{"id":56152,"date":"2019-11-06T10:40:57","date_gmt":"2019-11-06T09:40:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56152"},"modified":"2019-11-06T12:01:29","modified_gmt":"2019-11-06T11:01:29","slug":"die-lange-liste-westlicher-kriegsverbrechen-in-afghanistan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56152","title":{"rendered":"Die lange Liste westlicher Kriegsverbrechen in Afghanistan"},"content":{"rendered":"<p>Die australische Polizeibeh&ouml;rde ermittelt aktuell gegen ihre eigenen Soldaten. Konkret geht es um Kriegsverbrechen in Afghanistan. Dies ist begr&uuml;&szlig;enswert, doch auch ziemlich sp&auml;t. Seit Beginn des &ldquo;War on Terror&rdquo; haben sich westliche Soldaten an zahlreichen Kriegsverbrechen beteiligt. Vieles davon liegt allerdings weiterhin im Dunkeln. Die Aufarbeitung wird wohl Jahre, wom&ouml;glich sogar Jahrzehnte dauern. Von <strong>Emran Feroz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDas Dorf Darwan liegt in der s&uuml;dafghanischen Provinz Uruzgan. Abgelegen, arm und von Krieg und Zerst&ouml;rung heimgesucht. Im September 2012 wurde Darwan von der australischen Spezialeinheit SAS und ihren afghanischen Verb&uuml;ndeten &uuml;berfallen. Helikopter erschienen am Himmel, Soldaten sprangen ab und hinterlie&szlig;en im Dorf ein blutiges Chaos. Insgesamt wurden drei M&auml;nner get&ouml;tet. Wie gewohnt, hie&szlig; es, dass man auf Terroristenjagd sei und Mitglieder der Taliban suche. Ein Mann aus dem Dorf soll drei australische Soldaten get&ouml;tet haben. Doch bei allen drei Opfern handelte es sich um Zivilisten, <a href=\"https:\/\/www.abc.net.au\/news\/2018-06-10\/death-in-darwan\/9813304\">wie eine ausf&uuml;hrliche Recherche des australischen Senders ABC<\/a> im vergangenen Jahr deutlich machte. Nachdem die drei M&auml;nner auf brutalste Art und Weise get&ouml;tet wurden, entf&uuml;hrten die Soldaten weitere Personen. In den darauffolgenden Tagen wurden diese in einer NATO-Milit&auml;rbasis in der Provinzhauptstadt Tarinkot verh&ouml;rt und gefoltert.<\/p><p>Seitdem &uuml;ber die Kriegsverbrechen berichtet wurde, scheinen die australischen Beh&ouml;rden den Fall ernst zu nehmen. Dies nahm teils extrem problematische Z&uuml;ge an. Im vergangenen Juni <a href=\"https:\/\/www.aljazeera.com\/news\/2019\/06\/australia-police-raid-abc-headquarters-afghanistan-stories-190605052649208.html\">wurden die B&uuml;ros von ABC von der Polizei durchsucht<\/a>. Dabei wurden zahlreiche Datentr&auml;ger, die mit der Afghanistan-Recherche zu tun hatten, beschlagnahmt. Das Massaker in Darwan war n&auml;mlich nicht das einzige Verbrechen, das mit australischen Elitesoldaten in Zusammenhang gebracht und von ABC aufgedeckt wurde. 2017 ver&ouml;ffentlichte der Sender <a href=\"https:\/\/www.abc.net.au\/news\/2017-07-11\/killings-of-unarmed-afghans-by-australian-special-forces\/8466642\">Leaks aus dem Verteidigungsministerium<\/a>, aus denen hervorging, dass Soldaten auch in anderen Teilen Afghanistans w&auml;hrend ihres Einsatzes Zivilisten, darunter auch Kinder, get&ouml;tet haben. Von der australischen &Ouml;ffentlichkeit wurde die Razzia der Polizei als Skandal und als Angriff auf die Pressefreiheit aufgenommen. <\/p><p>Vor Kurzem <a href=\"https:\/\/www.abc.net.au\/news\/2019-09-20\/afp-travels-to-afghanistan-to-investigate-alleged-war-crimes\/11527426\">berichtete der Sender<\/a>, dass die australische Bundespolizei erstmals Ermittler nach Afghanistan geschickt hat, um dort Vorw&uuml;rfen in Sachen Kriegsverbrechen nachzugehen. Auch ABC betont in diesem Kontext, dass die Beh&ouml;rden den Recherchen des Senders Gewicht beimessen. Ansonsten w&auml;re es  &ndash; trotz der Razzia vor einigen Monaten &ndash; wohl nicht zu solch einem Schritt gekommen. Vor Ort sollen die Australier von afghanischen Ermittlern unterst&uuml;tzt werden, um Interviews mit Dorfbewohnern, Opfern sowie deren Angeh&ouml;rigen f&uuml;hren zu k&ouml;nnen. Welche F&auml;lle genau untersucht werden, ist nicht bekannt. Nat&uuml;rlich kann man einer solchen Untersuchung auch von Anfang an skeptisch gegen&uuml;berstehen. Wer wei&szlig; schon, ob die australische Polizeibeh&ouml;rde letztendlich nicht zu Gunsten der T&auml;ter recherchiert und die Ergebnisse der Journalisten verwirft? Immerhin wurde das Dorf damals von Australiern und Afghanen &ndash;  sprich: Soldaten der Kabuler Regierung &ndash; angegriffen. Niemand kann garantieren, dass sich nun Akteure, die sich im Afghanistan-Krieg ganz klar positionieren und weiterhin einen &bdquo;Krieg gegen Terrorismus&ldquo; propagieren, w&auml;hrend sie selbst Terror verbreiten, nicht selbst reinwaschen m&ouml;chten.<\/p><p>Dennoch sollte an dieser Stelle gesagt werden, dass ein Schritt in diese Richtung vorerst begr&uuml;&szlig;t werden muss und wom&ouml;glich als Vorbild f&uuml;r andere Staaten, deren Soldaten Kriegsverbrechen in Afghanistan begangen haben, dienen kann. Dabei k&ouml;nnten Medien potenziell eine federf&uuml;hrende Rolle spielen, wie ABC gezeigt hat. Auch andere internationale &bdquo;Mainstream-Medien&ldquo; h&auml;tten die Mittel und die investigativen Teams, um derartige Verbrechen zu untersuchen. In diesem Zusammenhang sollte aber auch nicht die destruktive Sch&uuml;tzenhilfe vergessen werden, mit der viele gro&szlig;e Medien den &bdquo;Krieg gegen den Terror&ldquo; seit Jahren unterst&uuml;tzen und indirekt m&ouml;glich machen. <\/p><p><strong>Der &Uuml;berfall auf Darwan ist kein Einzelfall<\/strong><\/p><p>Zu den Kriegsverbrechen westlicher Truppen in Afghanistan l&auml;sst sich einiges sagen. Was in Darwan geschehen ist, ist alles andere als ein Einzelfall &ndash; und er wurde erst nach sechs Jahren aufgedeckt. Jeder, der das l&auml;ndliche Afghanistan kennt, wei&szlig;, wie oft derartige Massaker, meist in einem viel gr&ouml;&szlig;eren Ausma&szlig;, stattgefunden haben. Immer wieder haben NATO-Soldaten D&ouml;rfer gest&uuml;rmt und Menschen angegriffen. Sie haben laut zahlreichen Berichten von Augenzeugen gefoltert, vergewaltigt und get&ouml;tet &ndash; und am Ende h&auml;tten sie dann bombardiert, um ihre Spuren zu verwischen.  Die Liste der Verbrechen ist lang, wom&ouml;glich sogar zu lang. Nur ein Bruchteil dieser Verbrechen wurde bis jetzt aufgedeckt.<\/p><p>Der Grund hierf&uuml;r ist die Tatsache, dass die T&auml;ter von der &bdquo;Natur&ldquo; des Afghanistan-Krieges profitieren. Sie wissen, dass viele Tatorte kaum oder erst viel zu sp&auml;t von Journalisten oder Menschenrechtsaktivisten aufgesucht werden. Hinzu kommt, dass sie im Zweifel stets jegliche Schuld auf ihre afghanischen Verb&uuml;ndeten schieben k&ouml;nnen: &bdquo;Wir haben nur das gemacht, was sie von uns wollten.&ldquo; Oder: &bdquo;Wir haben uns nur auf deren Informationen verlassen&ldquo;, hei&szlig;t es dann immer wieder. <\/p><p>All dies stellt nat&uuml;rlich auch ein Problem f&uuml;r jene Akteure dar, die den Krieg dokumentieren. Seit 2009 ver&ouml;ffentlicht die Unterst&uuml;tzungsmission der Vereinten Nationen in Afghanistan (UNAMA) Berichte zu zivilen Opfern im Land. Sie findet auch sehr kritische Worte f&uuml;r die US-Truppen und die afghanischen Verb&uuml;ndeten im Land. Erst vor wenigen Monaten machte UNAMA etwa deutlich, dass die meisten zivilen Opfer in den ersten sechs Monaten des Jahres 2019 auf das Konto von &bdquo;regierungsfreundlichen&ldquo; Truppen gehen. Luftangriffe und n&auml;chtliche Razzien wurden als besonders problematisch bewertet und w&uuml;rden meistens Zivilisten t&ouml;ten. Auch Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch betonen diesen Umstand immer wieder. Erst k&uuml;rzlich wurde ein umfassender Bericht &uuml;ber die Verbrechen von CIA-Milizen im Land <a href=\"https:\/\/www.aljazeera.com\/amp\/news\/2019\/10\/cia-backed-afghan-forces-possibly-committing-war-crimes-hrw-191030185021910.html?__twitter_impression=true\">ver&ouml;ffentlicht<\/a>. Auf diese Thematik wurde auch auf den NachDenkSeiten regelm&auml;&szlig;ig aufmerksam gemacht, zuletzt etwa <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54445\">in diesem Artikel<\/a>. <\/p><p>Was f&uuml;r ein Ausma&szlig; der &bdquo;Krieg gegen den Terror&ldquo; im Land aktuell erreicht hat, machen neue Zahlen deutlich. Laut dem Pentagon fanden allein im vergangenen September <a href=\"https:\/\/www.aljazeera.com\/amp\/news\/2019\/10\/cia-backed-afghan-forces-possibly-committing-war-crimes-hrw-191030185021910.html?__twitter_impression=true\">mindestens 1.113 Luftangriffe im Land statt<\/a>. Dies bedeute, dass t&auml;glich rund 40 Angriffe durchgef&uuml;hrt w&uuml;rden.<\/p><p>Was das wiederum bedeutet, muss man sich vor Augen f&uuml;hren: Jeden Tag werden D&ouml;rfer wie das abgelegene Darwan bombardiert, und im Dezember waren es wom&ouml;glich 40 D&ouml;rfer pro Tag. Die meisten Opfer sind Zivilisten, und das sollte mittlerweile wirklich jeder wissen.  Wer sich diesbez&uuml;glich weiterhin wundert, warum aufst&auml;ndische Gruppierungen wie die Taliban st&auml;rker werden, ist ein Narr. &bdquo;Das ganze Dorf ist nun in die H&auml;nde der Taliban gefallen und daran sind wir und die Amerikaner schuld&ldquo;, meinte k&uuml;rzlich ein Regierungsbeamter im Gespr&auml;ch mit mir. Er bezog sich auf eine n&auml;chtliche Razzia, bei der sieben Zivilisten von afghanischen und US-amerikanischen Soldaten get&ouml;tet wurden.<\/p><p>Titelbild: Natanael Ginting \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die australische Polizeibeh&ouml;rde ermittelt aktuell gegen ihre eigenen Soldaten. Konkret geht es um Kriegsverbrechen in Afghanistan. Dies ist begr&uuml;&szlig;enswert, doch auch ziemlich sp&auml;t. Seit Beginn des &ldquo;War on Terror&rdquo; haben sich westliche Soldaten an zahlreichen Kriegsverbrechen beteiligt. Vieles davon liegt allerdings weiterhin im Dunkeln. Die Aufarbeitung wird wohl Jahre, wom&ouml;glich sogar Jahrzehnte dauern. Von <strong>Emran<\/strong><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56152\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":56155,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[41,171],"tags":[351,699,1471,1564,304,466,1415,2360],"class_list":["post-56152","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-medienanalyse","category-militaereinsaetzekriege","tag-afghanistan","tag-australien","tag-investigativer-journalismus","tag-krieg-gegen-den-terror","tag-kriegsverbrechen","tag-nato","tag-pressefreiheit","tag-zivile-opfer"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/shutterstock_641478781.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/56152","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=56152"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/56152\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":56158,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/56152\/revisions\/56158"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/56155"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=56152"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=56152"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=56152"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}