquo;korrupt&ldquo; darzustellen. Wir hier in Recoleta haben eine kommunistische Regierung eingesetzt, die als die handlungsf&auml;higste, effizienteste, transparenteste und ehrlichste anerkannt wird, die Recoleta bisher in ihrer gesamten Geschichte besa&szlig;.<\/p><p><strong>Abschlie&szlig;end eine aktuelle Frage zur Expansion und politischen Einflussnahme der evangelikalen Sekten in Lateinamerikas Vorst&auml;dten. In Brasilien wurde diese Expansion von den Regierungen der PT wenn nicht verkannt, so doch toleriert. Mit der Parlamentarisierung, also der Schwergewichts-Verlegung in die Parlamente, verlie&szlig; die PT ihre Basisarbeit und Verankerung in den Vorst&auml;dten und Arbeitervierteln, die in der Folgezeit systematisch von evangelikalen Sekten okkupiert wurden, mit deren unentbehrlicher Unterst&uuml;tzung der rechtsradikale Jair Bolsonaro 2018 die Pr&auml;sidentschaftswahlen gewann. Doch diese Sekten sind auch in Chile im Vormarsch. Wie mit ihnen umgehen?<\/strong><\/p><p>Mit diesen Sekten muss eine fortschrittliche Verwaltung einen Disput aufnehmen, ihr die Anh&auml;ngerschaft mit sozialistischen Alternativen abnehmen. Wenn ich, wie manchenorts der Fall, mit diesen Kirchen eine Beziehung zugunsten der Bev&ouml;lkerung aufbaue, die aber von den Evangelikalen vermittelt wird, dann bedeutet das, dass ich auf meine Botschaft und Politik verzichte, weil ich die Bev&ouml;lkerung einer Energie und Macht ausliefere, die zu dem, was wir als Gesellschaft wollen und aufbauen k&ouml;nnen, im diametralen Widerspruch steht.<\/p><p>Wenn wir ein paar Jahrzehnte zur&uuml;ckblicken, stellen wir fest, dass die Benutzung der Evangelikalen im Grunde bereits in den 1950er Jahren begann. Sie sollten im Kalk&uuml;l des Kapitals damals die christlich-sozialen Parteien des Katholizismus als soziale Basis ersetzen. Neuen Schub erhielten diese Sekten nun aber mit den massiven Anklagen gegen die Korruption und Sexskandale in der katholischen Kirche und ihrem schweren Verlust an Vertrauen und Gl&auml;ubigen.<\/p><p><strong>Skandale, von denen Chile ein Lied singen kann &hellip;<\/strong><\/p><p>Allerdings. Die Evangelikalen haben sich nun zu einer politischen Kraft gemausert, die in allen L&auml;ndern Lateinamerikas sich offen mit Kandidaten und Parteien in die Politik einmischt. Und warum hat sie Zulauf? Weil zum Beispiel in Chile der Neoliberalismus hunderttausende Arbeiterinnen und Arbeiter in Depression, Alkoholismus und Drogenabh&auml;ngigkeit treibt, die nicht mehr die katholische Kirche aufsuchen, sondern denen von netten evangelikalen Pastoren und ihren feurigen Predigten unter die Arme gegriffen und fortan indoktriniert werden. Da springen wir ein, um den Sekten mit unserer solidarischen Verwaltung den Wind aus den Segeln zu nehmen.<\/p><p>Titelbild: Frederico F&uuml;llgraf<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Eindr&uuml;cke von B&uuml;rgermeister Daniel Jadues Kampf gegen die neoliberale W&uuml;ste der Hauptstadt Santiago.<\/strong> Daniel Jadue empf&auml;ngt mich gegen halb zehn morgens in seinem B&uuml;ro im 6. Stockwerk des Rathauses von Recoleta, in Norden der Hauptstadt gelegen. Es ist Ende August 2019, keiner von uns konnte sich vor knapp zweieinhalb Monaten den Ausbruch der Massenproteste lebhaft<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56127\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":56174,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,209,20,160,205,145],"tags":[712,282,669,2052,2434,2254,2225,1006,413,1582],"class_list":["post-56127","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-interviews","category-landerberichte","category-markt-und-staat","category-neoliberalismus-und-monetarismus","category-sozialstaat","tag-arzneimittel","tag-buergerproteste","tag-chile","tag-investitionen","tag-kommunalpolitik","tag-lebensqualitaet","tag-leistungsgerechtigkeit","tag-regulierung","tag-schlanker-staat","tag-sozialer-wohnungsbau"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Daniel-Jadue-Foto-Frederico-Fuellgraf.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/56127","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=56127"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/56127\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":56250,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/56127\/revisions\/56250"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/56174"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=56127"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=56127"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=56127"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}