{"id":56455,"date":"2019-11-18T12:00:02","date_gmt":"2019-11-18T11:00:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56455"},"modified":"2020-08-10T12:38:03","modified_gmt":"2020-08-10T10:38:03","slug":"adios-bolivien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56455","title":{"rendered":"Adios, Bolivien"},"content":{"rendered":"<p>Evo Morales war einer der bislang erfolgreichsten linken Staatschefs Lateinamerikas. Bolivien fasziniert mit seiner geographischen, politischen, wirtschaftlichen und ethnischen Struktur. Vor Morales war das Land lange Zeit von einer Allianz aus Drogenbaronen, Milit&auml;rs, &Ouml;lh&auml;ndlern und Casino-Betreibern ausgebeutet worden. Ein Artikel des fr&uuml;heren Sprechers des Ausw&auml;rtigen Amtes und Botschafters a.D. <strong>Horst Rudolf<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nImmerhin, selten hat sich in dem Andenland, das sich &uuml;ber mehr H&ouml;henmeter erstreckt als ganz Europa, eine &ndash; sogar demokratische &ndash; Regierung so lange gehalten, wie die unter Evo Morales. Sogar bewundernswert, denn das Land h&auml;lt seit mehr als anderthalb Jahrhunderten den &bdquo;Weltrekord&ldquo; an Staatsstreichen bzw. Regierungswechseln.<\/p><p>Doch nach dem &uuml;berraschend schnellen Abgang des langj&auml;hrigen &bdquo;Indio-Pr&auml;sidenten&ldquo; f&uuml;hlt man sich fast wie in fr&uuml;heren Zeiten: Da regierte ein Pinochet-&auml;hnlicher deutschst&auml;mmiger General Hugo Banzer; er und seine Nachfolger gew&auml;hrten dem &bdquo;Schl&auml;chter von Lyon&ldquo;, Altmann\/Barbie, Asyl und Beraterstatus und erst in den 80er Jahren folgten auf drogennahe Gener&auml;le erste &bdquo;zivilisierte&ldquo; bzw. demokratischere Pr&auml;sidenten.<\/p><p><strong>Evo Morales: Erfolgreicher als Castro oder Maduro<\/strong><\/p><p>Evo Morales war der erste &bdquo;ethnische&ldquo; Pr&auml;sident, der derart lange regierte &ndash; und sogar wirtschaftlich erfolgreicher als &auml;hnliche anti-kapitalistische Regenten wie Fidel Castro, Chavez oder Maduro. Doch ist Bolivien eben nicht nur ein &bdquo;Andenland&ldquo; mit einer dominierenden Indio-Mehrheit, die auf Quechua oder Aymara zur&uuml;ckgehen (deren abgehobene diktatorische Eliten als &bdquo;Inka&ldquo; bekannt wurden), sondern besteht aus weiten Regionen, die von diversen ethnischen und sozialen Gruppen bewohnt sind.<\/p><p>Die Menschen dieser Regionen &ndash; allen voran des nach Brasilien und Paraguay offenen Tieflands &ndash; &bdquo;ticken&ldquo; v&ouml;llig anders als die Hochland-Einwohner, die sich aus einigen stolzen Inka-Nachfolgern und vielen ausgebeuteten Indio-Bergarbeitern entwickelt haben. Beide Gruppen sind wiederum durchsetzt durch viel &bdquo;hispanisches Blut&ldquo; aus Kolonialzeiten.<\/p><p><strong>Bolivien: Fast ein Vielv&ouml;lkerstaat<\/strong><\/p><p>Damit ist Bolivien fast ein Vielv&ouml;lkerstaat; zwischen den Anden und dem Tiefland zieht sich noch die Region der &bdquo;Yungas&ldquo; an den Kordilleren entlang, wo der beste Coca-Tee der Welt w&auml;chst und das daraus hergestellte Kokain ebenso Milit&auml;rs wie Diktatoren, Polizei und Politiker &uuml;ber ein Jahrhundert alimentierte. Ein sarkastischer &bdquo;H&ouml;hepunkt&ldquo; war 1982 erreicht, als der Erziehungsminister Ariel Coca hie&szlig; &ndash; und nur &bdquo;Ariel Cocaina&ldquo; genannt wurde.<\/p><p>Die drei Landesteile waren immer nur von der Regierungshauptstadt (offiziell war der Bischofssitz Sucre die Hauptstadt) &uuml;ber ein bis zwei Stra&szlig;en zu erreichen &ndash; nach einem Bergrutsch ging dann wochen- oder monatelang gar nichts mehr. Zu den lebenslustigen, gesch&auml;ftst&uuml;chtigen und sogar von &Ouml;lquellen gesegneten &bdquo;Cruzenios&ldquo; im Tiefland gesellten sich dann auch Drogenbarone, denen La Paz zu &bdquo;hei&szlig;&ldquo; war &ndash; je nachdem, wer dort regierte.<\/p><p><strong>Der Fluch des Silbers<\/strong><\/p><p>Kein Wunder, dass in diesen Landesteilen schon seit Jahrzehnten &bdquo;Bolsario-&auml;hnliches&ldquo; Denken herrschte, zumal in Santa Cruz Drogenh&auml;ndler residierten, deren private Luftwaffe (F-100 Super-Sabre in den 80ern) der Regierungs-Airforce weit &uuml;berlegen war. Und noch weniger wundert es, dass diese riesige Region des Tieflandes, die drei Viertel Boliviens ausmacht (und auch mit ihren reichen Viehz&uuml;chtern wie in Argentinien weite Landstriche beherrscht) immer wieder von La Paz und den Indios unabh&auml;ngig werden wollte.<\/p><p>Eine gewisse Logik spricht tats&auml;chlich daf&uuml;r. Denn f&uuml;r die Dominanz der Andenbewohner &uuml;ber das &ndash; heute viel reichere &ndash; Tiefland gibt es eine Begr&uuml;ndung, die eher an einen Fluch erinnert und mit einem Verrat beginnt: 1545 (so die aktuelle Berechnung) fand ein Inka\/Indio einen Berg und entdeckte blitzendes Silber, neben dem sp&auml;ter die &bdquo;Kaiserstadt&ldquo; Potos&iacute; errichtet und bekannt wurde.<\/p><p>Dann &ndash; verraten an die spanischen Eroberer &ndash; wurde die neue Stadt am Fu&szlig;e des Silberberges &bdquo;Cierro Rico&ldquo;, Potos&iacute;  &ndash; und mit ihr ganz Bolivien &ndash; sehr schnell zum Zentrum der &bdquo;Neuen Welt&ldquo;. Poetisch, aber treffend charakterisiert es der &bdquo;Spiegel&ldquo; 1993: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Potos&iacute;. in ihr wird ein Lehrst&uuml;ck gespielt &ndash; von Kolonialismus, Imperialismus und Kapitalismus, vom Elend eines Kontinents, zu sehr vereinfacht, als da&szlig; man es glaubhaft auf eine B&uuml;hne bringen k&ouml;nnte. Die Handlung beschreibt den Aufstieg von Potos&iacute; zur reichsten Stadt der Erde und den Fall zu einer der erb&auml;rmlichsten Siedlungen der Welt.&ldquo; Schlimmer noch: &bdquo;Was ein Student in La Paz sagte, war nur eine gelinde &Uuml;bertreibung: &ldquo;Wir haben euch die Kartoffel, die Syphilis und den Kapitalismus geschenkt.&rdquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Aus historischer Sicht betrachtet: stimmt!<\/strong><\/p><p><strong>Die Allianz der Drogenbarone, Milit&auml;rs, &Ouml;lh&auml;ndler und Casino-Betreiber<\/strong><\/p><p>nach etwa 300 Jahren &bdquo;ausgesaugt&ldquo; war und die Minenherren (beginnend mit dem kolonialen Kaiser Karl dem V.) das Leben von ca. 8 Millionen Indios\/Bergarbeitern verschlissen hatten, begann der Abstieg des Landes &ndash; bis heute. <\/p><p>Dazwischen &ndash; lange vor Morales&rsquo; Regierungszeit &ndash; funktionierte in vielen Varianten die unheilige Allianz Hochland-Tiefland der Viehz&uuml;chter, Drogenbarone, Milit&auml;rs, &Ouml;lh&auml;ndler und Casino-Betreiber, denn das Geld floss in beide Richtungen und keine Kr&auml;he hackte der anderen ein Auge aus. <\/p><p>Doch Evo Morales war der erste, der Ernst machte, die Macht im Land &ndash; und die Kontrolle &uuml;ber die vielf&auml;ltigen Ressourcen &ndash; wieder auf La Paz zu konzentrieren, im Prinzip mit &auml;hnlichen &ndash; sogar erfolgreicheren &ndash; Programmen als Chavez in Venezuela.<\/p><p>Doch die gro&szlig;e Zahl der damit in die zweite Reihe verdr&auml;ngter ehemaliger Herrschaftsgruppen scheint es nun &ndash; mit fast greifbarer Hilfe aus den USA &ndash; geschafft zu haben, &bdquo;brasilianische Verh&auml;ltnisse&ldquo; herzustellen. Verwerflichkeit, Doppelmoral und pers&ouml;nliche Interessen kannte das Land immer zu Gen&uuml;ge &ndash; ob Inka, Pizarro, die Gener&auml;le oder Drogenbarone.<\/p><p><strong>Bolivianische Pr&auml;sidenten leben gef&auml;hrlich<\/strong><\/p><p>Evo Morales tat gut daran, das Land schnell zu verlassen, denn in Boliviens Geschichte wurden Pr&auml;sidenten nicht selten schneller aufgekn&uuml;pft, als sie den Flughafen erreichen konnten. Sogar Che Guevara hatte kaum eine kleine Revolutionsarmee in Bolivien aufgebaut, da wurde er auch schon verraten und ermordet. Und &ndash; kein Wunder? &ndash; federf&uuml;hrend war nach heutigen Erkenntnissen ein Exil-Kubaner der CIA.<\/p><p>Ist Bolivien also &bdquo;kein gutes Land, um Gutes zu tun&ldquo;? Auch wenn Pablo Stefanoni in einem Artikel f&uuml;r die Friedrich-Ebert-Stiftung 2007, nach dem Amtsantritt Evo Morales&rsquo;, schrieb:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Heute erleben wir eine &uuml;berraschende Renaissance des &raquo;Indio&laquo;-Begriffs als Bindeglied einer breiten nationalbewussten Unterschichtsidentit&auml;t, die aus verschiedenen historischen Lernprozessen heraus entstanden ist &ndash; dem Widerstand gegen die Kolonialherrschaft, der national-revolution&auml;ren Erfahrung und der noch frischen Erinnerung an den Neoliberalismus.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Dieser kleine Anriss bolivianischer Gegebenheiten und Hintergr&uuml;nde unterstreicht, dass Bolivien in seiner geographischen, politischen, wirtschaftlichen und ethnischen Struktur &ndash; und seinen Problemen, aber auch seiner Faszination &ndash; selbst mit &bdquo;geheimnisumwobenen&ldquo; oder &bdquo;verschlossenen&ldquo; L&auml;ndern wie Myanmar\/Birma oder intern zerrissenen Staaten wie Mexico oder dem Libanon vergleichbar ist.<\/p><p><strong>Der Umgang mit dem Lithium<\/strong><\/p><p>Noch ein abschlie&szlig;endes Wort und eine Frage an die Kritiker des Lithium-Salzsee-Projektes &bdquo;Uyuni&ldquo;: Wenn die Drogenbarone, &Ouml;lproduzenten, Viehz&uuml;chter &ndash; also das Gro&szlig;kapital des Landes &ndash; in den anderen Regionen sitzen, wie h&auml;tte Evo Morales denn den verarmten Teil des Landes und die dort lebenden Menschen finanziell voranbringen oder zumindest stabilisieren k&ouml;nnen? <\/p><p>Ohne die Nutzung der verbleibenden nat&uuml;rlichen Ressourcen in den H&ouml;hen der Anden, allen voran Uyuni, h&auml;tte er keine Chance gehabt. Fast kann man wetten, dass die neuen &bdquo;Herrscher&ldquo; das Lithium viel intensiver und unsozialer &bdquo;verscherbeln&ldquo; werden, als Evo Morales es plante.<\/p><p>Informationen zum Autor:<br>\n<em><strong>Horst Rudolf<\/strong>, Jahrgang 1948, ist Diplom-Volkswirt (Frankfurt\/Genf). 1979 trat er in den diplomatischen Dienst der Bundesrepublik Deutschland ein, wo er unterschiedliche Funktionen in der Bonner Zentrale und bei Auslandseins&auml;tzen in S&uuml;damerika (Bolivien),  Afrika und S&uuml;dosteuropa wahrnahm. Von 1998 bis 2001 fungierte er als St&auml;ndiger Vertreter des Botschafters an der diplomatischen Vertretung in Yangon, Myanmar. Aktuell arbeitet Rudolf als regionaler Analyst und Wirtschaftsberater, &uuml;berwiegend von Bangkok aus.<\/em><\/p><p>Titelbild: Devin Beaulieu \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Evo Morales war einer der bislang erfolgreichsten linken Staatschefs Lateinamerikas. 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