{"id":56258,"date":"2019-11-11T08:25:06","date_gmt":"2019-11-11T07:25:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56258"},"modified":"2019-11-12T07:33:13","modified_gmt":"2019-11-12T06:33:13","slug":"der-lynchmord-an-einem-charismatischen-sonderling","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56258","title":{"rendered":"Der Lynchmord an einem charismatischen Sonderling"},"content":{"rendered":"<p>Noch vor wenigen Jahren hofierte man ihn in den europ&auml;ischen Hauptst&auml;dten als modernen, heroischen Aufkl&auml;rer. Die Zeitungen druckten seine Enth&uuml;llungen, steigerten damit ihre Auflagen und verwandelten sie in klingende M&uuml;nze. Heute sitzt Julian Assange in einem Londoner Gef&auml;ngnis, in Isolationshaft. Der UN-Sonderberichterstatter f&uuml;r Folter, Nils Melzer, sieht <a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/politik\/UN-Folterexperte-bangt-um-Assanges-Wohl-article21369005.html\">sein Leben in akuter Gefahr<\/a>. Die USA betreiben, offensichtlich mit <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55887\">freundlicher Unterst&uuml;tzung der britischen Justiz<\/a>, seine Auslieferung in die USA. Dort drohen ihm 175 Jahre Haft wegen der Ver&ouml;ffentlichung geheimer Informationen &uuml;ber die verbrecherischen US-Kriege gegen Afghanistan und den Irak. Wie konnte es so weit kommen? Die US-amerikanische Journalistin <a href=\"https:\/\/www.globalresearch.ca\/lynching-charismatic-geek\/5693868\"><strong>Diana Johnstone<\/strong> mit einem Erkl&auml;rungsversuch<\/a>. &Uuml;bersetzung: <strong>Susanne Hofmann<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8420\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-56258-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191111_Der_Lynchmord_an_einem_charismatischen_Sonderling_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191111_Der_Lynchmord_an_einem_charismatischen_Sonderling_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191111_Der_Lynchmord_an_einem_charismatischen_Sonderling_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191111_Der_Lynchmord_an_einem_charismatischen_Sonderling_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=56258-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191111_Der_Lynchmord_an_einem_charismatischen_Sonderling_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"191111_Der_Lynchmord_an_einem_charismatischen_Sonderling_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Es war einmal ein sehr aufgeweckter kleiner Junge in Australien, der als Fremder der konventionellen Gesellschaft aufwuchs. Als Jugendlicher fand er seine eigene Welt im Cyberspace, die seiner uners&auml;ttlichen Neugier Raum bot. Als er von der gro&szlig;en Welt da drau&szlig;en erfuhr und ihren Geheimnissen, entwickelte er sein ureigenes rigoroses Ethos: Seine Berufung war es, nach Fakten zu suchen und sie mit der &Ouml;ffentlichkeit zu teilen. Sein moralischer Kompass entwickelte sich unabh&auml;ngig von konformistischen gesellschaftlichen Konventionen. Wahres war wahr, T&auml;uschung war falsch, L&uuml;gen der M&auml;chtigen sollten enth&uuml;llt werden.<\/p><p>Julian Assanges Urs&uuml;nde war die gleiche wie die von Galileo Galilei. Galileo s&uuml;ndigte, indem er den Menschen enth&uuml;llte, was die Elite bereits wusste oder zumindest erahnte, jedoch vor der breiten Masse geheimhalten wollte, um den Glauben des Volkes an die offizielle Wahrheit nicht zu ersch&uuml;ttern. Assange tat es ihm gleich, indem er WikiLeaks gr&uuml;ndete. Dadurch wurde die offizielle Version der Wahrheit infrage gestellt. Alle L&uuml;gen sollten offengelegt werden. Die bei weitem heikelsten Ziele seiner weitreichenden Enth&uuml;llungen waren die L&uuml;gen, die Scheinheiligkeit, die unmenschliche Brutalit&auml;t der Vereinigten Staaten in ihren Kriegen um die globale Vorherrschaft. In Assanges Augen war all dies schlicht falsch.<\/p><p>Zun&auml;chst erzielte WikiLeaks gro&szlig;e Aufmerksamkeit und sogar &ouml;ffentlichen Beifall. Julian Assange wurde ber&uuml;hmt. Er war ein Sonderling, sah aber nicht so aus. Julian war eine seltsame Erscheinung &ndash; gro&szlig;, gutaussehend und markant aufgrund seines fast wei&szlig;en Haars: ein charismatischer Sonderling. <\/p><p>Als er in Schweden ankam, war er beinahe ein Superstar. Die Schwedinnen versuchten, ihn in ihr Bett zu bekommen. Sie gaben damit an, Sex mit ihm zu haben: Er war als Liebhaber eine Troph&auml;e. Doch der charismatische Sonderling kannte die sozialen Konventionen der eigent&uuml;mlich schwedischen Formen z&uuml;chtiger Promiskuit&auml;t nicht. Diese Wissensl&uuml;cke nutzten seine Feinde in einer v&ouml;llig unvorhersehbaren Weise aus.<br>\nEhe Julian Assange Schweden verlie&szlig;, versuchte er auszub&uuml;geln, was wie ein schlimmes Missverst&auml;ndnis schien. Doch die schwedische Seite vers&auml;umte es, die Angelegenheit zu kl&auml;ren und er reiste nach London.<\/p><p>In London nahm sich die radikale Hautevolee aus der britischen Upper Class rasch seiner an, die Champagner- und Kaviar-Humanisten. Der naive charismatische Sonderling, der die gesellschaftlichen Normen nicht kannte, glaubte zweifelsohne, dass er unter Freunden war. Er geh&ouml;rte keiner politischen oder sozialen Bewegung im Vereinigten K&ouml;nigreich an, er war abh&auml;ngig von der Schickeria, die ihn eine Weile als interessanten Au&szlig;enseiter betrachtete, als eines ihrer neuesten Projekte. <\/p><p>Julian Assange war vielleicht naiv, was die Gesellschaftsformen anging, er hatte aber ein ganz feines Gesp&uuml;r daf&uuml;r, was die imperialen M&auml;chte gegen ihn ausheckten. Die v&ouml;llig ungerechtfertigte Forderung, ihn nach Schweden auszuliefern, damit er dort befragt werden solle &ndash; ungerechtfertigt, weil man abgelehnt hatte, ihn zu befragen, als er sich in Schweden aufhielt, und man sp&auml;ter ablehnte, ihn in Gro&szlig;britannien zu befragen &ndash; erschien Julian als offensichtlicher Kniff, mit dem Schweden erm&auml;chtigt w&uuml;rde, ihn an die Vereinigten Staaten auszuliefern. Schlie&szlig;lich erwies sich das Schweden der Post-Olof-Palme-Zeit als &auml;u&szlig;erst f&uuml;gsam gegen&uuml;ber den W&uuml;nschen Washingtons. Andere sahen das nicht so klar, mit Ausnahme des gro&szlig;artigen damaligen ecuadorianischen Pr&auml;sidenten Rafael Correa. Correa bot Assange Asyl in der winzigen ecuadorianischen Botschaft in London. Assange, unkonventionell und achtlos, was die Gepflogenheiten angeht, doch mit einem klaren Blick f&uuml;r die Gefahr, die auf ihn lauerte, verletzte er die Kautionsauflagen und begab sich in die Botschaft. <\/p><p>Damit begann seine Entfremdung von den Kaviar-Humanisten. Zun&auml;chst verteidigte ihn die Schickeria noch. Schillernde Pers&ouml;nlichkeiten wie Jemima Khan und Amal Amamuddin (noch nicht Clooney) setzten sich f&uuml;r ihn ein und verloren dann das Interesse. Er war nicht von ihrer Welt. Er verstand es nicht, Kompromisse einzugehen, er war nun mal ein Sonderling, der sein Charisma zunehmend einb&uuml;&szlig;te, im Schatten der ecuadorianischen Botschaft verblassend. Sch&ouml;n und gut, L&uuml;gen anzuprangern und die Wahrheit zu sagen, aber man sollte es damit nicht &uuml;bertreiben. Es ist reizvoll, sich f&uuml;r etwas einzusetzen, wenn man einen soliden gesellschaftlichen und finanziellen Hintergrund hat, auf den man zur&uuml;ckgreifen kann, und wenn man es versteht, das Spiel zu spielen, zugleich mit von der Partie und au&szlig;en vor zu sein. Julian verstand sich nicht auf derartige gesellschaftliche Umgangsformen. Er war ehrlich, entschlossen, stur. Er war unf&auml;hig zu Heuchelei, nicht einmal dann, wenn es im eigenen Interesse gewesen w&auml;re. Er wollte nicht wie Galileo abschw&ouml;ren.  <\/p><p>Eine derart hartn&auml;ckige Ehrlichkeit seitens eines Menschen, der nichts hat &ndash; keine einflussreiche Familie, kein Verm&ouml;gen, keinen sozialen Status, der keiner politischen Partei angeh&ouml;rt, der nichts hat au&szlig;er seiner unbeugsamen Treue zur Wahrheit, ist unertr&auml;glich in einer Gesellschaft, die auf L&uuml;gen beruht. Die Medien, die Nutznie&szlig;er seiner sensationellen Enth&uuml;llungen, entwickelten den gr&ouml;&szlig;ten Eifer dabei, ihn &ouml;ffentlich anzuprangern. Kein Wunder: Seine Ehrlichkeit war ein lebender Vorwurf an die Adresse der Schreiberlinge, die sich auf der ganzen Linie verkauft haben und vorankommen, indem sie dem verlogenen &bdquo;gel&auml;ufigen Narrativ&ldquo;, das die Gebieter ihrer Karrieren einfordern, neue Akzente verleihen.<\/p><p>Man verbreitete L&uuml;gen &uuml;ber Julian Assange. Jemand, der so ehrlich ist, muss doch verborgene Laster haben. Er muss doch so schlecht wie wir sein, wenn nicht schlimmer. Der Mob rottet sich zusammen. Dieser Mann, der die Wahrheit kennt, nicht aber die sozialen Gepflogenheiten, ist eine Beleidigung von uns allen, ein Freak, ein Monster, das zerst&ouml;rt werden muss. <\/p><p>Der Lynchmob ist riesig. Die Medien, Politiker, selbst die Justizbeh&ouml;rden. Man h&ouml;rt keine lauten Rufe nach Blut, nur stille Grausamkeit, wenn das angloamerikanische Establishment schamlos darauf sinnt, dem Au&szlig;enseiter, der es gewagt hat, ihnen den Spiegel vorzuhalten, den Atem abzuschn&uuml;ren.<\/p><p>Titelbild: Mironov Vladimir\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noch vor wenigen Jahren hofierte man ihn in den europ&auml;ischen Hauptst&auml;dten als modernen, heroischen Aufkl&auml;rer. Die Zeitungen druckten seine Enth&uuml;llungen, steigerten damit ihre Auflagen und verwandelten sie in klingende M&uuml;nze. Heute sitzt Julian Assange in einem Londoner Gef&auml;ngnis, in Isolationshaft. Der UN-Sonderberichterstatter f&uuml;r Folter, Nils Melzer, sieht <a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/politik\/UN-Folterexperte-bangt-um-Assanges-Wohl-article21369005.html\">sein Leben in akuter Gefahr<\/a>. Die USA<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56258\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":56259,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,198,126,123],"tags":[681,1171,2163,469,1398,1556,1087,665],"class_list":["post-56258","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-einzelne-politiker-personen-der-zeitgeschichte","category-erosion-der-demokratie","category-kampagnentarnworteneusprech","tag-assange-julian","tag-asyl","tag-gefaengnis","tag-grossbritannien","tag-schweden","tag-usa","tag-whistleblower","tag-wikileaks-2"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/shutterstock_1545919259.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/56258","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=56258"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/56258\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":56282,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/56258\/revisions\/56282"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/56259"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=56258"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=56258"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=56258"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}