{"id":56418,"date":"2019-11-15T15:55:58","date_gmt":"2019-11-15T14:55:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56418"},"modified":"2019-11-15T16:27:18","modified_gmt":"2019-11-15T15:27:18","slug":"ein-leserbrief-zum-notwendigen-aufbau-der-gegenoeffentlichkeit-mithilfe-von-glaube-wenig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56418","title":{"rendered":"Ein Leserbrief zum notwendigen Aufbau der Gegen\u00f6ffentlichkeit mithilfe von \u201eGlaube wenig. \u2026\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Wir ver&ouml;ffentlichen diesen Leserbrief von Christian Appelt, weil er interessante Bez&uuml;ge herstellt und deutlich macht, wie wichtig der Versuch ist, jenseits der etablierten meist unkritischen ver&ouml;ffentlichten Meinung eine Gemeinschaft der kritischen, noch selbstdenkenden Menschen aufzubauen. Daran wollen wir arbeiten und deshalb werden die NachDenkSeiten Sie noch oft mit diesem Projekt &bdquo;bel&auml;stigen&ldquo;. Machen Sie mit!<br>\n<!--more--><br>\nSehr geehrter Herr M&uuml;ller!<\/p><p>Mit &Uuml;berraschung und Freude habe ich heute gesehen, dass Ihr aktuelles Buch &bdquo;Glaube wenig&hellip;&ldquo; auf Platz 3 der Spiegel-Bestsellerliste angekommen ist. Dazu sende ich Ihnen meinen herzlichen Gl&uuml;ckwunsch. Es tut mir gut zu sehen, dass kritische B&uuml;cher, insbesondere dieses, auf solch ein gro&szlig;es Interesse sto&szlig;en. Der Aufbau dessen, was Sie bezeichnenderweise als Gegen&ouml;ffentlichkeit bezeichnen, ist wichtiger denn je, ja vermutlich &uuml;berlebenswichtig. <\/p><p>Auch wenn ich kraft eigener wissenschaftlicher T&auml;tigkeit ein kritischer Denker bin, auch wenn ich wie viele Menschen um einige der grundlegenden uns t&auml;uschenden und manipulierenden Zusammenh&auml;nge wei&szlig;, so hat mich doch die F&uuml;lle des von Ihnen angesprochenen Materials einige Tage regelrecht sprachlos gemacht.  Ich erinnere mich, dass in den 80er Jahren w&auml;hrend meines Studiums an der Universit&auml;t in K&ouml;ln pl&ouml;tzlich Aktivit&auml;ten zum Thema Euphemismusforschung aufkamen, es wurde sogar ein eigenes Seminar dazu gegr&uuml;ndet. Es hie&szlig;, selbige Arbeiten und die wirklich gut bezahlten Studentenjobs seien direkt seitens der Regierung Kohl bezahlt worden. Noch machten wir als Studenten Witze dar&uuml;ber und erfanden beim gemeinschaftlichen Zusammensitzen im Caf&eacute; selbst einige Euphemismen und lachten laut. Selbst bei einem Moment des nachdenklichen Innehaltens h&auml;tten wir nicht f&uuml;r m&ouml;glich gehalten, was in den n&auml;chsten Jahrzehnten f&uuml;r ein Gro&szlig;angriff auf unsere Meinungsbildung starten sollte. Ja, Neil Postman hatte uns gewarnt, aber wir bildeten uns ein, jung und unerfahren wie wir damals waren, &uuml;ber den Dingen zu stehen. Das Aufbauen von uns t&auml;uschenden Frames, also von Gedankenkorridoren der gezielten Irref&uuml;hrung, in denen wir uns allt&auml;glich bewegen sollen, ist &ndash; und Ihr Buch zeigt es deutlich &ndash; eine hochentwickelte Kunst in Deutschland geworden. <\/p><p>Umso wichtiger ist es &ndash; und das sage ich meinen T&ouml;chtern nahezu t&auml;glich &ndash; dieses Vorgehen zu durchschauen und die Hoheit &uuml;ber die eigenen Gedanken zu verteidigen. Just daf&uuml;r ist Ihr Buch ein kostbarer Begleiter. Bereits in Ihrer Einf&uuml;hrung f&auml;llt meines Erachtens dazu der entscheidende Satz: Die Gedanken sind frei. Ja, wir k&ouml;nnen grunds&auml;tzlich in jedem Moment in Richtung dieser Freiheit des Denkens aus den Frames herausspringen, zumindest so weit, wie es unser neuronales Netzwerk zul&auml;sst. Jenes mag Peter Sloterdijk damals gemeint haben, als er sein Werk zur Kritik der zynischen Vernunft mit dem Satz beendete, dass die Geschichte von Gestern grunds&auml;tzlich zu nichts verpflichtet und jede bewusste Sekunde das hoffnungslose Gewesene tilgt und zur ersten einer Anderen Geschichte wird. Wie soll das aber gehen, und worauf genau haben wir zu achten? Ihr Buch beantwortet diese Fragen und sch&auml;rft die Sinne. Eines ihrer angesprochenen Themen hat mich ersch&uuml;ttert, n&auml;mlich Ihr kritischer Hinweis auf den so erfolgreichen, mehr als 16 Millionen mal angeklickten Spot des Bloggers Rezo &uuml;ber die &bdquo;Zerst&ouml;rung der CDU&ldquo; und dessen unter die Lupe genommene Argumentationsweise. Dieser Umstand ist mir vollkommen entgangen, und er zeigt mir, dass wir jeden Tag erneut wacher als wach sein bleiben m&uuml;ssen und tats&auml;chlich am besten wirklich alles hinterfragen, was wir insbesondere in den Leitmedien und in den Social Media lesen, sehen und h&ouml;ren. Der Begriff Wahrnehmung, also das WAHR nehmen, hat f&uuml;r mich neue Bedeutung erlangt. Mit Blick auf den hohen Platz in der Bestsellerliste hege ich die Hoffnung, dass diese Gegen&ouml;ffentlichkeit z&uuml;gig weiter wachsen m&ouml;ge. &Uuml;ber einen <\/p><p>Austausch mit Ihnen in dieser Sache w&uuml;rde ich mich sehr freuen.&#8232;<br>\n&#8232;<br>\nVielen Dank und beste Gr&uuml;&szlig;e!&#8232;<br>\nChristian Appelt, Medizin-Ethnologe&#8232;<br>\nHagen\/Westfalen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir ver&ouml;ffentlichen diesen Leserbrief von Christian Appelt, weil er interessante Bez&uuml;ge herstellt und deutlich macht, wie wichtig der Versuch ist, jenseits der etablierten meist unkritischen ver&ouml;ffentlichten Meinung eine Gemeinschaft der kritischen, noch selbstdenkenden Menschen aufzubauen. Daran wollen wir arbeiten und deshalb werden die NachDenkSeiten Sie noch oft mit diesem Projekt &bdquo;bel&auml;stigen&ldquo;. 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