{"id":5626,"date":"2010-05-21T15:21:27","date_gmt":"2010-05-21T13:21:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5626"},"modified":"2014-03-05T12:06:31","modified_gmt":"2014-03-05T11:06:31","slug":"rezension-ulrike-herrmann-hurra-wir-duerfen-zahlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5626","title":{"rendered":"Rezension: Ulrike Herrmann: Hurra, wir d\u00fcrfen zahlen"},"content":{"rendered":"<p>Die schwarz-gelbe Bundesregierung war f&uuml;r die Mittelschicht ein absehbar schlechtes Gesch&auml;ft &ndash; und trotzdem hat diese Schicht, die noch immer die weitaus meisten Wahlberechtigten stellt, die &bdquo;Koalition der Mitte&ldquo; an die Macht gew&auml;hlt. Wie ist das zu erkl&auml;ren?<br>\nUlrike Herrmann macht in ihrem Buch &bdquo;Hurra wir d&uuml;rfen zahlen&ldquo; einen interessanten Versuch diesen &bdquo;Selbstbetrug der Mittelschicht&ldquo; zu erkl&auml;ren. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nBeg&uuml;tert ist die Mittelschicht nicht: Zu ihr z&auml;hlt, wer zwischen 1000 und 2200 Euro netto im Monat als Single bzw. 2100 bis 4600 Euro als Ehepaar mit zwei Kindern monatlich verdient. Die Mittelschicht unterst&uuml;tzt in ihrer Mehrheit eine Politik, die vor allem der Oberschicht dient, <\/p><ul>\n<li>weil es die Reichen verstehen, ihre Macht und ihren Reichtum zu verschleiern,<\/li>\n<li>weil der Glaube an den Aufstieg in der Mittelschicht ungebrochen ist,<\/li>\n<li>weil sie ihren Status  &uuml;bersch&auml;tzt und<\/li>\n<li>ihre Aufmerksamkeit darauf lenkt, sich von der Unterschicht abzugrenzen.<\/li>\n<\/ul><p>Diesen Selbstbetrug der Mittelschicht beschreibt Herrmann in ihrem spannend geschriebenen und dennoch faktenreichen Buch. <\/p><p>Die Mehrheit &bdquo;der Deutschen&ldquo; sorgt sich um die Zukunft und h&auml;lt sich f&uuml;r Reformverlierer und dennoch gibt diese Mehrheit an, dass sie zu den Gewinnern der gesellschaftlichen Entwicklung geh&ouml;re. Die Deutschen scheinen zur Selbstt&auml;uschung zu neigen. Es ist fast egal, wie viel er verdient, fast jeder f&uuml;hlt sich &bdquo;fast reich&ldquo; (20), nur 9 Prozent in Westdeutschland ordnen sich der Oberschicht zu und zur Unterschicht wollen nur 3 Prozent geh&ouml;ren, obwohl die &ouml;konomische Realit&auml;t v&ouml;llig anders aussieht.<\/p><p>Einer der Gr&uuml;nde ist, dass man &uuml;ber die Verm&ouml;genseliten kaum etwas wei&szlig;. Dass dem reichsten Prozent 23 Prozent des gesamten Verm&ouml;gens geh&ouml;ren, den obersten 5 Prozent &uuml;ber 46 Prozent und das reichste Zehntel 61,1 Prozent kontrolliert und die unteren 70 Prozent nicht einmal 9 Prozent des Gesamtverm&ouml;gens besitzen, wird in Statistiken verschleiert und durch das Klischee einer &bdquo;sozialen Marktwirtschaft&ldquo;  verkleistert. Oder man will es schlicht nicht wahr haben, schreibt Ulrike Herrmann. <\/p><p>Zwar wisse die &uuml;bergro&szlig;e Mehrheit durchaus, dass die soziale Herkunft entscheidend sei, um zu Reichtum zu gelangen, doch &uuml;ber zwei Drittel glaubten an die &bdquo;Leistungsgesellschaft&ldquo;.  &bdquo;Obwohl die meisten klar erkennen, dass die Startchancen keineswegs gleich verteilt sind, wird Reichtum umstandslos akzeptiert.&ldquo; (48) Es sei geradezu paradox, dass die Arbeitnehmer immer qualifizierter seien und real trotzdem weniger verdienten, w&auml;hrend die Firmengewinne explodierten. <\/p><p>Die Eliten m&uuml;hten sich nach Kr&auml;ften, den Aufstiegsoptimismus und damit den Selbstbetrug der Mittelschicht zu f&ouml;rdern schon fast zur Elite zu geh&ouml;ren. (52)<\/p><p>An Beispielen, wie etwa der Partnerwahl (65) oder der &bdquo;Begabtenf&ouml;rderung&ldquo; (66ff.) ja sogar der Wahl der Vornamen f&uuml;r die Kinder (101ff.) belegt Ulrike Herrmann, dass sich die Schichten immer st&auml;rker voneinander separieren und sich die Elite immer mehr abschottet (65).<\/p><p>Unter dem Stichwort &bdquo;Schickedanz-Syndrom&ldquo; beschreibt die Autorin das &bdquo;seltsame Ph&auml;nomen&ldquo;, dass zwar objektiv der Reichtum zunehme, sich subjektiv aber immer mehr Reiche um ihre Zukunft sorgten. &bdquo;Weil ihnen ihr eigener Reichtum prek&auml;r erscheint, rechnen sie sich prompt zum Prekariat&ldquo; (75). Die Reichen w&uuml;rden arm gerechnet, w&auml;hrend die Armen zu den Reichen ernannt w&uuml;rden, die als Schmarotzer lebten und die &bdquo;Leistungstr&auml;ger&ldquo; aussaugten. <\/p><p>Typisch daf&uuml;r, wie sich die Reichen arm rechneten, sei der Verweis auf die Einkommensteuerstatistik, wonach etwa die obersten 20 Prozent der Steuerb&uuml;rger &uuml;ber 70 Prozent des Gesamtaufkommens stemmten. Dabei w&uuml;rde allerdings verschwiegen, dass die Reichen keineswegs &uuml;berm&auml;&szlig;ig belastet w&uuml;rden, denn selbst Spitzenverdiener zahlten im Durchschnitt nur 23,8% an Steuern auf ihr Einkommen. Selbst Multimillion&auml;re w&uuml;ssten sich arm zu rechnen. Der Verweis auf die Einkommensteuer sei aber auch schon deshalb eine Irref&uuml;hrung, weil diese Steuerart schon fast zur &bdquo;Bagatellsteuer&ldquo; verkommen sei (77) und sich der Staat immer st&auml;rker durch die indirekten Steuern finanziere, die alle gleich betreffen.<br>\nF&uuml;r 2010 sei etwa die K&ouml;rperschaftssteuer mit 7,2 Milliarden Euro niedriger eingeplant als die Versicherungsteuer mit 10,45 Milliarden Euro.<br>\nBei den Sozialabgaben w&uuml;rden die Reichen sogar prozentual weniger belastet als die Mittelschicht &ndash; ein recht seltener Fall auf der Welt (78).<\/p><p>Herrmann geht in weiteren Kapiteln dem Ph&auml;nomen nach, warum sich die Mittelschicht so willig t&auml;uschen lasse. Als einen Grund nennt sie, dass die Nachkriegszeit und das Wirtschafswunder mental fortwirkten, die zu einem beispiellosen (relativen) Wohlstand in allen Schichten f&uuml;hrten.<br>\nIm Vergleich zur ersten H&auml;lfte des 20. Jahrhunderts wuchs das Volkseinkommen zwischen 1950 und 1989 13-mal so stark. Aus Arbeiter wurden Angestellte und selbst Arbeiter bekamen keine &bdquo;Lohnt&uuml;te&ldquo; mehr. 1978 sei es 63 % der Arbeiterkinder gelungen, die Schicht ihrer Eltern zu verlassen (84). Die &bdquo;nivellierte Mittelstandsgesellschaft&ldquo; (Helmut Schelsky) habe die Selbstdeutung der Deutschen nachhaltig beeinflusst. Hierarchien oder der Klassenbegriff waren im Sprachgebrauch verschwunden und &bdquo;Schichten&ldquo; wurden von &bdquo;Milieus&ldquo; abgel&ouml;st. Teilhabe am Konsum sei ma&szlig;gebend geworden. Dabei seien es nur verschiedene Arten gewesen, mit der eigenen Armut umzugehen &ndash; Armut sei Armut geblieben (86). Obwohl die sozialen Hierarchien in letzter Zeit wieder bewusster wahrgenommen w&uuml;rden, ordneten sich noch immer fast alle Bundesb&uuml;rger der Mittelschicht zu.<\/p><p>Seit zwei Jahrzehnten sinkende Reall&ouml;hne, ja sogar 30 Jahre Massenarbeitslosigkeit h&auml;tten keinen Lernprozess ausgel&ouml;st, denn inzwischen sei jeder &bdquo;drinnen&ldquo;, der als Arbeitsloser nicht &bdquo;drau&szlig;en&ldquo; sei (88). Mit der &bdquo;Exklusion&ldquo; der Unterschicht gerate bei den &bdquo;Inkludierten&ldquo; aus dem Blick dass keineswegs alle gleich seien und der Mitte angeh&ouml;rten. &bdquo;W&auml;hrend sich die Gesellschaft faktisch spaltet, wird sie in der Wahrnehmung eingeebnet&ldquo; (89). Ausgerechnet die Massenarbeitslosigkeit verleite die Besch&auml;ftigten der Mittelschicht dazu, sich mit der Elite zu identifizieren.<\/p><p>Wenn Wut hochkomme, dann richte sie sich allein auf Manager und Politiker, aber nicht auf Million&auml;re oder Milliard&auml;re. Aber selbst die obsz&ouml;ne Selbstbedienung in den Chef-Etagen f&uuml;hrten bestenfalls zu moralischer Emp&ouml;rung und kr&auml;nkten die Selbstwahrnehmung der Mittelschicht, statt dass der schlichte Hebel angesetzt w&uuml;rde, den Spitzensteuersatz f&uuml;r Million&auml;re anzuheben (94). Und aus Sicht der Aktion&auml;re seien eben selbst die teuersten Manager noch billig, fielen sie doch nur als Bruchteile der Personalkosten ins Gewicht.<br>\nDer Zusammenhang, dass  Manager die Firmenprofite und damit ihre Einkommen dadurch steigerten, weil die Reall&ouml;hne der meisten Besch&auml;ftigten sanken, interessiere weder die Aktion&auml;re und &uuml;berraschenderweise noch nicht einmal die Betroffenen selbst.<br>\nDie Emp&ouml;rung &uuml;ber die Managergeh&auml;lter werde gleichzeitig umgelenkt in eine Idealisierung und Romantisierung der mittelst&auml;ndischen Unternehmer, so dass in der Vorstellung vieler Deutscher inzwischen der Klassenkampf zwischen dem &bdquo;guten&ldquo; mittelst&auml;ndischen Unternehmer gegen die &bdquo;b&ouml;sen&ldquo; Konzerne und ihre Manager stattfinde (98).<\/p><p>Ein weiteres Element des Selbstbetrugs sei die Bildung oder wenigstens die Hoffnung, dass zumindest die Kinder aus der Mittelschicht aufsteigen k&ouml;nnten. Schon im Kleinkindlebenslauf f&auml;nde inzwischen &bdquo;eine Art Wettr&uuml;sten&ldquo; statt. Der eigentliche Stress beginne aber mit der Schule bzw. der Schulauswahl. Der Massenandrang auf die Gymnasien entwerte das Abitur, das kein Erkennungszeichen der Eliten mehr sei, daraus erkl&auml;re sich der Drang vor allem besser Verdienender, ihre Kinder auf Privatschulen zu schicken. Schon 54 Prozent der Eltern w&uuml;rden ihre Kinder am liebsten auf eine Privatschule schicken, wenn sie es sich leisten k&ouml;nnten (112). Die Mittelschicht k&ouml;nne aber gewiss nicht gewinnen, wenn die Bildung zu einem Markt werde (114). Die Mittelschicht-Eltern bemerkten gar nicht, dass sie sich auf einen Konkurrenzkampf einlie&szlig;en, den sie nie gewinnen k&ouml;nnten. Statt aber darauf zu dr&auml;ngen, dass die staatlichen Schulen besser ausgestattet werden, fordere die Mittelschicht Steuersenkungen, wovon vor allem die Eliten profitierten, und entz&ouml;gen damit dem Staat noch die letzten Mittel f&uuml;r eine Bildung, die f&uuml;r mehr Chancengleichheit n&ouml;tig w&auml;ren. &bdquo;Die Mittelschicht leidet unter ihren Widerspr&uuml;chen: Sie glaubt zwar immer noch an den eigenen Aufstieg, indem sie kr&auml;ftig in die Bildung ihrer Kinder investiert &ndash; doch auch die Angst vor dem Abstieg ist allgegenw&auml;rtig.&ldquo; (117)<\/p><p>Zwar habe es in der deutschen Mittelschicht schon immer Abstiegs&auml;ngste gegeben. Der Krisendiskurs sei stets ein Medium b&uuml;rgerlicher Selbstverst&auml;ndigung gewesen, neu sei jedoch, dass die Sorgen durchaus berechtigt seien. Geh&ouml;rten 2000 noch 49 Millionen Menschen der Mittelschicht an, so waren es 2006 nur noch 44 Millionen. Gleichzeitig fand sich rund ein Viertel aller Bundesb&uuml;rger in der Unterschicht wieder (121). Aber in der Selbstwahrnehmung der Mittelschicht seien immer die anderen abgestiegen.<\/p><p>Ulrike Herrmann geht dem Ph&auml;nomen dieses Abstiegs nach, den sie als &bdquo;deutschen Sonderweg&ldquo; bezeichnet (123), denn &ouml;konomisch seien etwa die fallenden Reall&ouml;hne nicht zu erkl&auml;ren (125). Ihr scheint das eine Frage der Mentalit&auml;t zu sein. So sei es auff&auml;llig, wie stark sich die Deutschen immer wieder von dem Arbeitgeber-Argument beeindrucken lie&szlig;en, die L&ouml;hne d&uuml;rften kaum steigen, weil sonst die internationale Wettbewerbsf&auml;higkeit gef&auml;hrdet sei. Nie k&auml;me die Frage auf, warum andere L&auml;nder nicht verarmten, die keine &bdquo;Exportweltmeister&ldquo; seien und dennoch h&ouml;here Lohnzuw&auml;chse verzeichneten. &bdquo;Den deutschen Arbeitnehmern scheint es auszureichen, dass sie zumindest einen vermeintlichen Statusgewinn verbuchen k&ouml;nnen: Sie haben die Besch&auml;ftigten im Ausland geschlagen&ldquo; (125).<\/p><p>&bdquo;Die deutsche Mittelschicht nimmt ihren eigenen Verlust nicht wahr, weil sie sich nach unten abgrenzen kann&ldquo; (126), die Zuversicht, niemals zum Prekariat zu geh&ouml;ren, verleite die Mittelschicht, sich mental mit den Unternehmern zu verb&uuml;nden. Es werde krampfhaft an dem Mythos festgehalten, dass eigentlich Vollbesch&auml;ftigung herrsche.<\/p><p>Die Verachtung f&uuml;r die Unterschicht wachse sogar, je st&auml;rker der eigene &ouml;konomische Status bedroht werde. Die Gesamtstimmung in Deutschland sei: &bdquo;Wer arm ist, muss sich den Verdacht gefallen lassen, eventuell ein Betr&uuml;ger zu sein&ldquo; (130). Dieser uralte und nicht nur in Deutschland verbreitete Generalverdacht sei mit der Agenda 2010 offizielle Regierungspolitik geworden, wie Ulrike Herrmann mit zahlreichen Belegen untermauert. Die Wirkung blieb nicht aus: Nach einer Erhebung des Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer im Jahre 2009 meinten 47 Prozent der Bev&ouml;lkerung, dass Langzeitarbeitslose &bdquo;arbeitsscheu&ldquo; seien und sogar 57,2 Prozent nahmen an, dass sich Hartz-IV-Empf&auml;nger &bdquo;auf Kosten der Gesellschaft ein sch&ouml;nes Leben machen&ldquo; (135).<br>\nErg&auml;nzt werde diese Stigmatisierung durch die Kriminalisierung, n&auml;mlich dass Arbeitslose massenhaft der Schwarzarbeit nachgingen. &bdquo;Illegal ist unsozial&ldquo;, so propagierte die Bundesregierung in Anzeigen ihre &bdquo;Ich-AG&ldquo; und baute eine groteske &Uuml;berwachungsb&uuml;rokratie, namens &bdquo;Finanzkontrolle Schwarzarbeit&ldquo;, aus &ndash; mit 6500 Fahndern und Kosten von mehr als 400 Millionen Euro j&auml;hrlich. Ganze 10 Millionen Euro seien in die staatlichen Kassen zur&uuml;ckgeflossen (138). Tats&auml;chlich sei die Schwarzarbeit das klassische Delikt der Mittelschicht, sozusagen als &bdquo;schichtinterne Kreislaufwirtschaft&ldquo; (143). Nach einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft, liege der Anteil der Arbeitslosen bei etwas &uuml;ber 14 Prozent, den L&ouml;wenanteil der &bdquo;Schwarzarbeiter&ldquo; stellen Sch&uuml;ler und Studierende, Hausfrauen, Rentner oder Teilzeitbesch&auml;ftigte.<\/p><p>Gemessen an der Fahndung nach Schwarzarbeit, sei die Steuerfahndung geradezu lax. Selbst Million&auml;re m&uuml;ssten kaum bef&uuml;rchten, dass ihre Angaben durchleuchtet w&uuml;rden. Die gro&szlig;e Emp&ouml;rung &uuml;ber die &bdquo;Steueroase&ldquo; Deutschland bliebe jedoch aus. Betrug von Reichen werde toleriert &ndash; und bei Armen erbittert bek&auml;mpft.<\/p><p>Dem von manchen &bdquo;Experten&ldquo; (Sarraz, Nolte, Buschkowsky) und vom &bdquo;Boulevard&ldquo; erzeugten Zerrbild &uuml;ber die &bdquo;Unterschicht&ldquo;, von dem sich die Mittelschicht abhebe, werde durch &bdquo;Doku-Soaps&ldquo; des &bdquo;Unterschichtenfernsehens&ldquo; t&auml;glich verbreitet. Die reine Fiktion, die dort zur Realit&auml;t erkl&auml;rt werde, k&ouml;nne nur in einer Gesellschaft funktionieren, &bdquo;in der sich die Vorurteile derart verh&auml;rtet haben, dass sie umstandslos f&uuml;r die Wirklichkeit gehalten werden&ldquo; (151). Unterlegt w&uuml;rden die Ressentiments gegen&uuml;ber der den Armen durch einen latenten oder gar offenen Rassismus einer fortw&auml;hrenden negativen genetischen Auslese. Die konsequente soziale Benachteiligung im Bildungssystem und die Verarmung durch die Hartz-Reform werde ignoriert. Und ausgerechnet Sozialdemokraten h&auml;tten es fertiggebracht, &bdquo;erst bei den Bed&uuml;rftigen zu k&uuml;rzen und diese dann als Schmarotzer darzustellen&ldquo; (153). <\/p><p>Durch massive Kampagnen mit absurden Rechenbeispielen, wonach sich Arbeitslose besser stellen als Arbeitsplatzbesitzer, werde die Aus- und Abgrenzung vor allem auch von Migranten vorangetrieben. &bdquo;Statt wahrzunehmen, dass die eigenen Reall&ouml;hne fallen, vermutet man lieber, dass die Hartz-IV-Empf&auml;nger zu viel kassieren&ldquo; (155). <\/p><p>Das Spiel, das die Mittelschicht mit sich treiben lasse funktioniere folgenderma&szlig;en: &bdquo;Die Reichen rechnen sich arm, w&auml;hrend die Armen reich gerechnet werden. Damit verkehrt sich die Wahrnehmung, was eigentlich Auspl&uuml;nderung ist. Es sind nicht mehr die Unternehmer, die ihre Angestellten ausbeuten &ndash; stattdessen beuten angeblich die Armen die Mittelschicht aus&ldquo; (158).<br>\nWenn die Mittelschicht aber erst einmal glaube, dass der Staat nur noch den Armen nutze, dann stimme sie auch Steuersenkungen zu, von denen nur die Beg&uuml;terten richtig profitierten.<\/p><p>Die Mechanik der Steuersenkungen h&auml;tte dazu gef&uuml;hrt, dass Normalverdiener schon fast in die N&auml;he des (von ehemals 60 auf 42 Prozent gesenkten) Spitzensteuersatzes r&uuml;ckten. (52.882 Euro bei einem Single, allerdings 105.764 Euro bei Verheirateten mit Ehegattensplitting) Dieser Effekt w&uuml;rde von den Eliten propagandistisch genutzt, dass sich die Mittelschicht schon f&uuml;r reich halte. Der Unterschied zwischen einem Million&auml;r und einem Durchschnittsverdiener verschwimme, weil das Finanzamt beide &auml;hnlich zu behandeln scheine (162). Die Mittelschicht k&ouml;nne sich offenbar gar nicht vorstellen, dass die oberen Dreihunderttausend deutlich reicher sind, als sie selbst.<\/p><p>Steuersenkungen und Entzug der Solidarit&auml;t mit den Unterschichten bedingten einander, zumindest mental. Hartz IV verlagerte die Schuld an der Arbeitslosigkeit auf die Arbeitslosen und transportierte die unterschwellige Botschaft, dass die Steuern vor allem an die Unterschicht umverteilt w&uuml;rden. Und als der Staat zur scheinbaren Lobbyveranstaltung f&uuml;r die Armen diskreditiert war, h&auml;tten auch viele in der Mittelschicht jede Steuersenkung als legitim betrachtet.<br>\nDoch die Mittelschicht habe von den Steuersenkungen gerade nicht profitiert und d&uuml;rfe jetzt mit ihren (Mehrwert-)Steuern die Zinsen f&uuml;r die dadurch entstandenen Staatsschulden bezahlen.<\/p><p>Auch in allen Sozialsystemen gelte, dass die Eliten beg&uuml;nstigt w&uuml;rden. Sei es, dass sie sich durch die Beitragsbemessungsgrenzen dem Solidarprinzip entziehen k&ouml;nnen, sei dass die &auml;rmeren Rentenversicherten fr&uuml;her sterben und die Rente f&uuml;r sie gar nicht lohne. &bdquo;Wer am meisten verdient, wird am wenigsten belastet &ndash; und erh&auml;lt auch noch den besten Service oder die h&ouml;chste Rendite&ldquo; (175). <\/p><p>&bdquo;Umverteilung&ldquo; sei in Deutschland ein &bdquo;Tabuwort&ldquo;, aber es werde permanent umverteilt &ndash; bisher allerdings von unten nach oben (179). Die Finanzkrise verst&auml;rke den Umverteilungsprozess: Zum einen, weil der Staat das Verm&ouml;gen der Eliten rettete, indem er die Banken gest&uuml;tzt hat. Zum anderen, weil der Staat daf&uuml;r Schulden aufnehmen musste und diese Kredite wiederum vor allem von den Eliten gew&auml;hrt w&uuml;rden, die daf&uuml;r die Zinsen kassierten.<br>\nBisher sehe es ganz danach aus, dass die Mittelschicht alleine auf den Kosten der Finanzkrise sitzen bleibe.<\/p><p>Am Schluss ihres Buches pl&auml;diert Ulrike Herrmann f&uuml;r einen &bdquo;New Deal&ldquo; &agrave; la Roosvelt. Damit sei bewiesen worden, dass Steuern tats&auml;chlich steuern k&ouml;nnten und dass es sogar der Wirtschaft gut t&auml;te, wenn ein starker Staat die Krisen ausgleiche und daf&uuml;r sorge, dass alle Schichten am gesamtgesellschaftlichen Wohlstand teilhaben k&ouml;nnten. &bdquo;Es ist Zeit f&uuml;r einen New Deal in Deutschland&ldquo; (182), mit diesem Aufruf endet das Buch.<\/p><p>Ulrike Herrmann schreibt selbst, dass in ihr Buch ihre Erfahrungen als Journalistin der taz eingegangen sind. Sie liefert keine wissenschaftliche Analyse, sondern eine Streitschrift in aufkl&auml;render Absicht. Sie arbeitet mit plausiblen Hypothesen und zugespitzten Vereinfachungen.<br>\nDie Pauschalierung beginnt schon mit dem Begriff der &bdquo;Mittelschicht&ldquo;. Zu der z&auml;hlt sie alle, mit Ausnahme den unteren 25 Prozent der Unterschicht und den &bdquo;oberen Zehntausend&ldquo;. Sie z&auml;hlt Arbeiter und Angestellte genauso dazu wie Selbst&auml;ndige, die keine Million&auml;re sind. Sie differenziert die Mittelklasse nicht und nutzt dabei letztlich die gleiche Rhetorik wie die Parteien: Alles ist &bdquo;Mitte&ldquo; und alles dr&auml;ngt zur &bdquo;Mitte&ldquo;. Ulrike Herrmann appelliert jedoch &ndash; ganz entgegen den Absichten von FDP, CDU und SPD &ndash; an diese Mitte, dass sie ihren Selbstbetrug erkennen m&ouml;ge, wenn sie sich mit den herrschenden Eliten identifiziert. Sie will an Hand einiger der wichtigsten medial vermittelten Streitthemen der letzten Jahre &bdquo;der Mittelschicht&ldquo; die Augen &ouml;ffnen: Wacht auf! Ihr kommt nicht dort an, wo ihr euch hintr&auml;umt.<\/p><p>Um den Selbstbetrug der Mittelschicht aber politisch zu wenden, m&uuml;sste man den &bdquo;Paternoster&ldquo; innerhalb der Mittel-&bdquo;Klassen&ldquo; sorgf&auml;ltiger differenzieren, man m&uuml;sste herausarbeiten, welche Gruppe der arbeitenden Bev&ouml;lkerung f&uuml;r den solidarischen Steuer- und Abgabenstaat (noch) &bdquo;anschlussf&auml;hig&ldquo; ist.<\/p><p>Bei manchen Sachverhalten mit denen die Autorin den Selbstbetrug der Mittelschicht aufdecken m&ouml;chte, macht sie es sich, um der journalistischen Zuspitzung willen, etwas zu einfach. So etwa wenn sie &ndash; wie es bei der &bdquo;Mehr netto vom Brutto&ldquo;-Kampagne &uuml;blich geworden ist &ndash;  undifferenziert die hohe Abgabenlast kritisiert und eine Steuerfinanzierung der sozialen Sicherungssysteme propagiert. Das mag auf den ersten Blick, wegen der Steuerprogression der Einkommensteuer, &bdquo;gerechter&ldquo; erscheinen, Ulrike Herrmann widerspricht sich damit aber selbst, wenn sie an anderer Stelle &ndash; richtigerweise &ndash; darauf hinweist, dass sich der Staat aus indirekten Steuern finanziert, die ja wie eine &bdquo;Kopfpauschale&ldquo; f&uuml;r alle wirken. Sicherlich sind die &uuml;berwiegend nur von lohnabh&auml;ngigen Klein- und Mittelverdienern finanzierten &bdquo;Versicherungs&ldquo;-Systeme ungerechter geworden und entlassen die Besserverdienden und Verm&ouml;gensbesitzer aus der Solidarit&auml;t, doch man stelle sich doch angesichts der jahrelangen Debatte um die Staatszusch&uuml;sse f&uuml;r die gesetzliche Rente einmal vor, wie es in Zukunft um eine steuerfinanzierte Rente st&uuml;nde. Wir h&auml;tten den Sozialstaat nach Kassenlage und was das angesichts der Lage der &ouml;ffentlichen Kassen bedeuten w&uuml;rde, mag man sich am besten gar nicht erst ausmalen.<\/p><p>An einigen Stellen wird auch Ulrike Herrmann vom Meinungsmainstream mitgerissen, so etwa wenn sie auf den Leim der angeblich hohen &bdquo;Bildungsrenditen&ldquo; geht. Sicherlich geht es besser Ausgebildeten besser, aber wenn sie ihre staatlich finanzierte Ausbildung nicht wieder &uuml;ber Steuern refinanzieren, so ist das eher ein Beleg f&uuml;r die von der Autorin selbst kritisierte ungerechte Steuererhebung. <\/p><p>Dennoch, Ulrike Herrmanns Buch &bdquo;Hurra, wir d&uuml;rfen zahlen. Der Selbstbetrug der Mittelschicht&ldquo; ist ein journalistisch gut geschriebenes und eing&auml;nglich zu lesendes Buch. Es h&auml;lt der herrschenden Ideologie &bdquo;der Mitte&ldquo; einen Spiegel vor, aus dem sich ein realistisches Selbstbild der Mittelschicht widerspiegelt, das aber so gar nicht dem entspricht, was diese Schicht sich selbst einbildet und was ihr t&auml;glich von den ihre Macht und ihren Reichtum ausbauenden Eliten eingeredet wird.<\/p><p><strong>Erg&auml;nzung 25. Mai 2010:<\/strong><\/p><ul>\n<li><a href=\"http:\/\/www.swr.de\/swr2\/service\/audio-on-demand\/-\/id=661264\/did=6333270\/pv=mplayer\/vv=popup\/nid=661264\/1ua3ntb\/index.html\">Mp3-Podcast von der Radiosendung &ldquo;Fragen an den Autor&rdquo; (SWR2)<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/mp3-download.swr.de\/swr2\/impuls\/hurra-wir-duerfen-zahlen.6444m.mp3\">Download des Podcast<\/a><\/li>\n<\/ul><p><em>Ulrike Herrmann: Hurra, wir d&uuml;rfen zahlen. Der Selbstbetrug der Mittelschicht.<br>\nWestend Verlag, Fankfurt\/Main, 2010. 223 Seiten. 16.95 Euro<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die schwarz-gelbe Bundesregierung war f&uuml;r die Mittelschicht ein absehbar schlechtes Gesch&auml;ft &ndash; und trotzdem hat diese Schicht, die noch immer die weitaus meisten Wahlberechtigten stellt, die &bdquo;Koalition der Mitte&ldquo; an die Macht gew&auml;hlt. Wie ist das zu erkl&auml;ren?<br \/> Ulrike Herrmann macht in ihrem Buch &bdquo;Hurra wir d&uuml;rfen zahlen&ldquo; einen interessanten Versuch diesen &bdquo;Selbstbetrug der Mittelschicht&ldquo;<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5626\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[208,11,132],"tags":[374,853,319,854,408,279,291],"class_list":["post-5626","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-rezensionen","category-strategien-der-meinungsmache","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-eliten","tag-herrmann-ulrike","tag-lohnentwicklung","tag-mittelschicht","tag-soziale-herkunft","tag-spitzensteuersatz","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5626","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5626"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5626\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20992,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5626\/revisions\/20992"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5626"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5626"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5626"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}