{"id":5636,"date":"2010-05-25T07:34:01","date_gmt":"2010-05-25T05:34:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5636"},"modified":"2014-03-05T11:53:33","modified_gmt":"2014-03-05T10:53:33","slug":"hochschule-und-demokratie-eine-kritische-bestandsaufnahme","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5636","title":{"rendered":"\u00bbHochschule und Demokratie \u2013 eine kritische Bestandsaufnahme\u00ab"},"content":{"rendered":"<p>Vortrag von Torsten Bultmann auf der Tagung &raquo;Hochschule wohin?&laquo;, veranstaltet vom Netzwerk der nieders&auml;chsischen Kooperationsstellen Hochschule und Gewerkschaft am 15. April 2010 in Hannover.<br>\n<!--more--><br>\nLiebe Kolleginnen und Kollegen<\/p><p>Ich sehe es nicht so sehr als meine Aufgabe an, die demokratietheoretischen und demokratiepolitischen Postulate im hochschulpolitischen <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/pdf\/stuf_proj_leitbild_2010.pdf\">gewerkschaftlichen Leitbild [PDF &ndash; 788 KB]<\/a> der B&ouml;ckler Stiftung &ndash; enthalten in &auml;hnlicher Sto&szlig;richtung auch im neuen wissenschaftspolitischen Programm der GEW- noch einmal zu benennen und zu begr&uuml;nden. Vielmehr m&ouml;chte ich die aktuellen Konflikte um unterschiedliche Hochschulsteuerungsmodelle vom Standpunkt der Demokratisierung der Hochschulen &ndash; mein eigener &ndash; historisch einordnen und noch einmal politisch in einer Weise zuspitzen, dass dieser Streit besser und politisch bewusster gef&uuml;hrt werden kann: kurz: ich m&ouml;chte die Auseinandersetzung radikalisieren.<\/p><p>Zun&auml;chst eine unsystematische, aber aktuelle Vorbemerkung: Man k&ouml;nnte die aktuelle Bildungsstreikbewegung auch als praktische Lektion im Hinblick auf fehlende Hochschuldemokratie politisch interpretieren. Dem Streik liegen sicher vielf&auml;ltige Motive zugrunde. Eine zentrale Klammer des Streiks an den Hochschulen war aber nach meiner teilnehmenden Beobachtung das Gesp&uuml;r daf&uuml;r, dass studentische Interessen in der aktuellen Variante von Studienreform in Gestalt des Bologna Prozesses vollst&auml;ndig unterrepr&auml;sentiert sind bzw. komplett ignoriert werden.<\/p><p>F&uuml;r mich ist dies ein zentraler Aspekt des &uuml;berwiegenden Scheiterns von Bologna. Wenn beispielsweise die Studienkommissionen, die ja in vielen Grundordnungen von Hochschulen etwa als Aussch&uuml;sse der akademischen Senate vorgesehen und h&auml;ufig parit&auml;tisch aus Lehrenden und Studierenden zusammengesetzt sind, auch nur ein (aufschiebendes) Vetorecht gegen&uuml;ber so manchen Konstrukten von neuen Studieng&auml;ngen gehabt h&auml;tten, w&auml;re uns viel Bl&ouml;dsinn erspart geblieben. Das ergibt sich schon daraus, dass Studierende ihre Alttagssituation und damit ihre Interessen am besten kennen &ndash; und daher auch beurteilen k&ouml;nnen, dass so manche &uuml;berfrachtete und verdichtete Studien- und Pr&uuml;fungsordnung v&ouml;llig an der durchschnittlichen studentischen Lebensrealit&auml;t vorbei konstruiert wurde. Erspart geblieben w&auml;re uns zus&auml;tzlich ein gigantischer b&uuml;rokratischer und finanzieller Aufwand f&uuml;r die anstehenden Nachreparaturen der jetzt notwendigen &rsaquo;Reform der Reform&lsaquo;. Man sieht: der Aspekt demokratischer Partizipation l&auml;sst sich sogar &ndash; in intelligenter, d.h. nicht neoliberaler Weise &ndash; mit Wirtschaftlichkeitsgewinnen in Verbindung bringen. <\/p><p>Dass es offenbar ein Defizit an Partizipation gibt, sieht man schon daran, dass aktuell keine Stellungnahme von HRK oder BMBF zur &rsaquo;Nachbesserung&lsaquo; von Bologna erscheint, in der nicht geradezu emphatisch eine st&auml;rkeres Einbeziehung von Studierenden gelobt und gefordert wird. Man wird k&uuml;nftig kritisch beobachten m&uuml;ssen, ob es sich dabei um eine blo&szlig;e Legitimations- und Motivationsstrategie f&uuml;r die Umsetzung von Beschl&uuml;ssen, die ohnehin feststehen, handelt &ndash; oder um eine wirkliche Neuer&ouml;ffnung der Debatte mit offenem Ergebnis. Nur Letzteres verdiente die Bezeichnung demokratische Partizipation.<\/p><p>Mein Verband f&uuml;hrt die &rsaquo;Demokratie&lsaquo; im Namen. Deswegen werden wir h&auml;ufig gefragt, was Demokratie eigentlich mit Wissenschaft zu tun hat? Die Antwort lautet: in einem unmittelbaren Sinnen nichts! <\/p><p>Wissenschaft reguliert sich &uuml;ber Erkenntnis und Wahrheit, Politik &ndash; und nur Politik ist demokratisierbar &ndash; &uuml;ber Interessen und Mehrheiten. &Uuml;ber die G&uuml;ltigkeit einer wissenschaftlichen Schlussfolgerung kann nicht politisch abgestimmt, sie kann nur durch neue Erkenntnisse und bessere Argumente widerlegt werden. Mehrheiten k&ouml;nnen sich auch irren, was historisch h&auml;ufig genug vorkam Dieses Spannungsverh&auml;ltnis zwischen Politik und Wissenschaft besteht also immer. Das hei&szlig;t aber nicht in einem falschen Umkehrschluss, dass Wissenschaft und partizipatorische Strukturen in einem Verh&auml;ltnis prinzipieller Unvereinbarkeit zueinander stehen. In Hochschulgremien etwa soll nicht &uuml;ber physikalische Theorien abgestimmt werden, die Forderung nach demokratische Verfasstheit solcher Gremien rechtfertigt sich aus dem Vorhandensein unterschiedlicher, aber grunds&auml;tzlich gleichberechtigter legitimer Interessen im Hinblick auf die alle Beteiligten &ndash; also etwa die unterscheidbaren akademischen Statusgruppen &ndash; betreffende Vorg&auml;nge: beispielsweise die Organisation eines Studiums.<\/p><p>Man muss also einerseits wissen, dass man Wissenschaft nicht durch Politik oder Ideologie ersetzen kann, dass also dieses Spannungsverh&auml;ltnis nicht aufhebbar und dieses auch nicht anzustreben, weil es eine Bedingung neuer Erkenntnisse ist. Man muss gleichzeitig wissen, dass diese Unterscheidung von Erkenntnis auf der einen und Interesse &ndash; ergo: Politik- auf der anderen Seite letztlich nur analytisch m&ouml;glich ist. Wissenschaft ist auch von vornherein ein hochgradig arbeitsteilig vergesellschafteter, ein sozialer Prozess, in dessen Struktur st&auml;ndig politische Annahmen und Entscheidungen einflie&szlig;en: die Problematik ist sehr gut in dem <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/show_product_hbs.html?productfile=HBS-004618.xml\">Arbeitspapier von Klaus Kock<\/a> zur Leitbilddebatte dargestellt, welches ich einmal stellvertretend f&uuml;r alle andere &ndash; ausnahmslos anregenden &ndash; Diskussionspapiere hervor heben m&ouml;chte. <\/p><p>Welche Probleme zum Forschungsgegenstand gemacht werden oder welche Inhalte in einem Bachelor-Studiengang aufgenommen werden und welche nicht, ist im Kern eine politische Entscheidung, ein sozialer Aushandlungsprozess, kurz: ein politischer Vorgang, welcher sich den Anforderung von Transparenz und Demokratie stellen muss bzw. der Demokratisierung zug&auml;nglich ist.<\/p><p>&rsaquo;Autonomie&lsaquo; ist heute ein Schl&uuml;sselbegriff der offiziellen Hochschulreform. &rsaquo;Autonomie&lsaquo; war signifikanterweise auch ein Schl&uuml;sselbegriff der ber&uuml;hmten Denkschrift des Sozialistischen Deutschen Studentischen (SDS) mit dem Titel Hochschule in der Demokratie.<br>\nDiese Denkschrift wurde noch vom SPD Parteivorstand in Auftrag gegeben, als sie 1961 erstmalig erschien, war der SDS schon aus der Partei geflogen. Im Kapitel III &raquo;Akademische Freiheit und soziale Demokratie&laquo; hei&szlig;t es etwa: &raquo;Die Unabh&auml;ngigkeit der Hochschule in Staat und Gesellschaft aber ist die Voraussetzung ihrer inneren Demokratisierung &ndash; und umgekehrt.<br>\nBeides zusammen erm&ouml;glicht erst ihre kritische Funktion gegen&uuml;ber der Gesellschaft. &laquo; (Sozialistischer Deutscher Studentenbund: Hochschule in der Demokratie. Durchgesehene Neuauflage. Verlag &raquo;neue kritik&laquo;. Frankfurt\/Main 1965. S. 93)<\/p><p>Das Neue daran war, dass das Humboldtsche Konzept der Autonomie der Wissenschaft hier systematisch &ndash; und in dieser Form erstmalig &ndash; mit dem Gedanken der demokratischen Selbstverwaltung verkoppelt wird. Dieser Ansatz wird zugleich definiert als &raquo;Unabh&auml;ngigkeit vom Staatsapparat und den herrschenden gesellschaftliche Kr&auml;ften im Interesse der gesamten Gesellschaft. &laquo; (a.a.O.)  In der Abgrenzung von den herrschenden<br>\ngesellschaftlichen Kr&auml;ften&ldquo; soll offenbar zum Ausdruck gebracht werden, dass Mitglieder der Hochschule auch eine Art Verantwortung oder Treuhandfunktion gegen&uuml;ber unterprivilegierten gesellschaftlichen Interessen haben. (Deswegen war etwa der Gr&uuml;ndungsauftrag der Universit&auml;t Bremen &raquo;Wissenschaft im Arbeitnehmerinteresse&laquo;.)<\/p><p>Praxisbezug ist in der Denkschrift definiert als kritische Funktion gegen&uuml;ber der Gesellschaft: also eben auch in der Perspektive der Ver&auml;nderung einer bestehenden Praxis &ndash; und nicht lediglich als Bedienung einer Nachfrage, die von au&szlig;en an die Hochschulen herangetragen wird. Diese Begr&uuml;ndungsmuster sind deswegen wichtig, weil sie das Konzept demokratischer Selbstverwaltung hier nicht rein normativ oder moralisch reklamieren, sondern als Voraussetzung f&uuml;r die umfassende gesellschaftliche Verantwortung der Wissenschaft, f&uuml;r die Mehrung ihres gesellschaftlichen Nutzens begreifen.<br>\nDamit wurde ein politisches Spielfeld er&ouml;ffnet, auf dem bis heute &ndash; ohne durchgreifende Entscheidung &ndash; gespielt wird. Das ist die Tradition, in welcher auch das Leitbild demokratische und soziale Hochschule oder das neue wissenschaftspolitische Programm der GEW stehen.<\/p><p>Was ist daran so aktuell? Die Auseinandersetzung zwischen dem Konzept &rsaquo;unternehmerische Hochschule&lsaquo; mit ihrer Konzentration aller strategischen Entscheidungskompetenzen an der Spitze der Hochschule auf der einen und dem Konzept unseres Leitbild, welches ich mal verk&uuml;rzt umschreibe als &rsaquo;demokratische Autonomie in gesellschaftlicher Verantwort&lsaquo; ist  ihrem Wesen nach kein Streit um formale Modelle oder technisch-juristische Verfahrensweisen, sondern eine Auseinandersetzung um den gesellschaftlichen Nutzen, den gesellschaftlichen Wirkungsgrad von Wissenschaft: welche gesellschaftliche Interessen in ihr ber&uuml;cksichtigt oder eben vernachl&auml;ssigt werden.<\/p><p>Die dominierende politische Position, mit der wir es aktuell zu tun haben, hat der fr&uuml;here bayerische Wissenschaftsminister Thomas Goppel definiert als er nach dem Erfolgsgeheimnis &rsaquo;seiner&lsaquo; Universit&auml;ten gefragt wurde, die im bundesweiten &raquo;Exzellenzwettbewerb&laquo; &uuml;berdurchschnittlich gut abgeschnitten hatten: &raquo;Wir haben unsere Zeit nicht mit Gruppen-Universit&auml;ten und Mitbestimmung verschwendet, sondern uns ganz auf Wissenschaft und Forschung konzentriert.&laquo; (in: Forschung &amp; Lehre 4\/2006, S.194). Solche Aussagen h&auml;uften sich seit Mitte der 90e Jahre und wurden f&uuml;r die Hochschulreform zunehmen repr&auml;sentativ. Der ehemalige Berliner Wissenschaftssenator George Turner teilte dem Handelsblatt (31.5. 1996) mit: &raquo;Als ein wesentliches Hindernis zur Effizienzsteigerung der Hochschulen erweist sich die Entscheidungs- und Gremienstruktur. Die Hochschulen sind nicht aufgabenorientiert, sondern politisch konstruiert.&laquo; Der damalige Chef des Bertelsmann-Centrums f&uuml;r Hochschulentwicklung (CHE), Detlef M&uuml;ller-B&ouml;ling, erkl&auml;rte bereits 1998 die Gruppenuniversit&auml;t deswegen f&uuml;r gescheiter, weil dieser &raquo;von vornherein &hellip; die falsche Vorstellung zugrunde (lag), Hochschulen seien Institutionen der demokratischen Austragung von Interessengegens&auml;tzen&hellip;&laquo; Stattdessen m&uuml;ssten sich die &raquo;Einzelinteressen&laquo; an der Hochschule einem &raquo;Gesamtinteresse&laquo; unterordnen, welches &ndash; das ist die Konsequenz dieser Position &ndash; in der Hochschulleitung repr&auml;sentiert ist. (S&uuml;ddeutsche Zeitung 23.02.1998)<\/p><p>Die Quintessenz solcher Positionen ist eine Unvereinbarkeitserkl&auml;rung zwischen Selbstverwaltung\/Mitbestimmung\/Interessenvertretung auf der einen und wissenschaftlicher &rsaquo;Effizienz&lsaquo; auf der anderen Seite. Das wiederum ist der Quellcode f&uuml;r die zunehmende Entmachtung der Hochschulgremien und die Konstruktion strategischer Entscheidungskompetenzen in einem dirigistischen Top-down-Management an der Spitze der Hochschule. Es geht also nicht um die Frage, wie viel Mitbestimmung wem zugestanden wird? Dar&uuml;ber kann man sich jahrzehntelang streiten &ndash; und mehr oder weniger tragf&auml;hige Kompromisse schlie&szlig;en. Es geht in einem viel grunds&auml;tzlicheren Sinne um die Frage, ob Selbstverwaltung und Interessenvertretung zweckm&auml;&szlig;ig sind &ndash; oder hinderlich bzw. &uuml;berfl&uuml;ssig. Das ist der fundamentale Dissens in der gegenw&auml;rtigen Auseinandersetzung, &uuml;ber den man sich keine Illusionen machen sollte.<\/p><p>Die Begr&uuml;ndungen, die wir f&uuml;r die Entmachtung von Hochschulgremien geh&ouml;rt haben, sind aber argumentativ ziemlich schwach. Die Annahme, es g&auml;be so etwas wie eine &rsaquo;Aufgabe&lsaquo; der Hochschulen an sich oder ein &rsaquo;Gesamtinteresse&lsaquo; einer einzelnen Hochschule, welches in einem politischen Vakuum, d.h. ohne Bezugnahme auf reale Interessen in Gesellschaft und Hochschule bestimmt werden k&ouml;nne, ist eine ideologische Schim&auml;re. Diese erf&uuml;llt allerdings den praktischen Zweck, Entscheidungen der neuen starken Hochschulleitungen, denen nat&uuml;rlich auch immer politische Annahmen zugrunde liegen, aus einer &ouml;ffentlichen und demokratischen Legitimationspflicht herauszunehmen und der &Ouml;ffentlichkeit bzw. der eigenen Hochschule als pure &rsaquo;Sachzwanglogik&lsaquo; zu pr&auml;sentieren. Entpolitisierung und Entdemokratisierung sind immer zwei Seiten einer Medaille. In Wirklichkeit werden durch Ma&szlig;nahmen der neuen &rsaquo;starken&lsaquo; Pr&auml;sidenten nat&uuml;rlich spezifische gesellschaftliche Partikularinteressen bedient, aber durch die genannten Verfahren zugleich unsichtbar gemacht oder der politischen Verhandelbarkeit entzogen.<\/p><p>Entscheidungen, die nicht mehr in partizipartorischen Strukturen, also etwa in Gremien begr&uuml;ndet oder verhandelt werden m&uuml;ssen, sind m&ouml;glicherweise schneller, aber nicht automatisch besser; eher schlechter oder tendenziell fehlerhafter, insofern sie au&szlig;erhalb von Begr&uuml;ndungspflichten und Kontrolle stehen bzw. sich &uuml;ber die realen Interessen und Qualifikationen an der eigenen Hochschule hinweg setzen k&ouml;nnen.<\/p><p>Der Streit zwischen dem Konzept &rsaquo;unternehmerische Hochschule&lsaquo; und dem Leitbild demokratische und soziale Hochschule wird schlie&szlig;lich auch um die Frage gef&uuml;hrt, wie die Qualit&auml;t &ndash; man k&ouml;nnte auch etwas traditioneller sagen: gesellschaftliche Relevanz &ndash; der Prozessabl&auml;ufe an einer Hochschule eigentlich bestimmbar ist? <\/p><p>Auf der einen Seite ist die Position, &rsaquo;Qualit&auml;t&lsaquo; und &rsaquo;gutes Management&lsaquo; mehr oder weniger gleichzusetzen. Der Vorstellung eines Wettbewerbes zwischen den Hochschulen liegt schlie&szlig;lich die Auffassung zugrunde, dass die Qualit&auml;t der Angebote einer einzelnen Hochschule in Forschung und Lehre erst &uuml;ber die Konkurrenz auf einem Quasi-Markt &rsaquo;ermittelt&lsaquo; wird. In diesem Verst&auml;ndnis gibt es &uuml;ber Qualit&auml;t nichts politisch zu verhandeln und zu entscheiden: sie ist ein indirektes Resultat, welches sich hinter dem R&uuml;cken der handelnden und entscheidenden Akteure durchsetzt. <\/p><p>Auf der anderen Seite die Position unseres Leitbildes (und vergleichbar im wissenschaftspolitischem Programm der GEW): Es gibt eine direkte Relation zwischen der Qualit&auml;t von Prozessabl&auml;ufen und der Mitbestimmung der diese Prozesse gestaltenden Akteure &uuml;ber diese Abl&auml;ufe. Mehr Qualit&auml;t durch mehr Partizipation!<\/p><p>Ich m&ouml;chte in einem abschlie&szlig;enden Beispiel verdeutlich, wie sich die Perspektive auf identische Vorg&auml;nge &ndash; etwa die Organisation des Studiums &ndash; komplett ver&auml;ndert je nachdem, ob ich einen managementtechnischen oder einer demokratietheoretischen Standpunkt einnehme.<\/p><p>Eine Frage k&ouml;nnte etwa lauten: Wie definiere ich Studienerfolg und damit Studienqualit&auml;t? Eine M&ouml;glichkeit besteht darin, das anhand der Zahl der Studienabschl&uuml;sse und der durchschnittlichen Studienzeiten zu bestimmen. Ein solcher Blickwinkel wird etwa durch die sog. leistungsorientierte Mittelvergabe (LOM) nahe gelegt, wenn Hochschulen aus dem Leistungspool zus&auml;tzliche Gelder nach dem Indikator &rsaquo;Studienabschl&uuml;sse&lsaquo; wettbewerblich zugewiesen bekommen. Im Leistungspool werden allerdings Gelder &rsaquo;geparkt&lsaquo;, die den Hochschulen zuvor weggenommen wurden: in NRW etwa erhalten die Hochschulen nur noch knapp 80 Prozent der ihnen vom Landtag zugebilligten finanziellen Grundmittel direkt zugewiesen. Von den verbleibenden 20 Prozent, die &uuml;ber die LOM verteilt werden, wird die H&auml;lfte nach der Zahl der Studienabschl&uuml;sse vergeben. So wird folgende Handlungslogik produziert: die strukturell unterfinanzierten Hochschulhaushalte sind auf zus&auml;tzliches Geld angewiesen &ndash; und sie bekommen umso mehr Geld je mehr Studienabschl&uuml;sse in umso k&uuml;rzerer Zeit sie produzieren. <\/p><p>Das ist der Blick aus der Managementperspektive &ndash; man k&ouml;nnteauch sagen: angewandte Betriebswirtschaft, aber eben keine Bildungspolitik. Damit ist das Problem verbunden, dass die inhaltliche und organisatorische Qualit&auml;t des Studiums gleichg&uuml;ltig wird. <\/p><p>Das ist keine Frage b&ouml;ser Absichten &ndash; ich argumentiere hier ausdr&uuml;cklich nicht moralisch &ndash; das ist eine Frage problematischer Strukturen, die solche Fehlsteuerung zur Folge haben k&ouml;nnen. <\/p><p>Um ein aktuelles Beispiel aufzugreifen: Wenn HRK und BMBF sich auf die Formel verst&auml;ndigt haben, im Bologna Prozess seien &raquo;handwerkliche Fehler&laquo; gemacht worden, dann dient diese &ndash; herrschaftstechnisch wohl&uuml;berlegte &ndash; Formel dazu, diese Strukturen, kurz: die gesamten bildungs&ouml;konomischen Rahmenbedingungen des Bologna Prozesses, politisch auszublenden.<br>\n&raquo;Handwerkliche Fehler&laquo; sind subjektive Fehlleistungen Einzelner und keine Folge falscher politischer Weichenstellungen und Strukturen.<\/p><p>Ein anderer Blickwinkel w&auml;re, Studium zu verstehen als einen kooperativen sozialen Prozess zwischen verschiedenen Akteuren, die ihre jeweiligen Interessen und F&auml;higkeiten aufeinander abstimmen m&uuml;ssen, um gemeinsam zu einem guten oder besseren Ergebnis zu kommen. In dieser Perspektive sind Studierende keine Abf&uuml;llbeh&auml;lter f&uuml;r ein fertiges Wissen nach den Prinzipien der Zeit&ouml;konomie und des N&uuml;rnberger Trichters, sondern intellektuelle Ko-  Produzenten von Wissenschaft oder gemeinsamen Bildungserlebnissen. Daraus leitet sich zwingend der Anspruch demokratischer Beteiligung und Selbstverwaltung ab. Ohne oder gar gegen Studierende l&auml;sst sich daher prinzipiell keine Studienreform gestalten.<\/p><p>Kurzes Fazit zum Schluss: Demokratisierungsprozesse realisieren sich nicht von selbst oder als rein moralisches Anliegen, sondern wenn es gelingt, insgesamt den &ouml;ffentlich &uuml;berzeugenden Nachweis anzutreten, dass durch sie insgesamt in einem gesellschaftlich w&uuml;nschbaren Sinne die Ergebnisse des Handelns besser werden. Demokratische Verfahren sind auch immer riskant und ergebnisoffen, sie sch&uuml;tzen &uuml;berhaupt nicht davor, den gr&ouml;&szlig;ten Bl&ouml;dsinn zu beschlie&szlig;en oder Fehler zu machen &ndash; wir werden ja vermutlich gleich in der Diskussion h&ouml;ren, was alles in der Gruppenuniversit&auml;t, die einen miserablen Ruf genie&szlig;t, alles nicht geklappt hat. Allerdings gilt auch, dass demokratische Strukturen in einem weitaus h&ouml;heren Ma&szlig;e transparent, zur Fehleranalyse und &ndash;Korrektur, zur Selbstverbesserung in der Lage sind. Autorit&auml;re Strukturen hingegen stellen sich wesentlich weniger selbst in Frage, scheuen die &Ouml;ffentlichkeit und neigen dazu, strukturelle Fehlentwicklung unter den Teppich zu kehren und zu verstetigen. Deswegen sollten wir uns auf das demokratische Risiko<br>\neinlassen.<\/p><p><em>Torsten Bultmann ist Politischer Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.<\/em><\/p><p><em>Der Beitrag ist ver&ouml;ffentlicht von der nieders&auml;chsischen <a href=\"http:\/\/www.koop-hg.de\/index.php?module=pagesetter&amp;type=file&amp;func=get&amp;tid=9&amp;fid=document&amp;pid=299\">Kooperationsstellen Hochschule und Gewerkschaft<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vortrag von Torsten Bultmann auf der Tagung &raquo;Hochschule wohin?&laquo;, veranstaltet vom Netzwerk der nieders&auml;chsischen Kooperationsstellen Hochschule und Gewerkschaft am 15. 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