{"id":56170,"date":"2019-11-07T08:35:12","date_gmt":"2019-11-07T07:35:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56170"},"modified":"2019-11-07T10:08:20","modified_gmt":"2019-11-07T09:08:20","slug":"c-wright-mills-die-machtelite","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56170","title":{"rendered":"C. Wright Mills: Die Machtelite"},"content":{"rendered":"<p>Wer sind eigentlich die Machteliten in einer Gesellschaft? Wer ist in der Lage, Geschichte zu machen und gro&szlig;e politische Entscheidungen mitzupr&auml;gen? Auf Fragen wie diese geht der US-amerikanische Soziologe <strong>C. Wright Mills<\/strong> in seiner epochalen Studie &bdquo;The Power Elite&ldquo; ein. Mills hat 1956 eine fundamentale Kritik am demokratischen System seines Landes abgeliefert, die bis heute nachhallt. Die gesellschaftlichen und politischen Verwerfungen, die aktuell in den USA zu beobachten sind, sind das Produkt schwerer politischer Fehlentwicklungen, die bis in die Zeit Mills&rsquo; zur&uuml;ckgehen. Im Folgenden ein Auszug aus dem Buch &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/Alle-Buecher\/Die-Machtelite.html?listtype=search&amp;searchparam=Charles%20Wright%20mills\">Die Machtelite<\/a>&ldquo;, das in deutscher Sprache von Marcus B. Kl&ouml;ckner, Bj&ouml;rn Wendt und Michael Walter neu herausgegeben wurde.<br>\n<!--more--><br>\nDer Macht eines gew&ouml;hnlichen Menschen sind verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig enge Grenzen gezogen, die sich etwa mit denen seiner allt&auml;glichen Umwelt decken, also mit den Grenzen seines Familien- und Freundeskreises, des Berufslebens und der Nachbarschaft. Doch selbst innerhalb dieses kleinen Bereichs scheint der Durchschnittsmensch von m&auml;chtigeren Kr&auml;ften, die er weder begreifen noch meistern kann, getrieben zu sein. Auf umw&auml;lzende Ver&auml;nderungen, die sein Verhalten und seine Anschauungen bestimmen, hat er keinerlei Einfluss, denn es liegt einfach in der Struktur der modernen Gesellschaft, dass sie dem Einzelnen Ziele setzt, die gar nicht die seinen sind. Von allen Seiten bedr&auml;ngt und Ver&auml;nderungen unterworfen, hat der Mensch unserer Massengesellschaft das Gef&uuml;hl, ohne Lebensinhalt, ohne Ziel und Zweck in einem Zeitalter zu leben, das ihn zur Machtlosigkeit verurteilt.<\/p><p>Indessen sind keineswegs alle Menschen in diesem Sinne &raquo;gew&ouml;hnliche&laquo; Menschen. Die Zentralisierung s&auml;mtlicher Macht- und Informationsmittel bringt es mit sich, dass einige wenige in unserer Gesellschaft bestimmte Positionen einnehmen, von denen aus sie sozusagen auf die anderen herabsehen und die Alltagswelt der Durchschnittsmenschen mit ihren Entscheidungen beeinflussen k&ouml;nnen. Diese wenigen sind nicht Sklaven ihres Berufs oder Gefangene ihres Arbeitsplatzes. Sie k&ouml;nnen vielmehr Arbeitspl&auml;tze f&uuml;r tausend andere schaffen oder beseitigen. Sie werden auch nicht von st&auml;ndigen Alltags- und Familienpflichten eingeengt, sondern k&ouml;nnen ihnen, wenn sie wollen, jederzeit entfliehen. Sie sind auch nicht an einen bestimmten Ort gebunden, sondern k&ouml;nnen wohnen, wo und wie es ihnen beliebt. F&uuml;r sie hei&szlig;t es nicht, sie h&auml;tten nur &raquo;zu tun, was Tag und Stunde fordern&laquo;. Sie selbst stellen nicht wenige dieser Forderungen auf und sorgen dann daf&uuml;r, dass andere sie erf&uuml;llen. <\/p><p>Ob sie es zugeben oder nicht: Durch ihre Erfahrung im Umgang mit den technischen und politischen Machtmitteln sind sie der ganzen &uuml;brigen Bev&ouml;lkerung weit &uuml;berlegen. Die Durchschnittsamerikaner k&ouml;nnten durchaus von den M&auml;chtigen sagen, was Jacob Burckhardt &uuml;ber die &raquo;gro&szlig;en M&auml;nner&laquo; geschrieben hat: &raquo;Sie sind alles das, was wir nicht sind.&laquo;[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<\/p><p>Die Machtelite besteht aus M&auml;nnern, die sich kraft ihrer Positionen hoch &uuml;ber den begrenzten Horizont des Durchschnitts erheben. Ihre Stellungen geben ihnen die M&ouml;glichkeit, Entscheidungen von gr&ouml;&szlig;ter Tragweite zu treffen. Dabei ist nicht so wesentlich, ob sie von dieser M&ouml;glichkeit Gebrauch machen und solche Entschl&uuml;sse wirklich fassen oder nicht. Ausschlaggebend ist vielmehr die Tatsache, dass sie auf Grund ihrer Schl&uuml;sselpositionen die M&ouml;glichkeit dazu haben. Unterlassen sie es zu handeln, vers&auml;umen sie, eine Entscheidung zu treffen, so hat dies oft schwerer wiegende Folgen als ihre tats&auml;chlichen Entschl&uuml;sse; beherrschen sie doch die m&auml;chtigsten Hierarchien und Organisationen der modernen Gesellschaft. Sie leiten die gro&szlig;en Wirtschaftsunternehmen. Sie sitzen an den Schalthebeln des Staatsapparates und beanspruchen f&uuml;r sich alle Vorrechte, die sich daraus ergeben. Sie befehligen die Streitkr&auml;fte. In unserer Gesellschaftsstruktur nehmen sie die strategisch wichtigen Kommandostellen ein. Sie verf&uuml;gen damit auch &uuml;ber alle Mittel, von der Macht, dem Reichtum und der Prominenz, deren sie sich erfreuen, wirksam Gebrauch zu machen.<\/p><p>Nun besteht aber die Machtelite keineswegs aus einsamen Herrschern. Die eigentlichen Herren ihrer Ideen und Entschl&uuml;sse sind oft Referenten, Berater und Gutachter, die Lenker und Gestalter der &ouml;ffentlichen Meinung. Unmittelbar unter der Elite stehen dann die Berufspolitiker der mittleren Machtsph&auml;re: die Kongressabgeordneten und Interessenvertreter einflussreicher Gruppen, au&szlig;erdem die neue und die alte Oberschicht der Gemeinden, St&auml;dte und Regionen. Schlie&szlig;lich sind diese gehobenen Kreise noch in sehr eigenartiger, von uns noch genauer zu erforschender Weise mit den professionellen Ber&uuml;hmtheiten durchsetzt, die davon leben, dass man dauernd (aber, solange sie ber&uuml;hmt sind, niemals genug) &uuml;ber sie berichtet. Wenn diese Ber&uuml;hmtheiten auch nicht an der Spitze einer der herrschenden Hierarchien stehen, so sind sie doch h&auml;ufig dazu imstande, die Aufmerksamkeit der breiten Masse auf sich zu ziehen und von anderen Dingen abzulenken, oder einfach das Sensationsbed&uuml;rfnis der Bev&ouml;lkerung zu befriedigen. <\/p><p>Dar&uuml;ber hinaus finden sie unmittelbar Geh&ouml;r bei denen, die selbst Machtstellungen innehaben. Als Sittenrichter, Techniker der Macht, als Prediger des Wortes Gottes oder Sch&ouml;pfer der Massengef&uuml;hle mehr oder weniger ungebunden, geh&ouml;ren diese Ratgeber und Ber&uuml;hmtheiten mit zum Drama der Elite, dessen Hauptdarsteller die M&auml;nner in den Kommandostellen der gro&szlig;en institutionellen Hierarchien sind.<\/p><p>Die Wahrheit &uuml;ber Wesen, Zusammensetzung und Machtumfang der Elite ist nun durchaus kein Geheimnis, das nur wenige Eingeweihte kennen und &auml;ngstlich h&uuml;ten. Die Beteiligten selbst haben sehr unterschiedliche Ansichten &uuml;ber die Rolle, die sie beim Ablauf der Ereignisse und bei den Entscheidungen spielen. H&auml;ufig f&uuml;hlen sie sich in ihrer Rolle keineswegs sicher, und noch h&auml;ufiger lassen sie sich bei der Einsch&auml;tzung der eigenen Machtf&uuml;lle von ihren &Auml;ngsten und Hoffnungen leiten. Doch wie gro&szlig; auch ihre tats&auml;chliche Macht sein mag: Die M&auml;chtigen neigen dazu, sich ihrer nicht so deutlich bewusst zu sein wie des Widerstandes, den man ihr entgegensetzt. Hinzu kommt, dass sich die Angeh&ouml;rigen der F&uuml;hrungsschicht meist schon so sehr an die Methoden der &raquo;Public Relations&laquo; gew&ouml;hnt haben, dass sie deren Phraseologie mitunter sogar dann noch anwenden, wenn sie mit sich allein sind, und schlie&szlig;lich selbst daran glauben. Dieses Rollenbewusstsein der agierenden Schauspieler ist nur einer von mehreren Faktoren, die man kennen muss, um die herrschenden Kreise wirklich zu verstehen. Viele, die glauben, es g&auml;be gar keine Elite oder jedenfalls keine von Bedeutung, begr&uuml;nden diese Meinung mit den Vorstellungen, die die Angeh&ouml;rigen der h&ouml;heren Kreise von sich selbst haben oder zu haben vorgeben.<\/p><p>Es gibt jedoch noch eine andere Ansicht, und diejenigen, die das&nbsp;&ndash; wenn vielleicht auch nur vage&nbsp;&ndash; Gef&uuml;hl haben, dass im heutigen Amerika eine festgef&uuml;gte und m&auml;chtige Elite existiert, f&uuml;hren dieses Gef&uuml;hl auf den Gang der Geschichte unserer Zeit zur&uuml;ck. Sie haben w&auml;hrend des Krieges die Vorherrschaft des Milit&auml;rischen erlebt und folgern nun daraus, dass Generale, Admirale und andere Machthaber in ihrem Einflussbereich ungeheuer m&auml;chtig sein m&uuml;ssen. Sie mussten zusehen, wie der amerikanische Kongress einer Handvoll M&auml;nner abermals die Entscheidung &uuml;ber Krieg und Frieden in der Welt &uuml;berlassen hat. <\/p><p>Sie wissen, dass die Atombombe auf Hiroshima im Namen der Vereinigten Staaten abgeworfen wurde, obwohl sie selbst in dieser Angelegenheit niemals nach ihrer Meinung gefragt worden sind. Sie f&uuml;hlen, dass sie in einer Zeit der gro&szlig;en Entscheidungen leben, und wissen, dass sie selbst keine solchen Entscheidungen f&auml;llen. Deshalb folgern sie, dass im Mittelpunkt des Zeitgeschehens eine Elite der M&auml;chtigen stehen muss, die Entscheidungen trifft oder zu treffen vers&auml;umt.<\/p><p>Die einen, die den Glauben an die gro&szlig;e historische Bedeutung unserer Zeit teilen, vermuten nun, dass es eine solche Elite tats&auml;chlich gibt und dass ihre Macht sehr gro&szlig; sein muss. Die anderen, die sich im Umfeld derer bewegen, die offenbar an den gro&szlig;en Entscheidungen beteiligt sind, bezweifeln h&auml;ufig, dass man &uuml;berhaupt von einer Elite sprechen kann, deren Macht von entscheidender Bedeutung ist.<\/p><p>Beide Ansichten m&uuml;ssen ber&uuml;cksichtigt werden, obwohl weder die eine noch die andere dem Stand der Dinge voll gerecht wird. Will man die Macht der amerikanischen Elite begreifen, so gen&uuml;gt es weder, von der geschichtlichen Bedeutung der Zeitereignisse auszugehen, noch darf man sich auf die Selbsteinsch&auml;tzung der M&auml;nner verlassen, die offenkundig Entscheidungsgewalt haben. Hinter diesen M&auml;nnern und den geschichtlichen Ereignissen stehen verbindend die gro&szlig;en Institutionen der modernen Gesellschaft: der Staat, die Wirtschaft und die Streitkr&auml;fte. Sie stellen heute die eigentlichen Machtmittel dar, und sie sind als solche von gr&ouml;&szlig;erer Bedeutung als je zuvor in der Geschichte der Menschheit. Die Kommandostellen an der Spitze dieser Hierarchien sind es, die uns den Schl&uuml;ssel zum soziologischen Verst&auml;ndnis der Rolle liefern, die die gehobenen Kreise in den Vereinigten Staaten spielen.<\/p><p><em>C. Wright Mills: &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/Alle-Buecher\/Die-Machtelite.html?listtype=search&amp;searchparam=Charles%20Wright%20mills\">Die Machtelite<\/a>&ldquo;, herausgegeben von Bj&ouml;rn Wendt, Michael Walter und Marcus B. Kl&ouml;ckner, 576 Seiten, Westend Verlag, 4.11.2019<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Burckhardt, Jacob: Weltgeschichtliche Betrachtungen. New York 1943, S.&nbsp;303&#8197;ff.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer sind eigentlich die Machteliten in einer Gesellschaft? Wer ist in der Lage, Geschichte zu machen und gro&szlig;e politische Entscheidungen mitzupr&auml;gen? Auf Fragen wie diese geht der US-amerikanische Soziologe <strong>C. Wright Mills<\/strong> in seiner epochalen Studie &bdquo;The Power Elite&ldquo; ein. Mills hat 1956 eine fundamentale Kritik am demokratischen System seines Landes abgeliefert, die bis heute<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56170\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,165],"tags":[374],"class_list":["post-56170","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-innen-und-gesellschaftspolitik","tag-eliten"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/56170","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=56170"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/56170\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":56180,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/56170\/revisions\/56180"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=56170"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=56170"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=56170"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}