{"id":56147,"date":"2019-11-06T09:04:29","date_gmt":"2019-11-06T08:04:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56147"},"modified":"2019-11-06T11:45:08","modified_gmt":"2019-11-06T10:45:08","slug":"aus-dem-nichts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56147","title":{"rendered":"Aus dem Nichts"},"content":{"rendered":"<p>Sicherlich kennen einige den 2017 ins Kino gekommene Polit-Thriller von Fatih Akin &bdquo;Aus dem Nichts&ldquo;. Hintergrund des Spielfilmes ist der Nagelbombenanschlag auf ein t&uuml;rkisches Gesch&auml;ft in K&ouml;ln im Jahr 2004. Damals wurde dieser Terroranschlag blitzschnell als &bdquo;Kriminalit&auml;t unter Ausl&auml;ndern&ldquo; ausgewiesen. An dieser Fake-Spur hielt man &uuml;ber acht Jahre fest. Daf&uuml;r musste man alle Indizien und Fakten beiseiteschieben (und wenn n&ouml;tig unter den Tisch fallen lassen), die einen neonazistischen Terroranschlag nahelegten. Von <strong>Wolf Wetzel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nFatih Akins Wut und Motiv f&uuml;r diesen Film hat er so in Worte gefasst:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Der Skandal besteht nicht darin, dass deutsche Neonazis zehn Menschen get&ouml;tet hatten. Der eigentliche Skandal bestand darin, dass die deutsche Polizei, die Gesellschaft und die Medien alle &uuml;berzeugt waren, dass die T&auml;ter T&uuml;rken oder Kurden sein m&uuml;ssten, dass irgendeine Mafia dahintersteckte.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Nun kommt dieser Film als Theaterversion auf die B&uuml;hne und tourt damit durch die gesamte Bundesrepublik.<\/p><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/191105-Aus-dem-Nichts-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/div><p>Im Zentrum des Filmes\/der Theaterversion stehen die Opfer des Terroranschlages sowie deren Angeh&ouml;rige und Freunde. Obwohl und weil sie auf einen neonazistischen Hintergrund verwiesen, wurden sie selbst zu Tatverd&auml;chtigen. Bei dem Versuch, sich gegen diese doppelte Verfolgung zu wehren, stie&szlig;en sie auf taube Ohren. W&auml;hrend die Medien brav und devot das &bdquo;D&ouml;ner-Mord&ldquo;-Motiv in den Boden stampften, blieben die Opfer und Angeh&ouml;rigen weitgehend unter sich und ohne &ouml;ffentliches Geh&ouml;r.<\/p><p>Der Mordanschlag, die zweite &bdquo;Verfolgung&ldquo; durch die Ermittlungsbeh&ouml;rden und die Ohnmacht, gegen eine Wand des Schweigens zu rennen, bilden den Treibstoff f&uuml;r Fatih Akins Film. In diesem verliert die Protagonistin Katja ihren Mann und ihren Sohn durch einen Anschlag mit einer Nagelbombe. Zuerst machen die Ermittlungsbeh&ouml;rden &ndash; wie in der Wirklichkeit &ndash; die Angeh&ouml;rigen zu den Verd&auml;chtigen. Dann &ndash; anders als in der Wirklichkeit &ndash; &bdquo;<em>gehen ihnen zuf&auml;llig die wahren T&auml;ter ins Netz. Hauptverd&auml;chtig ist das Neonazip&auml;rchen M&ouml;ller.<\/em>&ldquo; Doch vor Gericht gelingt es dem Verteidiger der Angeklagten, &bdquo;<em>die eindeutigen Indizien in Frage zu stellen und den Prozess zu deren Gunsten zu entscheiden: Die M&ouml;llers werden aus Mangel an Beweisen freigesprochen.<\/em>&ldquo; (EURO-STUDIO Landgraf)<\/p><p><em>&bdquo;Gedem&uuml;tigt und entsetzt wei&szlig; Katja nicht mehr, was sie tun soll. Doch dann gibt es neue Ermittlungserkenntnisse&ldquo;<\/em> &hellip; und sie macht sich auf den Weg, den Mord an ihrem Mann und ihrem Sohn zu r&auml;chen &hellip;<\/p><p>Ganz sicher geht es in diesem Film nicht um &bdquo;Selbstjustiz&ldquo; als notwendige Form des Widerstandes. Sie ist vielmehr verzweifelter Ausdruck davon, wie unheimlich wenig Widerstand dieser doppelten Verfolgung entgegengesetzt wurde &ndash; was bis zum heutigen Tag anh&auml;lt.<\/p><p>Nun hat das Tournee-Theater &bdquo;EURO-STUDIO Landgraf&ldquo; diesen Film in ein B&uuml;hnenst&uuml;ck verwandelt, f&uuml;r das Miraz Bezar die Regie f&uuml;hrt. Zu diesem Theaterst&uuml;ck wurde ein aufwendiges und lohnenswertes Programm- und Begleitheft herausgebracht.<\/p><p>Am Anfang steht ein Interview mit dem Regisseur Miraz Bezar. Dort erw&auml;hnt er ein zentrales Ereignis, das sich bei Besuchen des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses in Berlin ins Ged&auml;chtnis eingebrannt hatte. Es war der Auftritt des ehemaligen Vize-Pr&auml;sidenten des Verfassungsschutzes, Klaus-Dieter Fritsche, in dessen Amtszeit die 2003 erstellte &bdquo;Expertise&ldquo; f&auml;llt, dass es keine &bdquo;braune RAF&ldquo; g&auml;be, also keinen neonazistischen Untergrund.<\/p><p>Miraz Bezar beschreibt dieses Erlebnis so:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ich bin zum Parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Bundestages gegangen, &uuml;ber ein Jahr lang. (..) F&uuml;r mich war das eine einmalige Gelegenheit, den Geschehnissen um den NSU auf den Grund zu gehen und den in diesem Fall ermittelnden Polizeibeamten zuzuh&ouml;ren.<\/p>\n<p>Einer der interessantesten Momente war f&uuml;r mich, den ehemaligen Vize-Pr&auml;sidenten des Verfassungsschutzes zu erleben. In dessen Amtszeit hatte sich n&auml;mlich der NSU gebildet und acht Morde sowie zwei der Bombenanschl&auml;ge ver&uuml;bt. Er war in der Zwischenzeit zum Staatssekret&auml;r aufgestiegen und hielt den gew&auml;hlten Parlamentariern des Untersuchungsausschusses eine regelrechte Standpauke &ndash; dar&uuml;ber, was der Untersuchungsausschuss darf und was er nicht darf. Mir war bis dahin nicht klar, dass trotz Verankerung im Grundgesetz anscheinend nicht die gew&auml;hlten Parlamentarier und das Parlament die Legislative darstellen. Ein berufener Staatssekret&auml;r versuchte allen klar zu machen, er sei beides: Legislative und auch Exekutive. Und ich hatte den Eindruck, dass er meinte, was er sagte.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Und in der Tat, der Auftritt von Klaus-Dieter Fritsche, der ausbleibende Widerspruch der anwesenden ParlamentarierInnen, seine h&ouml;chstm&ouml;glichste Bef&ouml;rderung erkl&auml;ren auf eindrucksvolle Weise, dass die Sabotage der Aufkl&auml;rung und der Ermittlungsarbeit keinen Zuf&auml;llen und\/oder Pannen geschuldet sind, sondern einer konsequenten Umsetzung seiner Vorgaben folgte &ndash; bis heute.<\/p><p>Wie Klaus-Dieter Fritsche als Zeuge am 18.10.2012 die Gelegenheit nutzte, um in aller Offenheit und Klarheit Anweisungen zu geben, muss man sich im Wortlaut vor Augen halten:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Es d&uuml;rfen keine Staatsgeheimnisse bekannt werden, die ein Regierungshandeln unterminieren. Es darf auch nicht so weit kommen, dass jeder Verfassungsfeind und Straft&auml;ter am Ende genau wei&szlig;, wie Sicherheitsbeh&ouml;rden operativ arbeiten und welche V-Leute und verdeckten Ermittler im Auftrag des Staates eingesetzt sind. Es gilt der Grundsatz &sbquo;Kenntnis nur wenn n&ouml;tig&lsquo;. Das gilt sogar innerhalb der Exekutive. Wenn die Bundesregierung oder eine Landesregierung daher in den von mir genannten Fallkonstellationen entscheidet, dass eine Unterlage nicht oder nur geschw&auml;rzt diesem Ausschuss vorgelegt werden kann, dann ist das kein Mangel an Kooperation, sondern entspricht den Vorgaben unserer Verfassung. Das muss in unser aller Interesse sein.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Besonders bemerkenswert an diesem Begleitheft ist auch, dass darin nicht nur das Theaterst&uuml;ck und die K&uuml;nsterInnen vorgestellt werden, sondern durch drei Beitr&auml;ge erg&auml;nzt werden, die auf verschiedene Weise den politischen Hintergrund reflektieren, der dem Film, der Theaterversion zugrunde liegt.<\/p><p>Zum einen geht es um den Nagelbombenanschlag in K&ouml;ln 2004 (Wolf Wetzel). Man kann an diesem Tatort, an der Art der polizeilichen Ermittlungen und politischen Einmischungen die Frage beantworten, ob &bdquo;Zuf&auml;lle&ldquo; dort Regie gef&uuml;hrt haben oder die &bdquo;Anweisung&ldquo; des besagten Klaus-Dieter Fritsche befolgt wurde, der seit Dezember 2013 Staatssekret&auml;r f&uuml;r die Belange der Nachrichtendienste im Bundeskanzleramt ist.<\/p><p>Den zweiten Beitrag hat Mely Kiyak beigesteuert, die ausgezeichnete Kolumnen zum NSU-Komplex geschrieben hat. In der hier abgedruckten Kolumne &bdquo;Gestammeltes Requiem&ldquo; aus dem Jahr 2018 schaut sie auf den NSU-Prozess in M&uuml;nchen zur&uuml;ck:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Es g&auml;be so viel zu sagen &uuml;ber deutsche Polizisten, die &uuml;ber die Tatorte nicht einmal Auskunft geben k&ouml;nnen, ob sich eine erschossene Leiche drinnen oder drau&szlig;en befand, &uuml;ber den kaum verhohlenen Ekel, den sie noch Jahre sp&auml;ter &uuml;ber die &bdquo;erschossenen Ausl&auml;nder&ldquo; hatten, &uuml;ber Spr&uuml;che, wie &bdquo;Wieso Rechtsextremismus? Es handelte sich doch ausschlie&szlig;lich um tote T&uuml;rken&ldquo;. &Uuml;ber den spektakul&auml;ren Auftritt des Verfassungssch&uuml;tzers und V-Mann-F&uuml;hrers Andreas Temme, der im Bundestag weinte, aber nicht &uuml;ber die Opfer, sondern aus R&uuml;hrung &uuml;ber &bdquo;die Solidarit&auml;t der Kollegen&ldquo;, und der freim&uuml;tig erz&auml;hlte, wie nach dem Mord, der in seiner Anwesenheit geschah, seine Vorgesetzte ihn zu einem Gespr&auml;ch in ein Autobahnrestaurant einlud und ihm Hilfe zusicherte. Man muss aufh&ouml;ren, dar&uuml;ber nachzudenken, es macht einen nur irre.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Der dritte Beitrag besch&auml;ftigt sich mit der Kontinuit&auml;t der Vertuschungen von staatlichem Nicht-Tun von Thomas Moser:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;RAF-Attentate, Oktoberfestbombe, NSU-Morde, LKW-Anschlag &ndash; &uuml;berall dieselben Vielschichtigkeiten und Doppelb&ouml;digkeiten, dieselben hintergr&uuml;ndigen Strukturen, &auml;hnliche Widerspr&uuml;che und Fragen, derselbe Stoff. Das f&uuml;hrt diese deutschen Terrorf&auml;lle zusammen. Die Ermittlungsbeh&ouml;rden haben alle Instrumente zur Verf&uuml;gung, um Taten, T&auml;ter und Hintergr&uuml;nde aufzukl&auml;ren. Dass es nicht geschieht, macht den Skandal zu einem Politikum. Um die F&auml;lle zu l&ouml;sen, muss das Verh&auml;ltnis zwischen Legislative und Exekutive neu ausgehandelt werden. Real bestimmt die Exekutive die M&ouml;glichkeiten der Legislative. Das ist die Voraussetzung, dass der Verfassungsschutz bisher politisch unantastbar bleibt. Doch warum soll eine Sicherheitsbeh&ouml;rde, die Untersuchungsgegenstand eines Parlamentes ist, die Regeln der Untersuchung bestimmen?&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Wer also den Film noch nicht gesehen hat bzw. auf die Theaterversion gespannt ist, der hat nun an verschiedenen Orten Deutschlands die Gelegenheit dazu.<\/p><p><strong>Quellen und Hinweise:<\/strong><\/p><ul>\n<li><a href=\"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/2015\/01\/09\/nagelbombenanschlag-in-koln-2004\/\">Der Nagelbombenanschlag in K&ouml;ln 2004<\/a><\/li>\n<li>Gestammeltes Requiem. Eine Kolumne von Mely Kiyak, zeit.de vom 11. Juli 2018<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/landgraf.de\/schauspiel\/schauspiel-saison-2020-2021\/aus-dem-nichts\/\">Tournee-Theater EURO-STUDIO Landgraf<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Die-offene-Wunde-NSU-Die-offene-Wunde-BRD-4205265.html\">Die offene Wunde NSU &ndash; Die offene Wunde BRD, Thomas Moser<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sicherlich kennen einige den 2017 ins Kino gekommene Polit-Thriller von Fatih Akin &bdquo;Aus dem Nichts&ldquo;. Hintergrund des Spielfilmes ist der Nagelbombenanschlag auf ein t&uuml;rkisches Gesch&auml;ft in K&ouml;ln im Jahr 2004. Damals wurde dieser Terroranschlag blitzschnell als &bdquo;Kriminalit&auml;t unter Ausl&auml;ndern&ldquo; ausgewiesen. An dieser Fake-Spur hielt man &uuml;ber acht Jahre fest. 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